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Explore New York

New York. Die Stadt, die niemals still steht. Die Stadt, wo tausende von Nationalitäten aufeinandertreffen. Die Stadt, die nur so von Wolkenkratzern wimmelt. Und mittendrin bin ich.
Name: Meron G. Alter: 22 Jahre Einsatzstelle: Explore New York Inhaltliche Ausrichtung: Social work

Eines stand für mich fest: Dieses Jahr möchte ich auf jeden Fall etwas Neues erleben. Etwas, was ich zuvor noch nie in meinem Leben gemacht habe und was mir immer in Erinnerung bleiben würde.


Die Vorbereitungen

Ich recherchierte im Internet nach Praktika im Ausland oder andere Kurzaufenthalte. Schließlich stieß ich auf sogenannte Workcamps. Das sind Freiwilligenarbeiten (englisch: volunteering), die von jedem abgeleistet werden können. Egal ob jung oder alt, einfach von allen!
Ich war sehr überzeugt von diesen Workcamps und suchte nach passenden Angeboten. Soll es Südafrika sein, wo ich schon immer einmal hin wollte? Oder doch lieber die USA, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Für Aufenthalte in Entwicklungsländern war es leider schon zu spät, da man vor der Abreise einige Vorbereitungskurse besuchen musste, um zum Beispiel mit den dort herrschenden Hygienestandards umgehen zu können.                                  
Schließlich entschloss ich mich für die USA, New York sollte es sein. Also, ganz kurzfristig schickte ich meine Bewerbungen an die Organisation Sprout in New York/Manhattan zu und wartete gespannt auf eine positive Antwort.    

Sprout

Sprout ist eine Organisation, die seit 1979 Menschen mit geistiger Behinderung und Entwicklungsstörungen unterstützt. Diese Organisation führt mit den Teilnehmern mehrtätige Reisen innerhalb der USA und einmal im Jahr auch außerhalb der USA durch. Außerdem werden diesen Menschen Tagesausflüge in New York angeboten, wie zum Beispiel Bowling spielen oder diverse Kulturfestivals besuchen. Das Ziel besteht darin, das Selbstbewusstsein, die Eingliederung in die Gesellschaft  und auch die Kreativität der Menschen mit Beeinträchtigungen zu entwickeln und zu fördern. Dafür benötigt die Organisation mehrere Freiwillige aus verschiedenen Ländern. Egal welchen Alters, mit einem Bildungsabschluss oder ohne: Alle sind willkommen! Wichtig ist, dass man gerne mit Menschen arbeitet und die Englischkenntnisse auf einem fortgeschrittenen Niveau sind.

New York, ich komme!

Nachdem meine Bewerbung akzeptiert wurde, hieß es für mich am 25. August 2014: „New York, ich komme!“ Mit einem guten, aber auch etwas skeptischen Gefühl für das, was mich dort erwarten würde, trat ich die Reise an. Angekommen in New York, war ich sofort von den riesigen Gebäuden mitten in Manhattan überwältigt. Sofort machte ich mich auf dem Weg in das Hostel, das für die nächsten paar Wochen mein zu Hause sein sollte. Im ersten Moment erhofft man sich nicht das beste Ambiente in einem Hostel: Es sind etwa zehn Menschen auf engstem Raum zusammen und für das Essen muss man selbst aufkommen. Das American International Hostel in Manhattan war aber viel ansprechender. Ein Außengarten für entspannte Abende, ein Billiardtisch und zahlreiche Angebote von Touren, die größtenteils umsonst waren. Das alles hatte das „Luxus-Hostel“ zu bieten. Und das Beste: Eine Küche, wo jeder kochen konnte, was er oder sie wollte!

