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weltwärts in Ghana 2012/13 ARA-03

Eigentlich hatte ich zu Ghana keinen großen Bezug. Ein westafrikanisches Land, gute Fußballmannschaft... da war mein Wissen dann auch schon zu Ende. Doch auch wenn ich über Ghana nicht viel wusste, so wusste ich doch, dass ich nicht dazu bereit war, von der Schule nahtlos an die Universität zu wechseln.
Name: Marie A. Alter: Einsatzstelle: ARA-03 Kwansakrom ADA School, Agona Swedru, Ghana Inhaltliche Ausrichtung: Bildung

Ich wollte allem bekannten den Rücken kehren und ein bisschen was von der sagenumwobenem „Lebenserfahrung“ für mich sammeln. Durch einen Bekannten kam ich als (entwicklungs-)politisch Interessierte irgendwie an weltwärts, an ijgd und als ich im Dezember 2011 einen Zusage bekam, da war ich selber erst mal überrascht, dass es nun einen konkreten Plan für mich gab. 'Ghana – na, warum denn nicht?!', dachte ich mir also und saß drei Monate später auch schon auf dem ersten Vorbereitungsseminar, lernte, hinterfragte, zweifelte und ließ mich vollkommen mitreißen.


Als es im September 2012 für mich losging, war ich zwar theoretisch perfekt vorbereitet (Seminare, eine abgearbeitete Packliste, Unmengen an durchforsteter Literatur, eine umfangreiche Reiseapotheke, etc.), praktisch aber einfach nur unglaublich aufgeregt. Eine Aufregung die spannend und anstrengend zugleich war, im Nachhinein aber gar nicht hätte sein müssen: Ich habe mich an mein ghanaisches Leben sehr leicht gewöhnt und schneller als ich es jemals erwartet hätte, war es dann auch schon wieder vorbei.

Ich habe in Swesco, circa 10min außerhalb von Agona Swedru in der Central Region, gewohnt. Meine Gastfamilie bestand aus einer Mama und einer zehnjährigen Tochter, sowie zwei älteren Geschwistern, die schon ausgezogen waren, aber immer wieder zu Besuch kamen. Ich hatte mein eigenes Zimmer und wenn die beiden älteren Geschwister nicht zuhause waren, sogar mein eigenes Badezimmer (auch wenn die Dusche darin nie funktioniert hat. Eimerduschen tun's aber genauso!). Meine Gastmutter und ich kamen ganz gut miteinander klar, meine kleine Gastschwester und ich sind uns in diesem Jahr gegenseitig sehr ans Herz gewachsen und vor allem dank ihr habe ich mich schnell zuhause gefühlt. Auf der Terrasse lebte auch noch Hund Prosper, der mich erst als Eindringling verstand, mich nach einer kleinen Weile aber dann sogar morgens bis zur Schule eskortiert hat.

Gearbeitet habe ich in der Kwansakrom ADA School, einer staatlichen Schule im Nachbarort, die für mich fußläufig gut erreichbar war. Zusammen mit einer anderen Freiwilligen habe ich dort die Bücherei verwaltet, also Bücher sortiert, beschriftet, ausgeliehen, eingetrieben, Lesehilfen gegeben, usw., sowie unterrichtet, mal als Assistenz, mal ganz selbstständig.

Ursprünglich sollte ich von der 1. bis zur 9. Klasse einmal pro Woche Englisch unterrichten, aufgrund persönlicher Präferenzen haben meine Mitfreiwillige und ich aber später unsere Projekte kombiniert, sodass ich in der Grundschule Englisch und HIV/Gesundheits-Aufklärung unterrichtet habe und sie beides in den höheren Klassen.
Am Anfang musste ich selber erst einmal lernen, wie ich unterrichten konnte. Vor allem die jüngeren Schüler_innen haben oft kaum Englisch gesprochen und Unterrichtskonzepte, wie ich sie aus meiner Schulzeit kenne, ließen sich oft nicht umsetzen, einfach weil die ghanaischen Schüler_innen an andere Lernstile gewöhnt waren. Mit der Zeit haben wir uns alle aber gut miteinander arrangiert, sodass die meisten Stunden nicht nur mir, sondern auch den Kindern Freude bereitet haben. Je mehr meine Fante-Kenntnisse gewachsen sind, desto besser konnte ich mich verständlich machen und zur Not war fast immer Lehrpersonal in der Nähe, welches weiterhelfen konnte. Ich würde sagen, dass ich bei den Kindern eine Art Sonderstatus inne hatte, der uns beiden ganz gut getan hat: Ich wurde als nicht ganz so autoritär angesehen wie andere Lehrer_innen, dafür kamen die Schüler_innen aber auch mit mehr persönlichem Kontakt zu mir, zum Spielen, Reden, Beschweren und gemeinsam Zeitverbringen.

Nach einer Weile im Projekte haben meine Mitfreiwillige und ich die Bücherei auch noch ein wenig umfunktioniert, sodass wir dort auch die Uniformen von Schüler_innen flicken, sowie kleinere Wunden und Wehwehchen versorgen konnten.

An den Nachmittagen habe ich mich meistens mit meinen beiden besten ghanaischen Kumpels getroffen, oder habe eine gute ghanaische Freundin in ihrem Laden besucht, in welchem ich nach einer Weile sogar mitverkaufen durfte (in den kleinen ghanaischen „Shops“ gibt es wirklich alles: Zahnbürsten, Sardinenbüchsen, Handyguthaben, Streichhölzer, Trinkwasser, Kakaopulver, Klopapier, Seife, Maggi-Würfel...). Manchmal hab ich mich auch mit anderen Freiwilligen getroffen, einfach Zeit mit meiner Gastschwester verbracht oder in meinem Zimmer gesessen und gelesen. Es war schön, ein Jahr lang relativ freie Nachmittage, ohne Hausaufgaben und Lernen zu haben, auch wenn ich immer vor der Dunkelheit zuhause sein musste.

An den Wochenenden bin ich hin- und wieder verreist, ans Meer, in den Dschungel, zu Freunden, in National Parks, nach Togo und in einer zweiwöchigen Ferientour sogar bis Burkina Faso hoch. Trotzdem lag mein Alltag immer in meiner Community und in Swedru. Es war eine wunderschöne Erfahrung, festzustellen, dass ich auch auf der anderen Seite der Welt ein Gefühl von Heimat bekommen kann.

Auch wenn es sprachlich immer wieder Hindernisse gab, so würde ich sagen, dass ich immer und überall irgendwie klargekommen bin und gab es doch mal Probleme, nicht nur sprachlich bedingte, so war es nie schwierig Hilfestellung zu bekommen. Auch die Verständigung mit den Kollegen und Kolleginnen in der Schule, sowie mit der ghanaischen Organisation ARA lief fast immer problemlos.

Insgesamt habe ich also aus Ghana nicht nur ein bisschen „Lebenserfahrung“, sondern auch einige Freundschaften und wunderbare Erinnerungen mit zurück nach Deutschland genommen. Ich habe unglaublich viel gelernt, über globale Zusammenhänge, Machtstrukturen, Menschen und „Kulturen“, über Deutschland und mich selber. Mein weltwärts-Freiwilligendienst hat mich so stark geprägt, dass ich gar nicht mehr weiß, wie und wo ich ohne ihn eigentlich wäre. Er hat meinen Studienwunsch stark beeinflusst und mein politisches Engagement gestärkt. Oder auch kurz zusammengefasst: Er hat sich mehr als nur gelohnt!

 

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