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Ankunft am Flughafen Osaka, Kansai am Vormittag des 11. September. Nach dem langen,schlaflosen Flug leicht erkältet, überwiegten im Auto auf dem Weg zur Einsatzstelle doch eher Unsicherheit und Nervosität. Dort wurden wir von den für uns zuständigen Mitarbeitern und dem Leiter der Einrichtung Amarenaisse Garden empfangen und kurz in dem wirklich palastartigen Gebäude herumgeführt.
Name: Linus M. Alter: 19 Einsatzstelle: Amarenaisse Garden Inhaltliche Ausrichtung: Senioren

Natürlich auf Japanisch, welches ich zum damaligen Zeitpunkt wirklich nur bruchteilhaft verstanden habe. Dementsprechend waren die folgenden zwei Stunden, in denen uns das Apartment, das mir schon damals sehr gefallen hat, gezeigt wurde und wir das erste Treffen mit einem gemeinsamen Mittagessen in einem nahegelegen Restaurant beendeten, der erste große Dämpfer der ursprünglichen Euphorie, die vor der Ausreise sehr groß gewesen war. Denn obwohl beide wirklich sehr freundlich und mir außerdem ziemlich sympathisch waren, war es mir jedes Mal sehr unangenehm beispielsweise eine an mich gerichtete Frage nicht zu verstehen.

Mir war auch damals bewusst, dass anfängliche Schwierigkeiten mit der Sprache nicht ungewöhnlich sind, sondern ganz im Gegenteil eher den Regelfall darstellen, aber wahrscheinlich hatte ich doch damit gerechnet selbst am Anfang etwas mehr zu verstehen, als ich es letztendlich getan habe. Im Fall dieser ersten Begegnung ging es mir außerdem vor allem darum einen möglichst guten Eindruck zu hinterlassen. Ziemlich erleichtert darüber mir anscheinend keine groben Unhöflichkeiten zu Schulden kommen lassen zu haben, war ich nach dem Restaurantbesuch dann doch ziemlich froh endlich alleine in unserem Apartment meine Koffer auszupacken. So viel also zu meinen ersten Stunden in Japan, die so geschildert wohl etwas zu negativ klingen, denn insgesamt war die Begrüßung doch sehr nett.

Eingewöhnung

Aufgrund meiner etwas eingeschränkten sprachlichen Kommunikationsmöglichkeiten, fiel es mir anfangs besonders schwer von mir aus auf die Menschen in meinem Umfeld zuzugehen. Einfache Fragen konnte ich zwar stellen, beim Zuhören Nicken und Lächeln auch, aber auf das Gesagte wirklich eingehen meistens noch nicht - hauptsächlich, da ich zu wenig verstand, deshalb liefen auch die Gespräche mit den Gästen der Einrichtung, nachdem die Standardfragen (Herkunft, Alter und Familienstatus) abgearbeitet waren eher schleppend. Auch in der Mittagspause, die mein Mitfreiwilliger und ich nach ungefähr 2 Wochen zu unterschiedlichen Zeiten bekamen, hoffte ich im Rest-Room immer darauf nicht von den Kollegen angesprochen zu werden. Einfach weil ich schon damit rechnete die Frage nicht zu verstehen, was mir immer noch sehr unangenehm war. Der erste wesentliche Schritt in Richtung Eingewöhnung und Integration, war also eine merkliche Verbesserung des Verstehens, die sich nach 3 Wochen richtig bemerkbar machte. Deshalb war ich ziemlich erleichtert, als ich begann nicht nur die meisten Anweisungen der Kollegen, sondern auch Fetzen von Gesprächen anderer zu verstehen. Mit viel Konzentration kann ich inzwischen auch einer „normalen“ japanischen Konversation einigermaßen folgen (beispielsweise die Gespräche der Kollegen im Rest-Room, die sich meistens aber auch nur um sehr alltägliche Dinge drehen). Mit Verbesserung der Sprachkenntnisse veränderte sich allmählich auch meine Einstellung und es fiel mir leichter auf Kollegen und die Gäste der Einrichtung zuzugehen.
Nachdem ich mich am Arbeitsplatz schon viel wohler fühlte bekamen wir mitgeteilt, dass wir ab kommender Woche in unterschiedlichen Einrichtungen arbeiten würden und die Einsatzstellen monatlich wechseln würden (zwischen Amarenaisse Garden und Lotus Odeon, welches sich direkt gegenüber von unserem Apartment befindet). Dieser nächste Schritt hat es mir in den folgenden Wochen noch einfacher gemacht richtig Freude an der Arbeit zu finden, denn obwohl die Arbeit mit meinem Mitfreiwilligen zusammen deutlich entspannter war, fiel es mir auf mich alleine gestellt einfacher, mich richtig in die Arbeit einzufinden und auch mein Selbstbewusstsein zu steigern.