Mein erster Tag bei Sprout

Am nächsten Morgen machte ich mich sehr gespannt auf den Weg zum Büro der Organisation, das nur ein paar Minuten vom Hostel entfernt war. Eine Mitarbeiterin erklärte mir alle die verschiedenen Aufgaben, die ich auf den Reisen zu erledigen hatte. Und das war eine ganze Menge: Auf das Budget achten, alle durchgeführten Aktivitäten dokumentieren, Medikamentenvergabe und und und. Es ist eine sehr große Verantwortung, die man hat. Aber zum Glück ist man nicht alleine mit den ganzen Aufgaben, denn es sind immer drei Anführer (englisch: leaders) dabei, die ebenfalls diese große Verantwortung tragen. Es gibt drei Arten von Anführern: 1., 2. und 3. Anführer. Der 1. Anführer ist für die Medikamentenvergabe zuständig und gilt auch im Allgemeinen als der Ansprechpartner für Probleme und Unfälle. Einen ersten Anführer kann man nur nach mehreren durchgeführten Reisen werden, das heißt wenn schon eine gewisse Sicherheit im Umgang mit den Aufgaben besteht. Der 2. Anführer ist für die Organisation der Aktivitäten zuständig. Während der letzte, der 3. Anführer für das Aufbewahren und Kalkulieren des Geldes verantwortlich ist. Jeder hat seine Aufgaben und jeder der Führer muss sich gleichzeitig um 8-11 Menschen mit geistiger Behinderung kümmern. Das hört sich auf den ersten Blick sehr anstrengend an, aber diese Menschen sind sehr liebenswert, frei von Vorurteilen und sie genießen ihr Leben sehr, trotz vieler Einschränkungen. Es war faszinierend mit anzusehen, wie diese Menschen sich über jede Kleinigkeit, selbst über einen “normalen“ American Burger gefreut haben. Gleichzeitig lernt man daraus selbst, dass das Leben aus so vielen kleinen Dingen besteht, die es lebenswert machen.

Auf Reisen

Ich war insgesamt auf drei Reisen unterwegs, unter anderem in die tolle Stadt Boston. Eine Stadt, die mit den besten Universitäten  der USA ausgestattet ist. Eines davon ist die berühmte Universität Harvard. Aber auch eines der tollsten Aquarien der USA und weitere zahlreiche Bosten Tea Partys Museen hat Boston ebenfalls anzubieten. Unterwegs war ich dort mit einer Anführerin aus New York und einem weiteren Anführer aus Mexiko. Bei dieser Reise waren insgesamt 10 Teilnehmer anwesend.

Sprechen mit Zeichensprache

Einer von ihnen hieß Glenn und war stumm. Es war sehr schwierig sich mit ihm zu verständigen, deshalb wandte man eine Art „Zeichensprache“ an. Wenn er seinen Daumen hoch streckte, hieß dies: „ Ich muss auf Toilette gehen“. Es war wahrhaftig nicht immer leicht zu wissen, was er gerade wollte. Oft konnte man es nur nach seiner Laune erahnen. Das heißt, wenn er mit allem zufrieden war, sagte er immer „Baba“: Das war eben ein Hamburger. Glenn liebte Burger, besonders mit sehr viel Ketchup, am liebsten mittags und abends. Dann war er restlos glücklich. Es gab aber auch gewisse schwierige Situationen mit Glenn. Eine davon war ein von den Anführern geplanter Bootsausflug. Wir mussten ihn leider absagen, da einige der Teilnehmer/innen, unter anderem Glenn, und die beiden Susans große Angst vor Bootsfahrten hatten. Als wir Glenn von unserer geplanten Bootstour erzählten, wurde er sehr aggressiv und fuchtelte wild mit seinen Händen herum. Also sagten wir ihm, dass das Bootsfahren ausfallen würde und dass die Anführer sich etwas anderes überlegten. Aber dies schien er uns am Anfang nicht abzunehmen. Er schnaufte sehr heftig, beruhigte sich aber bald. Wegen solcher Verständigungsprobleme hat er des Öfteren sehr aggressiv reagiert oder war sehr beleidigt, sodass man mit ihm überhaupt nicht mehr kommunizieren konnte.

