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Meine ersten Erfahrungen in der Einsatzstelle Piccola Fraternità di Porto Legnago

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, meine Reise nach Italien, meine Abreise; das Gefühl, dass ich ein Jahr weg sein werde hatte ich noch nicht realisiert. Die anderen waren alle sehr aufgeregt, nur ich war es nicht. Für mich ging es ja nur in den Urlaub.

Name:Emma-Maria A.Alter:18Einsatzstelle:Piccola Fraternità di Porto Legnago ONLUSInhaltliche Ausrichtung:Menschen mit Behinderung

In Verona angekommen war ich durch und durch überfordert: unzählige Menschen, die nicht meine Sprache sprechen, Schilder, auf denen ich kein einziges Wort verstehe, unglaubliche Hitze. Ich dachte eine Stunde wäre viel Zeit, um mir ein Zugticket für meinen Anschlusszug zu kaufen und den Abfahrtsgleis zu finden. Pustekuchen. Zu meinem Glück konnte man am Fahrkartenschalter als Sprache Deutsch auswählen, aber im Endeffekt musste ich ohnehin zum Zug rennen, mit gefühlt 50kg Gepäck. Im Zug nach Legnago war ich nun alleine, ich konnte es endlich etwas fassen, aber immer noch nicht ganz. Ich bin immer wieder eingenickt, ich hatte schon 14 Stunden Reise hinter mir, aber das Klappern und Knarren des unvorstellbar alten Zuges weckten mich zum Glück immer wieder auf. Ich war viel zu erschöpft um aufgeregt zu sein, ich machte mir nur Gedanken, wie ich meine Chefin und Fabian (-ein anderer deutscher Freiwilliger, mit dem ich zusammen wohne und arbeite) finden sollte. Doch kaum aus dem Zug ausgestiegen lächelte mich eine nette grauhaarige Italienerin an, zeigte auf mich und fragte „Eva“? Mit dabei war noch Monique, eine Frau mit Handicap, mit der Fabian und ich zusammenwohnen.

Am nächsten Morgen begann auch schon die „Arbeit“. Es war der erste Arbeitstag, mir wurde die Einrichtung gezeigt, unzählige Leute vorgestellt und Petra, meine Chefin, erzählte mir einiges über die Piccola Fraternità, meine Einsatzstelle. Ich habe kein Wort von dem, was sie mir erzählte verstanden, von dem Zeitpunkt an war Fabian mein persönlicher Dolmetscher, zumindest für den ersten Tag. Ohne ihn wäre ich aber vor allem in den ersten Wochen wohl komplett aufgeschmissen gewesen.

Bekanntermaßen ist Englisch für die meisten Italiener ein Fremdwort und viel weiter hilft mir mein Schulfranzösisch auch nicht, denn wenn man sich nur einzelne Wörter eines Satzes erschließen kann bringt einen das nicht wirklich weiter. Gerade deshalb und auch, weil ich ein Mensch bin, der lange braucht, um sich an neue Sachen zu gewöhnen, sind mir die ersten Wochen ziemlich schwergefallen. Denn natürlich habe ich nach meinem kurzen Sprachkurs in Deutschland mein Italienischbuch kein einziges Mal mehr in der Hand gehabt. Aber sowohl die Mitarbeiter als auch die Behinderten in der Einrichtung haben viel Verständnis und helfen mir sehr. Da seit 10 Jahren deutsche Freiwillige in die Einrichtung kommen sind sie das auch schon gewohnt.

Aber nun zu meiner Einsatzstelle: Ich arbeite in einem Tageszentrum für Behinderte, die Behinderten, welche körperlich als auch geistlich behindert sind, werden morgens mit Kleinbussen, den sogenannten Pulmini, von Zuhause oder von anderen Zentren abgeholt und Nachmittags/Abends wieder zurückgebracht. Ab und zu besteht meine Aufgabe auch darin sie im Bus zu begleiten. Morgens beginnt meine Arbeit erstmal damit die Besucher zu begrüßen und einfach ein bisschen zu plaudern. Danach folgt je nachdem entweder eine Aktivität bei der alle, die Lust haben und körperlich teilnehmen können mitmachen oder einfach das, auf das die Behinderten Lust haben. Die Aktivitäten wiederholen sich meist wöchentlich, so gehen wir jeden Mittwoch zum Markt, Donnerstags kommt jemand in die Einrichtung, der Geschichten vorliest, Dienstags kommt eine Yogalehrerin und ab und zu gibt es von einer italienischen Freiwilligen, die in der Piccola Fraternità einen servizio civile (italienischer Freiwilligendienst) macht eine Musikeinheit, bei der sie versucht die Behinderten mit Musik innerlich zu beruhigen. Abgesehen von Fabian und mir arbeiten zur Zeit weitere 4 italienische Freiwillige hier, aber es kommen jeden Tag viele freiwillige Rentner und nach der Schule oder Arbeit auch andere Leute, um sich um die Behinderten zu kümmern und möglichst eine 1:1 Betreuung zu ermöglichen.

