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INTERNATIONALE JUGENDGEMEINSCHAFTDIENSTE IJGD

MTV in Togo 2010

Erfahrungsbericht

Sara Jahnke
ASTOVOT
Kpalimé: Unterstützung in der Bibliothek municipale und am Collège protestant
Inhaltliche Ausrichtung: Teaching, Bibliotheksarbeit
Zeitpunkt: Januar – April 2010
3 Monate

Alles begann damit, dass ich mein Französisch verbessern wollte. Durch den Tipp einer Freundin stieß ich auf die Internetauftritt der ijgd und meine Abenteuerlust war geweckt: Ein dreimonatiger Aufenthalt im frankophonen Westafrika, dem so ziemlich geheimnisumwobenste Fleck der Erde, zumindest für mich, die ich wirklich keine Vorstellung davon hatte. Ich wollte ein afrikanisches Land selbst einmal vor Ort erleben, mir ein Bild von den dortigen Lebensbedingungen machen und in einer fremden Kultur leben.

Voraussetzung für die Teilnahme am MTV-Programm war der Besuch eines Vorbereitungsseminars in Hessen. So wie ich es aufgefasst habe, bestand dessen Hauptfunktion darin, die Motivation der zukünftigen Volontäre kritisch zu hinterfragen, sowie den Kontakt zu Rückkehrern herzustellen, sofern vorhanden. Ich hatte das Glück, dort eine Rückkehrerin aus Togo kennen lernen zu können, die mir einen guten ersten Einblick in die Lebenswirklichkeit vor Ort gab. Das einzige, worüber ich mir rückwirkend wünsche, besser informiert geworden zu sein, sind die tropischen Krankheiten. Malaria lässt sich mit der richtigen medikamentösen Prophylaxe, langer Kleidung und Insektenspray vermeiden? Denkste! Ich war in Afrika unter anderem drei Mal an Malaria erkrankt, hatte fast das gesamte togoische BIP pro Kopf und Jahr allein für Medikamente ausgegeben. Und bis auf eine Ausnahme blieb von Malaria UND (nicht oder!) anderen Erkrankungen (Amöben, Mageninfektionen, Lungenentzündung, Darmparasiten, etc.) keiner der ungefähr siebzehn Freiwilligen vor Ort (bis auf eine Ausnahme) verschont!

So ging ich also auf die Reise und wurde aus einem Deutschland im Schneesturm in die tropische Hitze Togos katapultiert. Am Flughafen von Lomé wurde ich von einem ASTOVOT- Beauftragten abgeholt, der mir auch in den darauffolgenden Tagen die Hauptstadt näher brachte, mich in Buvettes einlud, mehr als einmal vorm Überfahren werden rettete, kurz gesagt: mir einen Togo-Einführungskurs gab. Dieser war auch mehr als nötig, denn ohne diese Starthilfe wäre ich als Afrika-Unerfahrene auf mich allein gestellt völlig aufgeschmissen gewesen. Die ersten Tage in Lomé waren definitiv ein Schock, den man glücklicherweise schnell überwindet: Als ich nach einem Monat in Togo zum zweiten Mal einen Abstecher in die Hauptstadt machte, habe ich sie kaum wieder erkannt: Nicht, weil sie sich verändert hatte, aber weil mein Blick darauf sich völlig gewandelt hatte: Den Dingen, die ich am Anfang als fremdartig, unverständlich und furchteinflößend wahrgenommen hatte, stand ich dann plötzlich völlig entspannt gegenüber.

Nach diesen erfahrungsreichen und auch etwas anstrengenden ersten Tagen in Lomé fuhr ich mit dem Taxi nach Kpalimé, meiner zukünftigen Heimat. Bei meiner Gastfamilie fühlte ich mich vom ersten Tag an sehr wohl. Allerdings war ich auch wider Willen die unumstrittene Prinzessin der Familie: Ich bekam immer als erstes den Teller gereicht (mit den zartesten Stücken vom Fleisch, sofern es welches gab), wurde niemals zur Hausarbeit heran zitiert und musste sehr oft Fragen beantworten wie „Machen wir auch alles gut für dich?“. Habe ich mich dann auch mal an den Abwasch gesetzt, wurde dies dann immer gleich mit „Oh, du arbeitest gern!“ kommentiert. Insgesamt habe ich sehr viel Zeit mit meiner Familie verbracht, die auch hauptsächlich aus weiblichen Mitgliedern bestand – Ein großes Glück, denn in Togo ist es sonst eher schwierig, die Bekanntschaft von Frauen zu machen, da diese oftmals weniger gut Französisch sprechen und mehr häusliche Verpflichtungen haben. Verständigungsschwierigkeiten habe ich weder mit meiner Familie, noch mit anderen Einheimischen erlebt – vorausgesetzt, diese sprachen Französisch und kein Ewe – die eigentliche Muttersprache der Volksgruppe im Süden Togos und Ghanas (der Ewe eben). Somit blieben mir dann doch große Teile der togoischen Mentalität verschlossen: Die wirklich wichtigen Dinge (bilde ich mir zumindest ein) wurden natürlich auf Ewe gesagt! Meine glücklichsten Stunden in Togo habe ich dennoch in meiner Gastfamilie verbracht – Und die Arbeit unter freiem Himmel und in Gemeinschaft hat (im Vergleich zur Hausarbeit in Deutschland) tatsächlich mehr Spaß gemacht.

