Zum Inhalt springen

Nachdem ich in Tokyo angekommen mich vom Rest meiner IJFD-Gruppe verabschiedet hatte, war ich von nun an auf mich allein gestellt. Seitdem ich einen Fuß in den Flieger nach Hokkaido gesetzt hatte, fühlte ich mich hier ein bisschen wie ein Alien.

Name:RomanAlter:20Einsatzstelle:Tadoshi HouikuenInhaltliche Ausrichtung:Kindergarten und Hort

Denn bis jetzt habe ich während meines gesamten Aufenthaltes außer mir nur flüchtig vier andere Kaukasier zu Gesicht bekommen. Jedenfalls habe ich mich auf Hokkaido dann in den Schnellzug nach Sapporo gesetzt und mich dort erst mal auf dem Bahnhof verlaufen. Aber zum Schluss habe ich dann einen super netten Jugendlichen angesprochen, der mich in den richtigen Zug nach Fukagawa setzten konnte. Fukagawa ist übrigens die Stadt, zu der Tadoshi gehört. Von dort aus habe ich den Chef des Kindergartens in einer Telefonzelle kontaktiert. Dieser hat mich nach einer herzlichen Begrüßung mit dem Auto abgeholt und nach Tadoshi gebracht, wo ich mich im Kindergarten und im Hort bei allen vorgestellt habe. Ich dachte Tadoshi wäre ein Dorf, aber die Wahrheit ist, dass es immer noch zum Stadtgebiet gehört. Hier gibt es einfach nur so viel Ackerbau zwischen den Häusern, dass sich Tadoshi über eine verhältnismäßig große Fläche erstreckt.

Die Leute hier sind alle super freundlich zu mir und haben mich hier wie ein Familienmitglied in ihre Gemeinschaft aufgenommen. Die Leute nehmen mich zum Amüsieren (Gaming-Center, Karaoke-Bar), ins Badehaus, zum Einkaufen und zu allen möglichen Events mit. Das sind Feste auf Hokkaido, auch religiöse Feste, die von den buddhistischen Tempeln in der Region intern abgehalten werden. Ich habe sogar auf Empfehlung meines Chefs vor kurzem einen Zeichenkurs in Fukagawa besucht.

Die Leute kommen mir so nett entgegen, dass ich fast täglich in irgendeiner Form Geschenke bekomme. Das äußert sich zum Beispiel darin, dass ich oft meinen ganzen Einkauf bezahlt bekomme und mir Winterklamotten geliehen oder sogar bezahlt werden. Ich werde ungefähr einmal in der Woche von jemandem zum Essen eingeladen und der Tempel stellt mir Lebensmittel wie Reis, Gemüse und Obst zu Genüge umsonst zur Verfügung.

Ich bekomme immer pünktlich die genaue Summe meines Taschengelds ausbezahlt und lebe hier so sparsam, dass ich prima mit dem Geld auskomme. Auf der Arbeit verstehe ich mich mit allen super gut und genieße die Zeit mit den Kindern. Meine Arbeitskollegen nehmen alle Rücksicht auf mich und bringen mir viel an neuen Vokabeln und Grammatik bei. Vor allem mit den zwei Köchinnen verstehe ich mich sehr gut. Auch wenn ich mittwochs immer meinen freien Tag habe, gehe ich die zwei Damen besuchen, um mit Ihnen zusammen in der Küche zu essen. Dabei habe ich immer meine Zettel mit angesammelten Fragen dabei, die ich dann alle netterweise von ihnen beantwortet bekomme. Am Sonntag hab ich selbstverständlich meinen zweiten freien Tag. Wenn es mir nicht gut geht, bringt mir mein Chef Essen und Lebensmittel sogar persönlich vorbei.

Mein Wohnung ist direkt neben de Tempelplatz vor dem Kindergarten. Hier wohne ich wie ein kleiner Prinz. Ich habe ein eigenes Bad, eine Toilette, eine Küche, einen Ofen und sogar 3 Schlafräume plus Wohnzimmer.

Tadoshi setzt sich hauptsächlich aus Senioren und ein paar Kindern zusammen. Deswegen gibt es hier fast (!) niemanden in meinem Alter.

Auf der Tempelanlage befinden sich der Kindergarten, der Tempel selbst, das Haus meines Chefs und mein kleines Häuslein. Vom Haus meines Chefs aus kommt auch das W-Lan Signal, mit dem ich im Internet surfen kann. Seitdem ich in der Nähe des Tempels wohne, kann ich auch ohne zum Router laufen zu müssen, mich mit dem Internet verbinden. Es gibt im Tempel zwei, drei buddhistische Schreine und eine Halle, in der die Asche von Toten aufbewahrt wird, man sollte sich aber das Gebäude nicht wie in einem Bilderbuch vorstellen. Es ist eher wie ein großes Wohnhaus, an dem zusätzliche Räume angebaut sind, in denen sich das ganze Religiöse abspielt. Im Wohnhaus wohnen die Eltern meines Chefs, die einen hohen buddhistischen Status auf Hokkaido haben. Weil sich diese zwei extrem netten Herrschaften am meisten um mein Wohl kümmern, sehe ich sie als meine Gasteltern.

