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Generell denke ich, dass ich viel mehr von den chicos lerne als andersherum.

Sie lassen mich über Sachen nachdenken und diese reflektieren, über die ich wahrscheinlich sonst nie nachdenken würde.

Name:SolveigEinsatzstelle:El RuscInhaltliche Ausrichtung:Einrichtung für Menschen mit Behinderung; Wohngruppen für Menschen von Anfang 20 bis 70 Jahre

Genau zwei Monate ist es heute her, dass ich hier in Tordera angekommen bin. Es gibt daher so vieles zu schreiben, dass ich gar nicht weiß, wo ich beginnen soll. Am besten mal am Anfang. Also. Tag 1. Naja eigentlich Tag 2. Wir Freiwillige von ijgd hatten frei, da Andrea uns die Wohnhäuser, die Werkstatt und ein bisschen das Dorf zeigen wollte. Mein erster Eindruck von Tordera war so … naja eben. Ab vom Schuss, ohne Jugendliche meines Alters und irgendwie so gar nicht gemütlich. Nach einem mehr oder weniger Frühstück sind wir zur Werkstatt gefahren. Diese liegt sehr schön gelegen im Grünen zwischen Hügeln - oder für mich als Norddeutsche eher zwischen Bergen. Wir platzten mitten in die morgendliche Pause rein und um die dreißig Gesichter waren uns zugewandt. Joa Moin erstmal, dachte ich mir. Doch bevor ich überhaupt was sagen konnte, hatte Andrea uns schon vorgestellt und wir wurden von allen Seiten geknuddelt und umarmt. Der Normalzustand, wie ich später feststellen sollte. Das hat tatsächlich meine darauffolgende Woche gerettet, in der ich erstmal krank flach lag und ich irgendwie alles doof gefunden hätte, wäre da nicht dieser Besuch meines Arbeitsplatzes am zweiten Tag gewesen. Dies war mein erster Kontakt mit den hier lebenden Menschen mit Behinderung und es war wirklich so super herzlich und familiär! Auch wenn der ein oder andere mich wie einen Eindringling angestarrt hat – was eben auch dazu gehört – habe ich mich sofort aufgenommen gefühlt.
Mittlerweile habe ich auch an Tordera Gefallen gefunden. So abgelegen wie anfangs gedacht ist es überhaupt nicht. Es gibt immerhin einen Bahnhof mit Verbindung nach Barcelona, Girona und Figueres, eine Busverbindung zu allen Touriorten an der Costa Brava wie Tossa de Mar oder Lloret de Mar und es liegt nur zehn Kilometer vom Meer entfernt, was mein Küstenkinderherz umso höher schlagen lässt.

Die anfänglichen Zweifel ließen sich schließlich ganz beseitigen, als ich hier mit Sport anfing, mein Zimmer wohnhafter machte und das Dorf genauer unter die Lupe nahm. Bibliothek, Freibad, Fitnessstudio mit Schwimmhalle, Lokale hier, Lokale da. Am meisten Freude bereitete mir jedoch die Entdeckung der Sportvereine. Eines einsamen Tages beschloss ich mit Basketball anzufangen, um meinem sozial abgeschottetem Dasein ein Ende zu bereiten. Und siehe da: Es gibt hier ja doch Jugendliche! Man musste sie nur finden. In diesem Fall waren sie die ganze Zeit direkt vor meiner Haustür. Gegenüber liegt nämlich die Turnhalle. Hätte man auch früher drauf kommen können. Somit fange ich endlich an, auch außerhalb der Arbeit Kontakte zu knüpfen. Die Spanier sind generell meistens so aufgeschlossen, dass dies nicht sonderlich schwer ist. Küsschen links, Küsschen rechts, Einladung auf einen Kaffee, Handynummern ausgetauscht – zack – hat man einen weiteren Kontakt geknüpft. Zumindest im Telefonbuch. Allerdings fühle ich mich manchmal auch wie ein Touri und dann auch wieder nicht. Einerseits werde ich als Blonde mit meinem Jutebeutel komisch angeguckt, aber im nächsten Moment brabbelt man mich dann auf Katalanisch zu. Zu meiner Freude bemühen sich alle aber, stets Spanisch zu sprechen, wenn ich in der Nähe bin, damit ich auch etwas zum Thema beitragen kann.

