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MTV in Nepal 2011/12

Elfeinhalb Stunden saß ich im Flugzeug bevor ich in Nepal ankommen sollte. Es lag eine Zeit hinter mir voller Zweifel, Vorfreude, Angst, Spannung und Stress. Ich hatte mein Abitur gemacht und wollte etwas anderes, als gleich darauf ein Studium und wieder so viel büffeln zu müssen. So hatte ich mich für ein halbes Jahr Freiwilligenarbeit in Nepal entschieden.
Name: Marlene F. Alter: Einsatzstelle: FFN - ShreeVidyaYoti Secondary School, Khahare, Lamjung Inhaltliche Ausrichtung: Teaching

Wieso Nepal? Ich weiß es selber nicht genau. Nach Indien wollte ich gefühlsmäßig nicht und Indonesien war mir schlichtweg zu heiß. Da ijgd kein anderes asiatisches Land zur Auswahl hatte wählte ich Nepal. "Kann so schlecht nicht sein" dachte ich mir und überzeugte auch Clara, die ich auf dem Seminar kennengelernt habe mit mir zu kommen. Denn auch sie schwankte zwischen Indonesien und Nepal. Nun, da saßen wir mit unseren großen Rucksäcken im Flugzeug und fieberten unserer Landung entgegen. Müde waren wir nicht. Die Aufregung hielt uns wach.


Und dann sah ich unter mir das Land in dem ich 5 Monate leben wollte. Zuerst viele silberne Adern: Die Flüsse des Terrai. In unregelmäßigen auf- und ab schwangen sich die Hügel, die unsereins ehr Berge nennenwürde,grün und fruchtbar durch die mittlere Ebene. Doch dann wurde mir klar, warum die Nepalesen dies nur "hills" nannten, denn dahinter erblickte ich "the mountains". Eine Kette von West nach Ost erstreckte sich das Himalaya. Weiß und erhaben stand es dort und ließ mich erzittern vor Vorfreude auf Nepal. Was dieses Land wohl alles für mich bereit hält? Nun, zuerst war es nur Chaos. Clara und ich wurden nicht wie eigentlich erwartet von der Organisation abgeholt und so mussten wir uns selbst durch die Massen von Taxifahrern kämpfen und einen passablen Preis aushandeln. Als wir dann endlich durch Kathmandu fuhren, war die Aufregung noch nicht zu Ende. Wir lachten und kicherten vor Schock über diese Stadt. Sie war so voll! Und laut! Und so viele Menschen! Und Vor allem: Überall Tiere! Ziegen, Affen, Hunde, Hühner und dann die Kühe. Seelen ruhig standen sie mitten' auf der Straße oder grasten am Straßenrand im Dreck. Es war unfassbar. Auf so etwas kann man sich nicht vorbereiten, selbst das ijgd Seminar konnte das nicht. Natürlich wurde immer gesagt "jaja du bekommst einen Kulturschock", doch ich konnte mir selbst nicht vorstellen wie genau ein "Kulturschock" aussah. Das war es dann wohl: Hilflos dem Taxifahrer ausgeliefert, der uns ins Innerste von Thamel (dem Stadtviertel Kathmandus wo die meisten Hotels und somit Touristen sind) fuhr. Endlich in unserem Zimmer (auch hier wieder Lachen und halbe Verzweiflung aufgrund des Bads) legten wir uns erstmal auf unsere Betten und atmeten tief durch. "Wir sind zu zweit", dachten wir immer wieder, "somit ist alles nur halb so schlimm" Nachdem wir unsere Organisation kontaktiert hatten, verbrachten wir eine Woche im Haus des Chefs von FFN.

