Zum Inhalt springen

weltwärts in Nicaragua 2011/12 CEDRU-02

Von September 2011 bis Juli 2012 absolvierte ich einen weltwärts-Freiwilligendienst in San Rafael del Sur-Nicaragua und habe in den 11 Monaten dort gelebt und als Sportlehrerin an zwei kleinen Dorfschulen gearbeitet.
Name: Nicola S. Alter: Einsatzstelle: CEDRU-02 Sportunterricht in San Rafael del Sur, Nicaragua Inhaltliche Ausrichtung: Bildung/Soziale Arbeit

Die Idee kam mir, wie vielen anderen Freiwilligen, schon recht früh. Abi fertig, und was nun? Direkt mit dem Studium zu beginnen schloss ich schnell aus, lieber erst mal einen Blick über den eigenen Tellerrand werfen und raus aus Deutschland! So traf ich die Entscheidung mich im Ausland sozial engagieren zu wollen und stieß auf das weltwärs-Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Auf der Internetseite von weltwärts schaute ich mir die unterschiedlichsten Entsendeorganisationen und bewarb mich unter anderem bei ijgd (internationale Jugendgemeinschaftsdienste) für das Projekt in Nicaragua.


Nach mehreren Vorbereitungsseminaren und Spendensammelaktionen ging es dann Anfang September endlich los! In dem kleinen San Rafael del Sur nahe der Pazifikküste und zwei Stunden von der Hauptstadt Managua entfernt, wohnte ich in einer Gastfamilie (Gasteltern Bismarck und Imelda und Gastgeschwister Bismarck Junior 20 und Imara 7), die mich sehr herzlich aufgenommen haben und von denen ich auch verpflegt wurde. Die ersten 5 Tage haben wir (die drei Freiwilligen) bei unserer Partnerorganisation CEDRU ein Orientierungsseminar absolviert, die Mitarbeiter kennengelernt, uns mit nicaraguanisch/-deutschen Stereotypen und Vorurteilen auseinander gesetzt und die Umgebung sowie unsere Einsatzstellen besucht. Da die komplette Mannschaft CEDRUs aus NicaraguanerInnen besteht, haben wir drei vom ersten Tag an das Seminar auf Spanisch absolviert. Dadurch (und durch die automatische Praxis in den Gastfamilien) ist es mir sehr viel einfacher gefallen eine Woche später auch in der Einsatzstelle mit den Kindern und Lehrern gut zu kommunizieren. Da CEDRU auch im Ort arbeitet, konnten wir uns ständig mit unseren Mentoren austauschen und bei Problemen direkt um Hilfe bitten. Daher profitierten wir nicht nur von dem Internetanschluss im CEDRU-Büro, sondern fühlten uns auch sehr gut betreut! Bei einem Zwischenseminar und Abschlussseminar am Ende hatten wir auch die Möglichkeit mit CEDRU unsere bisherigen Erfahrungen evaluieren.

Wie schon kurz erwähnt, arbeitete ich größtenteils als Sportlehrerin an zwei umliegenden Dorfschulen: an der „Escuela Montelimar“ und der „Escuela Rodolpho Schaer“ im Portillo. 

Wenn morgens um 6 Uhr der Wecker zum dritten Mal klingelte und draußen langsam die Sonne aufging, bleibt noch so gerade Zeit für ein improvisiertes Cornflakes-Haferflocken-Früchte-Frühstück  und die benötigten Sportmaterialien (wie Bälle, Hütchen und Seile) in die Tasche zu packen. Dann schwang ich mich aufs Fahrrad die Straße runter in Richtung Meer zur Schule. Dort unterrichtete ich in der Regel drei bis vier Stunden am Vormittag, fuhr zur Mittagszeit nach Hause, und kehrte zum Nachmittagsunterricht zurück. Die Pause nutze ich neben dem Mittagsessen noch zum gemeinsamen Planen mit Theresa (der anderen Sportfreiwilligen) des kommenden Unterrichts, zum Waschen (wenn es Wasser gab) und natürlich zum Ausruhen! Neben den Schulstunden konnte ich im Nachmittagsbereich Sportaktivitäten anbieten, Fußballmannschaften trainieren oder kleine Wettkämpfe organisieren. So ist auch die Idee entstanden die langen Schulferien mit der Organisation von Feriensportaktivitäten zu überbrücken. Um das Projekt zu finanzieren, d.h. Getränke, Snacks und Prämien kaufen zu können, haben wir beide vorher in Deutschland über unsere alten Schulen und Freunde Spenden gesammelt. Am ersten Tag kamen wir morgens pünktlich und motiviert am Sportplatz an; was fehlte waren die Kinder! Mit unserer deutschen Herangehensweise hatten wir natürlich nicht berücksichtigt, dass niemand sich den genauen Termin aufgeschrieben hatte…In den nächsten Tagen wurde das Projekt aber zum vollen Erfolg und immer mehr Kinder standen morgen bereits startklar auf dem Platz. Von Spielen wie „Fischer, Fischer“, Huckepackrennen, Tauziehen, Hütchen Klauen, Brennball und sogar einer Wasserbombenschlacht, über Baseball-, Leichtathletik- und Volleyballtraining bis hin zu Fußballturnieren, war alles dabei.  Die zwei Wochen haben nicht nur den Kindern sondern auch uns sehr viel Spaß gemacht; vor allem war es eine nette Abwechslung einmal zu zweit als Freiwillige zusammen arbeiten zu können.

