weltwärts in Mexiko 2008/09
Name: Anna Lena F.
PO: Vive México
Einsatzstelle: Cecytem
Dauer: September 2008 – August 2009
Ein Freiwilligendienst war bei mir von Anfang an für nach dem ABI eingeplant, als ich dann von weltwärts erfuhr, war es für mich klar: „Da bewerbe ich mich!“ Ich wollte – so plump und abgeleiert es auch klingt – Menschen helfen und zwar Menschen, die noch mehr Hilfe benötigen als die Menschen hier in Deutschland. Inzwischen bin ich mir nicht mehr so ganz sicher, ob man Menschen überhaupt helfen kann oder ob sie sich nicht selber helfen müssen...
Da für mich aufgrund meiner schon vorhandenen Spanischkenntnisse ein Land in Mittel- oder Südamerika bereits als Ziel feststand und ich bei der ijgd als erstes angenommen wurde, lief es also letztendlich auf ein Teaching-Projekt hinaus. Da schlichen sich dann, ehrlich gesagt, schon vor meiner Abreise Zweifel ein, ob Englischunterricht und das ausgerechnet in Mexiko tatsächlich so ein toller Beitrag zur Entwicklung der SchülerInnen/des Dorfes/des Landes sei oder nicht eher die Auswanderung in Richtung USA fördern würde. Trotzdem habe ich das Projekt im September 2009 begonnen.
Die Eingewöhnungszeit war gut. Ich unterrichtete in einer 10. und 11. Klasse zusammen mit dem eigentlichen Englischlehrer, der mich auch gleich alles machen ließ, also Beispiele und Aufgaben an die Tafel schreiben, Grammatik erklären, Aussprache üben, etc. Dann begann allerdings eine etwas enttäuschende Zeit, weil ich versuchte andere Aktivitäten, wie regelmäßiges „Kino“ mit etwas niveauvolleren Filmen oder das Bemalen der Schule, durchzuführen und die SchülerInnen oder sonstigen DorfbewohnerInnen zwar stets Interesse zeigten, aber dann nie zu den vereinbarten Terminen erschienen. Außerdem sah ich auch keine großartigen Erfolge in den Englischkenntnissen der SchülerInnen. Diese Phase der Enttäuschung und Demotivation hielt eine ganze Weile an, bis ich endlich nach einem halben Jahr oder mehr verstand, dass ich diesen Zustand einfach akzeptieren musste, dass ich niemanden meine Hilfe aufzwingen konnte, dass ich es zwar weiter versuchen sollte, aber nicht zu große Erwartungen haben durfte, dass die Menschen nicht bösartig sind, wenn sie irgendein Angebot von mir nicht wahrnehmen, sondern wahrscheinlich einfach zu viel mit Hausaufgaben, dem Mitarbeiten im Haushalt oder in der Landwirtschaft, etc. beschäftigt waren und dass ein sehr wichtiger Teil meines Freiwilligendienst gar nicht unbedingt die Aktivitäten sondern die Gespräche mit den Menschen waren, in denen sowohl ich als auch hoffentlich sie viel gelernt habe(n) und die vielleicht beiden Seiten ermöglicht haben, ihren Horizont zu erweitern.
Trotzdem habe ich dann auch angefangen, Englischunterricht in der Grundschule zu geben, der mir sehr viel Spaß gemacht hat, weil ich den sehr viel kreativer gestalten konnte, als den Englischunterricht in der 10. und 11. Klasse, wo dies einerseits der Lehrplan, der total komplizierte Grammatik-Inhalte aber nicht das Lesen von englischen Texten oder Sprach-Übungen vorsieht, und andererseits das Alter der SchülerInnen, es weniger zuließen. So sah mein Tagesablauf dann meistens so aus, dass ich vormittags entweder zuerst eine oder mehrere Unterrichtsstunden in der Grundschule oder in der 10./11. Klasse gab, um dann zur jeweils anderen Schule zu gehen. Nachmittags gab ich dann (Englisch-)Nachhilfe oder eine andere Aktivität, habe aber auch viel Zeit einfach im Dorf mit FreundInnen oder bei meiner Gastfamilie verbracht.