Es war eine nette Zeit, wlr erkundeten Kathrnandu zu Fuß und mit dem Taxi. Sahen uns die Sehenswürdigkeiten an und aßen das erste Mal "Dhalbhat", DAS Nationalgericht Nepals. Es besteht aus Reis mit linsensoße und Gemüse. Das Verhältnis Reis zu Gemüse ist ca. 4: 1 und somit ahnte ich schon, dass diese kohlenhydratreiche Kost nicht ganz unbemerkt an meinem Körper vorbeigehen würde. Schön war, dass noch zwei andere Mädchen in dem Haus wohnten. Sie lebten schon zwei Monate in Nepal und somit hatten wir genug Zeit, sie zu löchern und Fragen zu stellen. Als die erste Woche rum war brannten wir jedoch richtig darauf, dass es nun "losgeht". Clara und ich hatten uns entschieden in der Nähe von Pokhara, aber im ländlichen Raum unsere Freiwilligenarbeit zu leisten. Außerdem wollten wir zwar jeder eine "eigene Schule" und Familie, aber trotzdem in Laufdistanz entfernt, so dass wir zwar jeder unser eigenes Ding haben und aber trotzdem immer treffen könnten. Prakash, der Kopf von FFN fand auch eine Einsatzstelle, die perfekt war. Clara sollte in Sundarbazar wohnen, ich eine halbe Stunde entfernt im Dorf Khahare. Und so fuhren wir los. Schon die Busfahrt war aufregend genug und die sechs Stunden gingen wie im Flug vorbei, da es aus dem Fenster so viel zu sehen gibt! Ich hatte in meinem Reiseführer gelesen, dass man am Besten nur mit Touristenbussen fahren sollte, doch im Laufe meiner Zeit in Nepal merkte ich, dass das schlichtweg unmöglich war. Denn an die meisten Orte fahren überhaupt keine Touristenbusse. Die Localbusses waren zwar laut, ungemütlich und meistens vollgestopft, aber es ist einfach ein Erlebnis und ohne sie hätte ich nie soviel tolle Nepalimusik kennengelernt! Gelebt habe ich dann wirklich in einem Dorf. Jeder kannte jeden und Nachrichten verbreiteten sich wie ein Lauffeuer.

Ich wohnte in einer Familie mit 4 Kindern. Suja (11), Ganesh (13), Pooja (15) und Nisha (16). "Meine" Eltern (Goma und Barath) arbeiteten in der zwei Minuten entfernten Kantine der Schule und schliefen auch dort. Somit waren sie so gut wie nie, außer Sonntags, zuhause. Da Nisha im Hostel der Schule schlief, kümmerten sich meine drei übrigen Geschwister um mich. Sie weckten mich morgens um 7 Uhr mit wildem Klopfen an der Tür "come Melina, fast, eattea!" und sagten mir immer rechtzeitig Bescheid, wenn es Zeit war in die Kantine zum Abendessen zu gehen. Meine Kinder sind mir wirklich sehr ans Herz gewachsen und die Zeit mit meiner Familie zu verbringen, mit ihnen Scherze zu machen bzw. wenn meine Kinder mit mir Scherze machten, mich neckten und aufzogen, liebte ich am meisten. Abends in der Kantine war oft die schönste Zeit des Tages, wenn wir auf der Pritsche in der Küche saßen, redeten und die schlafende Suja im Arm hielt, während Ganesh mir die Haare flocht. Ich genoss es auch sehr mit ihnen auf ihre Felder zu gehen und Linsen, Reis oder Blumekohl zu ernten oder einfach nur die Erde umzugraben. Mein Tagesablauf war geprägt von sehr viel freier Zeit. Ich wurde um sieben Uhr geweckt und trank zum Frühstück dudchia (Milchtee). Wenn ich Glück hatte bekam ich manchmal Mokkai (Popcorn) oder Cocnutcuiscits dazu. Am Anfang war es hart für mich morgensnicht viel zu essen, aber mit der Zeit gewöhnte ich mich daran und jetzt in Deutschland muss ich mich auch erst wieder zurückgewöhnen. Im Winter wenn es draußen zu kalt war um sich zu waschen (wie ich fand) legte ich mich bis neun Uhr einfach wieder ins Bett und hörte Hörspiele. Unser Wasser holten wir mit Eimern aus einem öffentlichen Tap und somit war es morgens noch immer eiskalt von der Nacht. Ich duschte mich (ich ging immer in die Toilette und schüttete das Wasser mit einer Handkelle über mich) auch immer nur nachmittags, wenn das Wasser wärmer geworden war. Um neun Uhr fing das "schönmachen" an. Meine zwei Mädels standen vor meinem Fenster (das wie ein Spiegel funktionierte) und schmierten sich "Whiteningcream" ins Gesicht, umrahmten" die Augen schwarz und -ganz wichtig!- klebten sich eine rote oder silberne Tikka auf die Stirn. Auch ich zog meine Lehreruniform an (sie hatten extra für mich keine Saris- die sind so kompliziert zum Anlegen- sondern Kurtasurwal ,das ist eine Hose und ein langes Hemd gekauft) und dann ging es zur Schule wo ich um 10 Uhr meine erste "richtige" Mahlzeit zu mir nahm: dhalbhat. Dhalbhat gibt es jeden Morgen und jeden Abend. Ca. dreimal hab ich in meiner viermonatigen Zeit Chapathi gegessen und auch nur weil ich danach verlangt habe. Sonst gab es immerzu nur Reis.

