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„Ich glaube, dass diese Freiheit, dieses autonom Sein, selber abwägen zu können, was wann erledigt werden muss, der Grundstein für den Spaß an der Arbeit ist. Nach 13 Jahren Abhängigkeit, aber auch Sicherheit folgte im September der erste Schritt Richtung Freiheit, Selbstständigkeit, der erste Schritt zum Erwachsenwerden..."

Name:SimonEinsatzstelle:Salecina, SchweizInhaltliche Ausrichtung:Ferien- und Bildungszentrum in den Bergen


...Nach 13 Jahren Schule kommt jetzt ein einjähriger Freiwilligendienst auf mich zu. 6 Wochen, oder auch etwas mehr, sind bereits vergangen, es ist Zeit, ein erstes Resümee zu ziehen.
Um meine Gefühle und Einschätzungen besser nachvollziehen zu können, muss erst einmal die Frage beantwortet werden, warum ich mich überhaupt dazu entschlossen habe, einen Freiwilligendienst zu leisten. Warum nicht gleich studieren oder eine Ausbildung anfangen, wo es doch jetzt den lästigen Wehrdienst nicht mehr gibt?

Zum einen herrschte bei mir eine große Ungewissheit darüber, was ich überhaupt später im Leben machen möchte. Was ich studieren, was ich lernen will, ist mir noch immer unklar, aber in den 10 verbleibenden Monaten kann ja noch Licht ins Dunkel kommen. Zum anderen wollte ich von der einen reinen Lernsituation nicht gleich in die nächste huschen. Ich dachte mir, dass so ein Freiwilligendienst im Ausland viele positive Erfahrungen, eine schöne Zeit, Klarheit und Abwechslung mit sich brächte.
 
Haben sich meine Erwartungen bis hierhin erfüllt?
vorstellen, vorstellen. Es waren definitiv sehr abwechslungsreiche 6 Wochen, manchmal war es sehr schön, manchmal etwas weniger, aber alles in allem gefällt es mir in Salecina von Tag zu Tag besser, ich fühle mich mehr und mehr zu Hause. Das ist einerseits dem Salecina-Team zu verdanken, das stets für einen da ist und sich um einen sorgt, ohne einen zu bemuttern. Und den meist freundlichen Gästen, mit denen man leicht ins Gespräch kommt und die auch akzeptieren und verstehen, dass man nicht über alles Bescheid weiß. Und natürlich liegt das andererseits an der traumhaften Landschaft, in der sich Salecina befindet.                                        
Die Tätigkeiten die ich hier verrichten muss, sind sehr vielseitig: Fahrdienste, Wäsche waschen, Flyer erstellen, Reparaturen, Essen bereitstellen und vieles mehr. Man ist an einem Tag immer mit sehr vielen unterschiedlichen Aufgaben konfrontiert, so dass einem selten langweilig wird.
Ich habe für mich die perfekte Einsatzstelle gefunden, die Arbeiten sind eher praktischer, körperlicher Natur, was mir sehr gefällt, aber wie wir alle wissen, sollen ja nicht nur die körperlichen Kräfte, sondern auch die geistigen bemüht werden. Doch auch dies ist hier kein Problem, denn nach oder während des Abendessens gerät man kinderleicht in manchmal auch sehr tiefsinnige Gespräche mit den Gästen.

Jetzt bin ich in Salecina, meinem Zuhause für ein Jahr, in dem ich mich wohl und geborgen fühle und ich mir (nach jenem bei den Eltern) kein besseres vorstellen könnte.
Es liegt Schnee, weihnachtliche Atmosphäre hält langsam Einzug.



