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Meine ersten Erfahrungen im SOS Kinderdorf Mantova

Alles begann mit der Zusage von den IJGD. Ich habe ein Jahr lang die Möglichkeit, in dem SOS Kinderdorf in Mantua einen sozialen Dienst zu leisten und gleichzeitig in das Berufsfeld Soziale Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu schnuppern.

Name:Jasmin P.Einsatzstelle:SOS Kinderdorf MantovaInhaltliche Ausrichtung:Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

Nebenbei Italien mit all seinen unterschiedlichen Facetten kennenzulernen und einfach mal raus aus meinem alten Alltag als jahrelange Gymnasialschülerin zu kommen. Nach einer zwölfstündigen Flixbusreise war ich in der Stadt angekommen, in der ich die nächsten zwölf Monate verbringen sollte. Es war ein  merkwürdiger Mix aus Emotionen. Ich fühlte mich glücklich, aufgeregt und neugierig, aber gleichzeitig hatte ich viele Gedanken im Hinterkopf, die mich beunruhigten: Werde ich mich mit meiner Mitbewohnerin verstehen? Werde ich, jemand der nicht gerade so als Organisationsmensch bekannt ist, damit zurechtkommen, ab jetzt alles selbstständig zu regeln? Wie wird es sein, das erste Mal ohne Eltern zu leben? Wie soll ich in Italien klarkommen, wenn ich Italienisch überhaupt nicht gut spreche? Meine Bedenken verflüchtigten sich erstmal, als ich durch das historische Zentrum schlenderte.

Ich hatte mich im Vorhinein schon etwas über Mantua (auf Italienisch: Mantova) belesen und ich war erstaunt, wie gerecht Mantua seinem Ruf als „Kulturhauptstadt Italiens“ (2016)  wird. Mantua ist zudem bekannt für das architektonische Erbe des Adelsgeschlechts der Gonzaga aus der Renaissancezeit. Es gibt viele schöne Gebäude und die Innenstadt hat ihren ganz eigenen Charme. Quasi egal wo man hinläuft - früher oder später kommt man an ein Seeufer. Mantua ist nämlich umgeben von drei Seen.

Meine Mitbewohnerin und ich waren extra ein paar Tage vor Arbeitsbeginn angereist. Die Wohnung ist an sich echt schön, wir haben sogar beide ein eigenes Bad. Wir haben eine süße Küche, in der wir uns immer Frühstück und Abendessen zubereiten. Die Lage der Wohnung ist relativ zentral.

Herzlich begrüßt wurden wir von Emmanuela. Sie führte uns auf dem Gelände des SOS Kinderdorf herum und zeigte uns die verschiedenen Gebäude. Das SOS Kinderdorf ist ein Komplex aus mehreren Häusern. Es gibt zwei Gebäude, in denen jeweils zehn minderjährige Personen untergebracht und somit auf 24 Stunden Heimbetreuung angewiesen sind. Die Häuser heißen „Casa Bosco“ und „Casa Rocchevine“. Außerdem befindet sich noch eine Mutter-Kind Unterbringung auf dem SOS Kinderdorf-Gelände.

An einem gewöhnlichen Arbeitstag fängt meine Arbeit um 12:30 Uhr an. Dann ist meistens schon eine Erzieherin (auf Italienisch: educatore) am Pasta zubereiten und ich decke den Tisch ein und helfe beim Kochen. Danach trudeln alle Kinder und Jugendlichen ein und wir essen gemeinsam. Manchmal begleite ich die Erzieherin dabei, die jüngeren der Kinder mit dem Auto von der Schule abzuholen. Anschließend decke ich den Tisch ab und spüle meistens das Geschirr. Nach dem Mittagessen müssen alle Kinder und Jugendliche hoch auf ihre Zimmer und eine Mittagspause machen. Das hat den Grund, dass es einmal am Tag eine Stunde gibt, in der die Kinder zur Ruhe kommen sollen. Es geht nämlich meistens turbulent im Hause Rocchevine zu. Ich gehe öfters mit zu einem elfjährigen Mädchen aufs Zimmer und wir lesen gemeinsam italienische Märchengeschichten oder spielen mit ihren Barbiefiguren. Vielleicht hört sich das jetzt etwas banal an, sich über so kleine Gesten der Zuwendung zu freuen, aber für mich ist das ein echter Erfolg. Denn vor allem die drei jüngeren Kinder waren am Anfang sehr misstrauisch und verschlossen mir gegenüber. Nach der Mittagspause stehen dann Hausaufgaben auf dem Plan. Ab und zu kann ich dem vierzehnjährigen Jungen bei seinen Englischhausaufgaben helfen. Bei den Italienischhausaufgaben des sechzehnjährigen Mädchens komme ich dann aber nicht ganz mit. Um 16 Uhr ist „Merenda“-Zeit, da dürfen alle Kekse und andere süße Sachen essen. Wenn das Wetter draußen gut ist, gehen wir mit den Kindern in den Garten und wir spielen Fangen oder Verstecken. Die Jugendlichen beschäftigen sich meistens selbst oder haben ihre Handyzeit. Gegen Abend gehen wir wieder ins Haus, um mit der Abendroutine anzufangen.

Mit den Erzieher_innen komme ich soweit ganz gut klar. Besonders nett finde ich, dass die Erzieher_innen Rücksicht auf meine vegetarische Ernährung nehmen. Im „Casa Rocchevine“ gibt es im Moment acht Erzieher_innen und es sind meistens immer zwei im Haus anwesend. Die Erzieher_innen haben kürzere Schichten als ich, was bedeutet, dass sich sich meine Arbeitszeit mit unterschiedlichen Erzieher_innen überschneidet. Ich selbst habe feste Arbeitszeiten von 12:30 Uhr bis 19:30 Uhr. Alle Erzieherinnen sind freundlich.

Um meine Italienischkenntnisse zu verbessern, gehe ich zweimal die Woche in eine Sprachschule, in der ich dann zweieinhalb Stunden am interaktiven Italienischunterricht teilnehme. Kommunikation ist wirklich ein essentieller Punkt in der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen. Deshalb ist es umso wichtiger, schnell in die Sprache reinzukommen

Mir ist schon öfter aufgefallen, dass die jüngeren Kinder besonders viel Aufmerksamkeit brauchen und teilweise sehr emotionale, teilweise auch aggressive Momente haben. Die Erzieher_innen sind daran schon gewöhnt und wissen, wie sie mit solchen Situationen umgehen. Für mich war es am Anfang schon etwas ungewohnt, mittlerweile weiß ich jedoch, wie ich mich in solchen Momenten verhalten soll. Manchmal fühle ich mich klein und nicht respektiert, wenn die Kinder mal wieder nicht auf mich hören und trotzen. Ich habe darüber mit einer der Erziehrinnen gesprochen und sie meinte, ich solle mir deshalb keine Sorgen machen, das war bei allen am Anfang so. Man muss sich seinen Respekt und seine Akzeptanz erstmal erarbeiten.

Zum Schluss möchte ich nur eins noch sagen: Alle meine anfänglichen Bedenken haben sich in Luft aufgelöst. Es ist sicher nicht alles glatt gelaufen und es werden auch noch weitere Probleme auftreten. Man ist aber nicht alleine und muss nicht alles selbst stemmen.

 

 

Ciao Jasmin
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