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Meine ersten Eindrücke von Jerusalem

„Zack, da biste wieder“, denke ich, als sich die Türen des Ben Gurion Flughafens am Rande Tel Avivs öffnen und ich abends um 8 Uhr gegen die bekannte Wand aus Luftfeuchtigkeit und 25 Grad knalle.

Name:HannesAlter:18 JahreEinsatzstelle:French HospitalInhaltliche Ausrichtung:Krankenhaus

Ein kurzer Blick auf mein Handy bestätigt, dass es fast auf den Tag genau ein Jahr her ist, als ich auf Studienfahrt genau durch diese Tür schritt, völlig ungewiss, wo ich denn in einem Jahr stehen werde. Hier? Wohl eher nicht. Australien oder so, hoffentlich. Strand, dickes Wetter und abschalten.
Von wegen…
Ich sitze hier, ein Jahr später, in meinem Zimmer. Mitten in Jerusalem, wenige Meter von der Altstadtmauer; der Mauer dieser großen, multikulturellen und vor allem multireligiösen, lauten, vollen Stadt. Und damit ein herzliches Hallo an dich, lesende Person, die du vielleicht gerade abends vor  dem Computer sitzt und auf der Ausschau nach seiner Zukunft bist. Solltest du zu müde oder faul sein, die folgenden paar Seiten zu lesen, kann ich gerne schon hier sagen – nach auf den Tag genau zwei Monaten Freiwilligendienst im French:
Das hier ist wahrscheinlich der schönste Ort, mit allem Drum und Dran, an dem ich in meinem jungen Leben gewesen bin.
Etwas weniger rosig war streng genommen meine Ankunft. Mit dem Sammeltaxi nach Jerusalem, kein Problem. Dann aber vor geschlossen Türen, nach zehn Minuten Suche irgendwie hereingekommen. Keiner da, Rezeption kann kaum Englisch. Es dauert eine Viertelstunde, bis eine Schwester uns flüchtig begrüßt, uns kurz die Männer-WG zeigt. Mein Zimmerschlüssel passt nicht, irgendwie bin ich nicht für die WG vorgesehen. Chaos.
Inzwischen weiß ich: das ist hier normal. Alles ein bisschen larifari, „mal gucken“ und „klappt schon irgendwie“. In scha'a llah…
Inzwischen hat alles seine Ordnung und ich fühle mich pudelwohl. Tatsächlich ist für mich keine Platz mehr in der Männer-WG, welche direkt auf im Garten des French Hospitals - mit sicherer Distanz zur der Frauen-WG - liegt. Ich belege somit das einzige Zimmer im Erdgeschoss des Frenchs, das hat viele (Hygiene-)Vorteile, nur kleine Nachteile. Mein Zimmer ist absolut ausreichend, sogar wirklich hübsch, und ich habe alles, was ich brauche. Sogar die vermutlich schlechteste W-lan-Verbindung ist mir gegeben – hört hört, liebe Handykinder. Der Arbeitsweg von einem Gang und einer Treppe in den ersten Stock – hier liegt die Station, das Herz des French Hospitals – ist durchaus akzeptabel.
Ich bekomme mittags und abends warmes Essen, lediglich morgens ist Eigenzubereitung aus wöchentlich bestellbaren Vorräten notwendig. Es gibt viele Möglichkeiten und Ansätze, über das Essen zu meckern; ich persönlich finde es mit vereinzelten Ausnahmen völlig in Ordnung, mitunter sogar echt gut. An ein Sortiment von maximal 10-15 verschieden Speisen in Krankenhausqualität muss man sich eben gewöhnen. Außerdem stehen mir monatlich 160€ Taschengeld vom French Hospital und der ijgd zur Verfügung, die auch mal eine Pizza oder das ein oder andere (sehr teure) Bier ermöglichen. Wie alle um mich rum erhalte ich außerdem das Kindergeld von meinen Eltern. Macht monatlich rund 320€, mit denen man gut leben und reisen kann.
Nach einem vollen Tag zum Einleben und (Wieder-)Erkunden Jerusalems wurde ich mit meinen Mitvolontären der ijgd kurz eingearbeitet.
Heißt: Verträge unterzeichnen, Informationsblätter durchlesen, eine kurze Führung über die Station. Alles auf Englisch, versteht sich. Generell ist hier Englisch die Hauptkommunikationssprache, aber auch Französisch oder Russisch kann hier viel weiterhelfen. Wer hebräisch lernt, wird es mit vielen Menschen deutlich einfacher haben.