Herausforderungen auf Reisen

Eine andere Beteiligte namens Susan beschwerte sich immer über Schmerzen am Knie und dass sie immer so müde wäre. Sie klagte immer dann, wenn wir lange Spaziergänge unternahmen. Auch sie reagierte öfters genervt und aggressiv. Es kam einem manchmal so vor, als ob sie sich die Schmerzen nur einbildete, weil sie letztlich immer doch einer der schnellsten Läufer war. Es gab aber auch eine Teilnehmerin namens Joanne, die an jedem Tag einfach glücklich mit allem war. Sie genoss alle Aktivitäten sehr und wurde von allen immer sehr gemocht. Dabei hatte es Joanne so ziemlich am schlimmsten  von allen getroffen. Sie vertrug kaum Lebensmittel und musste immer darauf achten, dass ihr Essen glutenfrei war. Die Anführer waren damit in einigen Situationen  überfordert gewesen, da sie vieles nicht aß und nicht immer vom Essen satt wurde. Dazu noch musste Joanne, da sie Allergikerin ist, am Tag mehr als 15 Tabletten zu sich nehmen. Das muss man sich erst einmal vorstellen! Es war aber bewundernswert, wie gut sie das alles immer meisterte.


Ein weiterer Mitwirkender auf der Boston Reise war Ronald. Es war seine erste Reise mit Sprout und er war leider die ganze Zeit durch demotiviert und ziemlich antriebslos. Eigentlich war er aber ein sehr sozialer und freundlicher Mensch, auch wenn dies nicht immer so deutlich wurde. Wenn man alleine mit ihm im Gespräch war, dann hat öffnete er sich und auch erzählte manchmal witzige Geschichten. Er war aber nicht besonders kontaktfreudig und wollte öfters alleine sein und einfach nur seine Zigarette rauchen. Bei dem Gruppenfoto wollte er nicht mitmachen und beim Essen wollte er lieber alleine sitzen. Man musste oft eine große Überzeugungskraft mit sich bringen, um Ronald zu etwas zu motivieren. Man trifft auf sehr unterschiedliche Menschen mit geistiger Behinderung auf den „Trips“. Viele von ihnen sind zurückhaltend und schüchtern, während andere wiederum sehr aktiv und auch aggressiv sein können. Man sollte auf jeden Fall auf alles vorbereitet sein, auch auf Wutattacken oder heftige Heulanfälle.

Was ich aus meinem Freiwilligendienst mitnehme

Ein Freiwilligendienst bringt sehr viele Vorteile mit sich mit.  Eine tolle Sache ist die erhebliche Verbesserung der eigenen  englischen Sprachkenntnisse. Ganze sechs Wochen habe ich mich fast nur auf Englisch unterhalten, was nicht immer gerade so ganz einfach war. Aber automatisch wurde mein Englisch besser! Abgesehen davon, lernt man viel an Verantwortungsbewusstsein und Selbstständigkeit dazu. Das Vergeben von Medikamenten zum Beispiel verlangt enorme Konzentration, zumal die meisten der Klienten am Tag mindestens um die acht Tabletten einnehmen müssen. Morgens, gegebenenfalls mittags und schließlich abends. Auch muss man des Öfteren nach der Gefühlslage der Menschen nachfragen. Wie fühlen sie sich, sind sie mit allem zufrieden (Aktivitäten, das Essen) oder haben sie irgendwelche gesundheitlichen Beschwerden? Es kann alles sehr anstrengend werden; man muss davon ausgehen, dass viele Klienten oft die Fragen wiederholen oder immer wieder dieselben Geschichten erzählen. Zugegeben, es kann an der einen oder anderen Stelle etwas mühsam sein, aber die Menschen dann hinterher immer so glücklich und zufrieden zu sehen, macht einen doppelt so viel glücklich!

Interkultureller Austausch

Während meines Aufenthaltes in den USA habe ich unglaublich viele nette Menschen kennen gelernt. Menschen aus den verschiedensten Ländern, wie Korea, Brasilien, Taiwan, Finnland und viele viele mehr. Ich kann nur jedem empfehlen, mal so etwas wie den Freiwilligendienst zu absolvieren, weil es einfach eine große Bereicherung im Leben ist. Arbeit und Urlaub zugleich vereinen sich und man wird einfach selbstbewusster und verantwortlicher. Man hilft anderen Menschen und weiß, dass man damit ihnen und sich selbst etwas Gutes tut.

Und zum Schluss

„In zwanzig Jahren wird man mehr enttäuscht sein über die Dinge, die man nicht tat, als von denen, die man tat. Also löse die Knoten. Segel weg von dem sicheren Hafen. Erfasse die Passatwinde mit deinen Segeln. Erkunde. Träume. Entdecke. " (Mark Twain, übersetzt aus dem Englischen)
                                     

 

Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.