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Meine Halbzeit-Erfahrungen in Haifa

Es ist Halbzeit. Seit mehr als einem halben Jahr bin ich nun schon in Israel, lebe in Haifa und arbeite auf der Entbindungs- und Frühchenstation des Carmel Medical Center. Ich fühle mich zu Hause.

Name:Anna-LenaAlter:19 JahreEinsatzstelle:Carmel Medical CenterInhaltliche Ausrichtung:Krankenhhaus

Hier in Israel. Der Gedanke daran, dass schon die Hälfte der Zeit unseres Freiwilligendienstes verstrichen ist, gefällt mir nicht. Noch liegen sechs Monate vor mir, aber ich weiß, dass mir die Zeit zu schnell vergehen wird.

Es ist gerade Winter in Israel, das heißt milde Temperaturen bei abwechselnd leichten Schauern oder Sonnenschein. Es ist nicht immer gemütlich, fühlt sich dennoch eher an wie ein schöner Frühling, der so langsam die Vogelstimmen zu wecken sucht. Trotzdem laufe ich jeden Tag dick eingemummelt herum, trinke mehr Tee als sonst und nehme eine Wärmflasche mit ins Bett. Ich habe mich an das Wetter hier gewöhnt - ich friere bei frühjährlichen Temperaturen.

Genau so geht es mir in meinem täglichen Leben auch.
Die Wochentage sind mein Alltag. Arbeit, Freizeit, Schlaf. Vor allem aber die Vormittage einer Woche ähneln sich oft sehr. Um sechs Uhr in der Früh wird der Wecker noch ein letztes Mal stumm gestellt, zwanzig Minuten später dann morgendlich grummelnd durch die Wohnung gehetzt. Einmal die Woche verpasse ich den Bus.
Um sieben beginnt mein Arbeitstag. Mittlerweile habe ich mich auch an die Arbeit gewöhnt und sogar großen Gefallen an ihr gefunden. Es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, was man zu tun hat und wobei man gebraucht wird. Und es macht Spaß mit seinen Aufgaben zu wachsen, Anerkennung und Dankbarkeit für seine Anwesenheit und Bemühungen zu bekommen.

Grundlegend verändert haben sich meine Aufgaben zwar nicht - nach wie vor kümmere ich mich um das Falten der Wäsche, um das Vor- und Nachbereiten der Entbindungsräume und um kleine andere Angelegenheiten hier und da - doch empfinde ich mittlerweile eine größere persönliche Bereicherung in dem, was ich hier tue. Ich habe mittlerweile verstanden, dass ich tatsächlich gebraucht werde und meine Anwesenheit auf beiden Stationen für Freude sorgt. Vor allem aber ist mir inzwischen klar, dass auch ich, wenn auch anders als die restlichen Freiwilligen, den Patienten helfen kann. Ich merke immer öfter, wie sehr es hilft, wenn ich lächelnd durch das Krankenhaus laufe, freundlich und offen bin. Ich bekomme oft ein großes Dankeschön von den jungen Eltern, einfach weil ich nur dabei war, weil ich gelächelt habe und eventuell ein gutes Gefühl vermitteln konnte. Und das ist es, was sich verändert hat. Ich bin mir meiner Aufgabe nun mehr bewusst, denn die ist so viel mehr als Wäsche falten und Betten putzen. Dadurch habe ich zum einen mehr Motivation und zum anderen auch mehr Freude bei der Arbeit. Ich schätze die kleinen-großen Momente während meines Dienstes und ich glaube, dass das ganz viel Wert ist.
In meinen zwei Arbeits-Teams fühle ich mich mittlerweile auch immer wohler. Zwar gibt es hier und da kleine Missverständnisse, kleine Probleme und Unstimmigkeiten, doch habe ich mich eingelebt. Ich kenne die prägnantesten Charakterzüge meiner Kollegen und weiß mit wem zu scherzen ist. Gottseidank mit den meisten.
Vor allem gefällt es mir, wirklich ein Teil von ihnen zu sein und dies auch zu spüren. Sie sind an meiner Person, an meinen Erlebnissen und Erfahrungen sehr interessiert und das freut mich sehr.

Auch abseits des Krankenhauses hat sich der Alltag in allen Lebenslagen eingestellt. Und das hätte ich wirklich nicht erwartet. Ich weiß was ich wann zu tun habe, teile mir meine Freizeit ein, plane die Wochenenden und kümmere mich um meine alltäglichen Aufgaben. Es ist nicht anders, als es in Deutschland war. Die anfängliche Spannung und Aufgeregtheit sind weg, Ruhe und Routine sind eingekehrt.
Nach einem halben Jahr kenne ich die Straßen der Stadt, die kürzesten Wege von A nach B und die kuscheligsten Cafés mit dem besten Kaffee. Ich weiß, wo Lebensmittel am Besten und Günstigsten zu bekommen sind, in meiner Lieblingsbar kennen mich die Kellner und ich kann mit geschlossenen Augen durch die Wohnung laufen, ohne irgendwo anzustoßen. Der Wechsel zu diesem Gefühl viel allerdings nicht leicht. Es war ein Wechsel von 100 Prozent neu und aufregend zu ganz normal. Von ganz weit oben, einem Gefühl der Leichtigkeit und des Fliegens bin ich sehr schnell und abrupt am Boden gelandet. Und das tat ein wenig weh. Als mir die rosarote Brille abgenommen wurde und mir plötzlich auffiel, dass auch die Menschen hier ihre kleine Macken haben, dass die öffentlichen Verkehrsmittel genauso unpünktlich sind, wie in Berlin und dass Sabbat wirklich nervt - da wusste ich, ich bin da. Immer mehr Kleinigkeiten kamen dazu, die mich an der Gesellschaft, der Mentalität der Menschen und am Krankensystem nervten und es noch tun. Ich habe aufgehört alles für mich selbst zu beschönigen, nur um im Nachhinein sagen zu können, das perfekte Jahr im perfekten Land gehabt zu haben. Sondern ich mache mir nun eben auch die Fehler bewusst.

