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Ankunft in Palästina: Wir (ich und meine Mitfreiwillige bei Sharek) hatten unseren Flug schon auf dem 10. September, also einen Tag nach dem Abreiseseminar gelegt […]. Wir freuten uns beide sehr drauf und wollten einfach schnell los […].

Name:SebastianAlter:23Einsatzstelle:Sharek Youth Forum RamallahInhaltliche Ausrichtung:Jugendinitiative

Die Einreise, die in Israel ja immer besonders schwierig sein soll, war abgesehen von einigen kurzen irritierenden Fragen, unkompliziert. Nachdem ich die ersten 4 Tage in Jerusalem bei einer Freundin geblieben war […] und somit einen sehr entspannten Start bzw. Urlaub hatte, ging es dann auch nach Ramallah. Auch hier war der Start ausgesprochen einfach. Ich kannte meine Mitfreiwillige schon sehr gut und wir verstanden uns super und ich hatte nicht weit eine alte Freundin.

Auch auf der Arbeit wurden wir nett empfangen, bekamen nur leider keine Vorstellung des Teams, was uns bis heute etwas ärgert, und nur einen sehr hektischen Ritt durch Shareks doch recht komplexe Geschichte. Die Arbeit, die wir künftig machen sollten, klang dann aber
doch sehr spannend und noch wesentlich besser, als wir es uns von vorherigen Beschreibungen erwartet hätten.

Die Stadt wirkte auch recht viel versprechend, war nur bei den ersten Besuchen noch sehr hektisch und erschlagend, viele Menschen, gequetscht auf wenig Platz und ständig hieß einen irgendwo jemand in Palästina oder alternativ Ägypten Willkommen. Zudem machte sie zuerst den Eindruck, als wäre sie doch kleiner als erwartet, zumindest die Innenstadt und das, was man sich unter einer 30.000 Einwohner Stadt erwarten würde, wäre bestätigt.

Das Vorurteil widerlegte sich aber schnell und es zeigte sich, dass die Stadt wirklich viel zu bieten hat. Viel mehr als es jede Deutsche 30.000 Einwohner Stadt jemals könnte. Jeden Tag gibt es hier eine andere Veranstaltung, von Filmfestivals über Buchveröffentlichungen zu Fotoausstellungen. Zudem hat die Stadt ein Überangebot an ausgezeichneten Cafés und Restaurants (und sogar Bars), bei dem ich mir unsicher bin, ob wir das bis zum Ende des Jahres überhaupt schaffen werden, es durchzuprobieren. Zum länger wohnen ist es also wirklich großartig hier. Auch an die Hektik gewöhnt man sich recht schnell.

Wohn und Lebenssituation: Zuerst hatte ich ja noch in dem Evangelischen Gasthaus/ der Evangelischen Schule gewohnt und Sarah in der WG für Frauen, direkt unter Sharek. Beide Orte waren aber nicht so wirklich. Ich hatte zwar auch das Glück sogar ein Recht großes Zimmer für mich alleine zu haben, aber es gab eine Ausgangssperre und Gäste die kamen mussten Geld bezahlen, da es eben ein Gasthaus war und angemeldet werden. Und zumindest Gäste will man ja noch empfangen können. Das gleiche galt für Sarah, wo die Regeln sogar noch strenger waren, hier durften Jungen z.B. nicht mal in die Nähe kommen.

Wir hatten gehört, dass die Wohnungssuche hier wirklich einfach ist und Zimmer nicht sonderlich teuer, zumindest für europäische (oder erst Recht israelische) Verhältnisse. Wir machten uns also auf die Suche und schon die 3. Wohnung die wir uns anschauten war perfekt. […] Jetzt haben wir also eine sehr schicke Wohnung, nicht weit von der Arbeit, mit offener Küche und großem Wohnzimmer, Zimmern für uns alleine und einer großen Terrasse. Auch unsere Nachbarn sind sehr nett, mit denen man sich jetzt auch schon manchmal besucht.

Die Leute sind hier alle generell sehr nett, offen und freundlich, ja auf der Straße meist begeistert, wenn sie hören, dass man Deutscher ist. (Was leider nicht nur positive Gründe hat.) Wir kriegen auch immer mehr Kontakte zu den jugendlichen palästinensischen Freiwilligen auf unserer Arbeit. Der Sprachkurs den wir uns gesucht ist super. 2 Mal die Woche haben wir anderthalb Stunden Dialekt Unterricht und man kommt echt schnell voran. […]

Einsatzstelle: Die Arbeit ist super. Es ist 40 Stunden Büroarbeit, Sarah und ich teilen uns ein Büro, jeden Tag von 8 bis 16 Uhr. Man kommt aber eigentlich eher so gegen halb 9, wie jeder andere auch hier und startet den Tag mit erstmal etwas Kaffee trinken, Zeitung lesen und Mails checken. Der Beat ist also sehr ruhig hier. Wir arbeiten hier zwei Frauen von der Organisation zu und machen alles von Recherche, über Mails schreiben, übersetzen zu Webseite überarbeiten. Dieses viele vorm PC sitzen ist zwar auch anstrengend auf Dauer und nervt auch irgendwann, aber dafür lernt man über seine Aufgaben auch viel über die politische Situation hier. Ich bin zum Beispiel so etwas für den Fundraisingteil zuständig und muss regelmäßig Anträge überarbeiten, in den Projektbeschreibungen und Analysen der Situation kriegt man dann schon einiges mit. Zudem hat man auch immer selber noch Zeit, einiges zu lesen. Ausgezeichnet sind hierfür auch die vielen Meetings mit anderen NGOs oder staatlichen Stellen auf die man mitgenommen wird oder die Diskussionsveranstaltungen, die bei Sharek selbst organisiert werden.

