weltwärts in Vietnam 2009/2010
Name: Amelie P.
Einsatzstelle: SJ Vietnam 03_02
September 2009 bis August 2010
Trăm phần trăm bên Việt Nam
Ein Schiff, das im Hafen liegt, ist sicher. Aber dafür werden Schiffe nicht gebaut. Und so verließ ich- wie 110 andere Freiwillige meinen sicheren Hafen, das gemachte Nest, auf in eine völlig fremde Welt- nach Vietnam!
Und arbeitete zunaechst knapp 5 Monate im Hai Duong Welfare Center, einem Zentrum für benachteiligte und behinderte Kinder und Jugendliche (die meisten leiden unter den Folgeschäden von Agent Orange). Schnell wurde mir klar, dass haeufig Vorstellungen und Wirklichkeit nicht im geringsten übereinstimmten und darauf sollte ich ja nach meinen zwei Seminaren vorbereitete sein. Also legte ich meine Englischbücher zur Seite und kaufte Mal-und Bastelsachen für die Kinder. Am Nachmittag wechselte ich die Hosen der Babys, fütterte sie und sang sie in den Schlaf.
Mein Kopf war voll mit Ideen, ich wollte noch so viel mehr. Doch mussten wir, vier andere Freiwillige und ich, um jede Information unglaublich kämpfen, jedes Mal nachfragen, um Erlaubnis bitten, um dann doch vertröstet zu werden und nur Teilinformationen zu erhalten. Ich stieß an meine Grenzen, war frustriert, wollte ich doch so viel mehr und verstand noch nichts von der vietnamesischen Kultur. Vietnam erschien mir so völlig fremd, regelrecht ungreifbar.
War ich noch gar nicht richtig angekommen und forderte von mir, den anderen Freiwilligen und dem Projekt zu viel ein. Es schien mir, dass in Vietnam wirklich alles anders war - Probleme wurden nicht angesprochen und ausdiskutiert, sondern auf keinen Fall erwähnt, über Politik wurde nicht gesprochen, Zeit war dehnbar und wütend zu werden hieß, sein Gesicht zu verlieren.
Ich musste lernen im Mittelpunkt zu stehen, dass sich um mich herum ein Kreis bildete, mich einengte aus Erwachsenen oder Kindern-ganz egal. Jeder mich mit Fragen durchlöcherte, wie: „Wie viel verdient dein Vater? “ erschien fuer Vietnames*innen scheinbar voellig normal und alle, was von mir wollten , weil ich weiß war, weil sie vielleicht noch nie mit einer Weissen gesprochen hatten, weil ich fuer sie exotisch war, weil ich in ihren Augen hübsch war, weil das Schoenheitsbild des Westens, der großen, blonden Frau, des kräftigen jungen Mannes, in Vietnam so hoch gehalten wird. Doch wie viel von dem war Interesse an mir- an mir als Mensch?! Und was wäre in diesem Sinne Freundschaft? Es war eine krasse Erfahrung, eine Art von Rassismus am eigenen Leib zu spüren. Denn neben dieser manchmal für einen auch positiven Seite gab es auch das Negative. Für alles musst e ich mehr bezahlen als die Vietnames*innen, die meisten Verkäufer*innen versuchten, mich abzuziehen und verlangen mindestens das Doppelte, wenn nicht das Vierfache des normalen Preises. Xe Om- Fahrer und Souvenir-Verkäufer*innen liefen und riefen mir nach und zerrten mich zu ihren Staenden und Bussen. Ich war eine Tay (eine Langnase). Ich hatte Geld und keine Ahnung.
Ich war hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu diesem Land und den Menschen und Abneigung mancher kultureller Differenzen. Welche Dinge waren nur einfach ungewohnt, an welche Angewohnheiten würde ich mich gewöhnen, an welche wollte ich mich nicht gewöhnen, weil ich zu bequem war, und welche konnte ich mit mir selbst einfach nicht vereinbaren?
Schließlich beschloss ich auch in einer weiteren Einsatzstelle aktiv zu werden. Es war nicht nur die Aufgaben im Center, sondern besonders die Atmosphäre, hinter den Eisentüren, die uns von den Kindern trennten, den Fenstern, durch die der Wind, besonders im Winter, pfiff, das kalte Wasser, der Direktor, die Ausgehzeiten, die mich daranhinderten ein Leben außerhalb des Centers zu fuehren und Kontakt zu Gleichaltrigen zu finden. So lachte das eine Auge, während das andere bittere Abschiedstränen weinte. Es fiel mir so schwer zu gehen, hatten uns die Lehrerinnen der Schule doch so bedingungslos aufgenommen, ins Herz geschlossen und Dutzende Male eingeladen. Ich erinnerte mich an ihre Worte: Xin Moi! Sei herzlich eingeladen, sagten die Lehrerinnen. Cam on, vielen Dank.
