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1. Zwischenbericht

Ankunft in Israel: Ich bin am 10.09.2015 mit 6 anderen Freiwilligen Nachmittags in Tel Aviv nach einem sehr entspannten Flug angekommen. An der Passkontrolle mussten wir unsere Pässe abgeben und ca. 40 Minuten ohne weitere Informationen warten, bis wir sie mit unserem Visum wiederbekamen.

Name:YolandaAlter:22Einsatzstelle:AlutInhaltliche Ausrichtung:Arbeit mit Autisten

Mir war nicht unbedingt wohl dabei, ohne Pass zu sein, aber da ich nicht allein war, machte ich mir auch keine großen Sorgen. Evi, die auch für ein Jahr im Kfar Ofarim arbeiten wird, und ich wurden von Rosa, einer Freiwilligen, abgeholt. Wir fuhren mit dem Taxi ungefähr eine halbe Stunde bis nach Petah Tikva, unserem neuen Zuhause für dieses Jahr. In meinen ersten Tagen musste ich nicht arbeiten, sondern konnte mich erstmal einleben und die Kultur und Stadt kennenlernen. Ich habe auch direkt einige jüdische Feiertage miterlebt, an denen keine öffentlichen Verkehrsmittel fahren und ich immer arabische Sheruts (günstige Sammeltaxis) nach Tel Aviv nehmen musste. Davon ist mir vor allem der viele Verkehr im Großraum Tel Aviv im Gedächtnis geblieben. Wir brauchten teilweise anderthalb Stunden für eine Strecke von 10 bis 12 Kilometern, weil die Straßen so überfüllt waren.

Wohn- und Lebenssituation: Ich wohne in Petah Tikva, einer Stadt, in der hauptsächlich russische Familien und Orthodoxe Juden leben, in einer 6er WG. Wir haben drei Doppelzimmer, ein Wohnzimmer, eine Küche und ein Badezimmer, sowie eine zweite Toilette. Wir sind 5 deutsche Mädchen und ein polnischer Junge und sehr schnell zu einer Familie zusammengewachsen. Durch eine weitere Freiwilligen–WG ganz in der Nähe und natürlich meine 5 Mitbewohner hatte ich von Anfang an relativ viele Kontakte in Petah Tikva. Über die Arbeit habe ich dann auch einige Israelis kennengelernt, sowohl jüdisch als auch arabisch. Ansonsten muss ich sagen, habe ich recht wenig Kontakte geknüpft. Im Großraum Tel Aviv sind die Menschen ähnlich wie in vielen anderen Großstädten eher auf sich selbst fokussiert und nicht darauf bedacht, sich mit Fremden anzufreunden. Über meinen von der Arbeitsstelle organisierten und bezahlten Ulpan (Sprachkurs) habe ich dann noch weitere Freiwillige aus den ALUT Programmen in Tel Aviv und Ramat HaSharon näher kennengelernt. Auch bei dem einen Behördengang, den ich hatte, hat mir unsere Arbeitsstelle gut geholfen, indem uns eine Sozialarbeiterin begleitet und alles erklärt hat.

