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Die ersten Wochen bei "L'Arche Bruxelles"

Lange vor meinem Umzug hierher habe ich mir schon einige Gedanken gemacht über meinen neuen Lebensabschnitt: „Ich werde meine Heimat sowie Familie verlassen und zu neuen Gewässern aufbrechen“. Damals hatte ich gemischte Gefühle ...

Name:Tamara L.Einsatzstelle:L'Arche BruxellesInhaltliche Ausrichtung:Arbeit mit Menschen mit Behinderung

... Einerseits fühlte ich mich behütet bei meinen Eltern und habe Freunde zu Hause, die mir sehr am Herzen liegen und die ich vermissen würde. Aber andererseits war da diese tiefe Stimme in mir, die mir immer wieder zuflüsterte: „Wage es! Gehe diesen nächsten Schritt und erweitere deinen Horizont! Da draußen gibt es so viel zu entdecken und zu erleben, sei mutig!“

Der innere Drang, möglichst früh die Flügel auszubreiten und das Nest zu verlassen, schlummerte schon lange in mir. Und nun, ein Monat hier in Brüssel wohnend, kann ich sagen, dass ich meine Entscheidung in keiner Hinsicht bereue und dass ich hier glücklich bin. In diesem Bericht werde ich einen kleinen Einblick geben von meinen Erlebnissen und meinen Erfahrungen, die ich bereits während den ersten Wochen gesammelt habe.

Das Auftaktseminar von meiner Entsendeorganisation „ijgd“ (=Internationale Jugendgemeinschaftsdienste) Mitte August war der erste Schritt zu einem völlig neuen Lebensabschnitt. In diesen zwölf Seminartagen in Norddeutschland realisierte ich es endgültig, dass ich meine Heimat verlassen werde, um sowohl ein mir noch fremdes Land kennenzulernen als auch als Freiwillige in einer Behinderteneinrichtung zu arbeiten. Das Seminar hat mir Halt gegeben, da ich viele junge Menschen kennengelernt habe, die das gleiche vorhaben und ähnlich fühlten wie ich. Nun war ich nicht mehr alleine, sondern in einer Gemeinschaft, die sich für dieselbe gute Sache engagiert. Neben den interessanten Einheiten und Impulsen von den Teamern, haben wir auch jede Menge Aktivitäten unternommen, die unseren Zusammenhalt stärkten. Auch wenn die meisten von uns in ein jeweils anderes Land gingen und nun in unterschiedlichen Einrichtungen arbeiten, sind wir dennoch auf gewisse Weise verbunden. Mit einigen habe ich immer noch Kontakt, wir telefonieren, tauschen uns aus und geben uns gegenseitig Ratschläge, wenn wir mal nicht weiterwissen. Die Seminargruppe wird sich wie ein roter Faden durch das gesamte Auslandsjahr schlängeln, da sowohl ein Zwischenseminar als auch ein Abschlussseminar stattfinden wird. Im Februar werden wir demnach wieder aufeinandertreffen. Die gleiche Gruppe, doch reicher an Erfahrungen.

„L’Arche Bruxelles“ hat insgesamt vier Foyers, in den jeweils etwa sieben Menschen mit Behinderung und fünf Freiwillige untergebracht sind. Ich wurde zu dem Foyer „Cana“ zugeteilt. Dort angekommen, wurde ich sehr herzlich aufgenommen. Die Verantwortlichen haben sich mir vorgestellt und ich machte auch gleich die Bekanntschaft mit ein paar Bewohnern. Alle waren total offen und nahmen mir jegliche Aufregung. Gleich von Anfang an war ich begeistert von dem Foyer. Der Marmorboden im Eingangsbereich, das lichtdurchflutete Wohnzimmer, das alte Klavier und der wunderschöne Garten. Ich war schlichtweg begeistert, denn als ich das alles sah war mir klar: Das ist ein Ort, an dem man sich wohl fühlt, das ist der Ort, den ich bald als mein neues Zuhause bezeichnen kann!

