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Dass ich bei der Dienstbesprechung teilnehme, zeigt mir, dass ich hier nicht nur als Aushilfe oder Praktikantin gesehen werde, sondern als Teil des Teams.

Name:AnnabelleEinsatzstelle:Midgaard, Dänemark IJFDInhaltliche Ausrichtung:Anthroposophische Wohngruppe für Menschen mit Behinderung; Erwachsene

Es fällt mir schwer zu glauben, dass jetzt schon sechs Wochen und damit fast ein neuntel meines gesamten Jahres vorbei ist, denn die Zeit vergeht hier wie im Flug.

In der ersten Zeit war und ist eines der Hauptthemen für mich: Sprache. Doch obwohl ich mit nur einem Satz auf dänisch hier angereist bin, hatte ich nicht das Gefühl nicht dazuzugehören oder unwillkommen zu sein, sondern eher ganz im Gegenteil: alle waren und sind stets bemüht die Sprachbarriere zu überwinden, auch wenn es heißt, sich auf drei verschiedenen Sprachen und mit Händen und Füßen zu verständigen, denn nicht jeder hier spricht englisch… Jedoch ist es gut, dass meine Anleiterin deutsch spricht und sich durch ihre eigenen Erfahrungen sehr gut in meine Situation hineinversetzen kann; mit ihr habe ich jemanden auf Midgard, zu dem ich immer kommen kann; egal ob es persönliche oder arbeitstechnische Probleme sind: sie hat immer ein offenes Ohr für mich. Doch zum Glück musste ich dieses bis jetzt noch nicht wirklich in Anspruch nehmen, denn ich habe mich hier von Anfang an akzeptiert und zu Hause gefühlt, sowohl was die Bewohner als auch die Mitarbeiter angeht. Ein großer Faktor dabei ist, dass ich immer Mitesse, auch wenn ich nicht arbeite oder auch Ausflüge mitfahre und das nicht erst nachdem ich gefragt habe, sondern ich werde gefragt, was mir ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit vermittelt.

Meine Arbeit ist sehr vielfältig, da ich alle Schichten im Lauf der Woche erlebe und auch am Wochenende arbeite. Dadurch kriege ich einen guten Gesamteindruck von Midgard und kann besser mit den Bewohnern in Kontakt kommen und auch ihren Tagesablauf und dadurch vielleicht ihre Launen besser verstehen.

Meine Woche startet am Montag mit meiner einzigen Abendschicht der Woche: Ich beginne um vier Uhr und ende um zehn Uhr. Hierbei beschränkte sich mein Aufgabenfeld am Anfang auf die Zubereitung des Abendessens und dem Über-die-Schulter-Schauen bei den Mitarbeitern.

Im Laufe der Zeit sind jedoch immer mehr Aufgaben hinzugekommen, wie das zu bettbringen einzelner Bewohner, das Zähneputzen oder auch die Haare waschen. Das zeigt mir, dass ich auch in den Augen der Mitarbeiter immer mehr lerne und somit auch immer mehr Verantwortung tragen kann. Außerdem kommt mir dadurch auch eine zunehmend aktivere Rolle; weg von dem bloßen Beobachten und hin zum Umsetzen der Beobachtungen, denn auch für diese Tätigkeiten braucht man ein gewisses soziales Geschick und muss den richtigen Umgang kennen.

Nach dem Essen, welches mal länger und mal kürzer dauert, heißt es für die Bewohner nun ihre abendlichen Aufgaben, die festgelegt sind, zu erledigen, also zum Beispiel beim Abwasch zu helfen oder die Treppe zu fegen, je nach Können des Einzelnen. Nach und nach finden sich dann die Bewohner in der Stube wieder, um sich mit verschiedenen Dingen zu beschäftigen: Memory spielen, Tagebuch schreiben, stricken, malen… In dieser Zeit besteht meine Aufgabe größtenteils aus Unterhaltungen, Zuhören und Mitspielen, was ich als sehr gemütliche Atmosphäre empfinde.

Nach der sogenannten „Abend Sämling“ putzen auch noch die restlichen Zähne und wir bringen sie ins Bett. Dabei lässt man den individuellen Tag des Bewohners nochmal Revue passieren und betet ein kleines Gebet, meist das Vater Unser. Auch ich übernehme hier schon einzelne Bewohner, zum Beispiel zwei, die total begeistert von Sprachen sind und sich freuen, wenn ich mit ihnen deutsche Gebete bete. Meist beendet man eine Abendschicht damit, dass sich die Mitarbeiter noch fünf bis zehn Minuten zusammensetzen und ein bisschen quatschen. Je nachdem, kann das dann auch mal eine Stunde mit der Nachtwache sein. Die Nachtwache schläft im Mitarbeiterbüro und ist für Zwischenfälle immer in Alarmbereitschaft, schon alleine, weil wir hier zwei Epileptiker haben.

