Zum Inhalt springen

"Marilena, kann ich dich kurz allein lassen und alles für den Spaziergang vorbereiten?" " Natürlich, die Kinder sind ja gerade ruhig! Mach nur!"
Und wenige Sekunden später bereue ich diese Entscheidung zutiefst...
Ein Kind fängt an, über den Zaun zu klettern, um an den Windelmüll zu kommen. Während ich zu ihm laufe und ihn vom Zaun hole, öffnet ein anderes Kind das Tor und läuft auf die Straße.
Name: Marilena Alter: Einsatzstelle: Kinderheim Inhaltliche Ausrichtung: Arbeit mit traumatisierten und verhaltensauffälligen Kinder von 0 bis 6 Jahren

Ich lasse den Klettermax los, um dem Ausreißer hinterher zu laufen, zwei andere Kinder kommen mir aber zuvor und laufen in verschiedene Richtungen. Ich hinter dem ersten her. "OH GOTT, was ist, wenn denen was passiert? Was ist, wenn die anderen in den Wald rennen? Wie kriege ich alle zurück?", schießt es mir durch den Kopf, während ich versuche, die anderen beiden mit pädagogisch wertvollen Tricks zu mir zurück zu locken. Da sehe ich aus dem Augenwinkel, wie der erste Zaunkletterer die Mülltüte mit den bis zum Rand gefüllten "Kackawindeln" aufreißt, fange den ersten Wegläufer, laufe zurück, kriege mit Ach und Krach die zwei weiteren zurück, eile nun zu allen verteilten Windeln inklusive Spaßvogel, der beginnt, überall den Inhalt zu verteilen, kriege eine dicke Portion ab, als ich ihm die in seiner Hand abnehmen will...Kurz ausatmen.Im Gewirr von inzwischen sich hauenden, weglaufenden, schreienden, windelverteilenden Kindern gelingt es mir, nach der Erzieherin zu klingeln - und plötzlich ist sie da!Ich zittere, schwitze, laufe ins Haus, hole mir ein Glas Wasser und atme drei Mal tief durch!So, das war ein kurzer Einblick in mein FSJ in einem Kinderheim für traumatisierte und verhaltensauffällige Kinder von 0 bis 6 Jahren.Insgesamt war es ein unglaublich intensives und lehrreiches Jahr, voller Momente, die tief sowohl in meinem Kopf, als auch in meinem Herzen verankert sind.Es war nicht immer leicht, und das nicht nur aufgrund der Kinder, ihrer schweren Schicksale, ihrer Wildheit und Aggressivität. Auch, wenn nicht sogar vor allem wegen der hauswirtschaftlichen Arbeit, die in so einer Einrichtung hauptsächlich von uns FSJlern erledigt werden sollte; dazu die Missverständnisse in den gefühlt tausend Absprachen, die Herausforderung eines kollegialen Miteinanders und die persönlichen Entwicklungsschritte die innerhalb des Jahren aufgetaucht sind, alles das, hat mich auch immer wieder kämpfen, fluchen, weinen und an allem zweifeln lassen.Und trotzdem, ich bin froh, dieses Jahr gemacht zu haben!Insgesamt war es eine sehr stark zusammenhaltende, familiäre Stimmung, die mich durch das Jahr getragen hat. Wir Praktikanten konnten immer wieder auch in den pädagogischen Bereichen helfen, fragen, wenn wir etwas wissen wollten und toben, vorlesen, füttern, wickeln, spazieren, singen, basteln, backen, trösten, kuscheln, kitzeln und lachen. Ein "Danke für deine Hilfe" oder " Ohne dich hätte ich heute nicht überlebt!" kam auch immer wieder und aus tiefstem Herzen!Gerade für mich als Psychologie - Interessierte war es eine besondere Erfahrung, über ein ganzes Jahr so nah an Kindern zu sein, die mir, ob ich will oder nicht, zeigen, was es konkret für den Alltag bedeutet, eine unfassbar schwere Last aufgrund von Traumata mit sich herum zu tragen. Eine reale Vorstellung davon zu bekommen und alles praktisch an und vor mir ausgelebt zu bekommen, ist selten und wird mir in keinem Lehrbuch je begegnen. So kleine Wesen, die dir mit Erfahrungen, mit Leid, mit Angst, mir Schmerzen entgegentreten, die man sich selbst als Erwachsener kaum vorstellen möchte - und die dich plötzlich anlächeln und dich lieben, als hätten sie nie Negatives erlebt, werden nie aus einem noch so gut ausgearbeiteten Diagnostikbuch herausspringen. Diese einmalige Mischung aus tiefer Trauer, Wut, Verletzung, Unverständnis und Vertrauen, Liebe, Wärme und Offenheit, wo finden wir das bitte? Diese Kinder sind so stark! So schön! So besonders! Es ist schwer für mich, das alles loszulassen. Sie in diese Ungewissheit (Was wird aus ihnen? Wohin kommen sie? Wie entwickeln sie sich?) zu entlassen und meinen Weg ohne sie weiterzugehen.Ich habe durch sie gelernt, wie gut und wach man gerade ihnen begegnen muss, um teilweise erkennen zu können, was sie brauchen. Ich habe gelernt, sie eigenständige Persönlichkeiten sein zu lassen und mich nicht mit meinen Bedürfnissen einzumischen. Ich habe den Hauch einer Ahnung davon bekommen, was diese Kinder für innere Kämpfe und Kräfte haben und bin so erstaunt, wie schnell sie sich entwickeln. Ich beobachte viel genauer, ich bin viel ruhiger und bestimmter geworden. Dabei ist mir noch deutlicher geworden, was für eine unfassbar wichtige und große Aufgabe es ist, Kindern in dieser Welt in einer ehrlichen, freilassenden und vertrauensvollen Weise zu begegnen und nicht aus ihnen etwas machen zu wollen, was WIR uns vorstellen oder wünschen!Marilena, FSJ 2013/14

 

 

Dann bis bald in deinem FSJ! Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.