Die ersten Tage nach der Ankunft

Gleich von der ersten Sekunde an habe ich mich richtig wohlgefühlt und hatte keinerlei Probleme mich einzugewöhnen. Auch mit der französischen Sprache klappte es besser als ich dachte. Die Freiwilligen und Verantwortlichen (die Personen, die festangestellt sind und eine Ausbildung/studiert haben), die mich in die Arbeit vor Ort eingewiesen haben, waren alle sehr geduldig und gingen gerne auf meine Fragen bei Unklarheiten ein. Ehrlich gesagt, genieße ich es sogar sehr, von morgens bis abends nur französisch zu sprechen! Ich bin einfach verliebt in den Klang dieser wunderschönen Sprache.

Ich bin sehr erleichtert und glücklich, dass ich mich mit allen hier sehr gut verstehe. Gleich am ersten Abend haben mich andere Freiwillige eingeladen, mit ihnen mitzukommen in eine Kneipe ums Eck. So hatte ich die Gelegenheit, das belgische Bier zu verkosten und die anderen Freiwilligen besser kennenzulernen. Ich finde es besonders schön, dass wir Freiwillige auch Foyer-übergreifend miteinander vernetzt sind und oft alle gemeinsam miteinander ausgehen. Da jeder aus einem anderen Land kommt, entsteht auch ein interkultureller Austausch. Das macht den Aufenthalt hier ganz besonders, da ich in kürzester Zeit Menschen aus ganz vielen verschiedenen Nationalitäten kennengelernt habe. Beispielsweise kommen die Freiwilligen, mit denen ich mein Jahr hier verbringen werde, aus Mexiko, Marokko, Frankreich und Indonesien. Mittlerweile haben wir uns als neues Freiwilligenteam gut eingespielt und unternehmen auch vieles gemeinsam während unserer Freizeit.

Der Tagesablauf

Was mir auch gefällt, ist, dass jede Woche der Arbeitsplan neu erstellt wird und dadurch meine Arbeitszeiten wöchentlich variieren. Dadurch entsteht keine festgefahrene Routine, sondern ein abwechslungsreicher Alltag. Nun werde ich versuchen, einen klassischen Arbeitstag vorzustellen:

Morgendlich stehe ich um 6:30 Uhr auf, denn Arbeitsbeginn ist um 7:00 Uhr. Dann weckt man die Bewohner auf, bereitet das Frühstück vor, hilft Ihnen bei Sachen wie Duschen, Essen, Abwaschen, Rasieren, bereitet Medikamente vor etc. Danach verlassen sie um ca. 8:30 Uhr das Haus, um in „Le Grain“ zu fahren (Aktivitäten-Center), wo sie unter der Woche tagsüber sind. Anschließend werden noch Aufgaben wie Küche putzen, Aufräumen usw. erledigt. Von 10:00 Uhr bis 16:00 Uhr haben wir Freiwillige normalerweise Freizeit, außer man muss extra Aufgaben wie Einkauf, Arztbesuche oder auch Sprachschule erledigen. Um 16:00 geht’s dann weiter mit der Vorbereitung vom „Gouter“ (= vergleichbar mit Nachmittagstee, wo man beisammen sitzt, Tee trinkt, Obst isst ), dann kommen die Bewohner von „Le Grain“, man unterhält sich mit ihnen über den Tag oder über Gott und die Welt. Meistens haben wir auch Zeit für Spiele oder Spaziergänge, auch Sachen wie ein Bad nehmen werden im Laufe des Nachmittags erledigt. Dann wird Abendessen von uns gekocht und um 19:00 Uhr wird gegessen. Danach wird zusammen abgeräumt, abgewaschen und zwischen 20:00-21:00 Uhr trinkt man nochmal eine Tasse Tee zusammen und schließt den Tag gemütlich zusammen ab. Um 21 Uhr gehen dann alle langsam ins Bett, da helfen wir dann beim Zähneputzen, Rasieren, Duschen und Eincremen. Um circa 22:00 Uhr ist dann auch für uns Feierabend. Allerdings muss man ein paar Mal in der Woche auch die Nachtschicht übernehmen. Das heißt, dass man während der Nacht im Haus sein muss falls etwas passiert. Einmal in der Woche haben wir Freiwillige einen komplett freien Tag und wir arbeiten zwei von vier Wochenenden im Monat. Ich hoffe, dass Ihr Euch jetzt den Arbeitsablauf meiner Tätigkeit in der Arche ganz gut vorstellen könnt!

