weltwärts in Mexiko 2008/09 VIVE MEXIKO
Luciane L.
Partnerorganisation: Vive Mexico
Ort: Mexiko, Michoacan
Einsatzstelle : Teachingprojekt
Zeitpunkt : September 2008 – September 2009
12 Monate Leben im mexikanischen Dorf
Es war schon immer klar, dass ich die Universität besuchen würde aber noch etwas Anderes stand seit vielen Jahren fest – bevor ich damit anfange, muss ich ins Ausland! Und nicht nur eben mal über die Grenze nach Frankreich. Irgendetwas Fremdes, am besten viel Kontakt mit Einheimischen und die Möglichkeit, deren Kultur richtig gut kennen zu lernen. Es sollte schon mehr als ein halbes Jahr sein, am Besten ohne meinen Eltern auf der Tasche zu liegen. Aber vor allem sollte es etwas Sinnvolles sein. Das passte perfekt zum neuen weltwärts – Programm, schließlich steht „ miteinander und voneinander lernen“ ganz groß auf dem Programm.
Die E-Mail von ijgd mit dem Betreff „ Projektspezifische Zusage“ lag mir ungefähr zwei Wochen auf dem Magen, so sehr hatte ich mich darüber gefreut. Ich sollte in einem mexikanischen Dorf den Englischlehrer unterstützen.
Es hieß also nur noch das Abitur hinter sich bringen, das Spanisch verbessern, die Vorbereitungsseminare besuchen und schon saß ich tatsächlich mit ein paar anderen Freiwilligen im Flugzeug nach Mexico.
Nach einer Woche Vorbereitungsseminar mit der mexikanischen Partnerorganisation in Morelia, der Hauptstadt des Bundesstaates Michoacan, saß ich plötzlich vor dem Gebäude von „Cecytem“ ( Die „Schulkette“, bei welcher wir arbeiteten) und wartete auf meine Direktorin, die mich mit ins Dorf nehmen sollte.
Ich wusste nichts – nicht wie meine Gastfamilie hieß, ob ich Gastgeschwister hatte, wie groß mein Dorf sein würde, was genau ich eigentlich tun sollte.
Meine Direktorin brachte mich also nach „Felipe Carrillo Puerto“- meine Heimat für 6 Monate.
Der Englischlehrer der zwei Klassen, in welchen ich mitunterrichten sollte, sprach so gut wie kein Englisch war aber überaus nett, wie die meisten MexikanerInnen, die ich kennengelernt habe. So stand ich während 6 Monaten mit ihm vor den 16-18jährigen SchülernInnen und habe einfachste Englischregeln erklärt. Es geht um Dinge wie einfaches Kennenlernen auf Englisch und „he, she, it ein s muss mit“. Das Englischniveau war ziemlich schwach, ebenso die Motivation der SchülerInnen. Viel besser erging es mir da mit dem „Kinderunterricht“, den ich selbstorganisiert in einem kleinen Raum gab. Auch diese Kinder lernten nicht soviel wie erwartet und erhofft aber sie kamen mit Motivation und erfreuten sich an der Beschäftigung, die sie in ihren Familien teilweise nicht genießen. Wenn neben dem Unterricht noch Zeit bleibt, hängt es von einem Selber ab, was man aus der Zeit macht. Schwimmklassen, Englischunterricht, Referate über Aids und Verhütung oder Schatzsuchen für die Kinder. Viel erwarten kann man von den Jugendlichen oftmals aber nicht. In meinem Fall sank ihre Motivation schnell, sie lernten oft langsamer als erhofft und Unpünktlichkeit stand in Mexiko auf der Tagesordnung meiner Mitmenschen. Aber im Endeffekt hängt alles davon ab wie man sich selbst und das was man tut verkauft.
Es geht aber nicht nur ums Unterrichten. Meiner Meinung nach geht es fast mehr darum, den SchülernInnen und den Menschen auf der Straße, die einem hinterher schauen und sich freuen, wenn man mit ihnen spricht, ihre Fragen zu beantworten. Ihnen zu vermitteln, dass es mehr als Mexico und die USA gibt. Dass es bei uns in Deutschland nicht normal ist mit 16 zu heiraten, dass sich viele dafür entscheiden eine Ausbildung zu machen oder zu studieren. An diesen kleinen Erfolgen muss man sich erfreuen um nicht die Motivation zu verlieren.
Meine Gastfamilie hatte Strom und Wasser und mehr als genug zu Essen. Ich habe viel Zeit mit meinen 3 Gastgeschwistern verbracht, ging mit meiner Gastmutter auf „bailes“ und fühlte mich irgendwann wie das 4. Kind.
