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MTV in Togo

Warum nach Togo?
Im Sommer letzten Jahres beschloss ich mich für ein Jahr aus dem Berufsleben zu verabschieden und auf drei Kontinenten für eine längere Zeit lang zu leben, zu wohnen und zu arbeiten, um so in unterschiedliche Kulturen möglichst tief einzutauchen.
Name: N. K. Alter: Einsatzstelle: Appui au personnel de la coordination ASTOVOT Inhaltliche Ausrichtung: Koordination/ Verwaltung

Da ich davon ausging, dass der Aufenthalt in Afrika für mich die größte Herausforderung sein würde, hatte ich ihn als letzte meiner drei Stationen geplant. Auf der Homepage von ijgd fand ich eine spannende Einsatzstelle in Togo als Mitarbeiterin im Koordinationsteam der NGO Astovot und war mehr als glücklich als ich eine Zusage erhielt. Dass in meinem Freundes- und Bekanntenkreis kaum einer Togo kannte, geschweige dann wusste wo es liegt, machte Togo nicht weniger reizvoll, eher im Gegenteil, und so freute ich mich dieses kleine Land in Westafrika kennenzulernen.

Kulturschock, ach Quatsch!

Vor meiner Ankunft in Togo, hatte ich bereits einige Monate in Australien gearbeitet, war durch Asien gereist und dachte jetzt kann nicht mehr viel passieren und der Kulturschock bleibt diesmal sicher aus. Doch da hatte ich die Rechnung ohne Togo gemacht.

 


Bereits meine Ankunft in Lomé war ein kleines Abenteuer. Man muss dazu sagen, dass meine Reisen ziemlich nahtlos ineinander übergingen und ich deswegen relativ wenig auf Togo vorbereitet war. Das ijgd- Seminar war zwar sehr hilfreich und ich lernte dort viel über interkulturelle Verständigung, Rassismus sowie den Umgang mit unterschiedlichen Werte- und Normensystemen. Bei dem Teil zur Landeskunde Togos muss ich jedoch geschlafen haben, denn mein Wissen beschränkte sich mehr oder minder darauf, dass in Togo Französisch gesprochen wird und die Hauptstadt Lomé heißt. Umso mehr freute ich mich, als ich am Flughafen in Lomé trotz mehrstündiger Verspätung von einem ehrenamtlichen Mitarbeiter Astovots in Empfang genommen wurde. Er sagte mir, wir würden ein Taxi zum „Gare“, also zum Bahnhof, nehmen; von dort aus könne ich weiter nach Kpalimé zu meiner Einsatzstelle fahren. Vor meinem inneren Auge sah ich mich also schon, schön gemütlich in einem Zug sitzen und üppig grüne Landschaft an mir vorbei ziehen. Angekommen am Gare wurde mir klar, dass es sich hier nicht um eine Zugstation, sondern vielmehr einen Sammelplatz für Autotaxis handelt (wie sich später herausstellte sind die Gleise schon seit einigen Jahrzehnten stillgelegt). Um in den Sammeltaxis die Fahrkasten für die einzelnen Passiere gering zu halten, wird versucht möglichst viele Passagiere in einem Auto unterzubringen. Einschließlich Kinder kommt man gut und gerne mal auf neun Personen. In meinem Taxi saßen auf der Rückbank bereits drei Personen, darunter eine sehr wohl genährte Frau, die gerade dabei war ihr Kind zu stillen; das Auto war also in meinen Augen mehr als voll. Nichts desto trotz zeigte ich guten Willen und versuchte einzusteigen. Meine linke Körperhälfte fand Halt, meine rechte Körperhälfte baumelte jedoch aus dem Auto und es war somit unmöglich die Tür zu schließen. Mit etwas Umorganisation gewisser Körperteile schaffte es der Fahrer letztendlich doch noch genug Raum für meine rechte Hälfte zu schaffen und die Fahrt konnte beginnen. Zwei Stunden später wurde ich an der Prefektur in Kpalimé abgesetzt, von zwei Astovot-Mitarbeitern empfangen und mit dem Taxi-Moto(-rad) zu meiner Gastfamilie gebracht. Meine Gastmutter begrüßte mich mit „Wozoen-lo!“, was auf Éwé (der regionalen afrikanischen Sprache) so viel bedeutet wie „Herzlich Willkommen“. Ich sah sie mit großen Augen an, weil ich kein Wort verstanden hatte und sie schaute mit nicht minder großen Augen zurück, weil sie doch sehr überrascht war, dass ich kein Wort Éwé spreche.