Nach diesen Aktivitäten ist es Zeit für eine Merenda, eine kleine Obstpause für alle, bei der wir Freiwilligen einige der Behinderten füttern. Nach der Merenda wird weiterhin dort geholfen, wo man gebraucht wird: bei Stuhlgängen, beim Kartenspielen, beim Malen oder was auch immer. Beim Mittagessen, welches von freiwilligen Rentnern aus dem Ort in der Küche der Einrichtung zubereitet wird, werden einige der Behinderten wieder von uns Freiwilligen gefüttert.

Danach werden die Zähne geputzt und einige zum Schlafen hingelegt. Das geschieht unter anderem mit speziellen Vorrichtungen, um die Behinderten aus ihren Rollstühlen zu heben. Das ist eine sehr wacklige Angelegenheit, die viel Kraft und Zutrauen erfordert. Das, sowie die Stuhlgänge fielen mir am Anfang etwas schwer. Mittlerweile ist das jedoch zur Gewohnheit geworden und bereitet mir keine Probleme mehr. Mit den Behinderten die nicht schlafen wird das gemacht, was den ganzen Tag gemacht wird: Karten spielen, malen, sich unterhalten, einfach das, worauf sie Lust haben. In der Einrichtung gibt es auch das sogenannte Laboratorio (=Werkstatt), indem ein paar der Frauen die hier jeden Tag hinkommen nähen, sticken, häkeln und basteln. Alles, was sie dort machen wird dann einmal im Monat im Krankenhaus verkauft. Gegen 16 Uhr werden die letzten Besucher nach Hause gebracht und dann heißt es auch für mich, Feierabend!

Legnago ist eine kleine Stadt, welche von der Etsch durchquert wird und durch den Fluss und die südländischen Häuser einen ganz eigenen Charme hat. Man hat hier viele Sportmöglichkeiten, die ich in näherer Zukunft alle gern ausprobieren möchte. Einkaufsmöglichkeiten sind zu Fuß oder mit den Fahrrädern der Piccola Fraternità schnell zu erreichen, zum Shoppen muss man dann aber doch nach Verona fahren. Der Bahnhof ist zu Fuß 15 Minuten entfernt und der Zug bringt einen in Italien mit ein bisschen Zeit überall günstig hin. Da die letzten Züge allerdings um 20Uhr fahren kann man zum Feiern leider nicht nach Verona oder sonst wo hinfahren.

Legnago liegt ca. 40km südlich von Verona, hier hat man also leider keine Berge und auch kein Meer, was mich anfangs sehr enttäuscht hat, weil ich sowohl Berge als auch das Wasser unglaublich mag. Beides ist aber in etwa 90min Autofahrt gut zu erreichen und stellt somit kein Problem dar. Wir haben von der Piccola Fraternità kein Auto zur Verfügung, allerdings ergeben sich durch die Gastfreundlichkeit der Italiener sehr schnell mal Möglichkeiten, um aus Legnago herauszukommen.

Von Anfang an war ich begeistert von den Leuten hier. Unglaublich nett, zuvorkommend, herzlich und, woran ich mich erstmal gewöhnen musste, körpernah. In allen Dingen versuchen die Mitarbeiter der Piccola Fraternità so gut wie möglich auf unsere Wünsche als Freiwillige einzugehen. So haben wir auch nach anfänglichen Schwierigkeiten ziemlich schnelles WLAN in unserer Wohnung bekommen.

Ich bekomme 30€ Essensgeld pro Woche und 150€ Taschengeld im Monat, was bisher immer komplett für das Reisen draufgegangen ist. Da ich aber davon ausgehe, dass sich das zum Winter hin etwas beruhigt hoffe ich, dass ich etwas Geld für den Sommer weglegen kann. Meine Liste von Städten und Regionen, die ich hier in Italien noch sehen will ist sehr lang!

Entgegen der anfänglichen Überforderung bin ich unglaublich froh und dankbar hier sein zu könnnen und diese unbezahlbaren Erfahrungen machen zu können. Unter anderem habe ich vor allem gelernt, dass Geduld das oberste Gebot ist. Nach den ersten Wochen kennt man nun jeden ein bisschen mit seinen Eigenheiten und kleinen Macken und kann sich darauf einstellen. Manchmal ist es sehr nervenraubend, wenn man mich 10 mal in 5 Minuten immer wieder fragt, was ich zum Frühstück gegessen habe und welche Farbe mein Schlafanzug hat und das Ganze in einem unfassbar rasanten Tempo, ständigen Wortwiederholungen und auch wenn ich beim ersten Mal schon geantwortet habe. Das ist nur ein Beispiel, was vor allem am Anfang sehr antrengend für mich war.

Aber man wird immer wieder wachgerüttelt, als zum Beispeil einer der eher selbstständigen Schützlinge beim gemeinsamen Zähneputzen sagte: „Danke Eva, du bist mein Liebling!“ (Und das auf Deutsch!) Da wird einem wieder bewusst, was solch kleine Hilfe für sie bedeuten kann, wie schön die Arbeit mit ihnen ist und, dass es die Geduld aufzubringen absolut wert ist!

Ciao Emma-Maria
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