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Meine ersten Erfahrungen in Camphill Copake

Ich bin nun seit mehr als einen Monat als Freiwilligendienstleistender im Camphill Village Copake im Staat New York in dem Nordosten der USA. Das Camphill Village Copake ist eine anthroposophische Einrichtung für Menschen mit Behinderung, die dort arbeiten und wohnen.

Name:NicoEinsatzstelle:Camphill CopakeInhaltliche Ausrichtung:Anthroposophische Einrichtung für Menschen mit Behinderung

Die ersten Tage im Camphill Copake waren für mich sehr aufregend und auch eine Herausforderung. Es gibt einige Dinge an die ich mich gewöhnen musste bzw. immer noch muss. Dazu zählen unter anderem Lebensgewohnheiten und Ideale, die für mich ziemlich neu sind. Deshalb brauchte ich vor allem in den ersten Wochen viel Zeit für mich, um über das Geschehene nachzudenken, zu reflektieren und mich auf die kommenden Tage vorzubereiten.


Mir war schon vorher bewusst, dass das Camphill eine anthroposophische Einrichtung ist, doch was es wirklich für das alltägliche Leben bedeutet, wurde mir erst in den ersten Wochen meines Dienstes klar. Spiritualität, Religion und die Lehren von Rudolf Steiner bestimmen deutlich den Tagesablauf im Village. Dazu gehören unter anderem das Beten und Singen vor und nach dem Essen, die "Quiet Time" und der "Bible Supper" an jedem Samstag, in dem gewöhnlich aus der Bibel vorgelesen wird und dann darüber gesprochen wird. Für jemanden wie mich, der relativ wenig mit Religion oder Anthroposophie zu tun hat. kann das schon ein Schock sein und dafür sind dann einige Tage nötig, um diesen zu verarbeiten. Dazu zählen nicht nur die (für mich) neuen Lebensideale, sondern auch das Leben in einer Kommune und die Vor und Nachteile, die dieses Leben mit sich bringt.


Das Camphill lebt durch seine vielen Workshops, in denen die Woche über gearbeitet wird. Zu den Workshops zählen unter anderen: Der Gemüsegarten, die Weberei, der Candle Shop, die Book Bindery, die Bäckerei und der Healing Plant Garden. Ich selbst arbeite den ganzen Tag über in der Bäckerei. Die Einarbeitung in der Bäckerei war gut, mir wurde von Anfang an viel zu getraut und dafür bin ich sehr dankbar.


Hier ein typischer Tagesablauf im Village:
6:30 Aufstehen
7:30 Frühstücken
8:00 - 9:00 Uhr Rest Hour
9:00 - 12:00 Uhr Workshop
12:30 - 13:00 Uhr Mittagsessen
13:00 - 14:30 Uhr Rest Hour
14:30 - 17:00 Uhr Workshop
18:00 Uhr Abendessen
Enden tut der Tag meistens gegen 21:00Uhr.


Danach ist man ziemlich müde, aber auch zufrieden denn man weiß, dass man was Sinnvolles aus diesem Tag gemacht hat. Das Camphill selbst ist mitten im Nirgendwo. Das Dorf Copake ist etwa 15 Minuten mit dem Auto entfernt, hat aber außer einer Tankstelle und einem Pizza Laden nicht viel zu bieten. Die nächste größere Stadt ist Hudson, zu der aber etwa eine 3/4 Stunde mit dem Auto benötigt wird.


An sich ist das aber nicht so schlimm, das Camphill Village ist eine eigene kleine Welt und unterscheidet sich stark von dem Rest Amerikas bzw., was man sich darunter vorstellt. Im Camphill leben über 200 Menschen in über 10 verschiedenen Häusern. Diese bestehen aus den Coworkern und den Bewohnern. Ich wohne in einem Haus mit derzeit 3 Coworkern und 4 Bewohnern, wir werden wahrscheinlich in der Zukunft noch eine/n Bewohner/in dazu bekommen. Die Coworker kommen aus der ganzen Welt, somit ist es auch eine internationale Gemeinschaft in der unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen. Geführt wird jedes Haus von einer Familie bzw. den Hauseltern. Generell werden die Bewohner und die Coworker als gleichwertig angesehen und Entscheidungen werden gemeinsam auf dem Hausplenum, Nachbarschaftstreffen und dem Village Forum, in dem das gesamte Camphill zusammenkommt, getroffen. Das Nachbarschaftstreffen und das Hausplenum findet wöchentlich statt, das Village Forum monatlich. Auch wenn dafür die Mittagspause entfällt, ist es interessant mit zu erleben, wie Menschen mit Behinderung in Entscheidungsprozessen mit eingebunden werden können. Doch nicht nur das Umgehen der Menschen untereinander ist ungewöhnlich auch das Essen erfüllt überhaupt nicht das amerikanische Klischee. Viele Lebensmittel, wie Käse und Brot werden selbst hergestellt. Die Milch kommt direkt frisch von der Kuh. Ansonsten ist alles BIO und wird von einem Biokaufmannsladen in der Nähe eingekauft. Kulturell hat das Camphill Village auch einiges zu bieten. Oft gibt es Konzerte in der großen Halle und jeden Freitag treffen sich alle zum gemeinsamen Singen.


