Zum Inhalt springen

Am Flughafen in Hiroshima wurde ich direkt vom Leiter der Einrichtung abgeholt. Nachdem wir die ersten Worte gewechselt hatten, war die Nervosität, die ich seit Tokio verspürt hatte, wieder etwas in den Hintergrund getreten. Nachdem wir uns von der Kontaktperson der ijgd in Hiroshima und den anderen Freiwilligen verabschiedet hatten (da wurde mir dann doch wieder etwas bange), fuhren wir direkt zu AMA.

Name:Michel R.Alter:19Einsatzstelle:Mori no Kobo AMAInhaltliche Ausrichtung:Menschen mit Behinderung

Auf dem Weg machten wir den Versuch uns zu unterhalten und ich bin der Meinung, dass das in Anbetracht der Umstände garnicht so schlecht lief. Als wir bei AMA ankamen trank ich zusammen mit ihm einen Kaffee im Café Sakura, das zu AMA gehört und danach aßen wir zu Mittag in der Kantine. Dabei lernte ich gleich einige der Betreuten kennen (auch wenn mir von diesem Tag kein einziger Name in Erinnerung geblieben ist) und den Chef, mit dem ich in AMA auch zusammenarbeite. Er lud mich für den nächsten Tag zu Okonomiyaki ein, der Spezialität für die Hiroshima berühmt ist.

Nach dem Essen wurde ich einem Mitarbeiter vorgestellt, der in den USA studiert hat und dementsprechend gut auf Englisch kommunizieren kann. Er erklärte mir, wie mein Taschengeld zustande kommt, dass ich dann auch gleich bekam. Anschließend bekam ich von ihm eine Führung durch Kaita, die Stadt, in der ich wohne, die alle lebenswichtigen Dinge abdeckte – nächster Konbini, Supermarkt, Bahnhof und Postamt. Danach beschlossen wir gleich meine Registrierung im Einwohnermeldeamt zu machen. Hier verließ mich dann langsam meine Energie, weswegen ich das Formular eher schlecht als recht ausfüllte, trotz der Hilfe des Kollegen. Überraschenderweise war die Dame am Schalter sehr zuvorkommend und besserte meine Fehler einfach selbst aus.

Als wir das hinter uns hatten, brachten wir mein Gepäck in die Wohnung und fuhren zurück zu AMA, wo ich mein Fahrrad bekam. In der Wohnung erklärte man mir noch alles Wichtige , wie die Klimaanlage und die Lüftung im Badezimmer funktionieren, wie das Notfalltelefon funktioniert etc.
Dann übergab man mir noch das Handy, für das wir beim Konbini schon ein Guthaben gekauft hatten.
Wir verabschiedeten uns und ich blieb allein in der Wohnung. Meine ersten Versuche das Internet zum Laufen zu bringen scheiterten kläglich, also beschloss ich doch zuerst auszupacken und mich um ein Abendessen zu kümmern, dass ich mir beim Konbini besorgte. Dabei fühlte ich mich gleich ein wenig japanischer.

Am nächsten Tag ging ich mit meinem Kollegen Okonomiyaki essen – was genauso viel Spaß gemacht hat, wie es anstrengend war, weil ich mein ganzes Register an Vokabular und Gestik ziehen musste, um die Unterhaltung möglich zu machen.

Am Montag war dann mein erster Arbeitstag. Nachdem ich mich beim Morgenmeeeting dem Team vorgestellt hatte (in schlechterem Japanisch als notwendig, weil ich so nervös war), wurde ich dazu eingeteilt die Setzlinge im Garten zu gießen. Als ich fertig war, trudelten die Betreuten langsam ein. Bei der morgendlichen Versammlung der Betreuten wurde ich dann auch den Betreuten offiziell vorgestellt – meine Selbstvorstellung lief auch schon etwas flüssiger diesmal.

In der Oribu-han, der Gruppe in der ich arbeite, wurde ich von einem anderen Kollegen eingewiesen, einem Mitarbeiter, der sich immer noch häufig um mich kümmert, wenn ich Fragen habe oder ein bisschen verloren bin auf der Arbeit.

Ich besuche zweimal die Woche Sprachkurse, einmal mittwochs, bei einer Englischlehrerin, die, wenn ich mit ihren Schülern Englisch spreche, mir Gegenzug Unterricht im Japanischen gibt, und samstags im öffentlichen Sprachkurs, der der VHS ähnelt.

Mit meiner momentanen Lebenssituation bin ich sehr zufrieden. Alleine zu wohnen bereitet mir keine Schwierigkeiten. Soziale Kontakte pflege ich hauptsächlich zu meinen Mitarbeitern und den anderen Freiwilligen in Hiroshima. Auch meine Kontakte nach Deutschland sind nach wie vor sehr eng. Ich habe ein paar Japaner außerhalb der Arbeit der kennengelernt, aber ob sich das vertiefen wird, würde ich eher bezweifeln. Im Moment bin ich damit aber auch noch zufrieden. Manchmal würde ich mich natürlich gerne mit einem Mitfreiwilligen austauschen über AMA , aber die Vorteile, die es bietet der einzige Freiwillige zu sein, machen das wieder wett.