Gerade unter der Woche führte dieses neue Gefühl der Normalität und der Skepsis gegenüber Israel zu meinen bisherigen Tiefpunkten. Hinzu kamen das schlechter werdende Wetter, die ganz anders verbrachte Feiertagszeit im Dezember sowie ein wenig gesundheitliches Schwächeln. Konnte ich mich vorher über die kleinsten Sachen freuen, einfach weil sie hier, in Israel stattfanden und dadurch besonders waren, war ich gerade um Weihnachten herum sehr schlecht gelaunt. Nichts konnte mich so richtig begeistern, ich war unmotiviert und fing an mich ein bisschen selbst zu bemitleiden. Ich hatte mich selbst dem Druck ausgesetzt hier das beste Jahr meines Lebens zu erfahren. Und waren die Nachmittage leer, nicht gefüllt mit Aktivitäten, zog mich das noch weiter herunter. Ich machte mir vor, mir während meines Freiwilligendienstes keine unproduktive Zeit erlauben zu dürfen.

Der Austausch mit anderen Freiwilligen war es, der mir in dieser Zeit wohl am meisten half. Denn nicht nur ich durchlebte das Tief nach der Honeymoonphase in der Zeit vor dem Jahreswechsel.
Mittlerweile habe ich dieses Stimmungstief aber überwunden und fühle mich in meinem hier und jetzt wieder pudelwohl. Ich habe den Alltag angenommen und mir außerdem auch ein paar Fixpunkte unter der Woche gesetzt an denen ich bestimmte Sachen mache. So mache ich nun mehr Sport, ich tanze mehr und werde, sobald das Wetter besser ist wieder mehr Zeit am Meer verbringen.

Nach wie vor finde ich Haifa eine tolle Stadt zum Leben. Allerdings habe ich auch Tel Aviv und Jerusalem sehr lieben gelernt und nutze jede Gelegenheit Freunde dort zu besuchen. Ich verbringe also kaum ein Wochenende zu Hause. Und das ist sehr gut so. Ich merke, dass mir der Abstand meiner Mitbewohner sehr gut tut und habe außerdem eine feste Gruppe von Leuten gefunden mit denen ich am liebsten und am meisten Zeit verbringe.

Obwohl ich an den Wochenenden wirklich selten in Haifa bin und auch nicht oft mit meinen Mitbewohnern zusammen rumreise, liebe ich meine WG sehr. Wir sind sieben unterschiedliche Menschen, zufällig zusammengewürfelt und auf engen Raum platziert. Und es klappt wirklich hervorragend. Zwar ist unsere Wohnung nicht die sauberste, zwar kochen wir nicht jeden Abend zusammen oder machen einmal die Woche eine WG-Sitzung, aber dennoch läuft es einwandfrei. Aus Mitbewohnern sind Freunde geworden, denen man sich anvertrauen kann. Ich habe die kleinen Macken der anderen akzeptiert und bin sehr dankbar, dass wir ehrlich miteinander sind und konstruktiv an aufkommende Probleme herangehen. Wir zeigen uns, was uns aneinander im Zusammenleben stört und lösen die Dinge zusammen.
Ich genieße die Nachmittage in Haifa, an denen ich mit den Leuten aus meiner Wohnung zusammen sein kann.

Mittlerweile bin ich in Israel schon viel herumgekommen. Von den Golanhöhen bis zur Negev und Eilat habe ich schon einiges gesehen. Außerdem war ich zwei Mal in der Westbank und vor kurzem vier Tage in Jordanien, was mein bisheriges Reisehighlight war. Ich nutze all meine freie Zeit um möglichst viel vom Land zu sehen.
Leider gab es vor kurzem einen kleinen Dämpfer seitens der Einsatzstelle was unsere Reisefreiheit betrifft. Unsere Sozialarbeiterin, sowie andere Vorgesetzte halten es für zu gefährlich für uns in die Westbank zu reisen. Da das nicht stimmt, sorgte das einige Zeit lang für ein angespanntes Arbeitsklima und wurde leider bislang auch nur insofern geklärt, als das wir uns genau überlegen sollten, worüber wir im Krankenhaus mit wem reden.
Dies war natürlich nicht das erste Mal, dass uns die eher rechte Einstellung der Israelis begegnet ist. Und trotzdem empfanden wir es wohl alle als sehr schade, dass gerade unsere Einsatzstelle nicht ihre eigene Meinung zurückgestellt hat, um einzusehen, dass wir mit vorrangig touristischem Interesse nach Palästina reisen wollen.

Ich genieße die Zeit, die mir noch bleibt, in vollen Zügen. Noch sechs Monate liegen vor mir. Der israelische Sommer, einige Besucher und ein großes Festival.
Ich freue mich auf die Zeit.

Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.