Insgesamt geht es mir inzwischen sehr gut hier, ich mag die Art und wie die Menschen hier miteinander umgehen, sehr hilfsbereit, immer Zeit für ein Gespräch und die gesamte Atmosphäre im Village ist sehr friedlich, was auch wohl mit der Umgebung hier zu tun hat. Eine bergige Landschaft, viel Wald, einen kleinen See, sowie einen kleinen Bach, der durch das Village fließt. Ab und zu kommt es auch vor, dass Rehe kurz im Garten vorbei schauen. Es gibt dennoch ein paar Fragen, die ich mir stelle und ich noch nicht so richtig weiß, wie ich diese beantworten soll dazu gehört: Wie kann ich mein Bedürfnis nach Privatsphäre und das Leben in einer Kommune unter einen Hut bringen? Generell hat man dafür die Mittagspause und den Abend ab 21 Uhr. Doch es ist schon anstrengend, direkt nach dem Workshop, Bewohner zu duschen, Abendessen vorzubereiten, abdecken und die gemeinsame Zeit im Wohnzimmer. Das kann auch sehr schön sein, dennoch möchte man manchmal auch einfach Zeit für sich haben, besonders nach dem Workshop direkt die nächste Aufgabe anzupacken, kann einen schon in Stress versetzten. Des weiteren ist es schwierig, mein Verhältnis zu den Bewohnern genau zu definieren. Weder bin ich ein Freund von ihnen noch bin ich ein Angestellter. Mein Freiwilligendienst dauert ein Jahr und dann werde ich wieder in Deutschland sein. Wenn man die ganze Zeit zusammen wohnt, zusammen arbeitet, gemeinsam isst oder einfach nur zusammen Zeit verbringt, kann schon ein sehr enges Verhältnis unter einander entstehen. Das gilt auch nicht nur für die Beziehung zwischen mir und den Bewohnern, sondern auch zwischen mir und den Coworkern, denn erfreulicherweise konnte ich schon Freundschaften schließen, dennoch weiß ich, dass diese nur für ein Jahr sind und wir uns danach wahrscheinlich nicht mehr wieder sehen werden. Ein weiteres Thema über das ich auch viel nachdenke ist: Wie kann ich mein Bedürfnis nach der Freiheit das Leben selbst zu gestalten und dem Leben, welches vom Village gelebt wird, in Einklang bringen. Denn auch wenn meine eigenen Lebensvorstellungen nicht unbedingt, mit dem des Village über einstimmen, muss man sich irgendwie damit arrangieren. Alles in allem bin ich aber sehr froh ein Jahr die Erfahrung haben zu können, eine alternative Art des Zusammenlebens kennen zu lernen, die sich von einer "normalen" Gesellschaft unterscheidet. Weiterhin ist es schwierig, den Freiwilligendienst hier als Arbeit anzusehen. Es ist mehr ein anderes Leben, an das man teilnimmt. Denn es ist nicht so, dass man Nachmittags arbeitet und dann nach Hause geht. Die Arbeit geht sozusagen nach der Arbeit weiter. Deswegen kommt man hier mit der Trennung zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit /Freizeit nicht weit. Sie führt eher dazu, dass man den ganzen Tag als Arbeit ansieht und das habe ich gelernt, ist im diesem Village die falsche Einstellung.


Dennoch bleibt die Frage, wenn es keine Arbeit ist, was ist es dann und warum ist es für uns überhaupt so wichtig diese Frage zu stellen? Vielleicht bietet auch das Camphill eine gute Gelegenheit mehr über den Sinn von Arbeit und was Arbeit überhaupt ist nachzudenken. Für die Dauer meines weiteres Dienstes wünsche ich mir, dass ich die gesammelten Erfahrungen bewusst für mein Leben nach dem Camphill einsetzen kann und eine Idee davon habe, wie alternatives Leben aussehen kann und was das für mein Leben in der Zukunft bedeutet.

Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.