Es gab Tage, da hing es mir total zum Hals raus aber mit der Zeit habe ich mich auch immer mehr gefreut und ich konnte die Unterschiede zwischen gutem Reis, linsen und Gemüse erkennen und dann auch entsprechend "mithucha" (es ist lecker!) sagen. Nach der Essemply, wo alle Schüler die Nationalhymne singen, ging es in den Unterricht los. Ich hatte die Klassen 4 und 5 in Science und 6 " und 7 in Englisch. Mit der Zeit hat man ein Gefühl dafür bekommen, was man tun und machen muss, um die Klasse zu animieren und einen befriedigenden Unterricht zu führen. Allerdings gab es manchmal auch Tage an denen die Klassen so unruhig waren, dass man froh war überhaupt was geschafft zu haben. Das Problem war auf der einen Seite, dass vor allem 6 und 7 so groß waren mit 60 Schülern (Klasse 6) und 40 Schülern (Klasse 7). Das hieß nicht, dass sie deswegen unbedingt lauter waren (Klasse 4 habe ich, obwohl es nur 30 Schüler waren, nach einer Zeit aufgeben, weil  es mir unmöglich war dort Unterricht zu halten), aber ich konnte mich leider nicht auf alle Schüler konzentrieren und sie auch nicht dementsprechend kontrollieren oder fördern. Trotzdem gab es aber auch immer wieder schöne Erlebnisse, wenn z.B. Kinder einen rührenden Text über ihre Eltern schrieben oder andere wunderschön vor der Klasse vorlasen. Ich habe vor allem versucht das freie Sprechen und Schreiben und auch das Lesen zu üben. Irgendwann nahm ich den Unterricht auch viel lockerer und scherzte mit den Kindern oder machte, wenn ich merkte, dass es zu unruhig wurde, Klatsch- Sing- und Rätselspiele. Das begeisterte die Kinder sehr, selbst in der 7 Klasse, wo ich dachte, dass sie dies für "kindisch" hielten. Sonst unterscheiden sich nepalesische Schüler nicht im Geringsten von Deutschen. Es gibt ebenso den Klassenclown, den Reinrufer, die Quatschliesein und Träumer, aber auch "Streber", sehr motivierte und aufmerksame Schüler.