 

Wie sich herausstellte sollte ich die erste Freiwillige in meiner kleinen Gastfamilie, bestehend aus Mutter und 14-jähriger Tochter, sein. Bis dato hatten beide noch nicht allzu viel Kontakt zu Jovo’s (d.h.Weiße auf Éwé) gehabt und so wunderten wir uns die ersten Wochen viel über die Gewohnheiten und Verhaltensweisen des anderen. Für mich bedeutete der Aufenthalt in einer Gastfamilie in Togo eine Chance, um möglichst viel vom togoischen Alltagsleben und der Kultur mitzubekommen. Ich wollte gerne genauso leben, wie meine Gastfamilie: also meine Kleidung mit der Hand waschen, mit einem Eimer Brunnenwasser duschen, beim Kochen helfen und zusammen mit meiner Familie draußen bei der kleinen Lehmküche auf Holzhockern essen. Meine Gastfamilie hatte dagegen das Gefühl mir möglichst viel Service bieten zu müssen und behandelte mich eher wie einen Hotelgast als ein Familienmitglied. So hatte ich z. B. meinen eigenen Plastiktisch im Inneren des Hauses, an dem mir meine drei Mahlzeiten am Tag serviert wurden. Das war natürlich gar nicht so, wie ich mir das Zusammenleben mit meiner Gastfamilie vorgestellt hatte und ich versuchte immer wieder meiner Familie zu zeigen, dass ich keine Sonderbehandlung brauchte. Nachdem sich die Situation nach drei Wochen kaum verändert hatte, gab ich irgendwann auf und dachte mir, dass es zwar anders ist als vorgestellt, aber nun gut. Ungefähr zur selben Zeit begann meine Gastfamilie aufzutauen, mich in ihre Familienaktivitäten miteinzubeziehen und mir Fragen zu meinem Leben in Deutschland zu stellen. Sicher half dabei auch, dass mein Éwéunterricht langsam Früchte trug und ich mich nun schon in ein paar Standardsituationen wie z. B. bei der Begrüßung auf Éwé unterhalten konnte. Mehr schlecht als recht, aber meine wackeligen Sprachversuche sorgten immer für wohlwollendes Gelächter in meiner Gastfamilie. Auch war meiner Gastmutter meine Begeisterung für die vielen bunten Webstoffe (Pagnes)  nicht entgangen und so brachte sie mir bei ihrem nächsten Marktbesuch zwei Tücher mit, aus denen mir ihre Cousine ein Kleid schneiderte. Als ich zum ersten Mal in meinem neuen Pagnekleid das Haus verließ, um auf die Arbeit zu gehen, warf sie mir einen stolzen Blick zu und sagte: „Nini, maintenant tu es une femme africaine“ (Nini, jetzt bist du eine Afrikanerin).

Meine tierischen Begleiter

In gleichen Maße wie sich die Situation mit meiner Familie verbesserte, verschlechterte sich die Lage mit meinen tierischen Freunden zu Hause. Mein Fenster hatte zwar ein Fliegengitter, so dass ich in meinem Zimmer kein einziges Mal von einem Moskito gestochen wurde. Allerdings wirkten die Löcher und Ritzen in Fußboden und Decke sehr einladend auf allerlei Nage- und Kriechtiere und so bekam ich immer häufiger Besuch von Mäusen, Käfern und Kakerlaken. Meine Gastfamilie unterstütze mich mit großem Eifer beim Kampf gegen die Eindringliche und so unternahmen wir zusammen einige geeignete Rettungsmaßnahmen (wie z. B. der Einsatz von Insektensprays oder das Aufhängen eines zusätzlichen Moskitonetzes über meinem Bett) und auch einige weniger geeignete Maßnahmen (wie das Übergießen meiner Matratze mit Benzin nachdem ich dort ein Madennest entdeckt hatte). Zum Glück fruchteten unsere Aktivitäten und schon bald konnte ich nachts wieder ruhig schlafen.

