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INTERNATIONALE JUGENDGEMEINSCHAFTDIENSTE IJGD

weltwärts in Kenia 2009/10 CIVS-10

Name: Johannes S.

PO: CIVS
Einsatzstelle: Igangara Secondary School, Chuka
Tätigkeitsbereich: Teaching
Dauer: September 2009 – August 2010


Weltwärts in Kenia – Ein „Drama“ in sieben Akten

1. Akt: Am Anfang steht der Wunsch nach Veränderung. Ich will einfach nur raus – raus aus Deutschland, weg von zu Hause. Weg vom Überfluss, weg von der Gefühlskälte, weg von einem Leben, von dem ich den Eindruck habe, dass es mich auf Dauer faul und fett macht. Ich möchte endlich „etwas Sinnvolles“ tun, will meinen Horizont erweitern und meine Grenzen kennenlernen. Ich suche nach einer echten Herausforderung. Und ich will Abenteuer erleben. Durch einen Freund erfahre ich eher zufällig von „weltwärts“: Für ein Jahr als Freiwilliger nach Afrika – das hört sich interessant an. Im Herbst 2008 beginne ich also, mich bei verschiedenen Organisationen zu bewerben.
Die erste Rückmeldung, die sich in meinem Postfach findet, kommt von ijgd aus Berlin: Einladung zum telefonischen Vorstellungsgespräch, nächsten Dienstag um 18 Uhr. Als das Telefon klingelt, bin ich ein wenig nervös. Eine halbe Stunde lang werde ich von einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin mit Fragen gelöchert: Warum möchtest du an „weltwärts“ teilnehmen? Wo liegen deine Stärken? Wo deine Schwächen? Welche Erfahrungen und Qualifikationen bringst du mit? Und so weiter und so fort. Am Ende habe ich den Eindruck, dass das Gespräch ganz gut gelaufen ist. Dann, wenige Wochen später, ein zweiter Anruf von ijgd: „Wir haben ein Projekt für dich.“ Nach Kenia soll die Reise gehen. Ich soll dort an einer Secondary School in der Nähe des Mount Kenya Deutsch unterrichten…

2. Akt: Ein Jugendhaus in Nordhessen, mitten in der Pampa. In den Wirren der Vorabizeit haben sich hier knapp 35 zukünftige Freiwillige aus ganz Deutschland zum Vorbereitungsseminar eingefunden. Die gemeinsame Mission: mit ijgd nach Afrika. Sie veranstalten Rollenspiele zu Fragen wie „Was würdest du tun, wenn in deiner Einsatzstelle Kinder geschlagen werden?“, reden über ihre Motivation, ihre Hoffnungen und Ängste. Und sie setzen sich kritisch mit den Problemen des weltwärts-Programms auseinander – so kritisch, dass drei Teilnehmer am Ende einen Rückzieher machen. Mit von der Partie ist auch Jasper, der Chef von CIVS, unserer Partnerorganisation in Kenia. Als er mir am Abend bei einer Flasche Bier von seiner Heimat vorschwärmt, kann ich es kaum erwarten, dass es endlich losgeht…

