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Schon am ersten Tag nach der Ankunft stand eine Veranstaltung zum zwanzigjährigen Bestehen der Trägerorganisation Atokai an, was eine gute Gelegenheit bot, das Gebäude näher kennenzulernen.

Name:KatrinAlter:19Einsatzstelle:Dejima KunikusaInhaltliche Ausrichtung:Senioren

Ich habe eine Führung durch alle sechs Etagen mitgemacht, und auch wenn ich nur wenig verstanden habe, hat es gereicht, um das Wesentliche zu erfahren: im ersten Stock befinden sich Empfang und Büro, genau wie ein großer Saal, der für diverse Anlässe genutzt werden kann, und der Durchgang zum angeschlossenen DayCare Center. Die Stockwerke 2 bis 4 sind in vier Wohneinheiten mit jeweils ca. zehn Personen unterteilt, wobei im zweiten Stock hauptsächlich Shortstay-Zimmer sind –  für Klienten, die nur einen Tag bis zwei Wochen bleiben. Die Etagen 5 und 6 sind auch bewohnt, allerdings sind die Räume dort in einer höheren Preisklasse. Außerdem befindet sich im sechsten Stock das Restaurant für die Bewohner der obersten Stockwerke und die Küche. Die nächsten zwei Tage waren glücklicherweise frei, sodass ich meinen Jetlag ausschlafen und mich langsam an die neue Umgebung gewöhnen konnte. Im Laufe der ersten Woche wurde mir dann von meinen Betreuern nach und nach alles erklärt, was ich wissen musste, wir sind zusammen einkaufen gegangen und haben die Behördengänge erledigt. Allgemein gesagt waren die ersten vierzehn Tage ungeheuer aufregend und ich war durchgehend nervös, was aber bei den Mitarbeitern auf großes Verständnis gestoßen ist.

Generell war ich sehr positiv überrascht, wie offen und herzlich hier alle sind – das ganze Gegenteil vom Stereotyp des „steifen Japaners“, das wir auch auf dem Vorbereitungsseminar angesprochen hatten. Von Anfang an hatte ich das Gefühl, hier in guten Händen zu sein. Die japanische Kultur fällt mir vor allem in den Umgangsformen auf, sowohl in Bezug auf die Mitarbeiter, als auch auf die Bewohner. Im Gegensatz zu Deutschland, wo man an der Arbeit oft mit nicht viel mehr als einem Nicken aneinander vorbeigeht, grüßt man sich hier ausnahmslos immer, wenn man sich trifft, auch, wenn man sonst eigentlich nichts miteinander zu tun hat. Anders als ich erwartet hatte, ist das Verhältnis zwischen Betreuern und Bewohnern nicht sehr formell; zwar kommt in den Gesprächen immer ein grundsätzlicher Respekt zum Ausdruck, aber sonst ist der Ton sehr familiär. Mir ist es am Anfang sehr schwer gefallen, aus meinen deutschen Angewohnheiten (wie zum Beispiel dem knappen Begrüßen) herauszukommen und die japanischen Verhaltensweisen anzunehmen. Mittlerweile klappt das jedoch besser.

Ich habe ein Einzelzimmer mit allem, was man braucht im zweiten Stock und bin damit sehr zufrieden. Allerdings liegt es direkt am Gang zu den Aufzügen und grenzt an den Wäscheraum und andere Schlafzimmer, sodass die Geräuschkulisse, besonders nachts, manchmal recht laut ist.
Es ist aber alles im Rahmen und mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt.
Generell ist es ziemlich praktisch, direkt in der Einsatzstelle zu wohnen, denn es hat den Vorteil, dass ich Fahrtzeit und -kosten spare und trotzdem relativ autonom bin. Die Umgebung des Altenheims ist ebenfalls praktisch; direkt um die Ecke ist ein Convenience Store und etwa zehn Minuten Fußweg entfernt sind ein Kaufhaus, ein Supermarkt, mehrere Restaurants und die Straßenbahn-Haltestelle Richtung Innenstadt.

Die Leute sind wie schon gesagt alle höflich und größtenteils sehr aufgeschlossen, herzlich und fürsorglich. Es ist mir auch schon öfters passiert, dass zum Beispiel eine Kassiererin oder ein Schaffner plötzlich mit mir ein Gespräch angefangen hat. In den ersten Wochen hat mir das Klima ziemlich zu schaffen gemacht, aber jetzt, wo es kühler wird, geht es. Ansonsten ist das tägliche Leben hier dem in Deutschland erstaunlich ähnlich, bis auf vielleicht das Essen. Daran muss ich mich erst noch gewöhnen. Kontakte außerhalb von Dejima habe ich noch relativ wenige, aber dafür habe ich drei Frauen aus der schwedischen Partnereinrichtung kennengelernt, die für eine Woche hier waren. Außerdem habe ich mich länger mit mehreren Besuchern des DayCare Centers unterhalten, die selber schon mal im Ausland waren oder Familie dort haben. Mit meinen Betreuern (und teilweise deren Verwandten) habe ich natürlich auch viel zu tun, auch außerhalb der Arbeitszeit. Die Behördengänge habe ich alle in der ersten Zeit erledigt, einen Sprachkurs mache ich nicht.

