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Mein IJFD in den USA



Jede_r trägt hier seinen/ihren Teil zum Leben in der Gemeinschaft bei.

Name:IsabellEinsatzstelle:Camphill Village Copake, USAInhaltliche Ausrichtung:Anthroposophische Einrichtung für Menschen mit Behinderung

Nun sind schon über sechs Wochen vorbei und man fragt sich, wo die Zeit geblieben ist. Die vergangenen Wochen scheinen wie im Flug vergangen zu sein. In diesem Bericht wird zuerst über die ersten Tage in meiner Einsatzstelle berichtet, danach die Wohn- und Lebenssituation genauer beschrieben, außerdem wird meine Einarbeitung genauer erläutert, einige meiner Highlights und Stolpersteine aufgelistet und was ich mir von der Zukunft erhoffe.

Nur zu gut kann ich mich an meine Ankunft in Camphill Village, welche die größte anthroposophische Camphill Einrichtung Nordamerikas ist, erinnern. Sofort nahm ich wahr, dass Camphill Village wie eine kleine Stadt aufgebaut ist, inklusive der Workshops (Bakery, Farm etc.) und Gebäude wie das Medical-Office, die die Grundbedürfnisse und noch einiges mehr stillen können. Was aber auf der einen Seite nicht nur aufgrund der umweltbewussten Lebensweise, sondern auch aufgrund der großen räumlichen Abgelegenheit zu Einkaufsmöglichkeiten nötig ist.

In den ersten Tagen wurde ich mit einer herzlichen Begrüßung willkommen geheißen und lernte sofort viele neue Namen kennen. Außerdem lernte ich auch die Wichtigkeit von Offenheit gegenüber neuen Ritualen, Blickwinkel, Verhaltensweisen und Spontanität kennen. Sehr schnell fiel außerdem auf, dass das Leben miteinander auf einer guten Basis stattfindet. Im Alltag wird, wenn möglich, darauf geachtet, dass das Zusammenleben „auf Augenhöhe“ stattfindet und jede_r seinen/ihren bestmöglichsten Teil dazu beiträgt. