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Ich habe schon früher über einen Auslandsaufenthalt nachgedacht, doch zu diesem Zeitpunkt war es zu spät für mich, um vor der Oberstufe ein Auslandsjahr in der Schule zu beginnen. So kam ich zunächst auf die Idee, nach dem angestrebten Abitur ins Ausland bzw. schon relativ gezielt nach Frankreich zu gehen, fand aber zunächst auf Auslandsmessen nur wenige Informationen,

Name:FranziAlter:19Einsatzstelle:IEM La ClartéInhaltliche Ausrichtung:Einrichtung für körperlich beeinträchtigte Jugendliche (Bereich Bildung und Erziehung)

die weder AuPair noch Work&Travel oder Sprachreisen betreffen. Von dem Auslandsfreiwilligendienst konkret erfahren habe ich dann zum Glück über eine Freundin, die ihr EVS ebenfalls mit ijgd gemacht hat.

Meine Eltern waren zunächst nicht besonders begeistert, aber auch nicht ablehnend. Als Einzelkind kann ich ihre „Sorgen“ auch durchaus nachvollziehen und habe mich von mir aus erst einmal alleine mit meiner Entscheidung und den entsprechenden Vorbereitungen befasst. Dabei hätte ich trotzdem immer auf ihre Hilfe zählen können. Letztendlich sahen und sehen sie jedoch eine große Chance für mich in meinem EVS, die viele Möglichkeiten birgt, mich weiter zu entwickeln, Spaß zu haben, aber auch mit Schwierigkeiten umzugehen.
Der Großteil meiner Freunde sah meine Entscheidung als mutig an, aber gleichzeitig auch als Chance auf wertvolle Erfahrungen.

Ich habe an einem Vorbereitungsseminar der ijgd teilgenommen. Es war im Juli und hat mir zu diesem Zeitpunkt schon damit geholfen, dass meine bevorstehende Ausreise etwas realer wurde.
Es war schön und hilfreich, sich schon zu diesem Zeitpunkt mit anderen Menschen in der gleichen Situation vernetzen zu können, aber auch der einfache Austausch über Motivation und Ziele tat mir gut. Alle praktischen Informationen über Versicherung, Vertrag, Ziel und Entstehung des EVS erleichterten mir anfangs das Verständnis einiger Erklärungen in der Fremdsprache, auch wenn ich mich in dieser schon recht wohl fühle. Vor allem finde ich es wichtig, mehr über das EVS zu wissen, um einerseits andere Interessierte besser informieren zu können, und mich andererseits auch persönlich dem Gedanken „hinter“ dieser Art des Freiwilligendienstes nähern und ihn in gewisser Weise leben zu können.
Nicht zuletzt gab mir das Vorbereitungsseminar den Gedanken mit, einen guten Partner bzw. Unterstützung während meines Auslandsaufenthaltes an meiner Seite zu haben.
Selbst wenn für mich einige Informationen doppelt oder dreifach ankamen, wiederholt von meiner Aufnahmeorganisation und während dem on-arrival-training, bin ich doch überzeugt, dass das an der guten Organisation hier in Redon / Frankreich liegt, aber prinzipiell sehr wissenswert für alle Freiwilligen vor der Ausreise ist.

Ich freute mich sehr auf meine Ankunft in Redon und im Projekt und kann auf einen guten Start zurückblicken. Der erste Kontakt mit meiner Tutorin war wirklich positiv und obwohl sie selbst im Organisationsstress des neuen Schuljahres steckte, nahm sie sich die Zeit, mir erst einmal in Ruhe und sehr freundlich einiges über die Einrichtung der Clarté zu erklären und mich mit meinem Einsatzort bekannt zu machen. Ansonsten war ich zwar anfangs noch komplett ohne konkrete Idee, was genau ich mit welchen Jugendlichen als „eigenes“ Projekt machen möchte, was machbar für die Schüler ist, aber deswegen keineswegs demotiviert.
Die Schüler „meiner“ Klasse und der Lehrer begrüßten mich super lieb mit einem deutschen Lied und nahmen mich herzlich auf. Auch wenn ich im Verlauf der Zeit ab und an auf kleinere schwierige Situationen gestoßen bin, die mich für einen kurzen Moment an der Durchhaltefähigkeit meiner Motivation und Freude haben zweifeln lassen, kann ich glücklicherweise doch sagen, dass dieser Zustand nie lang anhielt und es meist kurz darauf wieder einen Moment gab, der meine Laune aufhellte bzw. umkehrte.

Den Großteil meiner Arbeitszeit verbringe ich mit dem Lehrer in der Gruppe „classe collège“. Dort sind Schüler im Alter von etwa 11 bis 14 Jahren, die aufgrund ihrer Behinderung zwar nicht (oder nicht komplett) in normalen Schulen in Inklusion sein können, aber dennoch gewisse Lernziele verfolgen.

Ich bin mit dem Lehrer im Unterricht und agiere dort sowohl als helfende Hand, als auch als anleitende Person. Das heißt, dass ich materielle Hilfe leiste, indem ich beim Einräumen des Ranzens helfe oder auch über längere Arbeitsphasen bei einem einzelnen Schüler bin, der z.B. Probleme beim Sehen hat, ihm vorlese und beschreibe, was er nicht sieht und Antworten für ihn notiere. Ziemlich von Anfang an hat mir der Lehrer jedoch schon das Vertrauen entgegengebracht, auch allein mit einem Teil der Gruppe zu bleiben, wenn zu verschiedenen Themen oder individueller gearbeitet werden soll. Zu diesem Zeitpunkt übernehme ich quasi die führende/leitende Rolle und bemühe mich, mit den Schülern zu einer gegebenen Aufgabenstellung zu arbeiten.
Während die individuelle Hilfe zwar manchmal kleinere Schwierigkeiten wie Missverständnisse oder Unmotiviertheit mitzuarbeiten (die ich aber relativ gut lösen kann) mit sich bringt, ist es für mich noch schwierig, eine aus mehreren Jugendlichen bestehende Gruppe anzuleiten. Das hinterlässt bei mir zwar teilweise das Gefühl, kaum oder überhaupt nicht vorangekommen zu sein und den Schülern nicht gerecht zu werden, doch ich lerne immer mehr, diese Schwierigkeiten relativiert zu sehen.