Nach 6 Monaten wurden wir vor die Frage gestellt, ob wir das Dorf wechseln möchten oder nicht und obwohl es mir unglaublich gut ging und mir die Menschen ans Herz gewachsen waren bejahte ich. In meinem Dorf hätte mich eine unglaubliche Hitze erwartet und ich wollte noch mehr kennenlernen.
Also verschlug es mich nach Acahuato – nur eine Stunde von Felipe Carrillo Puerto entfernt, was für mexikanische Verhältnisse fast nichts ist.
In Acahuato erwarteten mich andere Verhältnisse. Ich musste mir ein Zimmer mit meiner Gastschwester teilen, es herrschte immer Wasserknappheit und geduscht wurde mit Eimern. Der Englischlehrer sprach diesmal gut Englisch, so dass es weniger Arbeit für mich persönlich gab und die grünbewachsenen Straßen wurden von Avocadobauern auf Eseln belebt.
Oft wurde mir in Acahuato, wie auch in Felipe Carrillo Puerto bewusst, dass alles von einem selbst abhängt. Man braucht sehr viel Geduld und Verständnis. Man muss manchmal Dinge mit Toleranz hinnehmen, die man in Deutschland nicht akzeptieren würde. Man wird konfrontiert mit Aberglauben, extremer Religiosität, denselben, immer wieder auftretenden Fragen, geringer Privatsphäre, Korruption, Drogenkartellen und Dreck.
Doch die mexikanische Freundlichkeit, der enge Kontakt mit der Gastfamilie und den vielen Kindern, die Ruhe, die viele Reiserei an Wochenenden und in den Ferien, die neuen mexikanischen und deutschen Freundschaften, die wunderschönen mexikanischen Städte, Strände und Ruinenstädten, das morgendliche Wiedersehen mit den SchülerInnen und LehrerInnen, die Tacos an den Straßenrändern und der unglaublich klare Himmel in der Nacht lassen all das mit Leichtigkeit in den Hintergrund treten. Im Endeffekt wird einem klar dass wir uns wirklich an alles gewöhnen können. Und es ist nicht mal sonderlich schwer…
Ich selbst hatte abgesehen von einem nächtlichen Überfall in einem Bus nie Probleme. Weder mit Gastfamilie noch mit SchülernInnen, LehrerInnen, Essen oder Wetter. Und falls man diese doch haben sollte, ist neben der großen Hilfe von Freunden und Familie im Dorf immer noch Rückhalt bei den Organisationen „ijgd“ und „Vive Mexico“ zu finden. Auch wenn die mexikanische Organisation für meinen Geschmack manchmal ein bisschen langsam oder unorganisiert war wusste sie im Endeffekt über wichtige Fragen wie die Schweinegrippe, Visafragen, Krankheiten o.ä. Bescheid und war erreichbar.
Ich habe in den zwölf Monaten Mexico, die verflogen sind als wären es vier gewesen, große Teile Mexikos und dessen Kultur kennengelernt.
Ich habe in unserem „Freiwilligenhaus“ in der wunderschönen Stadt „Morelia“ und in zwei mexikanischen Dörfern bei meinen Gastfamilien eine richtige Heimat gefunden.
Vor einer Woche nun stand ich weinend vor meiner Klasse, weinend vor bei meinen Gastfamilien und bei meinen FreundInnen. Weinend stand ich vor meinem Freund und weinend stand ich sogar vor „meinem“ Taxifahrer. Ich habe mir bei jedem Handeln, dass so lange und doch so kurz Teil meines Alltages gewesen war traurig gedacht, dass ich dieses nun zum letzten Mal tun würde.
Nun bin ich zurück im vergleichsweise kalten und durchorganisierten Deutschland, höre mexikanische „Dorfmusik“, wunder mich über das heiße Wasser aus dem Wasserhahn und frage mich wie viel Prozent der Menschen auf dieser Erde diesen Luxus und den einer Waschmaschine, einem vollen Kühlschrank, Heizung und so vielem mehr wohl genießen. Außerdem halte ich Ausschau nach einem Studienplatz, der international orientiert ist, Sprachen beinhaltet und es mir vielleicht einmal ermöglicht in einer international agierenden Organisation zu arbeiten. Vielleicht ja auch mal im schönen Mexiko? Immerhin spreche ich nun fließend Spanisch und habe Familie und Freunde, die mir wöchentlich sagen, dass sie eine Münze für einen Mexikoflug für mich in ein Sparschwein geworfen haben…



