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Je mehr Zeit vergangen ist, sind mir auch die Workshops und alle Menschen, die dazu gehören, sehr ans Herz gewachsen
Name: Fiona Alter: Einsatzstelle: Camphill Copake Inhaltliche Ausrichtung: Anthroposophische Einrichtung für Menschen mit Behinderung

In ein paar Tagen sind schon 6 Monate meines Freiwilligendienstes in Copake um. Die Zeit ist so erschreckend schnell umgegangen, soviel ist passiert und neue Erfahrungen strömten auf mich ein. Definitiv sagen kann ich, dass sich einiges verändert hat. Je länger man im Camphill bleibt, desto mehr ändert sich der Blickwinkel auf die Community. Man verharrt nicht mehr in der Rolle des Beobachters aus einer anderen Welt, sondern man beginnt, (mehr oder weniger, das kommt ja auf den eigenen Enthusiasmus an) das Camphill aktiv mitzugestalten. Als shortterm-coworker hat man natürlich nicht die Möglichkeit, tiefgreifend in finanzielle oder organisatorische Strukturen einzugreifen. Allerdings kann man sich anders einbringen, z.B. mit der Organisation von Festen. Diese bilden nach wie vor die Grundlage für den Jahreszeitenrhythmus in der Gemeinschaft. Ich konnte bisher mehrere Feste, auch mir bisher unbekannte, mitorganisieren und feststellen, wie viel Freude man damit anderen machen kann.

Nach einer gewissen Zeit wird man auch die Probleme erkennen, die sowohl ein Gemeinschaftsleben, als auch ein Camphill mit sich bringen. Außerdem habe ich das Gefühl, die Community komplexer wahrzunehmen, wahrscheinlich weil man mit der Zeit immer tiefer die Strukturen eintaucht. Was besonders intensiv für mich war, war das erste Mal Weihnachten ohne meine Familie zu verbringen. An diesen Gedanken konnte ich mich nur schwer gewöhnen, allerdings war dann an Weihnachten so viel los, dass ich gar keine Zeit hatte, an Heimweh zu denken. Außerdem war Weihnachten in der Community sowieso so besonders, dass es aufregend war, dies zu erleben. Nach den eigentlichen Weihnachtstagen, die man in Deutschland kennt, kommen die „holy nights“ bis zum 6.Januar, also dem Dreikönigstag. In diesen Tagen wurde nur am Vormittag gearbeitet, am Nachmittag hatte man Zeit für kreative Aktivitäten in den Häusern, und am Abend besuchen sich Häuser gegenseitig, essen und singen gemeinsam. Da meine Hauseltern jüdisch sind, haben wir auch, soweit das in einer christlichen Gemeinde möglich ist, Chanukka gefeiert, was auch eine tolle Erfahrung war. Diese Zeit habe ich als besonders friedlich wahrgenommen und auch genießen können, was auch angesichts der Adventszeit sehr erleichternd war.

