weltwärts in Vietnam 2009/10 SJ-03
Name: Judith B.
Einsatzstelle: SJ Vietnam 03
September 2009 bis August 2010
Mein Jahr mit weltwärts
Es war Dezember, kalt und diesig. Lernzettel, Prüfungen, irgendwo war Weihachten, in der Ferne das Abi. Und dann immer wieder diese Frage: “Und was machst du so nach dem Abi?“ Ja, was mache ich denn nach dem Abi? Gleich studieren, eine Ausbildung? Eigentlich wollte ich doch immer ins Ausland… Also Au Pair? Irgendwann hatte ich doch mal was gehört, Freiwilligendienste im Ausland mit weltwärts!
Im Internet gab es viele Angebote, viele Anmeldefristen waren schon abgelaufen. Und so war ich ein bisschen überrascht, als nach einiger Zeit doch der Brief ankam, der mir meinen Platz im weltwärts-Programm zusicherte. Es war klar, Vietnam würde nach dem Abi mein Ziel sein.
Von nun an wurde die Antwort auf die Frage nach meinen Zukunftsplänen zwar mit Staunen, aber positiv kommentiert. Die Vorbereitungen begannen: Impfungen, Seminare, der Förderkreis, dann Abschiede und endlich, der Flieger startet, auf in eine Zukunft, die eben so fern wie ungewiss ist, auf nach Vietnam.
Man liest, man hört Erzählungen, man stellt es sich vor aber am Ende ist alles doch ganz anders. Fremd, chaotisch, laut und alles so, wie es zu Hause nie sein würde. Noch ganz in dieser Seifenblase des Anschauenden gefangen kam ich also in mein Projekt, dem Hai Duong Welfare Centre, ca. 60km von Ha Noi entfernt. Hier bekommen behinderte und benachteiligte Kinder aus der ganzen Provinz eine Schulbildung, manche sogar eine Berufsausbildung, damit sie später selbst ihren Unterhalt verdienen können. Zusammen mit vier anderen Freiwilligen habe ich dort gewohnt und gearbeitet.
Unser Zimmer war im obersten Stock der Schule. Mit drei Betten war das Mädchenzimmer dann auch schon recht voll und die schlecht isolierten Fenster und Türen ließen ganz schön Zug aufkommen im nordvietnamesischen Winter, der kälter ist, als man erwartet! Aber eine Köchin hat sich gut um uns gekümmert und einige gemütliche DVD- und Spielabende konnten wir auch gemeinsam verbringen.
In der ersten Zeit haben wir noch nicht gearbeitet sondern hatten Sprachunterricht und sollten das Centre besser kennen lernen. Dazu muss man sagen, dass Vietnamesisch mit seinen sechs Tönen und vielen verschiedenen Lauten, die alle mehr oder weniger ähnlich klingen eine schwer zu erlernende Sprache ist. Aber zu ein bisschen Alltagsvokabular hat es auf jeden Fall gereicht. Das war wichtig, weil im Centre nur sehr wenige Menschen Englisch sprachen.
Als wir dann endlich selber unterrichten durften konnten wir uns so unserer rudimentären Vietnamesischkenntnisse bedienen, Übersetzer gab es nämlich nicht. Aber mit Bastelsachen und etwas Phantasie konnten wir die Kinder gut beschäftigen. Nachmittags verbrachten wir einige nervenaufreibende oder entspannende Stunden bei den Waisenkindern, die zwischen einigen Tagen und einem Jahr alt waren. Wir sangen, spielten, fütterten und wechselten einige nasse Hosen.