Die Lehrerinnen waren meine erste Begegnung mit Vietnamesinnen und Co Minh sorgte sich fuehrsorglich und muetterlich um mich.
Ich zog nach Hanoi, ins LTV-Haus, einem Haus für internationale Freiwillige und bald wieder aus, fehlte mir hier doch das Gemeinschaftsgefühl, einen kleinen Platz für mich, ein Stück weit Intimsphäre. Selbst einige Vietnames*innen sprachen mich auf die Situation im Haus an und fragten mich wie ich in einem so schmutzigen Haus leben koennte, dass es bei dem Haus kein Wunder waere, dass ich so oft krank waere. Die Gespräche mit anderen Freiwilligen, die ausgelassene Stimmung, das gemeinsame Kochen, Feiern und Singen taten mir gut, doch die ständig wechselnden Menschen machten mich traurig und unruhig und ließen mich nie wirklich ankommen und schon bald zog ich bei Dung, einem Studenten, Freund und SJVietnam Freiwilligen ein. Hier konnte ich Luft holen, verweilen, innehalten und mich auf meine neuen Aufgaben an der Blindenschule konzentrieren. Ich hatte plötzlich das Gefühl am richtigen Ort zu sein, wenn ich mit meinem Roller an dem ockergelben Praesidentenpalast und der schmutzig grauen Josephs Kathedrale aus der Kolonialzeit, an dem verwunschenen Schildkroetenpavillion und dem Literaturtempel, der einstigen Nationalakademie, vorbeifuhr. Ich fühlte mich zu Hause, angekommen und wohl. Es war nicht mehr so, als ob ich aus undefinierbaren Gründen, aus Spontanität, Planlosigkeit und Nicht-Wissen in Hanoi gelandet wäre, sondern tatsächlich hierhin gehören würde, dass dies der richtige Platz für mich wäre. Teilweise hatte ich das Gefühl, nicht mehr nach Deutschland zurück zu wollen, weil die offene und glückliche Mentalität mich begeisterte. Die Menschen in Vietnam, egal ob Freiwillige, Lehrer*innen, Kinder, Familienmitglieder oder Fremde auf der Straße erschienen mir unglaublich freundlich und scheinbar immer gut gelaunt. Ich war beeindruckt von ihrer Gelassenheit, ihrer Zuversicht, ihrem Stolz und ihrer Geduld. „Sieh es wie die Vietnames*innen – sieh es positiv!“
Hanoi, das ist die Stadt der 1000 Moeglickeiten, die Stadt der Motorräder, der Karaokebars, Klubs und Bars in denen Backpacker ein und auskehren, nachts beleuchtet von grün, rot und blauen Neonlichtern, eine Stadt der Kontraste, mit teuren Restaurants, Hotels und Villen in netten Wohnvierteln und dann gibt da noch die Slums, die Straßenküchen und Hochhaeuser, die unzähligen Menschen auf geringsten Raum Platz bieten. Moderne Glasbauten stehen neben uralten Tempeln, deren Eingänge mit roten Laternen und orangevioletten Flaggen gesäumt sind. Hanoi ist schon längst aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. Den in Vietnam gibt es nicht nur sanfte Bergketten, bedeckt mit satt grünen Wäldern, durchzogen von Tee- und Reisterrassen. Kinder, die mit selbst gebasteltem Spielzeug auf der Straße spielen. Ich fragte mich oft, ob wir den ein Recht auf einen Traum, auf eine Kultur haben, die nur unsere Wünsche bedient und sich niemals weiterentwickelt? Bietet die Breitschaft zur Modernisierung nicht auch wunderbare Chancen?
“Himmelhochjauchzend, zu Tode betruebt […]” beschreibt mein Jahr wohl am besten, den es dauerte noch eine ganze Weile, bis ich begriff und lernte worauf es bei der Arbeit mit den blinden Schüler*innen ankam. Worauf ich im Umgang mit meiner Gastfamilie, meinen vietnamesischen Freunden und Freiwilligen zu achten hatte.