Denn kurz vor Weihnachten ist die Situation in meinem Haus eskaliert. Mehr und mehr habe ich mich nicht respektiert gefühlt, kein „Danke“ gehört und habe die ganze Situation als sehr stressig und belastend empfunden. Es waren eigentlich immer nur Kleinigkeiten, die haben sich aber aufgrund falscher Kommunikation immer mehr hochgeschaukelt. Mitte Dezember ist dann eine völlig unnötige Situation so stark eskaliert, dass die andere Coworkerin in meinem Haus und ich keinen anderen Ausweg mehr gesehen haben, als uns an andere Leute im Village zu wenden, um das Haus zu verlassen. In den nächsten Tagen war die Situation im Haus sehr angespannt, und ich wusste nicht, wie lange und ob ich noch in diesem Haus bleibe. Letztendlich stand Weihnachten vor der Tür und ein Hauswechsel hätte sowieso bis zum neuen Jahr warten müssen, sodass wir dann ein Gespräch mit der coworker admissions group sozusagen als „letzte Rettung“ hatten, um die Weihnachtszeit irgendwie zusammen zu meistern. Rückblickend kann ich sagen, dass dieses Gespräch so, so wichtig war. Kommunikation kann zwischenmenschlich gesehen entweder Brücken oder Mauern bauen, und das kommt gar nicht darauf an, was man sagen will, sondern WIE man es sagen will. Außerdem kann man meistens selbst schlecht einschätzen, wie das eigene gesprochene Wort beim anderen dann ankommt, daran sollte man auch immer denken. Aufgrund früherer Prägungen, die man gewöhnlich niemandem ansehen kann, wird oft etwas missverstanden. In meinem Haus spricht auch niemand Englisch als Muttersprache, was auch als Faktor angesehen werden kann. Letztendlich sind wir beide dann in unserem Haus geblieben, zunächst erstmal mit der Bedingung, mit der Entscheidung bis zum Ende der holy nights zu warten. Allerdings hat uns diese Zeit der Ruhe und des Friedens gezeigt, wie sehr wir alle trotz der Konflikte zusammengewachsen sind. Meine Hauseltern wollten mir nie etwas Böses, sie sind unglaublich tolle Menschen, aber natürlich nicht perfekt und deshalb werden wir wohl immer mal wieder Konflikte haben. Aber dennoch haben wir den Grundsatz von Respekt geklärt, was hilfreich ist.

Je mehr Zeit vergangen ist, sind mir auch die Workshops und alle Menschen, die dazu gehören, sehr ans Herz gewachsen. Ich habe auch gelernt, dass man ansprechen muss, wenn man sich mehr Verantwortung oder andere Aufgaben wünscht. Das sollte ja selbstverständlich sein, allerdings muss man ja auch immer den Nutzen für den workshop und die villager miteinbeziehen. Im Moment bin ich sehr glücklich in meinen workshops und bin froh, dass ich so viel Kreativität jeden Tag in meinen Alltag einbeziehen kann. Egal, wie lange man im Camphill ist, man hört nie auf zu lernen. Das Wichtigste, was ich lerne, ist zu vergeben, selbst wenn man das Gefühl hat, das weder Verständnis noch Einsicht vorhanden sind. Viele Menschen, die mich täglich umgeben, haben so ein gutes Herz und wollen nur das Beste für die Menschen, die sie lieben. Ich wiederum versuche, anderen Struktur und mehr Selbstkontrolle beizubringen. Dies geht auch Hand in Hand mit der Verantwortung, die wir hier im Village zu vermitteln versuchen. Ich versuche immer Positivität in den Alltag zu bringen, und das ist auch etwas, was andere an mir schätzen. Man hat mir gesagt, dass man meine Fröhlichkeit und Hingabe für andere sehr wertschätzt. In wenigen Tagen steht das Zwischenseminar an und ich freue mich so sehr, alle wiederzusehen. Ich erhoffe mir Austausch, vor allem mit den Leuten aus den anderen Camphills, andere Blickwinkel. Ganz wichtig sind natürlich auch Spaß und neue Energie, die kann man wirklich gut gebrauchen, wenn man in einer lifesharing community lebt.

Von meinen restlichen sechs Monaten erhoffe ich mir, dass die Zeit im Camphill weiterhin in vollen Zügen genießen kann, und dass ich nicht aufhöre, zu lernen. Ich möchte neue Dinge entdecken, endlich reisen, und kann den Sommer wirklich nicht mehr abwarten (der Winter hier an der East Coast kann schon ziemlich lang sein!). Den Kontakt zu ijgd finde ich sehr hilfreich, auch wenn ich festgestellt habe, dass ich meine bisherigen Probleme besser hier im Village selbst lösen konnte. Trotzdem schätze ich die Möglichkeit des Kontaktes sehr. Kontakte außerhalb des Camphills zu schließen, ist relativ schwer, da man ja doch die meiste Zeit in der Camphill-Blase verbringt. Allerdings gibt es in der Community so viele interessante Leute, dass das auch nicht weiter schlimm ist, da ein Camphill eben doch eine kleine, feine, eigene Welt bildet, die ganz besonders und wunderschön ist.


Viele Grüße, Birte Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.