Name: Astrid S.
Partnerorganisation: IIWC
Ort u. Einsatzstelle: Pekalongan, Arbeit mit Straßenkindern
Zeitraum: 09/2009-08/2010
Nach dem Abitur stand für mich fest, dass ich nicht direkt ins Studium stolpern möchte. Daher habe ich nach Möglichkeiten gesucht, ein Jahr im Ausland zu verbringen. Ich wollte etwas über die Welt lernen, meinen Horizont erweitern und dafür selber etwas geben. So bin ich auf das weltwärts-Programm gestoßen. Asien war für mich zu diesem Zeitpunkt noch ganz fremd und daher hatte ich mich kurzer Hand entschlossen meinen Dienst in Asien, Indonesien zu leisten. Meine ursprüngliche Einsatzstelle war an einer Grundschule in Pekalongan, jedoch gab es dort viele Unstimmigkeiten und Verständigungsschwierigkeiten, sodass ich mich entschloss auch mit Straßenkindern zu arbeiten. Ich wusste schon im Voraus, dass dies ebenfalls seine Schwierigkeiten birgt, da die eigentlich zuständige NGO vor Ort Namens Az-Zahir nicht immer die Kapazität besitzt, sich mit den Freiwilligen zusammen um die „Straßenkinder“ zu kümmern. Der Begriff „Straßenkinder“ ist in diesem Falle nicht ganz richtig, da ich mit Kindern zu tun hatte, die trotz aller Armut noch ein Dach über dem Kopf hatten. Ich ließ mich jedenfalls nicht davon abschrecken da ich etwas Sinnvolles tun wollte. Außerdem war ich nicht ganz alleine, da auch eine andere Freiwillige von Anfang an ihre Energie in diese Einsatzbereich steckte. Letztendlich haben wir doch nicht zusammen gearbeitet, da sie zu anderen Orten in Pekalongan gegangen ist als ich. Jedoch haben wir Ideen und Materialien austauschen können.
Mein Einsatz bestand hauptsächlich daraus, Kindern in armen Gegenden von Pekalongan schulische Unterstützung zu geben, bzw. sie zu ermutigen in die Schule zu gehen. Im Grunde kann nämlich jedes Kind in Indonesien die Grundschule (6 Jahre) besuchen, da keine Schulgebühren gezahlt werden müssen. Es kann natürlich vorkommen, dass die Eltern ihre Kinder arbeiten lassen, anstatt in die Schule zu schicken. Zum Glück habe ich jedoch keine Eltern mit dieser Ansicht getroffen. Der Einsatzbereich hat mir alle Freiheiten in der Ausgestaltung gelassen. Ich habe viel mit den Kindern gemalt, um ihre Konzentrationsfähigkeit zu trainieren. Zudem bin ich oft auf die Wünsche der Kinder eingegangen mit Buntstiften und Farben zu arbeiten, da dies etwas besonders und nicht alltägliches für die Kinder war. Die Kinder, mit denen ich etwas zu tun hatte, waren zwischen vier und fünfzehn Jahre alt. So war es immer schwierig für alle etwas passendes zu finden, was alle gleichzeitig bearbeiten konnten. In der Grundschule habe ich mit fast gleich leistungsstarken Gruppen gearbeitet, was wesentlich einfacher war, alle Kinder gleichzeitig zu beschäftigen. Zu dieser Arbeit hat eine gute Vorbereitung gehört, um den Nachmittag der Kinder angenehm, nicht nur für die Kinder sondern auch für sich selbst, zu gestalten. An manchen Tagen hätte ich gerne 5 paar Hände und Stimmen gehabt. Die Festlegung der Arbeitszeiten war mir ebenfalls weitgehend überlassen. Anfangs bin ich auch Vormittags zu meiner Einsatzstelle gegangen, um mit den Vorschulkindern in Ruhe arbeiten zu können, jedoch hatte dies den Effekt, dass auch Kinder, die eigentlich in der Schule hätten sein sollen, zu mir gekommen sind. Daher habe ich mich auf den Nachmittag beschränkt. Den Vormittag habe ich dazu genutzt Materialien einzukaufen und alles vorzubereiten. Bastelbücher und Vorschulbücher haben mir oft geholfen auf neue Ideen zu kommen. Dies ist nämlich die Kehrseite der Freiheiten. Ich musste mich auch selber motivieren mir Tag für Tag neue schöne Dinge für die Kinder einfallen zu lassen. Die strahlenden Gesichter der Kinder waren immer eine große Hilfe meine Motivation zu steigern.
Meine Partnerorganisation IIWC hat mit mir und der anderen Freiwilligen versucht einen Weg zu finden, wie wir diesem Einsatzbereich eine feste Struktur geben können, damit nicht jede/r neue/r Freiwillige/r bei „Null“ anfangen muss. Es ist nämlich wirklich schwierig als ausländische/r Freiwillige/r in einer fremden Kultur und mit einer unbekannten Sprache etwas aufzubauen bzw. zu führen.