Wohn- und Lebenssituation

Mein Mitfreiwilliger ist sicherlich ein ziemlich wichtiger Teil meiner Erfahrung in Japan. Jedenfalls kommen wir ziemlich gut miteinander aus. Viele Kollegen waren sehr davon überrascht wie viel wir zusammen unternehmen. Auf jeden Fall bin ich sehr dankbar für die Unterstützung und Hilfe die ich von ihm vor allem sprachlich erhalte.

Auch ganz unabhängig von den Annehmlichkeiten, die seine Sprachkenntnisse mit sich bringen, bin ich einfach froh darüber mit ihm gemeinsam wohnen, arbeiten und das Land erleben zu können, denn zusammen hatten wir bis jetzt immer eine gute Zeit. Ich habe ihn also über die Arbeit und Wohnsituation hinaus einen guten Freund gefunden.

Über den Kontakt mit den Menschen in Japan kann ich definitiv berichten, dass sich meine Hoffnung auf einen rücksichtsvolleren Umgang im öffentlichen Raum erfüllt hat. Denn tatsächlich begegnet man sich auf den Straßen, in den Geschäften und natürlich auch auf der Arbeitsstelle sehr freundlich - definitiv freundlicher als ich es in Deutschland erlebt habe. Ansonsten habe ich abgesehen von der Sprachbarriere keine tiefgreifenden Unterschiede zu den Menschen hier gespürt, denn im Großen und Ganzen treibt den Menschen hier ja nichts anderes um, als in Europa oder Amerika. Nur ist die Herangehensweise an manche Lebensaufgaben sicherlich etwas anders. Mir beispielsweise die sehr gradlinige Laufbahn von Schule über Studium hin zur Arbeit aufgefallen. Auf die Frage ob sie Studenten seien, verwiesen einige meiner bisherigen Gesprächspartner schon auf ihr zuvor genanntes Alter, denn mit 23 befindet man sich in Japan anscheinend in jedem Fall schon innerhalb der arbeitenden Bevölkerung. So scheint meistens eher das Alter und nicht die persönlichen Bedürfnisse, Launen und Fähigkeiten, die in Deutschland schon einige Langzeitstudenten hervorgebracht haben, zu diktieren, in welchem Lebensabschnitt man sich gerade befindet.

Einsatzstelle

Im Amarenaisse Garden arbeite ich im Daycare Bereich, welcher den Großteil des Erdgeschosses umfasst. Täglich kommen zwischen 9:30 und 16:00 um die 30 Gäste; Senioren im Alter von Mitte Siebzig bis Ende Neunzig. Die meisten Gäste sind körperlich leicht eingeschränkt, haben in der Regel Probleme mit dem Gehen, einige sitzen auch im Rollstuhl und sind stärker eingeschränkt. Inwiefern in Japan eine Pflegestufeneinteilung erfolgt und wie diese aufgebaut ist weiß ich leider nicht. Nach deutschen Standards würde ich die Gäste der Daycare aber der Pflegestufe 1 zuordnen. Alle können beispielsweise das Essen selbst zu sich nehmen, die meisten benötigen aber Unterstützung beim Waschen, oder beim Toilettengang. Unsere Aufgaben beschränken sich aber auf den Servicebereich. Hauptaufgaben sind das Austeilen von Tee und anderen Getränken, sowie das Abräumen dieser Getränke und das Spülen der Gläser. Bei bestimmten Getränken müssen auch Listen geführt werden. Zudem kann jeder Gast sein Getränk für den Nachtisch um 15:00 auswählen. Unsere Aufgabe ist es dann alle Gäste nach ihrem Wunschgetränk zu Fragen. Auch hier wird eine Liste geführt, deshalb ist es natürlich notwendig, die Namen der Gäste (insgesamt um die 100 Personen, auf 6 Tage die Woche verteilt) lesen zu können. Dies war lange eine ziemlich große Herausforderung für mich, da ich noch lange genug Schwierigkeiten hatte mir überhaupt wirklich alle Namen zu merken. Nachdem ich aber eine Liste aller Namen erhalten hatte, konnte ich gezielt die benötigten Kanji lernen.

