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Erste Eindrücke

Das wohl Erste, was ich von Jordanien wahrnahm, waren die angenehme Wärme, die am Abend des 12. Septembers noch herrschte und der für mich chaotisch wirkende Verkehr auf der Fahrt vom Flughafen in Amman nach Irbid, der Stadt in der wir zukünftig leben sollten. Mit beidem sollte ich noch mehrmals in Kontakt kommen…!
Name: Kathrin Alter: 21 Einsatzstelle: Leaders of Life Inhaltliche Ausrichtung: Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

Am ersten Tag in meiner neuen Umgebung, versuchte ich mit meiner Mitbewohnerin mit dem Bus weiter in die Stadt hinein zu fahren, um Essen für das Frühstück zu besorgen. Irgendwie schafften wir es auch, obwohl uns vorher niemand gesagt hatte, wie man dem Busfahrer deutlich machen kann, dass man austeigen möchte. Im Laufe der Woche erfuhren wir, dass es keine Bushaltestellen gibt und man dort, wo man austeigen möchte, mit einem Geldstück gegen die Scheibe klopft. So waren wir schon ein Stück schlauer. Unser wohl bester Freund in den ersten Tagen war unser Ventilator im Zimmer. Wir brauchten eine gewisse Zeit, um uns an Temperaturen bis zu 38°C zu gewöhnen.
Auf der Straße werden wir auch jetzt noch komisch angeschaut, weil wir kein Kopftuch tragen und  meine blauen Augen verräterisch nach „Ausländer“ aussehen. Etwas besser ist, dass sich unser Kleidungsstil, jetzt wo es kühler wird, nicht mehr ganz so sehr von dem einiger Frauen hier abhebt wie im Sommer. Mit unseren „Schlabberhosen“, von denen man in Deutschland denkt, dass sie im Orient üblich sind, fielen wir sehr auf. Mit der Zeit lernt man aber Blicke und auch gelegentliche Zurufe von Männern zu ignorieren. Nur manchmal wünsche ich mir, mich einfach unbeobachtet auf der Straße bewegen zu können.

Unsere Wohnung und Finanzierung
In der ersten Woche verteilten wir unsere mitgebrachten Sachen in der Wohnung, die aus einem gemeinsamen Schlafzimmer für uns beide, einem kleinen Bad und einem leeren ungenutzten Raum besteht. Zusätzlich gibt es ein kleines Büro von „Leaders of Life“, das man durchquert, wenn man zur Küche gelangen will, die auch von unseren Mitarbeitern ab und zu genutzt wird, und außerdem einen Versammlungsraum unserer Organisation. Die Küche ist schön eingerichtet, leider aber immer noch nicht besonders gut ausgestattet, wobei wir schon einige Küchenutensilien mehr bekommen haben. Unseren Einfallsreichtum an Gerichten mindert ein wenig das Fehlen eines Backofens. Hatem Shatnawi prüft aber noch, ob einer erschwinglich ist. Unser Taschengeld von 200€ im Monat wird uns vollständig von IJGD Überwiesen, wobei ich ziemlich genau 90€ für Essen und Dinge, die wir in der Wohnung brauchen, ausgebe, da wir uns komplett selbst versorgen. Auch das Fahrtgeld für Bus und Taxi zu unseren verschiedenen Einsatzorten, das sich auf ca. 12€ summiert, ist im Taschengeld enthalten.  Damit bleiben mir noch 98€, die mir monatlich zur eigenen Verfügung stehen.

Uns wurde in den ersten Tagen von einer unserer Mitarbeiterinnen ein wenig die Stadt gezeigt und die Lokalverantwortliche von „Leaders of Life“, die in Amman aktiv ist, erzählte uns in einem kleinen Café auf der Universitätsstraße mehr über die Projekte, in denen wir uns mit einsetzen sollten. Huthaifa Al-Tamimi, der Chef unserer Organisation, besorgte uns jordanische Sim-Karten mit denen wir auch fast überall Internet empfangen und einen W-Lan Stick für unsere Wohnung, sodass wir am sechsten Tag in Jordanien sehr froh waren, mit unseren Familien in Deutschland kommunizieren zu können.