Komisch angeguckt werde ich auch oft durch mein Zimmerfenster. Wie bereits erwähnt liegt die Wohnung direkt an einer Straße gegenüber einer Grundschule. Daneben befindet sich das eine Wohnheim El Brunzit und ein Nachbau einer mittelalterlichen Burg. Die Wohnung jedenfalls ist inzwischen (wichtig: inzwischen!) bewohnbar. Anders lässt sich das nicht sagen. Sie ist vier Jahre jung und wurde zuvor noch nie genutzt. Dementsprechend sah sie dann auch aus. Sauber, weiß, kalt und leer. Krankenhauscharakter trifft es da sehr passend. Unsere Wohnsituation lässt ansonsten nicht zu wünschen übrig. Jeder hat sein eigenes Zimmer und Bad, es gibt eine Küche mit allem außer einer funktionierenden Spülmaschine – die gibt es schon, ist halt aber kaputt -, ein Wohn/Esszimmer und sogar Waschmaschine und Trockner stehen bereit. Mittlerweile haben wir es uns auch schon ganz gemütlich her gerichtet. Besonders auf unsere selbst gemachten Badezimmerregale aus alten Obstkisten sind wir stolz. Sonst hätten wir auch immer noch keine Abstellflächen in den Badezimmern …

Dann mal was zum Hauptbestandteil meines Freiwilligenjahres. Dem Einsatz in dem Beschäftigungszentrum für Menschen mit Behinderung genau sechs Kilometer außerhalb Torderas. Hin und zurück komme ich jeden Tag mit Brummi, einem Seat Ibiza, der locker so alt ist wie Kurt Cobain tot. Momentan ist er wieder in der Werkstatt. Letzte Woche war er schon mal da. Jedes Mal, wenn ich ihn von der Reparatur abhole, fühle ich mich ein kleines Stückchen sicherer. Hört sich nicht gerade safe an? Naja, ich bin tatsächlich gespannt, ob er im Frühjahr durch den TÜV kommt. Zurück zum Thema. Nach zwölf Minuten des Bangens, ob mein Gefährt den Geist aufgibt, komme ich am Ziel an. Meine erste Amtshandlung am Tag ist, den „chicos“ beim Aussteigen aus den Kleintransportern zu helfen und sie in ihre Werkstatt zu führen oder zu schieben. Es gibt überraschend viele unterschiedliche Menschen in der taller (Spanisch für Werkstatt). Das meine ich jetzt nicht nur von den Charakteren und den unterschiedlichen Diskapazitäten, sondern auch vom Alter her. Der Jüngste ist so alt wie ich, der Älteste schon über siebzig. Mit manchen lässt es sich gut und einfach unterhalten, andere versteht man gar nicht…

So war es anfangs schwer, manche chicos zu verstehen. Vor allem, wenn sie Spanisch und Katalanisch mischen. Das wird aber wie so alles von Tag zu Tag einfacher. Zu Beginn konnte ich nicht viel helfen, wenn ich nicht viel verstand und auch hatte ich anfangs nicht viel zu tun, da ich erst einmal eine Woche mir alles in Ruhe angucken sollte. Das hat sehr geholfen, da ich beobachten konnte, wie die Dinge größtenteils von statten gehen. Weiß ich dann mal nicht weiter, werde ich von den chicos und den Monitoren freudig unterstützt. Obwohl ich ja eigentlich zum Unterstützen da bin, war es in den ersten Wochen wohl eher andersherum. Aber das schien und scheint nie ein Problem zu sein. Schließlich sind alle wie eine große Familie und da hilft man sich eben. Gibt es ein größeres Problem, kann ich dies immer ansprechen. Ganz zur Not habe ich auch immer einmal im Monat eine kleine Besprechung mit dem Leiter der taller, Jorge…

… ein Beispiel für eine anfangs schwierige Situation ist, wenn ein chico nervös wird oder einen schlechten Tag hat. So gibt es beispielweise einen, der anfängt zu schreien und sich selbst zu schlagen, wenn ihn irgendwas aus seiner Routine bringt oder er sich erschreckt. Das löst dann dasselbe bei seinem Bruder aus. So witzig und spaßig es mit den chicos auch immer ist, es gibt immer wieder Momente wie diese, in denen ich mir wieder bewusst werde, dass ich hier bin, um sie zu unterstützen und dass sie vielleicht genauso sind und fühlen wie ich, aber dennoch anders denken und handeln. Manchmal trifft es mich dann auch einfach total unvorbereitet. Vorbereitet sein kann ich für so etwas aber ja auch gar nicht und so lerne ich jedes Mal ein Stück mehr für mich, was in welchen Situationen wie zu tun ist. Generell denke ich, dass ich viel mehr von den chicos lerne als andersherum. Sie lassen mich über Sachen nachdenken und diese reflektieren, über die ich wahrscheinlich sonst nie nachdenken würde. Ich lache mit ihnen, bin traurig mit ihnen, grüble mit ihnen und habe vor allem Spaß mit ihnen. Die Arbeit mit ihnen ist ganz anders als ich es mir vor einigen Monaten noch vorgestellt habe. Besser. Einfach cooler. Und alles, was ich mir für die nächsten Monate wünsche, ist dass dies so bleibt. Dass ich weiterhin Spaß an der Arbeit habe, noch viel mehr von meinem Aufenthalt hier lernen kann, neue Freunde finde und das Land und die Sprachen noch besser kennen lerne. Ich bin jedenfalls gespannt, wie sich noch alles entwickeln wird. Ich hoffe auf das Beste!
 

Grüße, Solveig
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