Um die Mittagszeit war "Tippingtime", große Pause sozusagen und in der Kantine konnte man sich warmes Essen kaufen. Das war meistens Kartoffeleintopf mit in Fett rausgebratenem Gebäck. Das hat mir wirklich sehr gut geschmeckt! Danach hatte ich noch eine Stunde (das entsprach 40 min.) Unterricht und dann gings ab nach "Hause". Alle anderen Lehrer und Schüler hatten bis 16 Uhr Schule. Somit hatte ich Zeit für mich und wusch entweder meine Wäsche, "duschte" mich oder fegte mein Zimmer aus. Danach machte ich meistens auch einen Spaziergang runter nach Sundarbazar zu Clara. Wir setzten uns zu ihr aufs Dach um unsere täglichen Wehwechen, wie Heimweh, Bauchschmerzen oder Schule zu besprechen. Wir taten nichts anderes als die ganzen anderen Nepallfrauen und plapperten die Stunden vorbei, während wir süßen Tee tranken und Coconutbiscuits aßen. Manchmal schlenderten wir auch durch Sundarbazar, kauften Äpfel oder Bananen und versuchten ob das Internet funktionierte. Wenn es dann langsam Dunkel wurde, machte ich mich auf den Weg zurück. Vor allem im Dezember und Januar war es abends sehr kalt und dann zog ich mir alles möglichen Kleider über bevor wir wieder in die Kantine zu dhalbhat marschierten. Die Stunden in der engen Kantine mit meinen Geschwistern und Eltern war fast immer die schönste Zeit des Tages. Wir scherzten, lachten und neckten uns und dann kam einer meiner Geschwister und kuschelte sich auf meinen Schoß oder zog mir an der Nase.

Ich habe mich wirklich sehr gut mit ihnen verstanden und bei ihnen war ich definitiv nicht mehr die "Lehrerin" die ich tagsüber zu sein versuchte, sondern verwandelte mich in ein rumalberndes Mädchen. Manchmal jedoch übertrieben sie es und es war schwer sie dann zu stoppen. Wenn wir aber dann an unserm Häuschen ankamen und Ganesh "Sleep weil Melina! Have a nice dream with Vampires!" rief und ich zurückrief .And you have a nice dream with Tigers!" war alles wieder vergessen. Die Wochenenden waren oft das Highlight der Woche. Leider ist ja immer nur der Sonntag frei, aber dann traf ich entweder Freunde von Clara und wir düsten auf dem Rücksitz auf einem Motorrad durch die Gegend oder ich machte mit meinen Kindern einen Ausflug auf einen Hügel oder Clara und ich waren irgendwo zum Essen eingeladen. Auf jeden Fall waren es immer sehr schöne Tage und das Wetter war echt immer super (ich denke es hat höchstens 5 Tage wirklich geregnet). Ingesamt waren meine vier Monate in Lamjung geprägt von Höhen und Tiefen, aber alle Leute haben sich ehrliche Mühe gegeben, dass mein Aufenthalt so schön wie möglich ist.

Das was mich belastete, wie Heimweh, Bauchschmerzen und einfach die Schwierigkeiten sich neu anzupassen und stark zu sein, hätten auch die Menschen nicht ändern können. Ich habe viele, wirkliche Freunde gefunden, die immer in meinem Herzen bleiben und ich habe Einblicke bekommen, die einem Touristen verwehrt bleiben. Ich sehe die Nepalesen auch nicht als "andere, wunderbare, exotische Menschen", sondern als Personen wie du und ich, mit Fehlern, schlechten Eigenschaften, aber auch genauso witzig und liebenswürdig. Natürlich gab es auch kulturelle Differenzen, bei denen ich manchmal schlucken musste, aber diese Zeit war manchmal ebenso langweilig (wie das Dorfleben nun mal ist), aber auch ebenso aufregend und bereichernd. Es ist kein Trip mit dauerndem Adrenalinstoß und man macht nicht jeden Tag neue "krasse" Entdeckungen. Es sind die kleinen Dinge, die einen bewegen und im Gesamtbild ist es dann so was Besonderes. Ich bin sehr froh dort in der Gemeinschaft gelebt zu haben und werde es wirklich nie vergessen (auch wenn manche Nepalesen, das immer befürchteten "When you are back in Germany, you will forget me ... ) Es ist so wie Nalin zu mir sagte: .Nepalis are maybe not rich in money, but they are rich in their heart"

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