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INTERNATIONALE JUGENDGEMEINSCHAFTDIENSTE IJGD

Workcamp in Agripadodzi

Seit wann ich nach Afrika wollte, weiß ich nicht mehr. Nur eins war klar, jetzt war die Zeit dafür, denn dieses Jahr wurde ich 18. Ich hatte das Gefühl bei IJGD gut aufgehoben zu sein. Keine andere Organisation erschien mir so seriös und gleichzeitig menschlich engagiert; und im Endeffekt wurde meine Entscheidung zugunsten der IJGD nicht enttäuscht! Im April absolvierten alle AALA-Teilnehmer (also alle, die nach Asien, Afrika oder Lateinamerika wollten) ein Vorbereitungsseminar. So versuchten uns die IJGD, und wir uns selbst, auf unser Ziel -Afrika- vorzubereiten. Immerhin wäre es für den Großteil von uns Deutschen das erste Mal auf dem ‚Schwarzen Kontinent’. Ich beschloss, Togo soll es werden. Warum? Wohl aufgrund des Namens – T-o-g-o.

Ich hatte keine Angst, ich war nicht mal aufgeregt, nur freudiger Erwartung. Ich flog mit AirFrance über Paris. Kein Ding, immerhin war ich schon öfter in Paris gewesen. Bis ich dann im Riesenflieger Richtung Süden saß! Europa hatte ich noch nie verlassen, das war schon eine andere Größenordnung. Ich war also ziemlich eingeschüchtert; von dem Riesenflugzeug, von der ganzen Technik (TV-Screens, Radio, Videospiele etc.) und natürlich von meinem Ziel, das nun angesteuert wurde: Lomé.
Nach insgesamt 12h Fliegerei inkl. Stopp in Abidjan war es nun soweit. Wir landeten in Lomé. Es war bereits 23Uhr und dunkel. Sowie ich aus dem Flugzeug stieg, erschlug mich die tropische, feucht-warme Luft. So hatte ich mir das vorgestellt. Dass es nun wirklich so war, konnte ich kaum glauben! Trotz der Dunkelheit erkenne ich Palmen! In dem Moment denke ich ‚Du bist angekommen. Hier wolltest du hin!’.

Ich durchlaufe etliche Passkontrollen, immer auf der Suche nach dem Gepäckband. Zwei Mitarbeiter von ASTOVOT warten schon auf ankommende Volontäre. Als wir wohl vollständig sind, machen sie uns ein Taxi klar und wir fahren quer durch Lomé, immer mit dem Fahrtwind im Gesicht und dem Schein der Unwirklichkeit im Bewusstsein. Tatsächlich, dies ist die Hauptstadt und es gibt kaum Hochhäuser. Am Straßenrand erblicke ich Feuer vor kleinen Hütten, darüber die Gesichter von Frauen, die kochen.
Da mein Camp erst in 5 Tagen anfängt bleibe ich noch einige Tage in Lomé, dann geht es zur nächsten Station: Kpalimé, der eigentliche Sitz von ASTOVOT. In Lomé habe ich schon einige meiner Mitcamper/innen kennengelernt – 4 Franzosen. Toll! Vor allem jene aus Paris sprechen so schnell, dass ich echt wenig verstehe. Sie versuchen sich mir gegenüber irgendwie mit Englisch verständlich zu machen. Alle sind älter als ich, 21-25 Jahre. Wenn auch unsere Beweggründe für das Workcamp verschieden sind, verstehen wir uns doch gut. Bereits in Lomé durfte ich meine Taxi-Erfahrung erweitern. Es gab also Mototaxis (kleine Motorräder), normale PKW und Busse (mit nie weniger Passagieren als möglich).

Dann folgt die zweistündige Fahrt nach Kpalimé, eine sehr befahrene Route, da viele Menschen in Lomé arbeiten, deren Familien jedoch in Kpalimé wohnen bzw. andersrum. Von der Organisation werden wir herzlich begrüßt und aufgenommen. Es muss keine Dame ihr Gepäck tragen! Jeder kennt sofort meinen Namen und ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich mir Gesichter so schwer einpräge. Wir beziehen unser zweites „Übergangslager“ (in dem es immer noch fließend Wasser und Licht gibt, doch inzwischen bereits Kakerlaken auf dem Klo, nur gut zum Eingewöhnen, und schon mal keine Matratzen). Das Haus gehört wohl einem togolesischen Millionär und ASTOVOT mietet es für die Volontäre. Mein Rücken tut bald weh, da ich keine Matte o.ä. mitgenommen hatte und so auf einem Kokosteppich nächtigen muss. Ich werde nie wieder an Gepäck sparen!