Man wird auf jeden Fall als relativ normales Teil des Teams aufgenommen, auch wenn schon klar ist, dass man eben immer wieder Leuten zuarbeitet, aber wird man hier auf jeden Fall ernst genommen. Die Aufgaben sind auch teilweise recht verantwortungsvoll, aber man findet sich gut rein und kann immer jemanden Fragen. Die Organisation besteht eben viel aus freiwilliger Arbeit von jungen Leuten und sie wissen gut mit einem umzugehen.

Das Verhältnis zum Team ist super, alle sind super nett, zu machen hat man nur kein wirkliches Verhältnis, was sicher besser gewesen wäre, wäre man sich mal vorgestellt worden, so ist das nie passiert und jetzt käme es etwas merkwürdig. Am Anfang wusste man einfach nicht, wer gerade nur so hier ist und wer hier arbeitet und da hat man sich halt nicht jedem vorgestellt, zudem sind hier immer wieder Freiwillige, auch internationale, und da gehen sie vielleicht auch davon aus, dass wir nur kurz hier sind und verhalten sich dementsprechend. Aber wir verstehen uns auf jeden Fall sehr gut hier mit allen, die Atmosphäre ist super nett. Vor allem die Putzfrau ist die süßeste Person, die man sich vorstellen kann.

Eine bessere Einführung wäre also sicherlich besser gewesen, aber prinzipiell hat man auch eigentlich kein Problem sich zurechtzufinden. Nach und nach versteht man auch die komplizierte Geschichte von Sharek immer mehr.

Highlights und Stolpersteine: Highlights gab es bisher viele. Reisen nach Jerusalem, Tel Aviv oder Dörfer in der Nähe von Ramallah. Nette Besuche oder coole Abende mit anderen Leuten hier. Ein Highlight war sicherlich das Seminar der IVA in Tamra zum Thema Koexistenz von Juden und Arabern, bei dem wir in unglaublich netten arabischen Gastfamilien gewohnt haben und super spannende Leute eingeladen wurden. Auch sehr cool ist mir zum Beispiel in Erinnerung geblieben, am Abend vor, also dem Beginn von, Rosh HaShana an der Straße entlang von Mea Shearim (in Jerusalem) zu laufen und alle Ultraorthodoxen in Festkleidung auf der Straße zu sehen und Jiddisch auf der Straße zu hören oder aber auch in Tel Aviv in der Sonne am Strand liegen. Am besten war wohl Besuch zu haben und gemeinsam Urlaub zu machen.
Das negative Highlight war leider, als die britischen Freiwilligen, die normalerweise in einer relativ großen Gruppe bei Sharek sind, alle wegen Sicherheitsbedenken evakuiert wurden. Die Bedenken waren natürlich völlig haltlos, trotz der sehr angespannten Lage ist man in Ramallah und vor allem nochmal in al Tirah in die Wohnungen und die Arbeit ist, alles ruhig. Proteste gab und gibt es nur am Checkpoint der weit entfernt liegt.
[…]

Die kommende Zeit
Auf die nächste Zeit schaue ich momentan mit sehr geteilten Gefühlen. Einerseits kommen einige schöne Momente auf die ich mich sehr freue. Nächstes Wochenende bei voraussichtlich 20° am Strand liegen gehört dazu, aber auch Weihnachten, wo wir uns mit ein paar Freunden in Jerusalem treffen wollen, essen gehen um danach in der Nacht in einer Gruppe nach Bethlehem zu wandern. Danach geht es wahrscheinlich für ein paar Tage nach Eilat, wo hoffentlich noch um die 20° sein werden. Etwas das wir dann sicherlich brauchen können, denn dann wird es bei uns schon ziemlich kalt sein und vermutlich schon geschneit haben. […] Und hier hat man leider weder Heizungen noch isolierte Häuser, es wird also wohl wirklich sehr kalt werden. […] Darauf bin ich also gespannt, aber dafür ist es natürlich auch sehr gut, dass wir immerhin so eine schöne Wohnung haben, wo man es sicherlich irgendwie wird gemütlich machen können.

Ansonsten freue ich mich vor allem darauf, weiter Arabisch zu lernen und noch mehr von dem Land zu sehen. Ich werde mich jetzt mal dran machen mir einen Tandempartner zu suchen und dann hoffe ich auf große Durchbrüche in der Sprache. […]

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