Dienstags beginnt mein Arbeitstag zwar erst um halb neun, jedoch frühstücke ich schon mit, bin also ab viertel vor acht dabei. Nach dem Frühstück helfe ich beim Abwasch, denn dann hat meine Schicht begonnen; dabei helfen mir zwei der Bewohner. Um viertel vor neun ist es Zeit für die „Morgen Sämling“, bei der die Sessel und der Tisch in der Stube zur Seite geschoben werden und in der Mitte des Zimmers eine große Kerze steht. Die Bewohner und die anderen Mitarbeiter sind hinter der geschlossenen Tür und warten in Stille darauf, dass ich ihnen mittels einer Glocke das Zeichen zum Hereinkommen gebe. Beim Hereinkommen verteile ich aufgeschlagene Gesangsbücher an die Mitarbeiter- das Lied wird jede Woche auf der Mitarbeiterbesprechung festgelegt. Wir stehen alle in einem großen Kreis und singen gemeinsam und a Kapella das Lied, auch die Bewohner singen mit, da sie die meisten Lieder auch auswendig können.
Anschließend reichen wir uns alle die Hände und wünschen uns einen guten Tag. Erst nachdem die Kerze gelöscht wurde löst sich der Kreis auf.
Am Dienstag bin ich mit drei Bewohnern und einem Mitarbeiter in der Bäckerei. Hier habe ich sogar mein eigenes bedrucktes Outfit: eine Schürze und ein T-Shirt, so wie auch die Bewohner und festen Mitarbeiter der Bäckerei. Sicherheitsschuhe dürfen natürlich auch nicht fehlen.
Was wir backen in der Bäckerei ist uns frei gestellt, es sei denn, es liegen Bestellungen vor. Meist ist das jedoch nicht der Fall und wir entscheiden je nach der Auslage in dem kleinen Selbstbedienungsladen, was wir backen wollen. Dabei entscheiden die Bewohner, je nachdem wonach ihnen grade der Sinn steht. Anschließend helfe ich den Bewohnern dabei abzuwiegen, zusammen zu rühren und zu backen- Hacken und Rühren sind dabei von den Bewohnern heiß geliebte Tätigkeiten.
Bei der halbstündigen Kaffeepause um zehn Uhr, zu der auch die Bewohner und Mitarbeiter kommen, die gerade Hausarbeitstag haben, wird ausgiebig geredet und Spaß gemacht, Tee und Kaffee getrunken und Obst gegessen.
Anschließend geht es bis ca. viertel vor zwölf weiter, denn dann gehen wir zurück ins Haus und bereiten uns auf das Mittagessen vor, also waschen Hände und warten auf die Bewohner, die in einer anderen Einrichtung nebenan  arbeiten. Am Dienstag esse ich auch mit den Bewohnern zusammen, das heißt ich esse auch im Esszimmer mit; dazu gehört dann auch der anschließende Spaziergang durch das Dorf, nachdem ich Feierabend habe. Abends habe ich ab Ende Oktober auch meinen Sprachkurs, zu dem ich mit dem Auto der Einrichtung fahren kann. Mein Sprachkurs besteht nur aus Männern, ausgenommen sind die Lehrerin und ich. Da ich jedoch meist extra Aufgaben erledige, fällt das gar nicht so sehr auf.

Am Mittwoch beginnt mein Tag schon sehr früh: Die Frühschicht fängt um halb sieben an. Die Schicht beginnt damit, das Frühstück vorzubereiten, also im Winter Grütze und Tee zu kochen, Brot zu schneiden, Käse zu hobeln und Saft einzuschenken. Um sieben beginnt das Wecken; dabei stellen wir uns zusammen auf den Flur vor die Zimmertüren und singen ein Morgenlied- mittlerweile kann ich es schon auswendig. Das ganze wird dann auf dem oberen Zimmerflur wiederholt. Anschließend wird
ganz vorsichtig bei den einzelnen Bewohnern angeklopft und persönlich geweckt, damit sie auch wirklich wach sind. Nach und nach gehen dann die Bewohner ins Badezimmer, nach mal mehr und mal weniger Zuspruch und Erinnerung. Meine Aufgabe dabei ist meist einfach immer mal wieder bei den Schlafmützen Lust auf den Tag und das Aufstehen zu machen, aber ich helfe auch einem Bewohner, Sachen auszusuchen und beim Anziehen, wobei ich ihn nicht direkt anziehe, sondern ihn vielmehr daran erinnere, was als nächstes kommt.

