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Halbzeit! Seit 6 Monaten lebe und arbeite ich nun in Jerusalem. Ich würde nicht von mir behaupten, dass ich mich hier fühle, wie die Einheimischen, alleine wegen des Aussehens schon nicht. Hin und wieder bekommt man den Touristenstatus wieder aufgedrückt, aber insgesamt lebt man sein Leben hier und ich fühle mich wohl und fast zuhause.

Name:SonjaAlter:20Einsatzstelle:St. Louis French Hospital JerusalemInhaltliche Ausrichtung:Krankenhaus

Natürlich vermisst man einiges von Zuhause: Familie, Freunde, Käse (der nach etwas schmeckt!), Laubwälder, das generell andere Leben und die Souveränität die man in Deutschland hat, weil einem alles bekannt vor kommt und man sich immer zurecht findet. Damit meine ich relativ unspektakuläre Dinge wie beispielsweise das Kaufen von Busfahrkarten. Jedes Mal wieder kommt es mir vor als würde sich das System dafür hier ständig ändern und jedes Mal habe ich das Gefühl ohne Plan durch die Gegend zu irren. Aber vermutlich muss man all das sehr viel gelassener sehen und nicht mit Deutschland vergleichen. Der Bus kommt eben wann er kommt, ohne Fahrzeitenplan und die Karte wird gekauft wie es sich dann halt ergibt. Man gewöhnt sich daran relativ schnell, dass es immer anders kommt als man es geplant hatte und irgendwann habe ich angefangen einfach viel spontaner zu sein, denn es fügt sich alles.
Die Arbeit im Krankenhaus hat sich im Vergleich zu der ersten Woche nicht viel verändert. Vom Prinzip her machen wir immer noch das Gleiche, doch ist die Arbeit stark von den Patienten, ihren Wünschen und Bedürfnissen abhängig und variiert dadurch sehr. Die Volontäre hier im French arbeiten nicht wenig und es ist sowohl körperlich, als auch psychisch anstrengende Arbeit. Die komplette Pflege ist unsere Aufgabe und wir bekommen viel Verantwortung übertragen. Es ist ein schönes Gefühl wirklich was für die Menschen tun zu können und dass die Arbeit die man macht von Bedeutung ist. Die Arbeit an sich bereitet mir keine Probleme und es gibt nichts was man hier noch nicht gesehen hat. So kommt es einem zumindest vor. Auch die Gespräche mit anderen Volontären am Abend kommen immer wieder auf das gleiche Thema zurück: das Krankenhaus, die Patienten und die Arbeit.
Innerhalt des Teams gibt es immer wieder Veränderungen, denn neue Volontäre kommen hinzu und alte gehen. Auch an der festen Besetzung des einheimischen Teams hat sich ein bisschen was verändert und zwei neue Caregivers wurden eingestellt. Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig eine Arbeitsentlastung, da das Krankenhaus auch noch neue Zimmer ausgebaut hat und die Zahl der Patienten erhöht wurde. Generell kann man schon sagen, dass es um die Feiertage besonders anstrengende Schichten sind, weil viele frei haben möchten und ein deutlich kleineres Team die Arbeit bewältigen muss.
Das wirklich tolle an dieser Einsatzstelle ist neben der einmaligen Lage, dass man mit einer großen Gruppe von Volontären (ca. 25) zusammen lebt und arbeitet. Dadurch freundet man sich viel intensiver an und hat auch immer einen Ansprechpartner, mit dem man über blöde Situationen oder Probleme auf der Arbeit reden kann, denn man versteht genau wovon der Andere redet und kennt die Leute und Gegebenheiten. Konflikte unter den Volontären gab es, sofern ich weiß noch keine größeren. Das liegt vermutlich auch daran, dass wir so viele sind. So kann man einander auch aus dem Weg gehen und hat immer noch andere Leute mit denen man etwas unternehmen kann.

          

Vor etwa einer Woche habe ich das Zimmer gewechselt und bin in ein Einzelzimmer gezogen, das frei wurde als eine andere Volontärin ging. Hier fühle ich mich noch wohler, weil ich meinen eigenen Rückzugsraum habe. Ich muss aber sagen, dass ich nicht wegen meiner Mitbewohnerin umgezogen bin. Wir haben uns super verstanden und es war gab nie ein Problem oder dass wir einander gestört hätten. Auch durch den unterschiedlichen Schichtplan kommt es in einem Doppelzimmer nicht selten vor, dass man das Zimmer für sich hat. Trotzdem habe ich jetzt die Chance ergriffen umzuziehen und freue mich sehr darüber, die Tür hinter mir alleine schließen zu können. Positiv überrascht bin ich auch von dem Zusammenleben in einer 10er Mädchen-WG. Ich hätte nicht gedacht, dass man so friedlich und unkompliziert zusammen leben kann ohne sich anzuzicken. Ich mag alle aus meiner WG sehr gerne und bin hier erst richtig auf den Geschmack gekommen mit so vielen verschiedenen Menschen zusammenzuleben. Wenn ich in Deutschland zurück bin würde ich auch gerne in eine ähnliche Wohngemeinschaft ziehen.
Hier in Jerusalem haben ich und meine Mitbewohnerin Christin, auf einem Konzert, unsere Tandempartner Shalom und Jaron kennengelernt. Seitdem haben wir uns schon einige Male getroffen und die Beiden zeigen uns ihr Jerusalem und ihr Leben. Es ist wirklich schön, dass wir sie gefunden haben und ich lerne unglaublich viel, da vor allem Shalom so viele interessante Fakten über Orte und die Geschichte der Stadt, Land und Leute zu erzählen hat. Vor ein paar Wochen nahm Shalom uns mit nach Mea Shearim, das ultraorthodoxe Viertel, wo er aufgewachsen ist. Er hat uns eine ganz andere Seite des Lebens hier gezeigt. Ich sehe die ultraorthodoxen Juden seitdem anders an und habe nochmal einen ganz anderen Blickwinkel dazugewonnen. Ich bin unglaublich froh über diese Möglichkeit und die neuen Freunde die ich gewonnen hab.

[…] Wenn man mich nach der verbleibenden Zeit und meinen Erwartungen fragt, so kann ich sagen, dass es gerne weiter gehen soll wie bisher. Ich bin glücklich darüber wie es bis jetzt verlaufen ist. Ich hoffe, dass die Besetzung des Teams bis zum Schluss gut bleibt, denn sonst ist die Arbeit wirklich sehr anstrengend und nimmt einem dann die Kraft für andere Aktivitäten und das Land zu entdecken. Ich freue mich auf geplante Reisen und alles spontane was noch kommen wird. Alles in allem bin ich glücklich und wirklich froh, dass ich die Möglichkeit habe hier zu sein. 

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