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MTV in Indien 2013/14

Wenn in den Zeitungen und Medien tagtäglich über Vergewaltigungen und Misshandlungen von Frauen in Indien berichtet wird und man dennoch einen 5 monatigen Aufenthalt ebendort plant, gibt es einige Widrigkeiten auf sich zu nehmen. Die größte war mit Sicherheit die erschreckten und sorgenvollen Blicke von Freunden und Familie zu sehen...
Name: Antonia H. Alter: Einsatzstelle: Rural Medication, Chengam, Tamil Nadu Inhaltliche Ausrichtung: Gesundheitliche Aufklärung/ Teaching/ HIV Support

..., wenn ich von meinen Reisevorbereitungen erzählt habe. Ständig zu sehen, wie sich die Leute in meiner Umgebung schlimmste Gedanken und mir ein schlechtes Gewissen machen, dass ich diese Reise antreten will und mich in „solche Gefahr“ bringen will, war zwar sehr anstrengend – aber es hat mich auch vorangetrieben, diese Entscheidung für mich zu treffen und zu zeigen, dass viel mehr hinter diesem Land steckt, als momentan im Westen verbreitet wird.
Das ganze ändert nichts an der Tatsache, dass ich im Flieger nach Bangalore natürlich Rotz und Wasser geheult habe und mich durchgehend gefragt habe, warum ich das jetzt genau nochmal mache. Aber sobald ich in die stickige, warme Nachtluft aus dem Flughafen getreten bin, war mir klar: Es war eine gute Entscheidung und ich stehe hier vor einem der größten Abenteuer meines Lebens.
Wie bei allen FSL Programmen ging es los mit einer Orientierungswoche im FSL Büro in Bangalore. Innerhalb von Stunden wurde unsere große Gruppe internationaler Freiwilliger eine große gemeinsame Familie, in der es sehr harmonisch vor sich ging und schon Treffen und Reisen geplant wurden. Ich empfand die Orientierungswoche aber nicht nur deswegen sehr hilfreich, sondern auch um grundlegende Informationen und „Einsteigertipps“ zu erhalten, sei es, wie zum Kuckuck man den Reis mit Händen essen sollen, wie ich Schulkids auf Tamil etwas erklären kann oder dass wir unsere Beine vor ehrenvollen Personen lieber nicht überkreuzen – und natürlich noch vieles mehr. Die zweite Aufregungshürde war dann die Ankunft in der Einsatzstelle  selbst. Ich erinnere mich noch sehr deutlich an das Bild, welches ich abgegeben haben muss mit meinem riesigen Rucksack und hilflosem Blick inmitten des Busbahnhofs der Kleinstadt Chengam. Trotz nicht funktionierenden Handys, habe ich es trotzdem in meine Gastfamilie geschafft und bin ab der ersten Sekunde mit einer Herzlichkeit und Fürsorge umsorgt worden, wie es mir nur selten vorher passiert ist. Im Nachhinein stelle ich auch fest, dass das tägliche Leben in der Gastfamilie mit gemeinsamem Kochen, im Haushalt helfen oder Familienausflügen wohl einer der wichtigsten und positivsten Aspekte meines Aufenthalts dort war.
Das gute war, dass meine Gastmutter auch Chefin der Organisation war, für welche ich letztendlich gearbeitet habe. So war es möglich, zu jeder Tages- und Nachtzeit aktuelle Probleme oder Aufgaben zu besprechen. Es war eine sehr kleine NGO, sodass meine Mitvolontärin und ich dann zu den Hauptkoordinatoren aller Projekte wurden. Die Arbeit war sehr vielfältig; an manchen Tagen bin ich „nur“ in die umliegenden Dorfschulen gefahren, um English und Gesundheitsunterricht zu geben, das heißt mit den Kids Vokabeln zu üben oder zu singen und zu spielen. An anderen Tagen war Computerarbeit angesagt, das heißt Fundraising, Koordination von Projekten oder Kontakt zu potentiellen Spendern. Nach einem Monat habe ich mich dann auf Arbeit mit HIV+ Frauen in der Umgebung konzentriert. Auch das war mehr ein Zufall; dadurch, dass zwei der Frauen plötzlich in unserem Office saßen und um Unterstützung gebeten haben. Wir haben dann gemeinsam ein Partnerschaftssystem entwickelt, in welchem deutsche Familien drei Jahre lang eine indische HIV Familie unterstützen. Davon konnten wir dann zwei Kühe erwerben, welche nun als Haupteinnahmequelle für die Frauen dienen und zusätzliche Nahrungsmittel für die Frauen beschaffen.
Eine andere Arbeit war der Besuch und die Schulung von lokalen Frauengruppen. Manche Treffen waren eher schulischer Art, das heißt wir haben über frauen-spezifische Themen gesprochen; an anderen Tagen haben wir zusammen Schmuck gebastelt und diesen dann verkauft. Von den Einnahmen wiederum konnten wir einen Schneiderkurs starten, der kurz nach meiner Abreise schon der zweiten Gruppe an jungen Frauen eine Chance auf eine Anstellung als Schneiderin gibt.
Kurz gesagt, jeder Tag hatte einen anderen Ablauf und das hat die Arbeit letztendlich so spannend gemacht. Ich stand in engem Kontakt zu meiner Gastfamilie, um die Projekte möglichst gut auszuführen. Trotz des Kommunikationsproblems, dass Englisch in meinem Umfeld eher weniger verbreitet war und ich kaum Tamil sprach, war es doch immer irgendwie möglich, zu kommunizieren und einen regen Austausch zu haben.
An den Wochenenden haben wir Freiwilligen uns oft in einer Stadt gemeinsam getroffen, was nicht nur schön war, um möglichst viele von Indien zu sehen, sondern auch sich auszutauschen und zu motivieren. Auch die monatlichen Treffen der Volunteers, organisiert von FSL, waren eine gute Gelegenheit über Probleme oder Gedanken zu sprechen.
Viele fragen mich nun, was denn mein tollstes oder eindrücklichstes Erlebnis in Indien war. Eine Antwort kann ich darauf nur mäßig gut geben – wenn ich an meinen Aufenthalt dort zurück denke, ist es eine Sammlung von Bildern, Gerüchen, Geräuschen, Gesprächen usw. die meine Zeit dort ausmachen. Fast so wie ein weißes Blatt Papier, dass nun gestaltet wurde und dass ich mir immer in Erinnerung behalten werde.
Alles in allem, waren es 5 der besten Monate meines Lebens. Ich will nicht verdecken, dass ich auch Schlimmes in dieser Zeit erlebt und gesehen habe und das Indien ein Herausforderung ist – für Freunde und Familie, vor allem aber für mich selbst. Wenn ich eines gelernt habe, dann dass jeder Mensch anders ist. Klingt simpel, ist aber gerade in Indien unglaublich wichtig, da jeder die unterschiedlichsten Dinge anders wahrnimmt und verarbeitet. Aber mit der richtigen Mischung aus Vorbereitung, Reife aber auch einer gehörigen Offenheit, Akzeptanz und Flexibilität kann es eine sehr eindrückliche Erfahrung für einen selbst werden. Zumindest war das für mich und ich möchte die Zeit dort nicht missen. Und die nächste Reise bzw. der nächsten Freiwilligendienst ist schon in Planung…

Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.