Auch in meinem gewöhnlichen Schulalltag habe ich während des Jahres unterschiedlichste Erfahrungen gemacht. So habe ich mich mit der Zeit daran gewöhnt, dass die Kinder (und manchmal auch Lehrer!) in beiden Schulen ab 7 Uhr so langsam eintrudelten und der Unterricht daher meist mit einer halben Stunde Verspätung begann. Im Portillo musste die lehmige Straße zum Fußballspielen herhalten, an der Schule in Montelimar schaut uns während des Sportunterrichts ein riesiges Schwein zu oder es mussten erst die Hunde, die sich auf dem Sportplatz sonnen, verscheucht werden. Zu Beginn der Arbeit fiel es mir deshalb auch nicht immer leicht mit den wenigen Sportmaterialien und äußeren Gegebenheiten den Unterricht so zu gestalten, wie ich es mir vielleicht zuvor in Deutschland ausgemalt hatte. Aber mit viel Improvisation, neuen Ideen und der großen Begeisterungsfähigkeit der Kinder, habe ich auch die lange Regenzeit im September und Oktober überbrücken können… Mal muss Wandsitzen oder ein Klatschspiel im Klassenzimmer herhalten, mal wird schnell Platz gemacht für einen vorbeifahrenden Laster und manchmal wird ein Straßenhund Opfer eines Torschusses. Aber das alles gehört einfach dazu!

Neben alldem blieb mir in dem letzten halben Jahr genügend Zeit, um mich mit der Sinnhaftigkeit meiner Freiwilligenarbeit auseinanderzusetzen. Mir ist bewusst geworden, dass wir, die Jugendlichen, die die Möglichkeit bekommen haben, ein Jahr lang in einer völlig anderen Welt zu leben, eindeutig am meisten von dem weltwärts-Programm profitieren. Wir stoßen an Grenzen, die wir vorher von uns selbst nicht kannten, haben die Möglichkeit uns sprachlich und persönlich weiterzuentwickeln und passen uns anderen Lebenssituationen an. Trotzdem erlebte ich auch Momente, die mich denken lassen: „ dafür bin ich hier!“. So freute ich mich, wenn die Kinder nach dem Unterricht zu mir gelaufen kamen und fragten, wann ich wiederkäme oder eine komplizierte Übung verstanden und umgesetzt wurde. Genauso wenn ein Elternteil seine Begeisterung zum Ausdruck brachte, oder ich selbstgemalte Bilder zu Weihnachten geschenkt bekam.

Viele meiner gesammelten Erfahrungen lassen mich hier in Deutschland bei früheren Selbstverständlichkeiten zusammenzucken und mich zweimal über die Situation nachdenken. Zum Beispiel schätze ich eine fließend Wasserdusche oder die moderne Sporthalle, in der ich nun wieder trainiere sehr viel mehr als vorher. In der Theorie glaube ich solche Dinge auch vorher schon gewusst zu haben, aber gerade diese praktische Erfahrung hat mich für viele Dinge sensibilisiert, die ich vor dem Jahr nicht so wahrgenommen habe. 

Das scheint mir mit ein Grund zu sein, warum ich auf der einen Seite natürlich mein Engagement hier in Deutschland weiterführen und vertiefen möchte, warum ich zum Anderen aber auch jedem einen solchen Freiwilligendienst wärmstens empfehlen möchte.