Noch in Kpalimé lassen wir Mädels uns „Tresses“, also Zöpchen flechten; es ist einfach praktischer und sowieso wollte ich das schon lange mal wieder machen lassen! Nach 9h taten mir denn doch Kopf(haut), Po und Augen (wg. Kontaktlinsen und Müdigkeit) entsprechend weh und ich verfluchte diese viel zu kleinen Zöpfe! Im Nachhinein hat es sich natürlich gelohnt, weil es einfach gut aussieht und viel praktischer ist (wenn die Haare zwar einfetten, man es aber nicht merkt :-P).

Immer wieder trösteten mich de lieben ASTOVOTler, dass auch bald meine „Schwestern“ aus Deutschland kämen, so dass ich endlich wieder jemanden hätte, mit dem ich etwas Deutsch sprechen könnte. Es war dann also soweit, meine 2 „deutschen Schwestern“, Anne und Hannah, kamen an, es gab viel zu erzählen, immerhin hatten wir auf dem VBS unser Workcamp in Togo geplant, und jetzt waren wir wirklich hier! Am nächsten Tag hieß es endlich: Wir fahren ins Dorf. Statt Kouma Tsamé wurde es Agripatodzi (mein ursprüngliches Camp wurde abgesagt), etwa 12km außerhalb von Kpalimé. Ohne Strom und fließend Wasser bzw. Toiletten und Licht. Im Bus mit viel Getrommel und Gesang fuhren wir die Holperstraßen entlang und lernten unsere Mitcamper kennen. Im Dorf wurden wir herzlich und offiziell empfangen. Togo-Gin (70%ig und schwarzgebrannt) ist hier wirklich Getränk zu jedem Anlass! Egal wer uns einlud, Togo-Gin (bzw. ‚auch mal Palmenwein für die Frauen’) war Bestandteil der Festlichkeit.
Unser zu Hause gestaltete sich als, wie mir scheint, Gästehaus des Dorfes. Es gab 2 Räume, einen größeren, den die Jungs belegten, und einen kleinen, in dem wir 6 Mädchen es uns einrichteten. Durch die Moskitonetze hatte alle Betten so etwas wie einen „Himmel“ und es sah sehr schön aus! Draußen hatten wir noch eine Terrasse, davor die Feuerstelle, Wäscheleinen, und natürlich das Klo und die Dusche.

Unsere Arbeit bestand nun darin, das Rohgerüst einer Schule zu erweitern und daraus ein echtes Gebäude mit Seitenwänden, festem Boden etc. zu machen. Dieser Aktivität gingen wir vormittags nach. Um das alles umzusetzen hieß es nicht nur Stein auf Stein zu setzen, sondern auch Sand und Wasser aus den jeweiligen Quellen ranzuschaffen (in Schüsseln, zumeist auf dem Kopf), die Steine zu gießen und den Grundriss auszugraben für die Grundmauern. Nach den 3 Wochen, und mit Hilfe des Dorfes (v.a. der Frauen mit ihren riesigen Schüsseln, die sie einfach, zusätzlich zum Baby auf dem Rücken, auf dem Kopf trugen) waren wir leider nicht fertig geworden. Der Estrich und die Grundmauern der 3 Klassenräume waren alles, was wir geschafft hatten.
Nachmittags jedoch hieß es Theaterspielen. Wir bereiteten eine Aufführung für das gesamte Dorf vor, in dem es um Hygiene und die Ausbreitung bestimmter Krankheiten geht. Dazu wurde getanzt und getrommelt. Wir mussten also unsere Rollen und Choreographien lernen. An den Wochenenden hatten wir meistens frei, d.h., wir fuhren nach Kpalimé, um Essen und v.a. Wasser zu kaufen, E-mails zu schreiben und auf den Markt zu gehen. Ich ließ mir auch noch Klamotten schneidern. Das kann ich jedem nur empfehlen, jedoch am Besten mit einheimischer Beratung (wie ich sie durch meine Mitcamperin Sylvie ja hatte)! Das ist im Ggs. zu Deutschland extrem billig (wie fast alles) und sieht mit den passenden Stoffen und Schnitten richtig toll aus.
Zurück im Dorf, und ohne Tageslicht erschienen wieder sämtliche Haustiere des Klos, weswegen man es besser ohne Taschenlampe betreten sollte. Wer es eilig hatte, konnte nach einem kräftigen Regen (warmer Regen, nicht so wie in Deutschland; wunderbar warmer Sommerregen!) auch mal auf der roten, aufgeschwemmten Erde ausrutschen. Für die Dusche musste man sich rechtzeitig einen Eimer besorgen, damit zum Brunnen laufen, ihn auffüllen und (am Besten auf dem Kopf, das geht am Einfachsten) so wieder zur Dusche tragen. Dieses Gefühl, frisch geduscht zu sein (und dafür auch noch sein eigenes Wasser geholt zu haben) war absoluter Happiness-Faktor!