Das Verständigungsproblem war wohl meine größte Hürde des ganzen Jahres. Ich konnte so gut wie keine Wort Indonesisch als ich dort angekommen bin. Richtige professionelle Sprachkurse gab es auch nicht. Es lag an mir selbst die Sprache so schnell wie möglich zu erlernen, um mich in meinem Einsatzbereich und der Umgebung zurecht zu finden. Insgesamt waren wir sieben Freiwillige in Pekalongan, um die sich zwei von IIWC ausgewählte Kontaktpersonen kümmerten. Sie waren ohne Zweifel eine große Hilfe. Sie waren im Grunde auch die einzigen Personen in Pekalongan, mit denen ich auf Englisch kommunizieren konnte.
Ich hatte das Glück schnell mit Indonesiern in Kontakt zu geraten, da ich direkt zu beginn meines Aufenthalts in Pekolongan mit der traditionell-indonesischen Kampfkunst „Pencak Silat“ in Verbindung kam. Dadurch habe ich schnell indonesisch gelernt und bin in die Kultur Indonesiens eingetaucht. Das dreimal wöchentliche Training wurde zu einem festen Bestandteil meines Alltags in Indonesien. Neben dem Training habe ich mich oft mit meinen Freunden getroffen, die ich dort kennen gelernt habe. Leider war ich die erste Zeit die einzige Frau, die an dem Training teilgenommen hat. Es ist viel schwieriger gewesen gleichaltrige Frauen kennen zu lernen als gleichaltrige Männer. Für Frauen gehört es sich einfach nicht spät abends auf der Straße zu sitzen, wie die rauchenden und Schach spielenden Männer. Tagsüber müssen die noch unverheirateten Frauen der Mutter im Haus helfen oder arbeiten gehen wie die Männer. Da ich zu dieser Silat-Gruppe gehörte, war es für mich nicht nur ein Wunsch, sondern sogar fast verpflichtend an den nächtlichen Treffen vor einem der Häuser eines „Silat-Bruders“ teilzunehmen. Ich habe es genossen dazu zugehören. Jedoch habe ich dadurch auch gemerkt, das es nicht ausreicht indonesisch zu lernen. Die ursprüngliche Sprache, Javanisch, wird immer noch überwiegend als Alltagssprache genutzt und so konnte ich oft nicht an den Gesprächen teilnehmen.
Insgesamt habe ich drei verschiedene Formen von Unterkünften während des Freiwilligendienstes ausprobiert. In den ersten sechs Monaten habe ich in einer fünfköpfigen Gastfamilie mit noch zwei weiteren Freiwilligen gelebt. Dies hat meine Eingewöhnung in das indonesische Leben sehr erleichtert. Ich hatte drei sehr nette Gastgeschwestern, die schon an Freiwillige aus dem Vorjahr gewöhnt waren. So waren wir nicht mehr die „Besonderen“ und „Weißen“, die so genannten „Bule“, wie sonst auf den Straßen Indonesiens. Nach einem halben Jahr zog es mich jedoch ins Freiwilligenhaus, das einer WG ähnelte. Hier hatte ich mehr Freiheiten und musste mich nicht immer erklären, wenn ich spät abends vom Silat-Training nach hause kam. Jedoch wurde es mir nach 3 Monaten zu „deutsch“. Ich wollte die Gelegenheit nutzten so nah wie möglich an der indonesischen Kultur teilzuhaben. Daher hatte ich mich dazu entschlossen, in ein Boarding-house zu ziehen, das man sich wie eine Einzimmerwohnung mit geteiltem Badezimmer sowie Küche (falls vorhanden) vorstellen kann. Zum Glück besitzt man als Freiwillige/r nicht so viel Kram, sodass der Umzug ohne großen Aufwand vonstatten ging. Mein Boarding-house hatte insgesamt vier Zimmer, wovon eigentlich nur eins durchgehend von einem jungen Ehepaar bewohnt wurde. Ich habe mich sehr gut mit der Frau verstanden und oft zusammen eingekauft, gekocht und gequatscht. Durch meinen Umzug ins Boarding-house, fanden dann auch einige nächtliche Silat-Treffen bei mir zu hause statt.
Silat hat mein Leben in Indonesien auf verschiedenen Wegen vervollständigt; ich habe eine tiefen Einblick in die Kultur bekommen, Freunde gefunden, Motivation für mein „Straßenkinderprojekt“ erhalten und indonesisch gelernt. Ganz besonders hat mich die Einfachheit des Lebensstils geprägt. Ich habe erkannt, was wirklich wichtig im Leben ist und was das Leben unnötig erschwert. Dieses Jahr hat meine Einstellung zum Leben verändert. Trotz der großen Armut, wurde ich oft eingeladen. Es wurde geteilt, was da war und sich an den kleinen Dingen im Leben erfreut. Ich wünsche jedem Menschen, dass er nicht das Lachen in seinem Leben verlernt, egal was kommt.