Gearbeitet wird theoretisch 6 Tage à 6 Stunden die Woche, praktisch gibt es aber immer wieder Doppelschichten, die man sich auch selber durch Tauschen und Hinundhergeschiebe mit anderen Volontären selber ergattern kann. Auch hat man nie durchgehend ein „6 Tage Arbeit – Ein Tag frei“-Muster, häufig hat man zwei, selten sogar drei Tage frei hintereinander. Außerdem kann Urlaub genommen werden. Generell ist das Planning ob der spitzenmäßigen Oberschwester durch Wünsche und Absprache sehr flexibel und nicht so fest wie etwa ein Stundenplan in der Schule.
Das French Hospital, genauer gesagt die erste Etage, ist in drei Teilstationen eingeteilt. Die A-Side beschäftigt sich hauptsächlich mit Wachkomapatienten und solchen, bei denen Kommunikation mit wenigen Ausnahmen nicht möglich ist. Tendenziell die pflegeintensivste und am Anfang wohl herausforderndste Station, weil heftige Schicksalsschläge und Krankheitsverläufe einen durchaus erst einmal beschäftigen können. Die B-Side wird als die Station der Onkologie bezeichnet, neben dem Großteil Krebspatienten liegen hier auch wenige andere Fälle. Sie ist die belebteste Station, es gibt Self-Care-Patienten und es herrscht am Meisten Kommunikation und Leben. Der Rollstuhlanteil ist hier sehr gering. Die C-Side bildet eine Art Altenheim-Station, hier legen eher wenige schwere Erkrankungen vor, dafür gibt es etliche Fälle der natürlichen Altersschwäche und eine Menge Demenzerkrankungen.
Insgesamt gibt es ca. 60 belegte Betten, bei der relativ neuen C-Side ist ein Teilkorridor mit ca. zehn weiteren Betten noch unbewohnt. Es handelt sich also nicht um ein reines Sterbehospiz. Dennoch ist der Tod ein ständiges Thema, dem man gewappnet sein sollte. In den zwei Monaten sind acht Patienten verstorben, und es gibt weitere, deren Zustand sehr schlecht ist.
Das Personal umfasst ebenfalls ungefähr 60 Arbeitskräfte, welche sich grob unterteilen lassen. Ein Viertel größtenteils weibliche Nurses, ein Viertel größtenteils arabische Worker – das sogenannte „permanent staff“ - und eine Hälfte Volontäre (zurzeit 32). Allein diese Zahlen sagen schon viel über das French aus: Die Hälfte der Arbeitskräfte besteht aus Volontären. Und das heißt, die Hälfte ist in der Regel – das zeigt die Erfahrung bis jetzt – motivierter, flexibler und freundlicher als die routinierten Worker. Diese Tatsache gibt dem French einen ganz besonderen Flair, der nicht zuletzt auch durch Patienten oft sehr begrüßt wird.
Es brauch etwas Zeit, völlig in die Arbeit einzutauchen, die Abläufe, Namen etc. kennenzulernen; natürlich auf Grund der vielen Sprachen und neuen Dinge etwas länger als etwa in einem deutschen Krankenhaus. Nach zwei drei Wochen sitzen die Abläufe und Aufgaben jedoch halbwegs, man wird mit den Patienten warm und vieles ergibt sich dann – wie so oft im Leben – ganz von selbst.
Die Arbeit ist äußerst pflegeintensiv. Es werden viele - je nach Schicht wirklich viele – Windeln gewechselt, Patienten hochgezogen, gewendet oder gewaschen, Wunden versorgt. Flüssignahrung und Wasser wird über Sonden gegeben, es werden Extrawünsche erfüllt, manchmal einfach nur Gespräche geführt, manchmal Tränen getrocknet. Im Falle eines Todes zur Schichtzeit gehört auch das Präparieren der Leiche sowie der Transport zu den Kühlräumen zu meinen Aufgaben – bis jetzt einmal erlebt, eine spannende Erfahrung.
Und es gibt jede Menge Überraschungen, die auch jetzt nach zwei Monaten, in denen sich zweifelsohne eine Routine eingestellt hat, fast jeder Schicht etwas Besonderes, Neues, Spannendes und ja auch Lustiges geben. Wer feste Angst vor Körperexkrementen, unwohlen Gerüchen oder Intimbereichen fremder Menschen hat, ist hier fehl am Platz oder wird sich – auch das ist möglich - daran gewöhnen müssen.