Es gab viel zu tun, und mit ein bisschen Eigeninitiative konnten wir einige unserer eigenen Ideen durchsetzen. Ein Problem stellte die Freizeit dar. Zur Sicherheit der Kinder ist das Centre verschlossen. Am Tor kontrollieren zwei Sicherheitsmänner wer ein- und ausgeht. Die Stadt Hai Duong ist als Provinzhauptstadt recht groß und mit etwas Mühe kann man sich durchaus beschäftigen. Leider sah der Direktor des Centres es nicht sehr gerne, wenn wir uns draußen aufhielten. Manchmal, wenn es Probleme gab reagierte er mit Ausgehverbot, dass erst nach langen Gesprächen zwischen ihm, uns und der Partnerorganisation wieder aufgehoben wurde. Als die Situation sich nicht besserte entschieden wir gemeinsam mit der Partnerorganisation und ijgd unser Engagement dann auch anderweitig einzusetzen. Ich entschied mich nach ein bisschen Herumgucken und Erkunden dazu ein Projekt an der Hanoi University for Humanities and Social Science mitzuentwickeln. Zu Beginn war noch alles recht unklar. Gemeinsam mit meiner Mitfreiwilligen erkundete ich die Lage und nach vielen Treffen und einem Fragebogen beschlossen wir, einen Kurs zu machen, in dem die StudentInnen ihr Englisch verbessern und gleichzeitig sogenannte „Soft-Skills“, das heißt Kommunikation, Präsentation etc. erlernen oder auffrischen konnten. Gleichzeitig boten wir verschiedene Aktionen für Freiwilligenarbeit an, um soziale Einrichtungen in Ha Noi zu unterstützen. Im Vergleich zum Welfare Centre in Hai Duong war die Arbeit an der Universität sehr viel freier und selbstbestimmt. Das lag auch daran, dass wir mit einer irischen Freiwilligen zusammenarbeiteten, mit der die Kommunikation sowohl sprachlich als auch kulturell einfacher war.
Um trotz Allem die vietnamesische Kultur weiter zu erkunden lebte ich in einer Gastfamilie. Insgesamt wohnten sieben Leute im Haus, die mehr oder weniger miteinander verwandt waren. Besonders gut habe ich mich mit meiner Gastschwester und ihrem Pflegekind verstanden, die auch am besten Englisch sprachen. Es stellte sich als schwierig heraus, in eine vietnamesische Familie „hinein“ zu kommen. Ob kulturell oder sprachlich bedingt weiß ich nicht, aber in den fast drei Monaten, die ich mit der Familie verbrachte habe ich mich meist eher als Gast gefühlt. Trotzdem war es eine gute Erfahrung und als ich aus verschiedenen Gründen aus der Familie ausziehen musste, war ich sehr traurig.
Bis zum Ende meines Aufenthaltes lebte ich dann im Haus der Partnerorganisation, einem chronisch überfüllten, meist nicht ganz sauberen aber sehr lebendigen und internationalen Haus in einem ruhigen Teil Ha Nois.
Und wie ist das Leben danach? Jetzt bin ich schon mehr als einen Monat zurück und der Alltag kommt schnell, nimmt alles wieder ein und lässt ein Jahr in Vietnam wie einen weit entfernten Traum erscheinen. Vieles verblasst, aber Einiges bleibt im Kopf. Orte, die wichtig waren, das ganz bestimmte Licht, wenn man abends durch die Stadt gefahren ist, der Geschmack des Tees und die Menschen, die ihn getrunken haben, gemeinsames Lachen, das viele Leben auf der Straße. Manches vermisse ich, bei Manchem bin ich froh, dass es in Deutschland anders ist. In meinem Kopf ist Vietnam immer dabei. In vielen Situationen fallen mir Dinge ein, die genau so waren, oder ganz anders. Irgendwann möchte man gar nicht mehr davon erzählen, um die anderen nicht zu langweilen, und weil keiner, der nicht dort gewesen ist es wirklich verstehen kann. Es wird mich noch eine Weile begleiten, meine Entscheidungen beeinflussen und meinen Blickwinkel weiten. Manchmal wird es mir auffallen, manchmal erscheint es ganz normal. Ein Jahr, dass in Erinnerung bleibt, ein Jahr mit vielen Erfahrungen, ein Jahr in einem Land, das so anders und doch irgendwie gleich ist.