Nach einem halben Jahr


Wie habe ich vergessen, wie anstrengend Nichtstun ist?
Während der Schulzeit hat man keine Verpflichtungen, man ist entmündigt, sitzt nur rum und hat nichts zu tun, man kann sich entspannen. – Nein! Denn grade dieses Nichtstun, dieses stumpf auf seinem Stuhl Sitzen, ist nervenaufreibend und verzehrt einen innerlich. Nach einem Tag Schule muss man sich erst einmal vom Nichtstun ausruhen.
In Salecina ist genau das Gegenteil der Fall, man ist rund um die Uhr beschäftigt, es gibt kaum Momente, in denen es nichts zu tun gibt, man sitzt nie stumpf auf seinem Stuhl und starrt Löcher in die Wand oder dreht Däumchen. Wenn das nun einer meiner ehemaligen Lehrer läse, sagte der wahrscheinlich: Simon, der Faulenzer, scheint ja schrecklich zu leiden. Aber nein! Denn es fühlt sich gut an, beschäftigt zu sein, hilfreich zu sein, gebraucht zu werden. Und was gibt es schöneres, als an seinen freien Tagen in der überzuckerten Welt des Oberengadins in Aktionismus zu verfallen?

Aber wird ein Ort dein zu Hause, nur weil du an ihm deinen präferierten Sportarten nachgehen kannst und  dir die Arbeit gefällt?
Für mich gehört ganz klar mehr dazu. Denn es geht auch um eine Stimmung, um ein Gefühl. Zu Hause ist ein Ort, an dem ich mich geborgen fühle, von dem ich mich auch nicht wegwünsche, wenn es mir mal schlecht geht; ein Ort, an dem ich mich frei bewegen kann, an dem ich mich nicht verstellen muss, ein Ort, an dem ich „ich“ sein kann. Und genau das ist Salecina für mich. Doch warum löst ein Ort, an dem man immer mit anderen Leuten konfrontiert ist, an dem man Wochen lang alleine ist, ein Ort, an dem man kaum gleichaltrigen Leuten begegnet, all diese Gefühle aus?

Es hilft einem sehr zu einem erwachsenen, selbstständigen, mündigen Mann zu werden.
Aber dafür hat Salecina noch mehr als den Gästekontakt zu bieten, denn es ist zwar klar, was es an Arbeit zu machen gibt, aber man muss selbst entscheiden, wie man seinen Arbeitstag gestaltet, was von höherer Priorität ist und was von niedrigerer, aber auch, welche Sachen schnell zwischen zwei anderen gemacht werden können, bei welcher Reihenfolge man die kürzesten Wege hat, und manchmal sogar, was eigentlich aufeinander aufbaut. Dass man nicht wie in der Schule einem strikten Stundenplan folgt, ist einerseits eine große Freiheit, denn so kann man den Tagesablauf seinen individuellen Bedürfnissen anpassen, aber anderseits ist es eine Herausforderung, der ich glaube, gerecht zu werden und an der ich definitiv erwachsener und selbstständiger geworden bin.
Das war ein super halbes Jahr, das ich nie vergessen werde, und ich sehe der zweiten Hälfte des IJFD’s voller Spannung entgegen und bin zuversichtlich, dass es nicht schlechter wird.


Nach einem Jahr

Denn auch wenn es sich nicht so anfühlt wird man ein Jahr älter, ein Jahr erwachsener, ein Jahr reifer. Man reift an den Aufgaben, und hier in Salecina wird einem die Möglichkeit zum Reifen gegeben, klar ist es nicht nur eine Möglichkeit, sondern auch eine Herausforderung, aber eine, an der man definitiv wachsen kann. Wenn ich jetzt mit Leuten, die ich vorher schon kannte, spreche, meinen die immer, ich sei so viel älter, reifer, erwachsener geworden, man könne sich kaum vorstellen, dass ich hier nur ein Jahr gewesen sei. Und ich kann mir kaum vorstellen, dass ich hier schon ein Jahr gewesen bin, dieses Jahr hat sich nicht wie eine halbe Ewigkeit angefühlt, hätte aber ruhig eine solche dauern können.

 

Viele Grüße, Simon
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