3. Akt: Die ersten Tage in einem fremden Land sind permanenter Ausnahmezustand. Alles ist neu, interessant, verwirrend, aufregend, und die Überraschungen folgen im Minutentakt. So geht es auch mir Anfang September 2009: Die knallbunten Matatus, die mit ohrenbetäubender Musik und wummernden Bässen durch Nairobi rasen. Die unglaubliche Offenheit und Direktheit der Menschen auf der Straße. Der Lärm, der Gestank. Und der Müll, der überall herumliegt – all das wirkt in den ersten Tagen wie ein Parallel-Universum auf mich. Und so vergeht die Einführungswoche in der Hauptstadt wie im Flug: Wir lernen den Rest der bunten, sympathischen CIVS-Truppe kennen, erhalten eine Fülle an Informationen über Land und Leute, unsere Projekte und über kulturellen „DOs and DON´Ts“. Wir singen und tanzen gemeinsam und haben eine Menge Spaß.
Dann der Transfer zu meiner Einsatzstelle, der Igangara Secondary School. Sie liegt in einer sehr ländlichen Gegend, viereinhalb Stunden von Nairobi entfernt. Etwa 200 Tages- und InternatsschülerInnen werden in Igangara von knapp einem Dutzend Lehrer auf die zentrale Abschlussprüfung vorbereitet. Für elf Monate wird dieser Ort mein Lebensmittelpunkt sein. Und ich erkenne schnell, dass sich mein neues Leben grundsätzlich von allem unterscheidet, was ich bisher gewohnt war: Ich wohne auf dem Schulgelände in einer 10qm großen Holzhütte mit Wellblechdach, die ich mit zwei anderen Freiwilligen teile. Tagsüber ist es dort sehr warm, nachts manchmal bitterkalt. Ich schlafe in einem deutlich zu kleinen Bett, durch dessen dünne Matratze man den Lattenrost spürt. Mein Klo besteht einfach aus einem Loch, über das man sich hockt, um sein Geschäft zu verrichten. Strom gibt es nur in den Abendstunden per Generator, Wasser nur aus einem nahegelegenen Fluss. Es gibt kein Internet und keinen öffentlichen Verkehr. Der nächste Markt ist einen anderthalbstündigen Fußmarsch entfernt. Und das Essen ist fast immer gleich – Githeri, ein Eintopf aus Mais und Bohnen.

4. Akt: Der erste Tiefpunkt kommt unerwartet: Eines Nachts bricht im Jungenschlafsaal plötzlich großer Lärm aus. Was sich erst nach einem Scherz anhört, entpuppt sich bald als ernste Angelegenheit. Die Schüler streiken, im Schutze der Dunkelheit gehen dabei allerlei Stühle, Fenster und Tische kaputt; auch das Lehrerzimmer wird aufgebrochen. Monatelang hatte es unter der Oberfläche gebrodelt – weil der Schulleiterposten lange unbesetzt blieb und die Schüler sich über den Wassermangel und das eintönige Essen beschwerten. Nun entlud sich ihre Wut in einem Streik. Igangara steckt in der Krise – für uns, die Neuankömmlinge, kommt dies völlig unerwartet.
Mir geht es in diesen Tagen nicht gut. Ich komme mir teilweise wie ein Fremdkörper vor, weil die kenianischen Lehrer zu Beginn sehr reserviert sind. Tagelang warten wir darauf, dass unsere Arbeit endlich beginnt. Ich werde von Durchfall geplagt, das Essen hängt mir zum Hals heraus, ich fühle mich schrecklich einsam und habe Heimweh, sehne mich nach Freunden und Familie. Die Komplikationen und der Frust – gepaart mit meiner Ungeduld und den viel zu hohen Erwartungen werden sie zu einer ungesunden Mischung, sodass ich an manchen Tagen das weltwärts-Programm grundsätzlich in Frage stelle: Bringt das Ganze hier überhaupt etwas? Der Kulturschock – er hat mich voll erwischt.

5. Akt: Doch dann: Langsam aber sicher gewöhne ich mich an den neuen Lebensstandard, ja, ich finde sogar Gefallen daran. Das Putzen, Wäschewaschen und Wasserholen empfinde ich irgendwann nicht mehr als Last. Ich entwickle meinen eigenen Arbeitsalltag: Morgens gebe ich in zwei Klassen Deutschunterricht. Vor bis zu 60 Schülerinnen und Schülern stehe ich dann und schreibe alle Unterrichtsinhalte an die Tafel, weil es keine Lehrbücher gibt. Meine Schüler sind in der Regel 14 bis 16 Jahre alt, aber es gibt Ausnahmen: Jackline z.B. ist schon 20 – und damit älter als „Mr. Joe“, wie sie mich hier nennen. Die Verständigung ist kein Problem, da der Unterricht auf Englisch gehalten wird. Und auch Disziplinprobleme gibt es nur selten – trotz der großen Klassen und obwohl die Schüler nicht an interaktive Unterrichtsmethoden gewöhnt sind. Am Nachmittag leiten die deutschen Freiwilligen das Freizeitprogramm. Wir bieten Gesellschaftsspiele und einen Debattierclub an, außerdem Volleyball, und ich trainiere die Fußballmannschaft. Abends sitze ich meist mit den anderen Mitarbeitern im Lehrerzimmer und wir reden über Gott und die Welt oder spielen Gesellschaftsspiele. Man kann wirklich sagen, dass es bergauf geht.

