Zum Inhalt springen

Ich habe das Gefühl, bei der Arbeit jeden Tag über irgendein Kind etwas Neues zu lernen, und von irgendjemandem ein bisschen mehr aufgenommen zu werden.

Name:HannahEinsatzstelle:IME FlavignyInhaltliche Ausrichtung:Einrichtung für behinderte Kinder

Einige Wochen, bevor es nach Frankreich losging, hatte ich ehrlich gesagt wieder Zweifel, was diese ganze Aktion angeht. Ich konnte meiner Meinung nach wirklich zu schlecht Französisch, um mich wirklich verständigen zu können, war mir bei der Arbeit mit behinderten Kindern doch nicht mehr so sicher und habe gemerkt, wie das, was ich denen, die gefragt haben, was ich denn jetzt nach der Schule so mache, keine begeisterte Erzählung war, sondern nur noch ein Text, den ich allen gleich runter gerattert habe, immer mit dem gleichen, mittlerweile gekonnt zuversichtlichen Lächeln.


Da ich mir ja aber einen Freiwilligendienst in Frankreich ausgesucht hatte, um nicht nur irgendwo zu arbeiten, sondern eben auch um endlich Französisch zu lernen, war wenigstens meine Motivation, sicherlich nicht alles hinzuschmeißen sondern einfach alles auf mich zukommen zu lassen, noch da.


3 Wochen vor Beginn meiner Arbeit in Frankreich war dann noch ein Seminar in Frankreich, Niederbronn. Hier wurde fast ausschließlich Französisch mit uns geredet und ich durfte feststellen, dass ich gar nicht so hilflos war, wie ich dachte. Das hat meine Motivation natürlich erheblich gesteigert! Wir hatten auf dem Seminar einen Sprachkurs, der mir persönlich immerhin vokabeltechnisch einiges gebracht hat und wir haben in Kleingruppen auf Baustellen gearbeitet. Das hat schon Spaß gemacht, meiner Meinung nach aber nicht unbedingt den Sinn eines Vorbereitungsseminars so kurz vorher erfüllt. Es war gut, endlich Leute zu treffen, die sich gerade wirklich fühlen wie ich mich, und die im Zweifel das Jahr über auch gar nicht so weit weg von mir wohnen. Für den Austausch untereinander, war das Seminar also klasse! Aber wirklich am besten war es, zwei Wochen lang dem Französisch ausgesetzt zu sein. Wichtige Informationen haben wir schließlich auch nur auf Französisch bekommen, also war hundertprozentige Konzentration angesagt.


Das Vorbereitungsseminar im Elsass hat mir also mehr gebracht, als das zwei Monate vorher in Köln. Das liegt aber auch daran, dass ich in diesem Seminar nur mit Leuten gelandet war, die in alle Welt hinausgehen und so eine Art Entwicklungshilfe-Freiwilligendienst machen. Keiner außer mir ist überhaupt in Europa geblieben. Trotzdem hatte ich auf dem Seminar viel Spaß und konnte neue Kontakte knüpfen. Und über die Themen Abschied, Angst vor dem Kommenden, eventueller Abbruch und so weiter konnten wir ja auch in dieser Konstellation gut sprechen, da war es eigentlich egal, wohin man geht. Dieses Auseinandersetzen mit mir selbst hat mir in Köln sehr gut gefallen, das hat mir in Niederbronn auch nicht unbedingt gefehlt, weil ich es ja schon hatte; aber in Niederbronn waren eben viele auf ihrem ersten Seminar, weil sie keine Entsendeorganisation haben, die vorher schon zu Seminaren eingeladen hat. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, würde ich also sagen, dass so etwas beim ICE-Seminar in Niederbronn vielleicht doch noch fehlt.