Genauso eingeschmuggelte Schoko-Kekse und -Kuchen aus Kpalimé, denn dies war die wohl einzig mögliche Schokoladenzufuhr für uns Abhängige! Aufgrund zu weniger Kühlschränke würden Tafeln viel zu schnell verderben! Leider. Was nun das Essen anbelangt, empfinde ich 4 Wochen als ausreichend. Ein Fan togolesischer Küche bin ich nicht geworden. Zum Frühstück gibt es Weissbrot mit Margarine, dazu Zitronengras-Tee oder Kaffee mit konzentrierte Zucker-Milch. Die Vorbereitung des Mittags/Abendbrots macht da schon mehr Aufwand, denn Reis, Spagetti, Maniok, Nyam, Bohnen oder Fufu brauchen auf dem Feuer ewig. Dazu gibt es meist Tomaten-Öl-Sauce mit Sardinen drin. ‚Unseretwegen’ würzte man weniger stark, doch schmeckte das Ganze wirklich total fad, sodass alle nachwürzten, aber nie jemand schon beim Kochen daran dachte, mehr Piment, das Gewürz für alles, zu benutzen. Am Leckersten empfand ich die frittierten Kochbananen. Das war etwas, da wussten die anderen bald, dass das mein Lieblingsgericht war (und davon gab es für jeden immer nur 3 kleine Stücke), sodass ich häufig ein paar Zugaben erhielt. :-) Zum Glück endete jede Mahlzeit mit etwas Obst – Ananas, Orange, Banane. Ich war auch die ganze Zeit auf der Suche nach frischer Mango, konnte jedoch keine finden. Aber schon die Ananas sind herrlich im Ggs. zu den unreifen Teilen in Deutschland (und kosten nur etwa 50Cent).

‚Unsere Togolesen’, behandelten uns schon etwas anders als Afrikanerinnen. Auch in den Städten waren wir immer im Mittelpunkt aufgrund unserer Hautfarbe. Heiratsanträge von Fremden sind keine Seltenheit. Am Besten half dagegen die Anführung meines Freundes, bzw. noch besser macht sich ein „Verlobter“, also „Fiancé“. Im Camp mussten häufig unsere Medikament-Vorräte herhalten, da der gemeine Togolese annahm, dass wir gegen jedes Kratzen eine Pille hätten. Es ist schwer jemandem, der glaubt Medikamente seien göttliches Heiligtum, zu erklären, was für Schaden sie bei falscher Anwendung verursachen können. Wenn wir es versuchten, wurden wir entweder nicht ernst genommen oder böse angeguckt, weil man glaubte, wir wollen ihnen die Medikamente nicht geben. Auch die Sitte Geschenke mitzubringen, wenn man z.B. in der Stadt war, war neu für uns. Das Fordern machte es nicht besser, denn immerhin verteilt man Geschenke gern, wenn man Lust dazu hat und nicht auf Zwang. Ich glaube zum Ende hin haben wir uns soweit kennen- und schätzen gelernt, dass jeder den anderen zumindest in Ansätzen verstand. Und was die generelle Offenheit von, wie mir scheint allen Afrikanern, angeht, ist es wunderbar einfach sich kennen zu lernen und Gespräche zu führen. Denn dafür ist ein Workcamp schließlich da– interkultureller Austausch. Und ich glaube, darauf bezogen habe nicht nur ich unglaublich viel gelernt in den 4 Wochen Westafrika, sondern konnte auch den Menschen dort etwas von meiner Kultur mitgeben. In diesem Sinne bin ich überglücklich diese Reise gemacht zu haben. Und ich werde es wieder tun.