Ausflüge und Ablenken statt Arbeiten?
Unsere Arbeit lief leider sehr schleppend an, was uns auch das Ankommen in Jordanien erschwerte, da wir viel Zeit zu zweit in unserer Wohnung verbrachten, was gelegentlich zu Konflikten führte. Ich versuchte mich mit Vokabeln lernen, Singen und Lesen abzulenken. Natürlich erforschten wir auch unsere nähere Umgebung, machten kleinere Spaziergänge und fanden gute Geschäfte für Lebensmittel. Außerdem besuchten wir Umm Quais, einen Ort an dem man den See Genezareth, die Golanhöhen und etwas Landmasse von Syrien und Jordanien sehen kann. Desweiteren waren wir in Jerash, einer alten Römerstadt, die durch ihre gut erhaltenen Ruinen auch „Pompeji Asiens“ genannt wird. Auch das Kino in Irbid testeten wir.
Da in der dritten Woche nach unserer Ankunft Ferien wegen des islamischen Opferfestes waren, reisten wir nach Jerusalem, um einige andere Freiwillige zu sehen und schauen uns die beeindruckende Altstadt an. Das war auf jeden Fall ein Highlight in unserer bisherigen Zeit mit dem Besuch des Toten Meers. Wir haben in den ersten Wochen schon sehr viel gesehen, aber langsam wollten wir uns auch im Projekt einbringen. Leider machte sich unsere viele Freizeit auch an der GigaByte-Anzahl unseres W-Lan Sticks bemerkbar, sodass wir Ende Oktober für vier Tage kein Internet in der Wohnung hatten.

Unsere Arbeit
In den folgenden Wochen füllte sich unser Terminkalender dann ein wenig. Unsere Hauptaufgabe ist bis jetzt die Mitarbeit bei dem Projekt „Trip to the future“. Dieses führen wir bis jetzt an vier verschiedenen Schulen in insgesamt sieben Klassen durch. Dabei werden den Siebt-oder Achtklässlern in sieben Einheiten verschiedene Themen durch Spiele, Gruppenaufgaben, Rollenspiele und Videos vermittelt. Nach einer Kennlernstunde werden Beziehungen zwischen Schülern und Lehrern und Schülern und deren Eltern, freiwillige Arbeit und die eigenen Träume und Ziele thematisiert. Letzteres wird besonders hervorgehoben. Viele Schüler sagen, dass sie Ingenieur oder Arzt werden wollen, weil die Titel gut klingen, man als angesehen gilt, oder die Freunde das Gleiche machen wollen. Die Wenigstens denken wirklich darüber nach, welche Voraussetzungen man mitbringen muss, woran es zu arbeiten gilt oder welche Tätigkeiten einen in der Realität in diesem Beruf erwarten. Ziel ist es also, die Schüler zum ernsthaften Nachdenken über ihre Zukunft  anzuregen und gleichzeitig durch Sprechen vor der Klasse, Einbringen eigener Ideen etc. am Selbstbewusstsein zu arbeiten. Bis jetzt ist es aufgrund sprachlicher Barrieren schwierig für uns, diese Stunden aktiv durch Kommunikation mit auszugestalten. Jedoch konnte ich neue Spielideen einbringen und fühle mich dafür verantwortlich, dass das benötigte Material vorhanden ist. In den Einheiten selber stehe ich den Schülern als Ansprechpartner bei Fragen zur Verfügung, sorge mit für Ruhe im Klassenzimmer oder berichte kurz über meine Ziele und die Schritte, die ich dafür in Angriff nehme, um ein Beispiel zu geben. In diesem Projekt sind unsere Arbeitszeiten sehr unregelmäßig, da die Schule die Einheiten immer in unterschiedlichen Unterrichtsstunden abhalten wollen. Uns erschwert das ein wenig, die Übersicht zu behalten und auch unsere freien Tage zu planen, aber wir sind froh, nun endlich etwas tun zu können.
Ein weiterer Einsatzort ist das SOS- Kinderdorf, in dem wir bis Ende Oktober jeden Donnerstag und Samstag für jeweils zwei Stunden kreative Sachen wie Armbänder aus Perlen oder Taschen aus Plastiktüten mit den Kindern gemacht haben. Dieses Angebot findet jetzt nur noch samstags statt.