Abgesehen davon ist der Großteil unserer Arbeit auf die kleine Küchennische beschränkt. Im Laufe des Tages fallen aber natürlich auch einige Konversationen mit den Gästen an. Manchmal ist es auch möglich an den täglichen Aktivitäten teilzunehmen. Ich hatte beispielsweise schon immer Interesse an Shodo, habe es aber in Deutschland nie geschafft einen Kurs zu belegen. Glücklicherweise wird den Gästen 1-2 Mal im Monat die Gelegenheit geboten Shodo zu schreiben. Dass sich einer der Senioren dazu entschieden hat mir beizubringen worauf man beim Schreiben achten muss, stellt auch eines meiner persönlichen Highlights an der Arbeitsstelle dar. Seitdem wir also das erste Mal gemeinsam geschrieben haben, kommt er definitiv an allen Tagen zum Daycare an denen Shodo auf dem Tagesplan steht.

Nachdem die Gäste dann um ca. 16:00, nach Nachtisch und Karaoke, nach Hause gebracht werden, ist es unsere Aufgabe alles für den nächsten Tag vorzubereiten. Das beinhaltet unter Anderem das Wischen aller Tische, Stühle und der Theke, das Zubereiten der Oshibori für den nächsten Tag und viele weitere kleine Aufgaben.

Insgesamt macht die Arbeit viel Spaß, vor allem natürlich der Kontakt mit den Gästen, da diese unsere Arbeit ungemein wertschätzen und zum Großteil sehr an der fremden Kultur interessiert sind. Im Gegensatz zu meinen Erfahrungen während des Kurzzeitpraktikums im deutschen Seniorenheim ist der Umgang mit den Gästen im Daycarebereich sehr angenehm. Das mag zum Teil auch an der anderen Lebenseinstellung der Japaner liegen, die auch im hohen Alter meistens nicht verbittert zu sein scheinen (diesen Eindruck hatte ich von sehr vielen Gästen im deutschen Seniorenheim), aber hat sicherlich auch viel damit zu tun, dass die meisten geistig noch sehr fit sind und nicht an starker Demenz leiden (wie gut 80% der Gäste an meiner Arbeitsstelle im deutschen Seniorenheim). Daher habe ich jeden Tag wieder die Lust mein Bestes zu geben und auch weiterhin daran zu arbeiten meine Sprachkenntnisse zu verbessern.

Das Verhältnis zum Team würde ich als sehr gut beschreiben. Ich habe über die ersten 2 Monate wirklich alle Mitarbeiter des Daycare Bereichs einigermaßen kennengelernt und habe jeden auf seine Weise schätzen gelernt. Um in diesem Zusammenhang noch kurz den Prozess der Einarbeitung zu erwähnen, hatten wir in der Anfangszeit nicht wirklich eine einzelne Person, die uns in alle Aspekte der Daycare eingewiesen hat, sondern wir haben vielmehr mit vielen verschiedenen Mitarbeitern einzelne Aufgabenbereiche besprochen und erklärt bekommen. So haben sich zwar manchmal, oder auch öfter, Erklärungen wiederholt (welches aber vermutlich in jedem Fall vorgekommen wäre), aber durch den Kontakt mit allen Mitarbeitern fiel es mir leichter schnell einen Eindruck der unterschiedlichen Aufgabenbereiche und der unterschiedlichen Arbeitsweise der einzelnen Mitarbeiter zu erhalten, auf welche ich mich dann einstellen konnte. Den Prozess der Einarbeitung hat, neben unseren Bemühungen, sicherlich auch die schnelle und genaue Auffassungsgabe unserer Kollegen beschleunigt, die meistens sehr gut erkannt haben, wo noch Unsicherheiten bestanden und wo wir uns schon sicher waren.

Über die Arbeit hinaus viel mit unseren Kollegen zu unternehmen, wie es bei vielen anderem Freiwilligen der Fall zu sein scheint, ist jedoch nur beschränkt möglich, da die meisten Eltern mehrerer Kinder sind, und daher fest in ihr Familienleben eingebunden sind. Wie zuvor erwähnt haben wir aber trotzdem schon ein paar Verabredungen in Planung.

Die kommende Zeit

Ziele mein Leben in Japan betreffend sind natürlich hauptsächlich meine Sprachkenntnisse weiterhin zu verbessern. Momentan befinde ich mich gefühlt auf einer Ebene des Halbverständnisses, verstehe also inzwischen in den meisten Gesprächen das grundlegende Thema, aber wichtige Einzelheiten noch nicht. Außerdem fühle ich mich beim Sprechen immer noch sehr, sehr unbeholfen. Vor allem daran möchte ich in den nächsten Monaten arbeiten. Zudem möchte ich mich gerne noch mehr in die Gesellschaft integrieren; also Personen in meinem Alter und mit ähnlichen Interessen kennenlernen.

Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.
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