Nachdem dann fast alle fertig sind und in der Stube sitzen, beginnt das Frühstück. Anschließend folgen der Abwasch und die „Morgen Sämling“. Jedoch bin ich am Mittwoch nicht in der Bäckerei, sondern in der Küche, wo ich ganz viel Lerne und Zuschaue, aber auch Späße mit der Bewohnerin mache, die auch in der Küche ist, aber natürlich gehört auch Gemüse schnippeln und Fisch rollen dazu, denn mittwochs ist immer Fischtag. Auch die Kaffeepause in der Bäckerei darf natürlich nicht fehlen. Ich esse zwar anschließend auch mit im Speisezimmer, jedoch mache ich anschließend mit dem „Koch“ den Abwasch und keinen Spaziergang.

Der Donnerstag ist eine Kombination aus Dienstag und Mittwoch, denn ich starte mit der Frühschicht und bin den Vormittag in der Bäckerei. Jedoch esse ich nicht mit den Bewohnern, sondern mit einigen Mitarbeitern in der Stube. Dabei ist die Stimmung ein gemütliches Beisammensein und Quatschen über alle möglichen Themen. Das ist die erholsame Ruhe vor dem Sturm denn um halb zwei folgt die dreistündige Dienstbesprechung, bei der ich auch dabei bin. Hierbei werden alle möglichen relevanten Themen besprochen, die sich seit der letzten Besprechung ereignet haben, d.h. hier werden sowohl Bewohnerprobleme, als auch organisatorisches besprochen. Dabei ist die Besprechung eine sehr anstrengende Zeit in der Woche für mich, denn hier sind drei Stunden voller schnellem Dänisch mit komplizierten und komplexen Sätzen. Aber ich merke jede Woche, wie ich mehr und mehr verstehe, ein kleiner Etappensieg!

Am Wochenende, also auch Freitag, hab ich prinzipiell frei, ich arbeite nur einen halben Freitag im Monat und zwei Samstage im Monat. Hier ist es schwierig eine Beschreibung zu finden, denn das sieht jedes Wochenende anders aus, auch abhängig von den anwesenden Pädagogen. Prinzipiell ist es aber sehr viel lockerer als an Wochentagen, es gibt keine festen Zeiten fürs Aufstehen oder Essen, die Bewohner haben also auch mal Zeit für sich selber. Meist ist jedoch irgendein kleiner Ausflug dabei, und sei es nur ein ausgiebiger Ausflug in den Wald. Bei größeren Ausflügen bin ich jedoch auch an meinen freien Tagen meist dabei, auch bei den Mahlzeiten, sowohl am Wochenende als auch unter der Woche bin ich meist dabei.

In meiner Freizeit hab ich gelernt, mich auch mit mir selber zu beschäftigen, da ich hier zwar soziale Kontakte habe, aber diese alle Mitarbeiter auf Midgård sind. Manchmal unternehme ich also auch in meiner Freizeit Sachen mit den Pädagogen oder dem Deutschen hier, da dieser erstens deutsch spricht und zweitens in meinem Alter ist. Das nächste Projekt ist, eine Tanzschule zu finden, da ich einerseits das Tanzen vermisse, aber andererseits auch Kontakte knüpfen will, außerhalb von der anthroposophischen Welt, in der ich im Augenblick lebe.

Dadurch, dass ich jedoch auch viel Zeit mit Midgard auf Ausflügen verbringe, habe ich gar nicht so viel freie Zeit für mich. In der restlichen Zeit schreibe ich den Bericht für euch, lese Bücher oder höre einfach nur Musik, beschäftige mich mit meinen dänischen Unterlagen oder bin ein bisschen kreativ.

Insgesamt fühle ich mich hier als schon wie zu Hause, da ich mich von Anfang an akzeptiert gefühlt habe und auch von den Bewohnern herzlichst aufgenommen wurde, aber auch von den Mitarbeitern
fühle ich mich nicht nur in meiner Rolle akzeptiert, sondern auch als Person an sich. Und das bedeutet ganz viel. Denn ich bin ja quasi 24 Stunden rund um die Uhr mit allen zusammen, sie sind also meine Ersatzfamilie geworden.
 

Viele Grüße, Annabelle
Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.