weltwärts in Mexico 2009/10 VIVE MEXICO
Name: Sören Z.
Partnerorganisation: Vive Mexico
Einsatzstelle: Preparatoria von CECyTEM in Michoacan
Bereich: Teaching English
Zeitraum: September 2009 - August 2010
Alles begann, als ich mich im Winter 2008/09 um einen Platz im Weltwärts- Programm der ijgd bewarb. Ich würde im Sommer die Schule mit dem Abitur abschließen und war nun Feuer und Flamme mein eigenes Leben zu beginnen. Möglichst weit weg vom Elternhaus wollte ich meine eigenen, ganz persönlichen Erfahrungen mit der Welt und ihren Bewohnern machen. Hinzu kam ein Interesse oder eher eine Neugier auf unbekannte Kulturen, mit denen ich als durchschnittlicher Abiturient noch nicht viel zu tun gehabt hatte und so entschied ich mich, anstatt meinen Zivildienst in Deutschland zu leisten, für einen Freiwilligendienst in Lateinamerika.
Tatsächlich bekam ich eine Zusage für Mexiko, ein Land, das ich bis zu dem Zeitpunkt beinahe nur aus Western kannte und sollte nun in einem Projekt der Partnerorganisation Vive México Englisch unterrichten.
Und so saß ich schon Ende August 2009 im Flugzeug nach Mexiko und fragte mich, was da wohl auf mich zu kommen sollte, denn von meiner Einsatzstelle Cupuán del Río hatten weder ich noch Google vorher schon etwas gehört. Warum wurde mir klar, als ich in Cupuán ankam. Das Dorf liegt in einem Talkessel inmitten der Tierra Caliente, dem heißesten Gebiet Michoacáns. Die Temperaturen steigen im Mai bis fast fünfzig Grad Celsius. Es gibt kein Handynetz, beziehungsweise nur auf einem Berg neben der Schule und das Satelliteninternet in der Schule wurde erst während meiner Dienstzeit installiert. Gibt man bei Google Maps Cupuán del Río ein, bekommt man entweder gar keine Ergebnisse oder es wird nur ein großer Straßenzirkel angezeigt. Dies ist der General Motors Proving Ground, eine Teststrecke, auf der Autos unter Extrembedingungen getestet werden.
Doch meine Arbeit in Cupuán begann gut, ich erarbeitete meinen Stundenplan mit meinem Direktoren zusammen, basierend auf den regulären Englischstunden und meinen Hobbys, da ich diese ebenfalls als Unterrichtsfächer anbieten wollte und wurde in der Familie Arellano Martínez untergebracht. So wohnte ich mit fünf Geschwistern in einem Betonblock mit drei Zimmern, meist schlief ich draußen unter einem kleinen Vordach. Ich wurde sehr schnell in die Familie integriert und wurde zu Familienfesten, Besuchen und Ausflügen mitgenommen. So besuchten wir zum Beispiel das Rancho Las Trojas, ein abgelegenes Gebirgsdörfchen, das nur über einen holprigen, felsigen Sandweg zu erreichen ist. Dort lebt ein Bruder meiner Gastmutter, der seinen Lebensunterhalt mit Kuhherden und der Jagd verdient. Er zeigte mir, mit einem Maultier Galopp zu reiten, wir holten zusammen Holz aus den Wäldchen auf den Bergen um Las Trojas und ritten gemeinsam aus, die Gipfel rund um Las Trojas abzubrennen, damit das Gras auf ihnen nach der Regenzeit wieder besser sprießen würde.
Auch die Verständigung funktionierte gut, abgesehen von einigen Missverständnissen, wie diesem hier:
Es ist morgens, mein Gastbruder Lalo weckt mich, in dem er ruft: „Sören, levantate!“ (Sören, steh auf!) Ich antworte, noch ganz im Traum auf Deutsch: „Ja!“ Mein Gastbruder versteht es allerdings als Frage, nach dem Spanischen Wort „ya?“ für „schon?“, so antwortet er: „Sí, ya!“ (Ja, du musst schon aufstehen!)