Was mich am meisten stört bzw. von dem Gefühl von „Zufriedenheit mit dem, was ich mit den Schülern mache“ trennt, ist die Arbeit mit den Computern. Da passiert es schnell, dass wir als zwei Erwachsene nicht bei fünf Schülern gleichzeitig sein können, ich absolut überfordert bin, wie man beispielsweise den Kontrast und andere Anzeigehilfen des Bildschirms anpasst oder mein Wille zu helfen angesichts der Ungeduld des Schülers und wilder, nicht zu stoppender Klickerei auf eine „Mauer“ stößt.
Mittwochs findet kein Unterricht statt, was heißt, dass ich vermehrt mit den anderen Jugendlichen der Einrichtung in Kontakt komme und an anderen Aktivitäten teilnehme. So habe ich mich beispielsweise mehrfach der Aktivität „Makaton“ angeschlossen, um gemeinsam mit Jugendlichen und anderen Mitarbeitern, die Grundlagen einer Gebärden- und Piktogrammsprache zu lernen. Das hilft mir und freut mich wiederum auch im Alltag enorm, weil ich so auch mit einzelnen Jugendlichen, die nicht sprechen oder hören können, kommunizieren kann.
Nachmittags begleite ich - momentan noch immer in der Anwesenheit eines Professionellen - verschiedene Aktivitäten, die sich mehr auf die Umgebung außerhalb der IEM beziehen. So habe ich bei Spaziergängen am Fluss und mit Hunden nebenbei schon gelernt, die elektrischen Rollstühle der Jugendlichen zu bedienen und in den Fahrzeugen zu sichern, war mit einer Gruppe in der kleinen Innenstadt und in Geschäften und in der Mediathek. Ansonsten verbleibt an diesen Tagen auch immer Zeit, die ich mit verschiedenen Schülern im Foyer, einer Art Aufenthaltsraum mit Kicker, Büchern, Spielen und PCs, verbringe.

Mein Projekt ist sehr auf die Arbeit und den Umgang mit den Jugendlichen bezogen und so sind auch meine Arbeitszeiten dem soweit angepasst, dass ich quasi 100% mit ihnen in Kontakt bin.
Das heißt aber im Umkehrschluss, dass ich bisher an keinen Besprechungen teilgenommen habe. Diese würden mich zwar einerseits interessieren, z.B. um mehr über die individuellen Schwierigkeiten und Hilfs-/Erziehungs-/Lehransätze zu wissen und um über aktuelle Ereignisse informiert(er) zu sein, andererseits ist es vermutlich fragwürdig, wie das Verhältnis zwischen Sinn und dort verbrachter Zeit ist, da ich diese eher inaktiv im Gespräch der Professionellen verbringen würde und ich selbst weder medizinische noch erzieherische Fachkompetenzen mitbringe.

Mir fallen keine nennenswerten oder wirklich schwierigen/dramatischen Situationen ein; dafür fühle ich mich in meinem Projekt, mit den anderen Freiwilligen und in der Stadt viel zu wohl!
Die schon angesprochenen Probleme mit der Technik lerne ich nicht so tragisch zu nehmen und finde in dem Lehrer der Klasse auch immer eine offene und hilfsbereite Person.

Ich sehe, dass viel Arbeit bzw. eher Beschäftigung auf mich zukommt. Der Start des „projet collectif“s steht bevor, was bedeutet, dass zu meiner Arbeit im eigentlichen Projekt noch kleinere, punktuelle Aktivitäten geplant und organisiert werden „müssen“.
Das gibt uns wirklich sehr viel Freiraum und Möglichkeiten, sich jeder individuell mit seinen Fähigkeiten einzubringen und ich freue mich sehr darauf. Gleichzeitig sehe ich aber auch, dass ich meine Zeit gerade im Hinblick auf diese zusätzlichen Aufgaben und Verantwortungen besser organisieren muss, um nicht in Stress zu verfallen, denn diesen möchte ich hier absolut vermeiden.

Abgesehen vom projet collectif möchte ich auch möglichst bald mein persönliches Projekt, das soweit ich weiß auch im Programm des EVS festgeschrieben ist, starten. Ich muss mir diesbezüglich aber noch konkretere Gedanken machen, da es für mich noch schwierig ist, mich auf eine gezielte Sache festzulegen, die ich gut kann, die aber auch den Jugendlichen Spaß macht.
Auch wenn mir die Erzieher, meine Tutorin und die stellvertretende Direktion da sehr positiv und offen gegenüber stehen, wird es eine Herausforderung für mich werden, alles so zu planen und mit den verschiedenen Beteiligten innerhalb der komplexen Struktur der IEM zu organisieren, dass sich mein Projekt gut und sinnbringend in die Bedürfnisse und Möglichkeiten einfügt. Insgesamt bin ich aber sehr zuversichtlich und freue mich auf die bevorstehenden Aufgaben, die sich wirklich auf verschiedene Bereiche beziehen.
 

Viele Grüße, Franzi
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