Familienleben

Ich fühle mich hier in der Arche wie in einer großen Familie, jeder bringt sich auf seine eigene Weise ein und trägt was zur Gemeinschaft bei. Die Freiwilligen sind wie Brüder und Schwestern für mich, die weiteren Bewohner wie Onkel und Tanten. Die zwischenmenschliche Wärme hier im Haus „Cana“ ist außergewöhnlich. Man spürt förmlich die Nächstenliebe und Empathie, die uns alle zusammenwachsen lässt. Besonders schön finde ich zu beobachten, wie die Bewohner immer mehr auf mich eingehen und nach und nach Vertrauen mir gegenüber aufbauen. Bestimmt ist es auch für sie am Anfang nicht ganz einfach gewesen, sich auf alle neuen Freiwilligen neu einzustellen, die im selben Haus wohnen werden, und Abschied zu nehmen von den ehemaligen Freiwilligen, die sie für lange Zeit begleitet haben.

Heute fand die wöchentliche „Réunion“ statt. Ein Treffen, an dem das ganze Foyer Zeit miteinander verbringt, Spiele spielt und bei ausgelassener Stimmung nach dem „souper“ (Abendessen) den Abend gemütlich ausklingen lässt. Gemeinsam mit zwei weiteren Freiwilligen gaben wir ein kleines Klavierkonzert. Es wurde gesungen, gelacht und getanzt. Es war wundervoll! Es gibt mir ein unbeschreiblich gutes Gefühl, wenn mir die Bewohner ein Lächeln schenken, mich einfach so umarmen, mir ein „Bisou“ geben oder meine Hand zärtlich drücken. Auch wenn einige nicht viel oder gar nicht sprechen, verstehen wir uns einander. Das ist ein Zeichen dafür, dass es oft nicht an vielen Worten oder Erklärungen bedarf, um miteinander zu kommunizieren. Ein Blick oder eine Gestik drücken oft mehr aus.

Gleichsam bin ich sehr froh, so tolle Kollegen zu haben die mittlerweile auch gute Freunde geworden sind. Jeder von uns Freiwilligen spielt ein Instrument. Durch das Glück, in unserem Foyer ein Klavier zu haben, ist unser Haus zu jeder Zeit mit schönen Klängen erfüllt, die bis in die oberen Stockwerke dringen. Iim, der Indonesier, und die Mexikanerin Denisse begleiten sogar die Lieder mit Gesang! Auf diese Weise herrscht stets eine sehr musikalische und harmonische Atmosphäre. Auch die Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen klappt super. Ich bin ihnen unglaublich dankbar für ihre Geduld und ihr offenes Ohr bei jeglichen Angelegenheiten. Sie sind sehr bemüht, dass wir uns wohlfühlen. Sehr aufmerksam beispielsweise fand ich von Sarah, dass sie mir ein Konzertticket gegeben hat, um den Bewohner Marc zu einem klassischen Konzert in einer Kirche zu begleiten – sie wusste, dass ich klassische Musik leidenschaftlich gerne höre.

Da die Arche eine christliche Einrichtung ist, gibt es bestimmte christliche Rituale, die uns im Alltag begleiten. Beispielsweise wird vor jedem gemeinsamen Essen ein Gebetstext gesungen. Mir persönlich gefällt es sehr, da auf diese Weise das Essen geschätzt wird und Dankbarkeit ausgedrückt wird. Jeden Donnerstag findet in der kleinen Kapelle bei uns im Foyer Gottesdienst statt. Sowohl ein Pfarrer, der zu Besuch kommt, als auch einige Bewohner leiten die Messe, sprechen Gebete, Predigten und Fürbitten. Auf diese Weise ist es sehr abwechslungsreich und interaktiv. Jeden Sonntag besuchen wir die Messe in der nahegelegenen Kirche „Notre Dame du Sacré Coeur“. Die französischen Kirchenlieder sind sehr emotional und verursachen mir jedes Mal eine Gänsehaut.