Ich arbeite im unteren Gebäude von Mori no Kobo AMA, wo Polstermaterial hergestellt und Näharbeiten gemacht werden. AMA ist gut vernetzt in der Umgebung. Leute bringen alte Zeitungen vorbei, Dosen zum Recyceln, Firmen bestellen Geschenke für ihre Kunden bei uns und es gibt in der Gegend keinen Markt und kein Fest auf dem AMA nicht einen Stand hat und Gebäck, Blaubeermarmelade, Kekse und Krimskrams(Haarspangen, Postkarten, Schlüsselanhänger) verkauft. Von diesen Verkäufen und dem Erlös aus dem Café Sakura speist sich auch das Gehalt der Betreuten. Die Mitarbeiter hingegen werden vom Staat bezahlt.

Meine Arbeit ist an sich nicht sehr anspruchsvoll – sie besteht im Moment größtenteils daraus Zeitung zusammenzuknüllen. Wir beliefern Firmen in der Gegend damit, um ihre Waren für den Versand abzupolstern. Ich arbeite dafür mit den Betreuten zusammen in einer Gruppe. Das ist im Grunde, was ich von 10 - 15 Uhr mache. Daneben versuche ich natürlich mich mit den Betreuten zu unterhalten oder sie zu unterstützen – Das gestaltet sich mithin etwas schwierig – denn leider ist die Sprachbarriere zwischen mir und den Betreuten ziemlich groß.

Inzwischen arbeite ich mit 3 Betreuten intensiver zusammen. Einer davon versteht alles, spricht aber kein Wort, und braucht immer wieder Impulse, um ihn anzuleiten, weil er sonst nur in die Luft starrt. Ein anderer, der gemessen am Durschnitt in AMA sehr starke körperliche Einschränkung hat, fühlt sich schnell einsam, weshalb ich an den meisten Tagen neben ihm arbeite. Die Möglichkeiten dem Entgegenzuwirken sind sehr begrenzt, ebenso wie der sichtbare Effekt, aber mit ihm zu reden oder seine Hand zu halten ist meine momentane Strategie. Die dritte Person begleite ich zur Morgenversammlung, was meine Vorgänger auch schon getan haben.

Im Generellen fängt mein Arbeitsalltag um 8:30 an, mein englischsprachiger Kollege, hat mir aber angeraten, immer 10 Minuten früher dazu sein, was ich bisher (beinahe) auch geschafft habe. Um 8:30 halten wir ein kurzes Meeting ab, in dem geklärt wird, was heute alles so ansteht und wer welchen Bus und welche Strecke fährt, um die Betreuten zur Einrichtung zu bringen. Danach bereiten wir uns auf den Tag vor. Für mich besteht das darin, die Böden zu fegen und gegebenenfalls in der Gartenanlage die Setzlinge zu gießen.

Ab 9:30 treffen die ersten Betreuten ein, es gibt welche, die für einen Tag in der Einrichtung schlafen, oder die in der Nähe wohnen und zu Fuß kommen. Der Rest wird mit Bussen hergebracht, die von den Mitarbeitern selbst gefahren werden. Um 10 Uhr wird eine Morgenansprache von einem der Mitarbeiter gehalten. Meistens geht es nur darum, welches Datum und Wetter wir haben. Danach folgt eine obligatorische Runde mit Morgengymnastik, die wir bei gutem Wetter im Garten absolvieren.

Nachdem die Mitarbeiter mit den Betreuten besprochen haben, wer heute was zu tun hat, machen wir uns an die Arbeit. Dabei zu reden und Spaß zu haben ist aber ganz normal, wer es aber übertreibt, wird von den Mitarbeitern ermahnt.

Das Mittagessen nehmen wir alle zusammen ein und werden dafür von einem wirklich ausgezeichneten Küchenteam versorgt.

Wer fertig ist mit Essen, kann sich ausruhen gehen oder spielen gehen.
Nachmittags arbeiten die Betreuten noch bis 3 Uhr, dann werden sie mit Bussen nach Hause bzw. sie gehen selbstständig nach Hause. Es ist sehr wichtig, dass alle Mitarbeiter draußen stehen und ihnen zum Abschied zuwinken. Danach fallen verschieden Aufgaben für mich an, ob das nun das Ziehen von Gummibändern aus alten Strumpfhosen ist oder das Bügeln von Putzlappen ist.

