deutsch  
INTERNATIONALE JUGENDGEMEINSCHAFTDIENSTE IJGD

weltwärts in Indien 2009/10 FSL-09

Name: Stefanie H.
Einsatzstelle: FSL 09 -India
Sea Turtle Conservation Program and Eco-Tourism Program, Kundapur, India
Umweltschutz
September 2009 bis August 2010

Nach dem vierten Semester meines “Biodiversität und Ökologie” Studiums wuchs in mir der Wunsch, dem Hörsaal den Rücken zu kehren und statt theoretischer Auswendiglernerei,  praktische Erfahrungen im Naturschutz zu sammeln. Der weltwärts Dienst gab mir die Chance die Realität von Umweltschutzarbeit kennen zu lernen sowie die Schwierigkeiten und Lösungsmöglichkeiten zu verstehen.
Ich lebte und arbeitete in Kundapur, einem kleinen Städtchen im Bundesstaat Karnataka direkt an der Westküste Indiens. Mein zu Hause wurde meine wundervolle Gastfamilie, die mich von Anfang an als Teil der Familie und nicht wie einen Gast behandelten, so dass ich die Möglichkeit eines intensiven interkulturellen Austausches hatte. Wir haben uns gegenseitig von den Erlebnissen des Tages berichtet, Probleme und Sorgen geteilt, aber auch schöne Augenblicke und Freuden, miteinander gelacht. Mein Alltag war durch die abwechslungsreiche Arbeit nie langweilig und meine freie Zeit nutzte ich zum Lesen, Schreiben, quatschen mit meiner Gastmutter, Hindi-Serien schauen, Mathe-Nachhilfe für meine Gastschwester, indisch Kochen lernen. Ernste Verständigungsschwierigkeiten hatte ich selten: im Projekt und zu Hause wurde Englisch gesprochen, und mit einer Handvoll Wörtern Kannada und Hindi konnte ich in Kundapur und auf Reisen auch überleben.
Zunächst arbeitete ich im Meeresschildkrötenschutz-Projekt, welches das Ziel verfolgt das Aussterben der Meeresschildkrötenpopulation entlang der 60 km langen Küstenlinie in der Region Kundapur zu verhindern. Dies ist Nahrungsgebiet für die  Suppenschildkröte (Chelonia mydas) und Olive Bastardschildkröte (Lepidochelys olivacea). Letztere nistet auch an den Stränden zwischen September und Februar. Laut IUCN sinken beide Schildkrötenpopulationen, eine Entwicklung, die sich auch in der stark sinkende Zahl nistender Weibchen an der Küste Kundapurs widerspiegelt. Die Population der Schildkröten ist durch verschiedene, v.a. mensch-induzierte Faktoren, bedroht. Sie landen sehr häufig als ungewollter Beifang in Fischernetzen, ihre Eier werden gegessen und Lichtquellen am Strand führen zur Desorientierung von Schlüpflingen und können auch erwachsene Tiere davon abhalten zur Eiablage an diesen Strandabschnitt zu kommen. Außerdem graben Straßenhunde oft die Nester aus oder fressen die Schlüpflinge auf ihrem Weg zum Meer.
So vielfältig wie die Bedrohungen für die Schildkröten war auch mein Tätigkeitsbereich im Projekt. Die Aktivitäten lassen sich in drei grobe Bereiche aufteilen: Schutz von Eiern, Schlüpflingen sowie erwachsenen Schildkröten, Datenaufnahme und Bildungsarbeit. Beim Schutz der Nester lag die Priorität darauf die Nester möglichst ohne Umsiedlung vor Menschen und tierischen Räubern zu sichern. Dafür wurden einfache Holzkonstruktionen und Netze genutzt. Nur wenn sich ein Nest zu nahe am Wasser oder in einem Gebiet mit hoher menschlicher oder tierischer Bedrohung befand, wurde es in einen gesicherten Nestplatz umgesiedelt. Ein wichtiger Teil der Arbeit war die Dokumentation der Daten. Zum Beispiel begannen wir damit, die Nester nach dem Schlüpfen der Eier zu öffnen, um dadurch genau den Schlüpferfolg zu bestimmen und bei den ungeschlüpften Eiern zu schauen, ob sich überhaupt ein Embryo entwickelt hat, in welchem Stadium er sich befindet etc. Diese Daten wurden genutzt, um bei der Zusammenarbeit mit anderen Meeresschildkrötenschutz-Organisationen Populationsentwicklungen zu vergleichen, den Grad von Bedrohungen einzuschätzen und entsprechende Schutzmaßnahmen zu entwickeln. Ein wichtiger Bestandteil dieses Austausches mit anderen NGOs war das jährliche „Turtle Action Group“ (TAG) Treffen, woran ich als Repräsentantin unseres Projektes Teil nehmen durfte. Außerdem hatte ich das große Glück, dass im April das „International Sea Turtle Symposium“ (ISTS) zum ersten Mal in Indien statt fand und wir dadurch an den diversen Workshops, Vorträgen und Diskussionsforen Teil nehmen konnten. Dies brachte eine internationale Dimension und viele neue Ideen in unsere Projektarbeit. Für mich persönlich waren sowohl das TAG als auch das ISTS sehr bereichernde Erlebnisse, da es meine Erfahrungen in der Projektarbeit in eine internationale Perspektive gestellt hat. Dadurch wurde die Arbeit viel realer, nicht mehr so weit weg von meinem „eigentlichen Leben“ in Deutschland und ich habe eine realere Vorstellung davon wie ein berufliches Engagement im internationalen Naturschutz aussehen könnte.