Mein persönliches Highlight ist das wöchentliche Beten jeden Montag nach dem Essen während der „Thisane“ (=Gute-Nacht-Tee). Dabei wird ein kleines Jesuskreuz herumgereicht und jeder teilt seine Gedanken mit Jesus und unserer „Familie“ hier. Das ist unglaublich befreiend.

The Spirit of l’Arche

Menschen mit geistiger Behinderung laden uns ein, über die äußere Erscheinung hinauszugehen, die Stereotypen und Vorurteile zu vergessen, die uns belasten, alle Formen der Diskriminierung abzulehnen. (…) Mit ihnen offenbart sich unsere Menschheit in ihrer ganzen Pracht.
Jean Vanier, Gründer der Arche

Dieses Zitat zeigt meiner Meinung nach gut das Konzept der Arche. Hier in dieser Wohngemeinschaft darf jeder so sein wie er ist, mit all seinen Stärken und all seinen Schwächen. Jeder wird so akzeptiert wie er ist.

Dadurch, dass wir Freiwillige mit den Menschen mit geistiger Behinderung unter einem Dach leben, intensiviert sich die Beziehung zu ihnen. In jeder Etage sind Zimmer von den Bewohnern mit geistiger Behinderung und Zimmer von uns Freiwilligen. Wir teilen beispielsweise auch das Badezimmer. Und das ist das, was mir an dem Konzept der Arche so gut gefällt. Abgesehen von diesem Bericht hier, benutze ich die Wörter „Behinderter“/„Mensch mit geistiger Behinderung“ nicht so gerne. Ich bevorzuge ganz einfach das Wort „Mitbewohner“. Im Folgenden werde ich erklären, warum:

Zu den Menschen mit Behinderung zählen laut Definition Menschen, die Beeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können. Was bedeutet also der Begriff Behinderung? Behinderung entsteht nur, wenn die Umwelt nicht gut für die Menschen ist. Ein Beispiel: Ein Mann sitzt in einem Rollstuhl. Wenn die Umwelt ohne Hindernisse für ihn ist, kann er trotzdem überall mitmachen. Er kann zum Beispiel ins Kino. Er kann dabei sein und hat keine Nachteile. Wenn das Kino aber keinen Fahrstuhl hat, kann der Mann nicht in das Kino. Er wird daran gehindert. Dann kann man sagen: Der Mann ist behindert. Darum ist es wichtig, dass unsere Umwelt zugänglich ist. Ohne „Hindernisse“ wird kein Mensch behindert. Die Wohngemeinschaft „l’Arche“ gewährt eine solche Umwelt ohne Hindernisse. Durch die alltägliche Unterstützung besteht ein gleichberechtigtes Zusammenleben in einer Gemeinschaft, in der sich keiner benachteiligt oder gar „behindert“ fühlen muss. Aus diesem Grund bevorzuge ich lieber das Wort „Mitbewohner“ als das Wort „Behinderter“ wenn ich von den Menschen in meinem neuen zu Hause spreche. Denn: Wozu von Menschen mit Behinderung reden, wenn diese dank der Unterstützung doch gar nicht durch Barrieren oder Hindernisse behindert werden?! Durch das Wort „Mitbewohner“ wird kein Unterschied gemacht von den Menschen, die hier arbeiten, und den Menschen, die begleitet und unterstützt werden. Jeder von uns, egal ob offiziell als „behindert“ eingestuft oder nicht, hat Schwächen, aber insbesondere auch Talente und Begabungen. Wieso sich also nicht auf letzteres beziehen und viel mehr die Frage stellen „was kannst du gut?“ anstatt „was kannst du nicht so gut?“.

La vie a Bruxelles/ Das Leben in Brüssel

Mittlerweile bin ich an dem Punkt angekommen, dass ich sagen kann: „Ja, das ist jetzt mein neues Zuhause und ich weiß was ich zu tun hab in meiner Arbeit“. Allgemein kann ich sagen, dass mir das Leben hier in der Großstadt sehr gut gefällt und ich jeden Tag glücklich aufwache mit dem Gedanken: „Ein weiterer Tag in der Arche, ein weiterer Tag in dieser wunderschönen Stadt!“. Wenn ich am Wochenende arbeite, unternehmen wir mit allen Bewohnern meistens Ausflüge und besuchen besondere Festivitäten und Märkte. Hier ist immer irgendwas los! Brüssel ist so unglaublich vielseitig, es gibt jede Menge zu entdecken. Nach einem Monat hier wohnend, habe ich das Gefühl, nur einen winzigen Bruchteil dieser vielfältigen Stadt kennengelernt zu haben. Jedes Stadtviertel bietet unterschiedliche Ausgehmöglichkeiten an.