6. Akt: Der große Tag der Generalversammlung, Ende Juni 2010: Schüler, Lehrer und Eltern drängen sich in die bis zum Brechen gefüllte Aula von Igangara. Es gibt leckeres Essen und Unterhaltung, dann werden große Reden geschwungen – vom Wind der Veränderung, der durch die Schule weht. Vom Aufschwung, der hier in den vergangenen Monaten stattgefunden hat, bis zu den vielen Projekten, die für die Zukunft geplant sind. Als der neue Schulleiter verkündet, dass in Deutschland 900 Euro für den Bau einer Wasserleitung nach Igangara gesammelt wurden, bricht die Versammlung in spontane Freudentänze und Gesang aus – ein Tag, den ich nie vergessen werde.
Mein Fazit nach zehn Monaten: Ich habe ein Land und seine verschiedenen Kulturen aus der Nahaufnahme kennengelernt – sowohl die guten, als auch die weniger guten Seiten. Ich bin unter die Oberfläche getaucht, habe viele Bekanntschaften gemacht und neue Freundschaften geschlossen. Ich habe eine ganze Menge gelernt, auch über mich selbst. Ich bin quer durch das Land gereist, habe seine atemberaubende, landschaftliche Vielfalt kennengelernt. Und ich habe in Igangara meinen Platz gefunden, fühle mich dort inzwischen als Teil des Betriebs.
Natürlich gab es immer wieder Rückschläge: Die unterschiedlichen Vorstellungen von Arbeitsmoral und Zeitmanagement führten häufig zu Missverständnissen und Frust. An manchen Tagen fühlte ich mich unterfordert, an anderen sehr einsam. Doch ich versuchte, das Beste daraus zu machen. Wenn mir die Arbeit zu wenig wurde, half ich auf der Schulfarm oder beim Englischunterricht. Und wenn mir Igangara zu einsam wurde, nutze ich die Wochenenden und die Schulferien, um andere Orte zu sehen.
Was meinen Wunsch, „etwas Sinnvolles“ zu tun, betrifft, sind meine allzu hohen Erwartungen enttäuscht worden. Ich musste lernen, die Erfolge im Kleinen zu suchen – wenn z.B. Patrick nach zwanzig Minuten endlich eine komplexe Aufgabe versteht, oder wenn die schüchterne Stella mit neuem Selbstbewusstsein vor der Klasse steht. Vielleicht ist dies die wichtigste Erfahrung aus meinem Freiwilligendienst.

7. Akt: Zurück in Deutschland… und vieles ist nicht mehr so wie zuvor. Ich habe den Eindruck, mein Heimatland mit anderen Augen zu sehen. Ich wundere mich über all den Luxus, habe ich doch gelernt, dass man auch mit viel weniger glücklich sein kann. Die Menschen kommen mir unglaublich distanziert vor, auf der Straße fühle ich mich zuerst wie in einem Computerspiel. Beim Gang zu den Behörden kommt mir Deutschland groß und bedrohlich vor. Die grauen Wolken trüben meine Laune, ich denke ständig an Kenia und verabschiede mich beim Bäcker aus Versehen mit „Kwa Heri!“ (Auf Wiedersehen!). Andersrum genieße ich die warme Dusche, freue mich über mein weiches Bett und darüber, alte Freunde wiederzusehen. Meine Stimmung schwankt ständig hin und her.
Welche Konsequenzen hat „weltwärts“ für mein Leben? Mir ist klar geworden, dass ich viel bewusster leben und konsumieren muss als zuvor. Ich versuche, mehr im Hier und Jetzt zu leben, jeden Tag als Geschenk zu begreifen. Ich hoffe, dass ich viele Dinge zukünftig etwas lockerer sehe. Ich will mich weiter zivilgesellschaftlich engagieren, ein kenianisches Hilfsprojekt unterstützen und werde eines Tages hoffentlich zurückkehren.