Seit Mitte Oktober haben wir gemeinsam mit zwei anderen deutschen Mädchen, die ihr Auslandsjahr in einer Schule für blinde und sehende Kinder in Irbid absolvieren, jeden Mittwoch bei ihnen und jeden Samstag bei uns zu Hause Arabischunterricht. Aufgrund unterschiedlich schneller Lernleistungen sind wir aber gerade dabei eine optimalere Lösung zu finden, sodass alle Teilnehmer das Gefühl haben, voran und mit zu kommen. Mein Ziel ist es, mich so schnell wie möglich mit den Menschen hier vor Ort verständigen zu können und die Arabische Sprache dann auch in Deutschland weiter zu nutzen und zu verbessern.
In Kürze sollen meine Mitfreiwillige und ich freiwilligen Erwachsenen Deutschunterricht geben. Ich freue mich sehr auf diese Möglichkeit, weil ich denke, dass ich meine Begabungen gut einsetzen kann, Spaß beim Vorbereiten der Stunden haben und auch ein wenig an den Arabischkenntnissen der Teilnehmer profitieren werde. Bis jetzt sind aber die Teilnehmeranzahl und der Rhythmus, in dem die Stunden gehalten werden sollen, noch unklar.
Unser Stundenpensum erfüllen wir mit den bisherigen Projekten auf keinen Fall und noch fühle ich mich nicht wirklich ausgelastet. Ich hoffe, dass sich das im Laufe der nächsten Wochen ändert.

Unsere Mitarbeiter
Das Arbeitsklima mit unseren Mitarbeitern ist sehr angenehm, auch wenn ich mich mit einigen nicht unterhalten kann, da ich noch nicht viel Arabisch spreche und sie keine Englischkenntnisse haben. Wir lernten die meisten von ihnen an einem Workshop-Tag für alle freiwilligen Mitarbeiter von „Leaders of Life“ am 10. Oktober 2015 kennen, an dem auch noch einmal alle Einheiten, die in den Schulen durchgeführt werden, erklärt wurden. Außerdem wurden Auswahlgespräche mit potenziellen neuen freiwilligen Mitarbeitern geführt, die wir in der darauf folgenden Woche an einem Projekttag für diese zum ersten Mal sahen. Am gleichen Abend jedoch begleitete ich Huthaifa, Hatem und zwei weitere Mitarbeiter zu einer Veranstaltung, bei der sich verschiedene Organisationen und auch Einzelpersonen für acht Minuten mit ihren Tätigkeiten vorstellen und anschließend Fragen des Publikums beantworten konnten. Auch Huthaifa sprach dort über „Leaders of Life“ und Hatem übersetzte für mich. Ich hatte das erste Mal richtig das Gefühl, Teil des Teams zu sein und hier etwas bewirken zu können.
Besonders zu Lima aus unserer Organisation haben wir viel Kontakt. Sie bereitet ab und zu zusätzliche Arabischstunden für uns vor, was sehr angenehm ist.

Ausblick und Wünsche
In einem Gespräch mit Hatem und Huthaifa wurde uns mitgeteilt, dass wir in sechs bis sieben Monaten nach Amman umziehen sollen, um in der neuen Einsatzstelle von „Leaders of Life“ zu arbeiten. Natürlich wird das dann die Zeit sein, in der wir uns hier gerade gut eingelebt haben, aber ich bin auch gespannt, noch ein paar Monate etwas von der Hauptstadt Jordaniens mitzubekommen, in der auch in der  Freizeit mehr Möglichkeiten gibt als in Irbid.
Ich hoffe, dass ich hier noch mehr Kontakte knüpfen oder private Treffen mit ein paar unserer Mitarbeiter organisieren kann, um mehr von der jordanischen Kultur zu erleben. Ich würde gern mehr über das normale Leben hier erfahren, zum Beispiel über typische jordanische Gerichte oder miterleben, wo und wie man sich mit der Familie trifft oder was junge Leute in ihrer Freizeit machen.
Abschließend lässt sich sagen, dass ich so langsam das Gefühl habe, hier anzukommen, aber gern mehr tun und mich mehr einbringen würde!

Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.