MTV Vietnam (Hanoi)
Name: Anja Rettinger
Name und Ort des Projekts: SJ Vietnam (Hanoi), Workcamp Management
Inhaltliche Ausrichtung: Projekt Management, Fundraising
Zeitpunkt: Anfang Juni bis Ende August 2008
Dauer: 3 Monate
Bun Cha, Tay Ho, Xin chao, Hühnerbeine und die Schwierigkeit eine Strasse in Hanoi zu überqueren
Jeder wird dir anfangs einreden, dass es schwierig ist eine Straße in Hanoi zu überqueren. Vielleicht hast du dir auch schon Videos bei ‚youtube’ angeschaut, aber ganz ehrlich es ist nicht so schlimm wie es aussieht. Hast du einmal denn Bogen raus, nämlich in gleichbleibendem Tempo die Strasse zu überqueren, alle anderen werden ausweichen, ausgenommen der Taxen, und ach ja bloß nicht mittendrin stehenbleiben oder gar umdrehen, dann hast du auf jeden Fall schon einiges gelernt um in Hanoi zu überleben. Warum entscheidet man sich eigentlich sein schönes, wohlgeordnetes Leben in einem so hübschen, hochentwickelten Land wie Deutschland für eine Weile aufzugeben? Nun, genau deswegen, weil wir gelangweilt sind davon, weil wir uns in einer anderen Kultur versuchen wollen, vielleicht billig und anders reisen, vielleicht auch um den eigenen Lebenslauf aufzumotzen oder den armen Menschen im ‚Entwicklungsland’ mit unserem „unschlagbaren“, im Studium oder vielleicht auch erst in der Schule angeeigneten Wissen „helfen“ wollen.
Du hast dich nun aus welchen Beweggründen auch immer dazu durchgerungen nach Vietnam zu reisen und stehst nach einem 12-Stunden-Flug am Flughafen und wartest auf das Taxi, das SJ Vietnam für dich bestellt hat. Deine Chance mit genau diesem zu deiner Unterkunft gebracht zu werden liegt bei ungefähr 10 Prozent. Auf eines kannst du dich verlassen: Irgendwas geht immer schief! Jedoch, und das ist die gute Nachricht, kannst du dir genauso sicher sein, dass du irgendwie zum Haus kommen wirst, in dem alle (ca. 5-10) Freiwilligen zusammen wohnen und dass du dort von vielen netten Menschen aus der ganzen Welt in Empfang genommen wirst.
In der ersten Woche organisiert SJ Vietnam eine „orientation week“ und zeigt dir gemeinsam mit vietnamesischen Freiwilligen die Stadt sowie die verschiedenen Projekte. So wirst du auch erste Einblicke in die vietnamesische Kultur gewinnen. Die vietnamesischen Freiwilligen sind überaus offen und freundlich und verbringen gerne Zeit mit Ausländern, laden dich zu sich nach Hause ein, fahren auch mit dir am Wochenende aufs Land etc. So lernen sie dich und deine Kultur kennen und du erlebst hautnah die ihre. Besonders erwähnenswert ist das leckere Essen, welches man allerdings erst nach einiger Zeit genießen kann, da man sich dann nicht mehr von den Hunde-, Gänse- und Hühnchenkadavern abschrecken lässt, die an jeder Straßenecke auf einem Tablett liegen, an einem Spieß brutzeln oder gar ungewollt auf deinem Teller liegen (Vietnamesen lieben es dir ungefragt Essen in deinen Pott zu legen und Achtung (!): verweigern geht schlecht, wäre unhöflich). Wenn du diese Phase überwunden hast und glücklicherweise kein Vegetarier bist (selbst wenn, du wirst hier trotzdem nicht verhungern) dann kannst du all die wunderbaren Gerichte richtig genießen.
Bei der Auswahl meines Projektes hab ich mich für die Mitarbeit im Büro entschieden. So konnte ich einen Einblick in die Arbeit von NGOs und vor allem in die vietnamesische „Bürokultur“ gewinnen, welche sich gewaltig von der unseren unterscheidet. Aber nichtsdestotrotz: irgendwie funktioniert es dann doch und ich habe es geschafft innerhalb von nur 10 Wochen ein gesamtes Workcamp zu organisieren. Dafür habe ich sehr viel Hilfe von den SJ Vietnam Mitarbeitern sowie einer 10köpfigen Gruppe vietnamesischer Freiwilliger erhalten. Zusammen haben wir es dann geschafft das „Arte Diem 2008“ Workcamp auf die Beine zu stellen. Amtsprache bei SJ Vietnam ist Englisch und ein normaler Arbeitsalltag besteht aus 5-8 Stunden, je nachdem wie viel Arbeit gerade anfällt. Die Mittagspausen verbringen alle Büromitarbeiter zusammen in einer der zahlreichen „street kitchens“. Nach einem normalen Arbeitstag, der je nach Projekt unterschiedlich ausfällt (z.B. Volunteers, die im youth house und in der blind school unterrichten haben pro Tag jeweils nur ca. 1,5h Unterricht) treffen sich alle Volunteers wieder im Haus und kochen zusammen, gehen ins Kino, zum shoppen in die Stadt, abends/nachts in einen Club oder eine Bar etc. Langeweile kommt hier bestimmt nicht auf!
Besonders gut an meinem MTV hat mir die Einbindung als vollwertiger Mitarbeiter in die NGO sowie der nette und freundschaftliche Umgang sowohl mit ausländischen wie auch vietnamesischen Freiwilligen gefallen. Die Wochenendausflüge ins Umland mit anderen Freiwilligen haben mir zudem einen Einblick in das Land gewährt, der über den Tellerrand von Hanoi hinausgeht und auf denen sich Vietnam auch von seiner wunderschönen „grünen“ Seite zeigte.
Was ich für mich an Erkenntnissen mitnehme? Zuallererst: Man kann sich wirklich an (fast) alles gewöhnen und ja, ich könnte mir auch durchaus vorstellen in einer fremden Kultur wie der vietnamesischen für längere Zeit zu leben. Die Antwort auf diese Frage stellte für mich den Hauptmotivationsgrund dar und ich bin froh eine Antwort darauf gefunden zu haben.
Aufgefallen ist mir auch, dass Volunteers, die kein Vorbereitungsseminar besucht hatten, mit Situationen in denen sie auf sich selbst gestellt waren und die etwas Eigeninitiative und Improvisationsgeschick verlangten oft weniger gut zurecht kamen. Ich denke, dass diese Vorbereitungsseminare unerlässlich sind und sich durch die bereits dort gewonnenen Erkenntnisse eine Vielzahl potenzieller Probleme sowohl für die Volunteers als auch für die hosting organizations vermeiden lassen („Im Informationsblatt stand aber...“, „Warum bekommen wir kein.....“, etc.). Deshalb bin ich froh, dass ijgd mich sehr gut auf alle möglichen Eventualitäten vorbereitet hat und mich die vorherrschende „Unstrukturiertheit“ und teilweise unerträgliche Doppelarbeit nicht abschrecken konnte.
Ach ja und noch etwas, falls doch Probleme auftauchen sollten: Vergesst nicht stets höflich und diplomatisch zu bleiben, denn für Asiaten ist es das schlimmste „ihr Gesicht zu verlieren“. Gerade in Asien gilt: Mit einem Lächeln und höflicher, respektvoller Argumentation erreicht man auch bei Meinungsverschiedenheiten am meisten! Womit wir wieder beim Thema kulturelle Unterschiede wären.
Mein Fazit: Es waren spannende drei Monate, die reich an Erfahrung waren, wie im Fluge vergingen und die ich keinesfalls missen möchte.