Ich lernte immer mehr über das Land, blicke viel mehr unter die Oberfläche. Sah, dass nicht alles perfekt war, nicht alles nur glücklich und gut gelaunt. Doch gerade das machte Vietnam nur noch interessanter. Ich lernte mich und Vietnam neu kennen. Vieles wirkte auf mich zuerst eher umständlich, kompliziert und wenig effektiv und forderte von mir unheimliche Geduld und Verständnis für all das Andere und Langsamere. Ich machte mir oft unnötig Sorgen und Gedanken, welche völlig unnötig waren und sich im Gespräch mit Vietnamesen als überflüssig herausstellten. An allem gibt es schließlich eine positive Seite, warum also aufregen? „Du brauchst Hilfe? Okay, wenn ich dir nicht helfen kann, ich find jemanden, der dazu in der Lage ist.“ Oft fehlte mir Klarheit und Eindeutigkeit in vielen Aussagen, erst später entwickelte ich ein Gespür dafür. Von der Betreuung durch SJ –Vietnam war ich zuerst enttaeuscht, da ich viel zu schnell Veraenderungen erwartete. Nachdem ich mich aber mehr auf die vietnamesische Mentalitaet und ihre Art Probleme anzugehen, eingelassen hatte, konnte ich auch dies besser akzeptieren. Was in meinen Augen als zu angepasst und langweilig erschien, war für viele junge Vietnamesen erstrebenswert. Jeans und T-Shirt-Stil war in Vietnam kein Ausdruck der Persönlichkeit, sondern das, was alle haben. Politik und Umwelt? No way.
“Mir war schlecht von der Unversöhnlichkeit meines Lebensschicksals und der der Kinder. Uns trennte mehr als die Meere von Reisfeldern und der Ozean.”
Ich war ergriffen von den Kindern in der Blindenschule, jedem Einzelnen und jeden Tag von Neuem. Von ihrer Motivation, ihrem Ehrgeiz, ihre Lebensfreude, ihrer Unermüdlichkeit, ihrer Kreativität, ihrem Humor und ihrer Kraft. Die Monate zeigten mir, wie viel Selbstbewusstsein das Erlernen einer völlig fremden Sprache für sie bedeutete und wie wichtig es den blinden Schüler*innen, in einer integrativen Schule ist, etwas Eigenes zu haben, etwas nur für sie-etwas besonders! Raum und Platz für ihre Bedürfnisse, ihre Frage und ihr eigenes Lerntempo. Diese Momente des Lernens, Arbeitens und Rumwitzelns machten meinen Lerndienst aus und sicherlich auch den Unterricht. Ein vietnamesischer Freund sagte einmal zu mir: “You’ll get what you give!”-„Typisch vietnamesisch! Immer diese Platitueden!“, dachte ich mir in diesem Moment, doch auf irgendeine Art und Weise verinnerlichte ich es, rutschte fast automatisch und von ganz alleine in weitere Projekte rein, wie „Sound of Light“, „Press the button“, „Cycling for environment“ und einen Englisch Club, mit Rollenspielen und Diskussionsrunden, die ich mitgestalten und ausarbeiten durfte. Von wegen unpolitisch! Ich begriff die Vielfalt, die Unterschiede, die scheinbaren Widersprueche, hinsichtlich Politik, Religion und persönlichen Einstellungen, und mir wurde bewusst, dass es mir unmöglich war diese Eindrücke und Erlebnisse in Kategorien zusammenfassen zu können.
Ich hab gelernt Dinge die mich stören selbst anzupacken und zu ändern, statt zu warten, dass sie sich ändern.Genauso wie auf fremde Menschen zuzugehen und den ersten Stritt zu machen. Das Jahr Vietnam hat mich sicherlich sensibilisiert für die Probleme meines Gastlandes, nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern besonders was es für die Menschen heißt, die in Vietnam aufwachsen und leben. Durch mein Jahr in Vietnam habe ich gelernt das vieles im Leben nicht planbar ist und vor allem, dass es keine ‚richtigen’ oder ‚falschen’ Entscheidungen gibt, dafür ist das Leben viel zu unberechenbar und hält viel zu viele wunderbare Überraschungen bereit.
Und es hat mir geholfen mein Leben bewusster wahrzunehmen und zu leben!
Was mach ich überhaupt hier? Diese Frage habe ich mir nicht nur in Vietnam gestellt, sondern auch jetzt zurück in Deutschland-daheim? Irgendwie ist da das Gefühl, als warteten noch so viele Chancen, Unentdecktes und Wunderbares in Hanoi auf mich, als waere ein Jahr Vietnam viel zu kurz, als waere ich gerade erst angekommen, als fehlte noch ganz viel, als wär’s noch lange nicht genug …Vermutlich wird Vietnam fuer mich immer raetselhaft, geheimnisvolle und wunderbar ueberraschend bleiben.
Und nach all dem sitze ich in meinem viel zu großen Zimmer betrachte die Fotos und meine Abschiedsgeschenke und hoere :Thời gian trôi qua kẽ tay- die Zeit rinnt durch meine Finger und ich kann es gar nicht fassen, wie schnell ein Jahr vergeht und wie schnell ein so wichtiger Teil des Lebens zu Fotos werden kann, die ich herumreiche und erfolglos versuche den Hiergebliebenen zu erklären und die letzten Zeilen des Liedes gehen nicht aus meinem Kopf, lass mich die Zeit zurueckdrehen, nur fuer einen Moment, vergiss mich nicht, denn ich werde wiederkommen. Und das versprechen ich!