Kpalimé ist eine nette kleine Stadt mit einem (für togoische Verhältnisse) angenehm kühlen Klima – und meiner Ansicht nach überschwemmt mit ONGs (organisations non gouvernementales). Man kann keine drei Schritte machen, ohne auf mindestens eine ONG oder andere durch ausländische Gelder geförderte Projekte zu stoßen. Ungefähr 50 (!) dieser Organisationen aus Kpalimé nehmen ausländische Freiwillige auf, so sagte es mir zumindest einmal unser Koordinator von ASTOVOT und es entspricht ungefähr meinem Gefühl – und das bei der Einwohnerzahl von Gütersloh oder Zwickau. Dementsprechend traf ich an meinem ersten Arbeitstag, an dem ich den Deutschunterricht begleitete, gleich auf einen zweiten Freiwilligen einer anderen Organisation, der ebenfalls zur Unterstützung des Lehrers angetreten war, der jedoch seiner Einschätzung nach kaum Aufgaben hatte. Somit habe ich mir direkt andere Aufgaben gesucht:
1) In der gleichen Einrichtung waren auch blinde Schüler in den Unterricht mehr oder weniger integriert. Zur besseren Betreuung gab es dort für sie einen eigenen Raum, in dem Nachhilfe gegeben wurde, Lernmaterial angefertigt wurde, etc. Dort habe ich mir die Grundkenntnisse in Braille aneignen können. Neben mir gab es noch zwei (zum Ende hin sogar drei) weitere Freiwillige anderer Organisationen, sowie drei togoische Kollegen… Da wir sehr gut besetzt waren, war die Arbeit selten ausreichend für alle. Daher haben wir Freiwilligen in Eigenregie zusätzlich Nachhilfeunterricht ins Leben gerufen, welcher meiner Ansicht nach sehr sinnvoll war und der mir sehr viel Spaß gemacht hat.
2) Zusätzlich habe ich noch in der städtischen Bibliothek mitgearbeitet. Hier war eine weitere Freiwillige und drei festangestellte Togoer, mit denen ich mir die Bibliotheksarbeiten (Bücher einordnen, Verleih/Rückgabe, etc.) teilte. Die meiste Zeit habe ich dort jedoch statt mit Arbeit mit Lesen und Radiohören verbracht. Auch nutze ich die Zeit manchmal um Einkäufe auf dem Markt zu erledigen, was kein Problem war, da ausreichend Personal vor Ort war.
Mit dieser Projektwahl habe ich mir Abwechslung und ein bisschen Arbeit verschafft.

Die Betreuung im MTV ließ leider auch zu wünschen übrig, was sich jedoch zum Teil dadurch erklären lässt, dass es zwischenzeitlich einige interne Streitigkeiten gab, die das Funktionieren von ASTOVOT behinderten. Somit fiel gerade in den drei Monaten, in denen ich dagewesen bin, der Ewe-Kurs vollkommen aus und es gab eigentlich gar keine kulturellen Veranstaltungen oder Möglichkeiten die anderen Freiwilligen kennenzulernen und sich über Erfahrungen auszutauschen, zumindest nicht von der Seite ASTOVOTs aus. Nachdem ich ASTOVOT während meines letzten Monats jedoch meine Unzufriedenheit mit dieser Situation deutlich gemacht habe und auf ein Einhalten der auf ihrer Webpräsenz (inzwischen geändert!) versprochenen kulturellen Aktivitäten gepocht habe, zeigte die Organisation eine Bereitschaft, mir entgegenzukommen, mit der ich fast nicht mehr gerechnet hätte und die mich sehr beeindruckt hat: So engagierten sie für meine Abschiedsfeier eine togoische Perkussionstruppe und organisierten für mich und die anderen MTVler einen Ausflug ins ländliche Togo, wo wir mit den landwirtschaftlichen Anbaumethoden und der Herstellung von „Togo Gin“ vertraut gemacht wurden.

Nachdem ich nun wieder daheim bin, werde ich oft gefragt, wie es denn so war, dort in diesem „Togo“ – Die Antwort darauf fällt mir nicht leicht, aber ich bin sie schließlich schuldig, meinen Verwandten und Freunden gegenüber genauso wie euch Lesern dieses Berichts, die ihr vielleicht mit dem Gedanken spielt, selbst als Freiwillige mit ASTOVOT nach Togo zu gehen. Der Aufenthalt in Togo war für mich eine schwierige, lustige, interessante, totlangweilige, lehrreiche, verwirrende Zeit, die mir heute (nur zwei Wochen nach meiner Rückkehr) schon wieder extrem unwirklich vorkommt. Diese drei Monate haben aus mir in keiner Weise einen neuen Menschen gemacht – sicher habe ich neue Verhaltensweisen und Reaktionsmuster (Antwort auf „Hei, Weiße“-Rufe, erfolgreiches Handeln auf dem Markt, Scherzen mit Fremden, notorisches Zuspätkommen ohne schlechtes Gewissen) gelernt, nur haben diese in Deutschland keine Funktion oder werden ungern gesehen. Sie  könnten mir höchstens im Umgang mit Togoern in Deutschland weiterhelfen, deren Mentalität ich ja nun ein bisschen kennen gelernt habe. Der größte Gewinn für mich ist es, mir ein Bild vom Leben in einem westafrikanischen Land und den Teufelskreisen, in denen es meiner Meinung nach gefangen ist, gemacht zu haben. Insgesamt waren die Erfahrungen für mich sehr verwirrend und widersprüchlich und ich arbeite jetzt vieles auf (Literatur zu Afrika, Entwicklungshilfe, etc.) und versuche, meine Erfahrungen neu zu ordnen.