Und dann gab es natürlich doch ab und zu Erfolgserlebnisse mit SchülerInnen, die zum Beispiel nachdem ich ihnen Englisch-Nachhilfe gegeben hatte, plötzlich recht gut eine Klausur bestanden, während sie vorher immer durchgefallen waren und ähnliches. Vielleicht hätte ich, wenn ich geschickter vorgegangen wäre und meine Angebote für Aktivitäten attraktiver gestaltet hätte, auch mehr „Erfolg“ gehabt, aber eigentlich messe ich meinen Erfolg nicht mehr an den Noten meiner SchülerInnen oder der Anzahl der TeilnehmerInnen an meinem „Umwelt-Unterricht“, sondern… ja, woran? Vielleicht daran, ob ich das Gefühl habe, dass sie etwas gelernt haben - wobei das auch wieder so arrogant klingt, als könnte ich das beurteilen.
Insgesamt waren neben den mexikanischen FreundInnen die anderen Freiwilligen in „schlechten wie guten Zeiten“ eine sehr große Stütze, weil man sich mit ihnen einfach frei über die eigenen Erfahrungen austauschen konnte und sie ähnliche Erfahrungen gemacht hatten – man sich also nicht völlig allein fühlte. Denn obwohl die Betreuung durch den Direktor der Schule an der ich unterrichtet habe und durch die Partnerorganisation „Vive México“ recht gut war (wobei die Betreuung der Freiwilligen unterschiedlich war, da die Probleme auch verschieden gelagert waren), gab es manchmal einfach Situationen, in denen sie einem nicht hätten weiterhelfen können (wie wenn man unheimlich gern mal deutsch sprechen wollte oder sich über Dinge austauschen wollte, die man vermisst und die es in Mexiko nicht gibt). Ich hätte nicht mit einem/einer anderen Freiwilligen im selben Dorf wohnen wollen, aber es war ideal, dass uns in Morelia, der Hauptstadt des Bundesstaats, ein Haus zur Verfügung stand, in dem wir uns an den Wochenenden treffen konnten und viel Spaß zusammen hatten.
Was ganz klar ist, ist, dass ich unglaublich viel gelernt habe während meiner Zeit in Mexiko in Bereichen, die von Religion und Traditionen über Familie und Bildung bis hin zum „ganz normalen“ Alltag fast alles umschließen. Dieses sehr sehr intensive Kennenlernen der mexikanischen Kultur und gleichzeitig meiner Kultur oder der deutschen Kultur, die mir eben durch den Vergleich viel bewusster wurde, wäre mir nicht so gut möglich gewesen, wenn ich nicht in Gastfamilien gelebt hätte! Natürlich hatte ich auch unangenehme Erfahrungen, von wenig bis gar keiner Privatsphäre bis hin zu Gastschwestern, die (wegen „kleiner Dinge“, die aber in Mexiko ganz anders bewertet werden) plötzlich nicht mehr mit mir sprachen, aber das kann all den positiven Aspekten (man lebt mit anderen Menschen zusammen und lernt so schneller die Sprache und Kultur kennen, man lernt schneller und einfacher Leute kennen, man bekommt typisch mexikanisches Essen :), etc.) der Unterbringung in Gastfamilien nicht das Wasser reichen.
Diese Form der Unterbringung hat mir auch deutlich gezeigt, in was für einem Luxus ich hier in Deutschland lebe und mit wie viel weniger man trotzdem oder erst recht glücklich sein kann. Genauso faszinierend war, wie viel diese Menschen, die selber „für deutsche Verhältnisse“ nicht viel haben, zu geben bereit waren – an materiellen Dingen, wie an Wärme und Gastfreundschaft. Dies werde ich erinnern und versuchen, es so gut es geht auf mein Leben hier in Deutschland zu übertragen.
Gleichzeitig hat mir meine Zeit in Mexiko natürlich auch die Ungerechtigkeiten in der Reichtumsverteilung nicht nur zwischen Deutschland und Mexiko oder Industriestaaten und Entwicklungsländern sondern auch innerhalb Mexikos deutlich vor Augen geführt und viele neue Denkanstöße gegeben und Fragen aufgeworfen.
Alles in allem war das vergangene Jahr also eine unglaubliche Erfahrung mit Höhen und Tiefen aber mehr Höhen als Tiefen, die mich sehr geprägt haben und über die ich total froh bin!