Mit den Mitarbeitern komme ich sehr gut klar, jeder von ihnen gibt sich sehr viel Mühe. Die Einarbeitung hingegen verlief für meinen Geschmack etwas holprig. Direkte Anweisungen waren eher rar und scheinbar erwartete man von mir vieles durch zusehen zu lernen. Beispielsweise den Umgang mit den Betreuten oder wann welche Aufgabe für mich ansteht. Das hat mich sehr verunsichert, weil es sowohl meinen Charakter nicht wirklich entspricht Eigeninitiative zu ergreifen, als auch gegensätzlich zu meinem Bild japanischer Arbeitswelt verlief. Durch den Rat meines Vorgängers bestärkt, versuchte ich das dann aber offensiver. Da kein Feedback dazu kam, machte ich einfach weiter damit, Aufgaben an mich zu nehmen, bis ich ungefähr dasselbe wie die Mitarbeiter in der Oribu-han machte.

Die ersten zwei Wochen vergingen wie im Flug, und es war sehr anstrengend für mich, mich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Abgesehen von der sprachlichen Barriere fand ich es sehr überraschend, dass die Mitarbeiter alle in Du-Form miteinander sprechen, was mit meinem Bild von Japan nicht übereinstimmte. Außerdem fand ich es irritierend, dass mir zu den Betreuten im Grunde nichts erklärt wurde, sondern allein auf mich gestellt war dabei, das richtige Verhalten auszutarieren. Das hat mich sehr verunsichert, weswegen ich übervorsichtig war und eigentlich erst in den letzten Wochen angefangen habe, wirklich mit den Betreuten zu kommunizieren, nachdem ich den Umgang zwischen Mitarbeitern und Betreuten genauer beobachtet hatte.

Während ich in den ersten zwei Wochen trotzdem sehr euphorisch war, setzte danach bei mir langsam ein Bewusstsein für die Realität ein und ich verlor sehr schnell die Leichtigkeit, die ich anfangs besessen hatte. Auch wenn es an der japanischen Kultur wenig gibt (bisher zu mindestens), was mir vollkommen fremd ist oder mich total überraschte, spürte ich doch langsam, dass ich in meiner Umgebung nicht so gut agieren konnte, wie ich es aus Deutschland gewohnt war. Dies, in Verbindung mit meinen mangelnden Sprachkenntnissen, versetzte mir einen ziemlichen Dämpfer und war ich am Anfang extrovertierter als normal, verhielt ich mich jetzt vorsichtiger und stiller als anfangs, was auch die Mitarbeiter offensichtlich überraschte. In vielen sozialen Situationen entschied ich mich lieber dafür zu schweigen, anstatt zu partizipieren, obwohl ich es theoretisch gekonnt hätte, weil ich nicht richtig einschätzen konnte, wie die das Zusammenspiel der Mitarbeiter funktionierte.

Ich war natürlich nicht die ganze Zeit in diesem Tief. Es gab viele kleine Sachen, die mich gefreut haben, wie kleine Erfolge in Gesprächen, wenn ich schaffte einen Gedanken zu vermitteln, der über die Erfüllung meiner Grundbedürfnisse und mein Wochenende hinausging, die Freundlichkeit der Mitarbeiter, die sich immer sehr viel Mühe geben und natürlich das Essen (das war der große Pluspunkt an jedem Tag). Außerdem ist die atemberaubende Schönheit der japanische Landschaft etwas, was mich jeden Tag wieder glücklich macht.

Inzwischen bin ich wieder aus diesem Tief herausgekommen, und auch wenn ich es mir schwerfällt genaue Ursachen dafür zu konstatieren, würde ich sagen inzwischen habe ich mich eingewöhnt beziehungsweise bin dabei mich einzugewöhnen. Große Hilfe dabei waren die Truckfahrten mit den Mitarbeitern. Dabei fährt man zu zweit oder zu dritt in einem der Trucks zu den Firmen und lädt Kartons, Zeitungen oder zusammengeknüllte Zeitungen aus oder ein. Und weil das ein bisschen dauert, hab ich viel Zeit mich in Ruhe mit den Kollegen zu unterhalten und die besser kennenzulernen. Ebenso hilfreich war es, mit Kollegen etwas privat zu unternehmen, wofür ich ihnen sehr dankbar bin. Der größte Faktor war aber definitiv Zeit. Auch in Deutschland ist meine Gewöhnungszeit an neue Umgebungen eher lang, hier in Hiroshima war sie dann natürlich länger. Genauso hat sich meine Tendenz in kleinen Gruppen leichter agieren zu können als in großen verstärkt.

In der kommenden Zeit hoffe ich möglich viel von Japan zu sehen, und jetzt, wo meine Sprachkenntnisse sich langsam erweitern, richtige Freundschaften schließen zu können. Für meine Zeit in AMA wünsche ich mir, die Betreuten besser kennenzulernen und ein engeres Verhältnis zu den Mitarbeitern aufzubauen. Ich will den japanischen Humor besser verstehen lernen und mich anständig integrieren. Im Moment habe ich das Gefühl, dass das im Bereich des Möglichen liegt, wo ich meine Unsicherheit größtenteils abgelegt habe.
 

Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.