Und die Arbeit?

Auf meiner Einsatzstelle im Koordinationsteam von Astovot fühlte ich mich vom ersten Tag an pudelwohl. Die meiste Zeit arbeitete ich mit Francois, meinem Kollegen und Mentor, zusammen. Am Anfang hatte ich etwas Schwierigkeiten afrikanisches Französisch zu verstehen. Zum Glück bewies Francois eine grenzenlose Geduld und antwortete auf jede meiner Nachfragen, bis bei mir auch der kleinste Zweifel ausgeräumt war. Sehr beeindruckt war ich zudem von seinem Arbeitseifer und auch von der Vielzahl der Aufgaben, die als Programmkoordinator zu bewältigen sind. Obwohl Francois oft sehr beschäftigt war, konnte ich jederzeit Vorschläge machen und Ideen einbringen. Manchmal, wenn es für mich nichts zu tun gab, suchte ich mir selbst Aufgaben und überlegte, mit welchen Mitteln und Dokumenten man die Tätigkeiten des Koordinationsteams erleichtern konnte. Der Sommer ist bei Astovot immer Workcampsaison und so waren wir gegen Ende meiner drei Monate auch viel damit beschäftigt Weiterbildungsveranstaltungen zur Schulung von Workcampleiter_innen und -teilnehmer_innen zu planen, organisieren und durchzuführen, was mir besonders große Freude bereitete

 

Ein weiterer großer Pluspunkt war, dass ich an zwei Tagen in der Woche zusammen mit Gesa im Büro arbeitete. Gesa war auch Deutsche, bereits drei Monate vor mir angereist und somit schon ein „alter Hase“ in Kpalimé. Sie kannte sich bestens aus und machte mich mit allerlei Dingen und Leuten bekannt. Ich war begeistert jemanden zu haben, der mir nicht nur die togoische Sicht der Dinge erklären konnte, sondern mit dem ich auch das Erleben als weiße/westliche Frau in Togo reflektieren konnte. Auch wenn sie anfangs gar nicht so sehr von meinem plötzlichen Erscheinen begeistert war – wie sie mir später einmal im Vertrauen gestand – fand sie sehr schnell Gefallen daran mich in das togoische Leben einzuführen und das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Während unserer Zeit im Büro arbeiteten wir meist an einer Willkommensbroschüre für neu angekommene Freiwillige, abends lernten wir zusammen mit einem togoischen Freund Französisch, erkundeten die Bars unseres Viertels und lernten Kpalimé (noch) besser kennen.

 

Das Leben nach Togo

Nun ist ein Monat seit meiner Rückkehr nach Deutschland vergangen und ich merke wie sich durch die Zeit in Togo meine Einstellungen und Gefühle gegenüber bestimmten Dingen verändert haben. So weiß ich z. B. vieles hier in Deutschland, was ich früher für selbstverständlich hielt, unglaublich mehr zu schätzen oder überlege in der ein oder anderen Situation: „Was hätten meine togoischen Freunde jetzt wohl gesagt? Wie hätten sie sich jetzt wohl verhalten?“ Ich denke oft mit guten Gefühlen zurück an die Zeit in Togo, an die vielen tollen verrückten Gespräche, die ich mit Freunden, mit Kollegen oder auch ganz spontan mit Leuten auf der Straße immer wieder hatte und freue mich darüber wie nah und verbunden man sich Menschen fühlen kann, die doch so unterschiedliche Lebensbedingungen haben.

 Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.