Außerdem befinden sich überall in Brüssel verteilt Parks, oftmals mit Seen und Waldbeständen. In diesen kleinen gepflegten „Oasen“ trifft man auf Familien, Rentner, Berufstätige während ihrer Mittagspause und vor allem auf Studenten. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre, man hat hier die Möglichkeit, dem stressigen Alltag zu entfliehen und den Trubel rundherum zu vergessen.

Im Viertel „Le Monds des arts“ kann man eine wunderschöne Aussicht auf die Stadt genießen und hat die Möglichkeit, verschiedenen Museen zu besichtigten, wie beispielsweise das bekannte „MIM“ (= Musikinstrumentenmuseum). Besonders auffällig ist die Aufgeschlossenheit und Freundlichkeit der Bewohner Brüssels. Wenn ich alleine in der Innenstadt unterwegs bin, werde ich oft in nette Gespräche verwickelt. Mir begegnen Passanten sehr freundlich, wenn sie mitbekommen, dass ich aus Deutschland komme, und freuen sich, wenn sie mir anhand einer Wegbeschreibung helfen können.

Ein weiterer sehr positiver Punkt ist das geniale Nachtleben in Brüssel! Wenn ich gemeinsam mit weiteren Freiwilligen nachts zum Feiern losziehe, haben wir nie Schwierigkeiten, Bars oder Clubs zu finden. So gut wie an jeder Ecke hört man bereits am frühen Abend Musik.

Herausforderungen

Mir macht die Arbeit hier unglaublich viel Spaß und ich kann nicht oft genug sagen, dass ich im Nachhinein froh bin, die Entscheidung getroffen zu haben, hier in der Arche meinen Freiwilligendienst zu leisten. Die Zusammenarbeit mit den Bewohnern hier ist für mich eine unwahrscheinlich große Bereicherung. Natürlich ist man nicht immer so motiviert, jeder hat mal schlechte Tage, und es gibt auch einige Herausforderungen in der Arbeit mit Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Es ist eine Herausforderung, ja aber es ist definitiv möglich, diese zu meistern. Umso schöner ist dann immer das Gefühl, wenn man etwas geschafft hat, was man zuvor nicht erwartet hat.

Ich würde sagen, dass die größte Herausforderung für mich ist, in einer komplett neuen Umgebung zu sein, weg von meinem bisherigen vertrauten Umfeld. Die ersten Wochenenden, an denen ich frei hatte und Zeit zum „nachdenken“, vermisste ich meine Familie besonders stark. Es war ein Gefühl von Heimweh, das ich in dieser Form noch nicht vorher wahrgenommen hatte, da ich vor meinem Umzug noch nie länger als zwei Wochen weg von meiner Familie gewesen bin. Es war nicht so, dass ich den ganzen Tag von Traurigkeit erfüllt war. Nein, es war ein Gefühl, das mich ganz plötzlich einfach so ohne Vorwarnung überkam. Aber in diesen Phasen habe ich mich dennoch nicht alleine fühlen müssen, da ich mich ein paar Bewohnern anvertrauen konnte, die mich ablenkten und aufmunterten. Glücklicherweise habe ich seit gut drei Wochen nicht mehr dieses Empfinden. Natürlich denke ich trotzdem oft an meine Familie und Freunde, die ich in meiner Heimat zurückgelassen habe und verspüre oft den Drang, meine Erlebnisse mit ihnen zu teilen. Aber dank Skype usw. sind sie ja nicht aus der Welt. :)


Allgemein erfordert die Arbeit hier Offenheit, Eigeninitiative, Verantwortungsbewusstsein und Empathiefähigkeit. Dies sind alles Eigenschaften, die ich als sehr wichtig erachte. Deshalb glaube ich, bin ich hier als Freiwillige in der Arche gut aufgehoben.