Bildungsarbeit war ein weiterer wichtiger Bereich der Projektarbeit. Wir gingen an Schulen um z.B. in Form eines Puppentheaters die Gründe für die Gefährdung der Meeresschildkröten darzustellen und Möglichkeiten des Schutzes zu erklären. Des Weiteren besuchten wir Häfen und Strände, um direkt mit Fischern, unsere wichtigste Zielgruppe, zu reden. Wir bauten auch sogenannte „Turtle Information Center“ an den Stränden zusammen mit Fischern und deren Kindern. 
Nach dem Ende der Schildkrötensaison wechselte ich Anfang Mai in das Ökotourismus-Projekt. Dieses hat zum Ziel eine nachhaltige Form von Tourismus in Kundapur zu etablieren. Das Ökotourismus-Projekt legt Wert darauf, dass die Aktivitäten für Touristen die Umwelt nicht belasten, ein zusätzliches Einkommen für die Einheimischen generieren und es den Touristen ermöglicht einen Einblick in die Lebensweisen der Menschen zu erhalten. Im Rahmen dessen stand die Zusammenarbeit mit den Bewohnern der Insel „Kannada Kudru“, die sich im Flusssystem nördlich von Kundapur befindet, im Mittelpunkt der Arbeit. Meine Aufgabe im Projekt bestand zum Beispiel darin Bootstouren zu organisieren und diese dann auch zu leiten. Dabei wurde Wert darauf gelegt, dass die Touristen ein kleines Stück des „wahren Indiens“ fernab von Massentourismus kennen lernen können. So nutzten wir öffentliche Verkehrsmittel, um zum Fluss zu gelangen, machten dann eine Bootstour in einem Einboot, welches der Bootsmann mit einem langen Holzstab nur mit seiner Muskelkraft bewegte. Anschließend gab es typisches südindisches Essen bei einer Familie. Es gab auch die Möglichkeit auf der Insel im Haus einer Familie zu übernachten.
Weiterhin haben wir eine Umfrage auf Kannada Kudru bezüglich der landwirtschaftlichen Aktivitäten der Familien gemacht. Die Ergebnisse nutzten wir, um mit der Landwirtschaftsbehörde zusammenzuarbeiten und in Zukunft Seminare für die Bauern organisieren zu können, in denen verbesserte Anbaumethoden vorgestellt und die Behandlung von Pflanzenkrankheiten erläutert werden. Um das Ökotourismus- Projekt stärker zu bewerben schrieb ich Artikel für die neue Homepage und half bei deren Gestaltung mit Bildern. Außerdem entwarfen wir mehrere Postkartenmotive, die wir an Touristen verkauften. Des Weiteren begannen wir mit der örtlichen Selbsthilfegruppe „Trasi Sanitation Committee“ zu kooperieren. Dieses Kommittee arbeitet vor allem im Bereich der hygienischen Aufklärung zur Krankheitsvermeidung, engagiert sich aber zunehmend für die Emanzipation von Frauen und will an Touristen lokale Produkte verkaufen.
Beide Projekte waren sogenannte „home-based projects“ von FSL, so dass meine Partnerorganisation (PO) auch gleichzeitig meine Einsatzstelle war. Dies hatte den Vorteil, dass ich immer in Kontakt mit meiner PO stand, führte aber auch dazu, dass meine Kontaktperson gleichzeitig mein Projektleiter war. Generell bemühte sich FSL um eine gute Betreuung und hatte immer ein offenes Ohr, jedoch scheiterte die Umsetzung oft an kulturellen Differenzen und stark hierarchischen Strukturen.
Rückblickend waren die letzten zwölf Monate unglaublich bereichernd, ich habe viel gelernt, über Indien, einen  Einblick in den Alltag der Menschen bekommen und auch viel über mich gelernt. Mein Horizont hat sich sehr stark erweitert, Dinge haben eine andere Relation bekommen. Ich habe auf viele Dinge einen anderen Blickwinkel, was das Wiedereingewöhnen in Deutschland nicht gerade erleichtert. Aber es ist mir wichtig die gemachten Erfahrungen auch in mein Leben hier zu integrieren, mich stärker in der Bildungsarbeit zu engagieren und ich habe jetzt auch eine konkretere Vorstellung für meine Zukunft.