Morgens um sieben begann mein Arbeitstag. Ich wusch mich mit dem Wasser aus dem großen Bassin, das auch zum Waschen des Geschirrs und der Wäsche benutzt wurde, frühstückte dann, während ich beobachtete, wie die Sonne langsam hinter den Gipfeln der umliegenden Berge hervor kam und begann um 07.30Uhr meine Arbeit in der Schule. Gemeinsam mit Salvador, dem Englischlehrer, unterrichtete ich das erste und zweite Semester in den Grundlagen des Englischen. Meist teilten wir uns die Unterrichtszeit und einer erklärte das neue Thema, während der Andere im Vorfeld Übungen dazu vorbereitet hatte. Die Schüler hatten sehr unterschiedliche Arbeitsauffassungen, so lernten einige gern und gaben sich Mühe, während andere nicht einmal daran dachten ihre Hausaufgaben zu machen. Oft verstanden sie auch einfach die Aufgabenstellung nicht, dachten aber nicht im Entferntesten daran nachzufragen. Aber warum auch? Schließlich haben viele ihrer Eltern auch nicht mehr als die Grundschule abgeschlossen und kommen trotzdem klar, soweit ich das beurteilen kann. Die freien Vormittage setzte ich größtenteils zur Vorbereitung der folgenden Englischstunden oder meiner AGs am Nachmittag ein. Um 10.30Uhr war Essenspause und ich ging für eine halbe Stunde nach Hause um die erste warme Mahlzeit des Tages zu mir zu nehmen. Meist gab es ein Bohnen- oder ein Reisgericht, natürlich mit frischen Mais- Tortillas. Dann arbeitete ich bis 14.00Uhr weiter, half dann dem Direktoren noch ein bisschen in der Direktion und ging nach Hause zur Mittagspause, die eine warme Mahlzeit beinhaltete und bis 16Uhr andauerte. In dieser Zeit spielte ich mit meinen Gastgeschwistern, spielte ein wenig Gitarre oder las, alles unter dem schattigen Vordach des Hauses, denn für Aktivitäten in der Sonne war es viel zu heiß um diese Zeit. Ab 16 Uhr bot ich AGs in der Schule an, Gitarren- und Gesangsunterricht, Sprachkurse für Deutsch und Englisch und sobald es Abend wurde Basketballtraining.
Ab 20 Uhr war Feierabend, zu Hause gab es eine letzte warme Mahlzeit und um 22Uhr ging meine Gastfamilie meist schon schlafen. An den Wochenenden war ich oft mit meiner Gastfamilie unterwegs, hatte aber auch Gelegenheit meine Kollegen zu besuchen, die ebenfalls sehr liebenswürdige Menschen waren. Besonders mit Noémi, der Lehrerin für Geschichte verstand ich mich gut und sie lud mich mehrmals zu Familienfesten ein. Einmal übernachteten wir nach einer solchen Feier bei ihrer Schwägerin in Uruapan, einer Stadt, die etwa zweieinhalb Stunden von meinem Dorf entfernt liegt. Sie lebt in einer Holzhütte, mitten in der Stadt und das Bett, in dem ich schlief, war nass geregnet, da das Dach nicht richtig dicht war. Die Familie duscht das ganze Jahr über mit kaltem Wasser aus Eimern, obwohl es im Winter in Uruapan empfindlich kalt wird. Trotzdem leben sie nach meinem Eindruck zufrieden und schenkten mir zum Abschied noch einen ganzen Sack Avocados für mich und meine Gastfamilie. Diese Art der Gastfreundschaft und Zufriedenheit mit dem Wenigen hat mich nachhaltig beeindruckt und ich wünsche mir, dass wir alle uns daran ein Beispiel nehmen. Dass wir Menschen vorurteilsfrei, wenn nicht in unserer Wohnung, dann doch wenigstens in unserem Land aufnehmen und mit unserem Leben so zufrieden sein können, wie es ist, so dass wir nicht Andere für einen besseren Lebensstandard ausbeuten müssen.
Mittlerweile bin ich seit einigen Wochen wieder zurück in Deutschland und habe mich wieder einigermaßen eingelebt, doch fühle ich mich verändert. Ich bin ruhiger und entspannter geworden und werde von nun an Tramper mitnehmen, wenn sie an der Straße ihren Daumen raus halten.