Fakt ist: Die Arbeit macht mit der richtigen Einstellung tatsächlich eine Menge Spaß und kann immer wieder sehr erfüllend sein; es ergeben sich viele Situationen oder Momente, die einem ein freudiges Lächeln auf das Gesicht zaubern können.
Noch intensiver wird das ganze Erlebnis vor dem Hintergrund eines wirklich fabelhaften Teams, schon im Vorfeld hörte ich oft von der „French-Family“, einem Zusammenhalt, der selten so zu finden ist. Ich sprach persönlich mit Mitarbeitern, die an anderen Stellen deutlich bessere Bedingungen (und besseren Lohn) bekommen würden, aber aufgrund des Teams niemals das French verlassen würden. Diese Atmosphäre, dieser Umgang, lässt das French – und auch seinen Ruf in Jerusalem – zu etwas ganz besonderem werden.
Natürlich habe ich bei theoretisch 6x6 Stunden Arbeit die Woche nicht nur Arbeit im Kopf, womit wir zum größten positiven Nebeneffekt des French Hospitals kommen. Bei all den Stellen der anderen Mitvolontäre ist es für mich unstrittig, dass das French wohl die traumhafteste Lage von allen angebotenen Einrichtungen hat. Eine Straße überqueren, um in die (wunderschöne) Altstadt zu gelangen, eine Minute von der nächsten Tramstation entfernt, die einen in fünf Minuten zur Central Bus Station fährt. Von hier stehen einem alle Türen offen. Von Norden bis Süden, von Westbank bis Meer, von Städten wie Bethlehem bis zum Toten Meer, von Wüste zu Wasser, von Bergen zu Tälern – es ist einfach alles in Schnelle zu erreichen. Es ist, als hätte man die meisten Vegetationsformen in ein Land von der Größe Hessens hereingedrückt. Vier Stunden ist die längste Busfahrt bis ganz in den Süden, die man auf sich nehmen kann. Die Preise sind lächerlich, von knapp zwei Euro nach Bethlehem oder Ramallah bis rund 18 Euro für vier Stunden nach Eilat in den Süden ist alles bezahlbar.
Es wird wohl noch eine Menge Erfahrungen und Erlebnisse für mich bereithalten, das French Hospital. Da bin ich mir sicher. Bis jetzt kann ich jedenfalls mit Überzeugung sagen, dass ich mich pudelwohl fühle, eine zu mir passende „Arbeitsstelle“ gefunden habe und alles irgendwie doch noch besser ist, als ich es gehört bzw. mir vorgestellt haben. Besonders für Menschen, die medizinisch interessiert und offen für Neues sind, die gerne mit Menschen arbeiten und sich bereit erklären, geduldig und liebevoll ein Stück Menschlichkeit zu geben, sollte das French Hospital eine perfekte Anlaufstelle sein – unter 32 Volontären ist bis jetzt keiner, der über Unzufriedenheit klagt.
Ein kleines P.S.: Jerusalem kann – wie andere Orte in Israel oder der Westbank auch – manchmal stellenweise etwas ungemütlich werden. Wer einen Freiwilligendienst in Israel in Israel in Betracht zieht und die Nachrichten verfolgt, wird bemerkt haben, dass besonders (Ost-)Jerusalem in den letzten Wochen immer mal wieder brenzlig wurde, es vereinzelte Anschläge gab, auch in unmittelbarer Nähe des French Hospitals. Dazu lässt sich sagen: Wer die existierende Gefahr ernst nimmt – das heißt, entsprechende Orte und Situationen (oft nur zu bestimmten Zeiten) meidet – jedoch auf dem Boden der Tatsachen bleibt und den Teufel nicht an die Wand malt, der wird sich in Jerusalem sicher fühlen. Die letzten Tage waren die Nachrichten ziemlich voll, doch ich hatte nicht eine Minute ernsthafte Bedenken oder Ängste, und ich bin nicht der Typ, den der Nervenkitzel der wirklichen Gefahr anzieht. Und wenn es tatsächlich zu viel wird, kann man immer noch sicher sein, relativ flott heimzukommen; Israel ist keine Wüste am Ende der Welt. Generell ist man auch so gut über das Auswärtige Amt und über die ijgd informiert und in stetigem Kontakt.
So viel von meiner Seite. Ich gehe jetzt in die novemberlichen 16 Grad – es ist inzwischen kühl geworden…

Liebe Grüße aus dem wunderbaren Jerusalem!
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