Dann ging es eine Woche nach Niederbronn also endlich nach Frankreich los. Glücklicherweise haben meine Eltern mich hingefahren, niemals hätte ich sonst mein ganzes Gepäck mitnehmen können (was mich wirklich überrascht hat, weil eigentlich bin ich niemand, der übermäßig viel oder unnötige Sachen mitnimmt…). Ich war schon drei Tage vor Arbeitsbeginn da, meine beiden Mitbewohnerinnen aber noch nicht. Ich musste also alleine in dem großen Haus mit Wohn- und Esszimmer, großer Küche, drei Schlafzimmern, einem Gästedachboden und einem sehr großen, sehr gruseligen Keller, schlafen. Das war etwas einsam und da wurde mir auch zum ersten Mal klar, dass ich ab jetzt ganz anders leben werde als vorher. Mit anderen Ansprechpartnern reden, mit einer anderen „Familie“ frühstücken werde und so weiter. Aber diese tiefgehenden Gedanken waren schnell verflogen, als ich meine Nachbarn richtig kennengelernt habe- drei Deutsche, die für das DRK Saarbrücken auf dem gleichen Gelände wie wir, aber in einer etwas anderen Einrichtung arbeiten. Ich war in diesen ersten Tagen oft dankbar, dass ich kein besonders schüchterner Mensch bin, sondern mich einfach trauen konnte, die Leute anzusprechen und mich irgendwie einzubringen. Da ich nun das ganze Wochenende frei hatte, konnte ich die Gegend erkunden und eine Strecke für mein neues Hobby, Joggen, raussuchen. Ich habe beschlossen, hier in Frankreich mit dem Laufen anzufangen, weil ich meinen alten Sport, Schwimmen, hier nicht machen kann, da es keine Halle in der Nähe gibt. Und nachdem ich gehört habe, wie viel die Freiwilligen wohl immer zunehmen, konnte ich mir erst recht keine 10 Monate ohne Sport vorstellen…
Das mit dem Joggen war kein anfänglicher Plan, der sich schnell verloren hat, sondern ich war bisher fast jeden zweiten Tag in der wunderschönen Umgebung hier unterwegs! Das hat mir auch geholfen, hier anzukommen. Dass ich mich einfach auch landschaftlich etwas auskenne, ein paar schöne Wege entdeckt habe, mit Annika zusammen einen etwas versteckteren Strand an der Mosel gefunden habe… Ja, auch wenn das Dorf Flavigny meiner Meinung nach nicht das schönste ist, gleicht die Landschaft drum herum auf jeden Fall alles aus!


Obwohl meine Mitbewohnerinnen, die am Montag nach meiner Ankunft auch angekommen sind, und ich vor Ort schnell festgestellt haben, dass man oft dreimal fragen muss, bis man hier eine richtige Antwort kriegt, haben wir uns doch auch in der Einrichtung recht schnell wohlgefühlt. Wir wurden in der ersten Woche durch die verschiedenen Altersgruppen der Kinder geführt und haben uns am Freitag jeweils für eine Gruppe entschieden. Ich arbeite jetzt mit den 14-16jähringen, das sind die ältesten, mit denen wir arbeiten dürfen.


Ich helfe den Erziehern tagsüber in den sogenannten Ateliers mit. Das sind Kleingruppenarbeiten oder einfach kreative Beschäftigungen. So habe ich zum Beispiel montags mit den Kindern Judo (was mich so begeistert hat, dass ich jetzt mit Annika zusammen im Dorfverein bin!), dienstags kochen oder backen wir am Vormittag, nachmittags ist Theater, mittwochs ist Tanzen, Donnerstag immer Technik-Atelier und freitags Sport- also es gibt noch mehr, aber das sind die Sachen, die ich mir rausgesucht hab. Und ich bin sehr zufrieden mit meinen Aufgaben! Ebenso zufrieden bin ich mit meinem „Kollegium“. Das Team ist einfach cool! Es herrscht eine lockere Atmosphäre, ich muss immer gut aufpassen, was geredet wird, weil viele Witze das normale Gespräch beherrschen, die ich natürlich nicht verpassen will (falls sie mich mal irgendwie betreffen sollten) und ich schreibe weiterhin viele Vokabeln auf, da mich das Kollegium zu dem ein oder anderem Konter zwingt…


Ich habe das Gefühl, bei der Arbeit jeden Tag über irgendein Kind etwas Neues zu lernen, und von irgendjemandem ein bisschen mehr aufgenommen zu werden. Letzteres ist jedes Mal schön, doch manche Sachen, die ich über die Kinder erfahre, verstören mich doch erst mal etwas.  Es ist zum Beispiel schwierig, mit einem der Mädchen umzugehen, weil dieses Mädchen gerade angefangen hat, sich zu ritzen. Und obwohl sie einem vorheult, wie schrecklich sie es findet, was sie da gerade getan hat, ist sie doch auch irgendwie ein bisschen stolz drauf und will einfach die Aufmerksamkeit… damit kann ich einfach nicht umgehen, also noch nicht richtig. Das ist aber glücklicherweise eigentlich die schwierigste Situation, in die ich bisher geraten bin.


Ich bin also insgesamt sehr zuversichtliche, was die kommende Zeit angeht! Schon seltsam genug, dass schon 1/10 der Zeit hier rum ist! Ich hoffe wirklich, ich mache im Französischen schnell noch mehr Fortschritte! Das ist eben insofern gar nicht so selbstverständlich, da wir ja in der WG nur deutsch reden. Außer an unseren französischen Abenden… die wir leider erst zweimal durchgeführt haben… ;) Aber auch was das angeht, bin ich zuversichtlich!
 

Viele Grüße, Hannah
Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.