Nun zu meiner Einsatzstelle: Dejima Kunikusa ist ein Seniorenheim und daher ist die Grundaufgabe für jeden, der dort arbeitet, die Pflege alter Menschen und das sich Kümmern um ihre Bedürfnisse. Ich bin normalerweise im vierten Stock und habe dort hauptsächlich mit Dementen zu tun, die alle ganz unterschiedliche Ausprägungen der Krankheit haben und mit denen deshalb individuell verschieden umgegangen werden muss. Im Moment übernehme ich eher noch die haushälterischen Aufgaben wie Spülen, Wäsche verteilen und Zimmer reinigen, sowie einige einfache betreuerische Tätigkeiten (Füttern, Rollstuhl schieben, zusammen singen / basteln / malen...). Wenn es gemeinsame Aktivitäten wie Gymnastik (2x wöchentlich), Töpfern, Kalligraphie oder Blumenstecken gibt, helfe ich den Mitarbeitern bei der Organisation und den Teilnehmern, die Schwierigkeiten haben. Bis jetzt komme ich mit allem gut zurecht und es macht Spaß, auch, wenn es mit der Kommunikation manchmal noch ein bisschen hapert.

An meinem ersten Arbeitstag wurde ich einmal durch das gesamte Haus geführt und dabei allen Mitarbeitern und Bewohnern vorgestellt, sodass mich jeder einordnen konnte. Nebenbei wurden mir die Grundzüge der verschiedenen Tätigkeiten und einige allgemeine Dinge erklärt (zum Beispiel, wie die Spülmaschine funktioniert oder man die Bremsen der Rollstühle löst) und es wurde ein Stockwerk festgelegt, in dem ich hauptsächlich sein soll.
Die erste Woche hing ich komplett an einer meiner Betreuerinnen, die mich durch ihren Tag mitgenommen und mir schon mal einiges gezeigt hat; dann wurde ich mir immer mehr selbst überlassen, bis ich schließlich komplett allein arbeiten konnte. Am Anfang, als alles noch neu war, war ich sehr nervös und hatte Angst, etwas falsch zu machen, aber mir wurde jede neue Aufgabe genau erklärt und erst einmal vorgeführt, bevor ich es selbst machen durfte, notfalls auch mehrmals, wobei ich die Geduld, mit der mir eine Mitarbeiterin die komplizierte japanische Art des Bettbeziehens nahegebracht hat, bewundere.
Egal wo, die anwesenden Mitarbeiter haben immer ein Auge auf mich gehabt und geholfen, wenn ich Schwierigkeiten oder Fragen hatte, und das tun sie immer noch.

Außerhalb der Arbeitszeiten kann ich mich immer an meine Betreuer wenden, die mich unglaublich stark unterstützen. Ich habe manchmal länger nichts zu tun, weil ich noch nicht die pflegerischen Sachen – wie mit den Bewohnern auf die Toilette gehen oder sie baden – machen darf. Wir haben aber ausgemacht, dass ich das später noch beigebracht bekomme, wenn ich richtig in der Arbeit angekommen bin, und auch schon Probeläufe gemacht, um zu sehen, ob ich mental dazu in der Lage bin. Die Leute in meinem Arbeitsumfeld sind allesamt sehr nett, rücksichtsvoll und hilfsbereit und haben mich sofort ins Team aufgenommen. Die Atmosphäre ist immer entspannt, freundlich und oft lustig.
Die Woche, in der die Schweden da waren, war definitiv das größte Highlight bis jetzt. Nicht nur, weil wir zusammen einen wunderschönen Ausflug nach Miyajima, einem der drei schönsten Orte Japans, gemacht haben, sondern auch, weil ich quasi als Bindeglied zwischen den Japanern, die kein Englisch, und den Schweden, die kein Japanisch konnten, fungiert habe. Ich habe zum Beispiel eine komplette Führung durch Dejima von Japanisch auf Englisch übersetzt, mehr schlecht als recht zwar, aber das war etwas, dass ich mir noch vor drei Monaten auf keinen Fall zugetraut hätte. Emotional gesehen war der schwierigste Tag bis jetzt aus naheliegenden Gründen mein Geburtstag, aber dank der kleinen, von meinen Betreuern organisierten Feier am Abend war das nicht so schlimm.

Auf die Arbeit bezogen hatte ich eigentlich noch keinen richtig schwierigen Moment; es gab zwar unangenehme Situationen (wie zum Beispiel, als eine Bewohnerin im Bad gestürzt ist und nur ich da war) und ein paar sprachbedingte Missverständnisse, aber alle waren relativ leicht zu lösen, weil immer jemand in der Nähe ist, der helfen kann. Wie oben schon beschrieben hoffe ich, dass ich mich in nächster Zeit noch mehr einbringen kann und dass die Arbeit abwechslungsreicher wird, wenn ich auch die pflegerischen Aufgaben übernehmen darf. Ansonsten hoffe ich, dass es weiter so gut läuft wie bisher und ich mich vielleicht sogar noch besser mit den Kollegen bekanntmache.
Besonders freue ich mich darauf, hier Weihnachten und Neujahr zu erleben, auch in Bezug auf die Arbeit – ich habe mir nämlich vorgenommen, meine deutsche Herkunft stärker einfließen zu lassen, zum Beispiel durch Weihnachtssterne basteln oder ähnliches (natürlich in Absprache mit den Betreuern). Außerdem möchte ich mein Japanisch weiter aktiv verbessern und an den freien Tagen mehr raus, auch mal weiter weg und Neues sehen.

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