Highlights

Schon so Vieles erlebt hier, habe ich das Gefühl, weitaus mehr als nur ein Monat hier zu sein. Die Erlebnisse, besonderen Momente und wertvollen Augenblicke sind der Grund dafür, dass ich mich hier wohl fühle und mich auf die zukünftige Zeit hier freue. Besonders im Gedächtnis habe ich den Geburtstag von der Bewohnerin Sophie, den wir im Apartment ihrer Eltern direkt am Strand verbracht haben. Es war das erste Mal, dass ich die Küste Belgiens kennengelernt habe, wir unternahmen an jenem Tag einen ausgiebigen Spaziergang an der Strandpromenade und schnupperten die salzige Meeresluft.

Ein weiteres Erlebnis, an das ich mich mit einem Lächeln erinnere, war das erste Mal feiern am freien Wochenende. Mit einer Gruppe von Freiwilligen brachen wir eines Samstagabends auf in die Innenstadt und zogen von einer Kneipe zur Nächsten. Bis zum Morgengrauen tanzten wir und ließen uns von der Musik und den Beats in den Bann ziehen.


Erst gestern wurde ein neues Erlebnis in meinen Erinnerungen hinzugefügt. Es war „la Journée régionale de toutes les communautés en Belgique francophone“ (=große Feier von allen Arche-Gemeinden des frankophonen Belgiens). Die Feier fand im nahegelegenen Bierges statt. Dort traf ich beispielsweise auch auf eine Freiwillige, die in derselben Entsendeorganisation ist wie ich und die ich schon beim Seminar kennenlernte. Es war schön, sie wiederzusehen und sich mit ihr auszutauschen. :) Jede Gemeinde stellte sich auf kreative Weise vor, es wurde gegessen, getanzt und Aktivitäten unternommen, wie Spaziergänge, basteln und backen. Es war ein wundervoller Tag!

Meine Erwartungen

Das Jahr in Brüssel soll ein besonderes prägendes Jahr in meinem Leben werden. Das, was ich bis jetzt erlebt habe, hat sogar im positiven Sinne meine Erwartungen übertroffen. Ich habe schneller Freunde gefunden, habe mich schneller an den Alltag hier gewöhnt, als ich dachte. Der Inhalt meiner zwei Koffer ist das einzige, was ich aus meinem Leben in Stuttgart mitgebracht habe. Ein Tapetenwechsel, ein Neuanfang, eine frische Leinwand, die nun mit neuen lebensfrohen Farben bestrichen werden kann. Dieser Wechsel tut mir unglaublich gut, da ich auf diese Weise lerne, auf eigenen Beinen zu stehen, unabhängig zu sein und Entscheidungen selbstständig zu treffen. Trotzdem bin ich dank der Wohngemeinschaft hier in gewisser Weise behütet und habe Rückhalt.

Voller Zuversicht glaube ich, dass mir die Arbeit weiterhin viel Freude bereiten wird. Auch wenn ich oft abends erschöpft ins Bett falle, schlafe ich mit einem Lächeln ein, da mir die Arbeit unglaublich viel Spaß macht. Diese zwischenmenschliche Wärme, die innerhalb dieser Wände herrscht, berührt das Herz und die Seele. Ich wünsche mir von Herzen, dass wir als Gemeinschaft im Foyer „Cana“ weiterhin so harmonisch miteinander umgehen, uns gut verstehen und als Familie zusammenwachsen. Ich wünsche mir viele weitere „Schatzmomente“, die mein Jahr zu einem ganz besonderen machen und hoffe mir inständig, dass mich im Laufe der Zeit alle Bewohner als neues Familienmitglied anerkennen. Was gegenseitiges Vertrauen betrifft, sind wir schon auf bestem Wege. :)

Von mir erwarte ich, mich niemals entmutigen zu lassen, wenn mal etwas nicht so klappt, und immer wieder „aufzustehen, wenn ich hinfalle“. Bezüglich meiner Arbeit vor Ort, wünsche ich mir weiterhin, viel von den Menschen hier zu lernen und von dem Umgang mit ihnen.

Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.