Einsatzstelle: Ich arbeite im Kfar Ofarim, der größten Wohneinrichtung für Autisten in Israel, in Ramat HaSharon. Das Kfar Ofarim ist eines von ALUT’s „Homes for Life“ in dem erwachsene Autisten zwischen 20 und 60 Jahren zusammenleben nachdem sie ihre Schulbildung abgeschlossen haben. Im Kfar Ofarim gibt es insgesamt acht Wohnungen mit jeweils neun Mitbewohnern, also insgesamt 72 Bewohner. Im Allgemeinen bekommen die Autisten eine passende Wohngruppe zugeschrieben, in der sie dann den Rest ihres Lebens verbringen können. Die Wohngruppen sind sehr individuell organisiert und sollen den Autisten eine Umgebung bieten, in der sie möglichst eigenständig ihre Grundbedürfnisse erfüllen können aber in der auch ihre Talente gefördert werden. Der Grad der Selbstständigkeit ist von Autist zu Autist unterschiedlich, so benötigen manche besonders schwere Fälle Windeln, andere haben einen Generalschlüssel und sogar Zugang zum Bürotrakt. Nicht alle Autisten können sprechen und manche sind zudem Epileptiker oder haben andere Behinderungen.
Jede der acht Wohngruppen hat einen eigenen Namen und wird von einem Hausmanager geleitet, der die Verantwortung trägt und die Schichten organisiert. Jedes Haus hat seine eigenen Mitarbeiter, auch „Guides“ genannt und dann einen oder bis zu 3 Volontäre. Die Bewohner werden in einem 3-Schicht-System rund um die Uhr betreut. Abhängig vom Alter, Bedürfnissen und Potential der Bewohner gibt es individuelle Beschäftigungstherapien und Aktivitäten. Die Autisten sollen konstruktiv gefördert werden und es soll Ihnen ermöglicht werden ein so selbstständiges und würdevolles Leben wie möglich zu führen.
Ich arbeite in der Spätschicht im Haus Hazav. Im Kfar Ofarim sind Freiwillige mit den „Guides“ gleichgestellt und erfüllen deshalb die gleichen Aufgaben. Insgesamt arbeite ich 35 Stunden in der Woche und habe 5 Schichten zu jeweils 7 Stunden. Mein Arbeitstag beginnt für gewöhnlich um 15 Uhr. Als erstes hole ich dann die Wäsche aus dem Keller, die vom Reinigungspersonal gewaschen wurde. Dann nehme ich die saubere Wäsche mit in mein Haus und begrüße erst einmal einige „Friends“. Die meisten Autisten machen von 14 bis 16 Uhr ihren Mittagsschlaf. Von 15 bis 16 Uhr nehmen wir dann die Wäsche im Team zusammen und bereiten die 16 Uhr Mahlzeit vor: Früchte oder Knabbereien und am Shabbat auch Kuchen mit Tee. Um spätestens 16 Uhr werden die Autisten, die noch schlafen geweckt und es wird gemeinsam gegessen. Danach wird der Tisch aufgeräumt und das Geschirr abgespült. Ab 16:30 Uhr stehen dann verschiedene Aktivitäten auf dem Programm. Die Aktivitäten wiederholen sich wöchentlich und für gewöhnlich gibt es jeden Tag etwas anderes zu tun. Die individuellen Aktivitäten werden von den Eltern bestimmt und es gibt zum Beispiel Musiktherapie mit dem Didgeridoo oder einen Akkordeonspieler, der mit den „Friends“ tanzt und singt, Töpfern, Malen, Hundetherapie, Schwimmen, Yoga und Sport im Fitnessstudio. Nicht alle „Friends“ können an allen Aktivitäten teilnehmen. Es gehört zur Aufgabe der Freiwilligen die Autisten zu den Aktivitäten zu begleiten. Ab 17:30 Uhr werden die „Friends“ geduscht, rasiert und fertig für die Nachtruhe gemacht. Um 19 Uhr gibt es Abendessen. Das Abendessen wird in der Küche vorgekocht und dann aufgewärmt. Die Guides und die Volontäre müssen meistens nur einen Salat zubereiten und das Essen anrichten. Danach werden wieder Tisch und Küche aufgeräumt. Nach dem Abendessen werden noch Medikamente verabreicht. Danach gehen die Autisten für gewöhnlich ins Bett und der Rest der Schicht verläuft sehr ruhig. Am Shabbat muss die Spätschicht zusätzlich noch Frühschicht und Nachtschicht abdecken. Da es aber keine Aktivitäten gibt kann man die Schicht individuell gestalten und Spaziergänge mit den Friends unternehmen oder Malen und Basteln.
Ich komme sehr gut klar auf der Arbeit und hatte sehr Glück mit meinem Team, da alle Guides Englisch sprechen können und mich am Anfang sehr gut in die Arbeit eingeführt und bei Sprachschwierigkeiten mit den „Friends“ stehen sie immer zur Seite. Auch mit meinen „Friends“ hab ich Glück gehabt, da sie Liebe bzw. Zuneigung zeigen können und einem dadurch sehr viel zurückgeben.

Highlights und Stolpersteine: Eines meiner persönlichen Highlights hatte ich schon in meiner ersten Woche in Israel. Zusammen mit einigen anderen Freiwilligen sind wir nach Taybeh in die Nähe von Ramallah auf das „Taybeh Oktoberfest“ gefahren. Es hat mir total Spaß gemacht, am Abend zu den arabischen Livebands zu tanzen und die Stimmung war sehr ausgelassen und positiv. Allgemein bin ich schon relativ viel gereist und meine Ausflüge in die Wüsten oder ans Tote Meer zählen auch definitiv zu meinen besonderen Erlebnissen. Kleine Stolpersteine gab es allein schon durch meine anfangs komplett fehlenden Sprachkenntnisse genug, allerdings nichts Unüberwindbares. Ich fühle mich in der WG und auf der Arbeit sehr gut aufgehoben und habe meine Ansprechpartner für alles. Auch auf der Arbeit hatte ich schon kleine Highlights, zum Beispiel freut sich eine Autistin immer sehr, wenn ich zur Tür hereinkomme und springt auf um mir in die Arme zu laufen.

Die kommende Zeit: Ich muss sagen, ich weiß nicht genau was jetzt kommen wird und habe auch nicht wirklich besondere Erwartungen. Ich bin mit dieser Einstellung auch am Anfang sehr gut in Israel klargekommen, weil mich immer wieder Dinge überraschen und erfreuen. Ich hoffe natürlich, die Sprache und „Friends“ noch viel besser kennenzulernen und freue mich auf weiteres Reisen. Ich bin sehr gespannt auf die kommende Weihnachtszeit, weil ich echt nicht weiß was mich da so erwartet…!

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