Wenn ich nicht essen gehe, gerade im Kindergarten zu Mittag esse, oder von den Leuten im Tempel mal wieder eingeladen werde dort mitzuessen, koche ich für mich selbst. Zum Kochen verwende ich hauptsächlich Gemüse wie Zwiebeln, Karotten und Produkte, die es auch in Deutschland gibt, verwende viel Fisch, Fleisch und esse zudem nur noch Reis. Seitdem ich den Gluten beinhaltenden Nudeln abgeschworen habe, ist mein Hautbild um einiges besser geworden. Ich habe schon so gut wie alles an japanischen Klischee-Gerichten probiert. Das wären Sushi, Sashimi, Ramen, Sukiyaki plus Shabushabu, Yakitori, Okonomiyaki, Yakiniku, Nabe, Gyudon und vieles mehr („Yaki“ steht übrigens für „gebratenes“, deswegen so oft...).

Um 9 Uhr beginnt für mich die Arbeit im Kindergarten. Die Kinder sind von 1 bis 6 Jahren nach Alter in drei unterschiedlichen Gruppen unterteilt. Jede Woche besuche ich wechselartig eine andere Gruppe, was aber nicht heißt, dass ich keinen Kontakt zu den anderen Kindern habe. Es ist extrem interessant, wieviel ein paar Jahre Unterschied bei der Psyche eines Kindes ausmachen. So muss ich lernen, mich jeder Gruppe anzupassen.

Ich habe die Kinder alle schon so lieb gewonnen, dass ich mir sicher bin, dass ich traurig sein werde, sobald ich hier das Land verlassen muss… Jedenfalls tobe ich viel mit den Kindern herum und habe immer eines auf meinen Schultern, das mir befehlend in die Ohren schreit noch schneller zu rennen. Wenn es am Morgen nicht regnet, gehe ich im Normalfall mit den Kindern und den Erzieherinnen eine halbe Stunde spazieren. Im Kindergarten werden den Kindern viele Spielmöglichkeiten angeboten. Diese werden aber immer mit der gesamten Gruppe gemacht. Wenn ein Kind nicht will, wird es jedoch nie gezwungen mitzumachen. Die Erzieherinnen proben zusammen mit den Kindern Tänze, kleine Theaterstücke oder andere Vorführungen, die sie auf diversen Festen den Eltern vorführen. So sind die Erzieherinnen eigentlich auch nach der Arbeit damit beschäftigt, irgendwelche Sachen für Events vorzubereiten. Es gibt auch noch außer den Erzieherinnen einen männlichen Erzieher.

Der Kindergarten endet für mich um 13Uhr. Nach einer Stunde Pause, habe ich im Hort zu erscheinen, in dem Kinder von 6 bis 12 Jahren nach der Grundschule und am Wochenende einen Aufenthaltsort geboten wird, wo sie mit anderen Kindern konstruktiv die Zeit verbringen können. Vom Kindergarten aus erreiche ich den Hort nach zehnminütigem Fußmarsch. Mir wurde eigentlich ein kleines Fahrrädlein zur Verfügung gestellt. Die Straßen sind aber zur Winterzeit alle so zugeschneit und vereist, dass es einfach unmöglich ist, damit zu fahren. Nachdem ich im Hort den Abwasch, die Wäsche und andere Aufräumarbeiten erledigt habe, ist es meine Aufgabe die Kinder zu unterhalten und vor allem für deren Sicherheit zu sorgen. Auch wenn es nicht immer wirklich unordentlich ist, wird pünktlich um 16:30 Uhr aufgeräumt. Das soll den Kindern das Bewusstsein für Struktur und Ordentlichkeit geben. Die Beziehung zu den Kindern im Hort ist etwas komplizierter als zu den Kindern im Kindergarten. Denn den Kindergartenkindern ist es mehr oder weniger egal, dass ich die japanische Sprache nur teilweise beherrsche. Sie hören mir zu und nehmen mich ernst. Bei den Kindern im Hort habe ich eher das Gefühl, dass diese mich für etwas dumm halten. Denn wenn man seine Gefühle nicht schnell und einigermaßen präzise in Worten ausdrücken kann, bekommen sie schnell den Eindruck, dass man schwer von Begriff sei.

Ich lerne während der Arbeit nicht nur die Japanische Sprache kennen, sondern eigne mir auch viel pädagogisches Wissen an, dass ich in meiner späteren Lebenslaufbahn gut gebrauchen kann.  Ich sehe die Arbeit hier eigentlich nicht wirklich als Arbeit, weil sie kaum mit Mühe verbunden ist. Es ist mehr so, als würde ich hier mit den Leuten zusammen leben, während ich diese in ihrem Alltag etwas unterstütze.

 

Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.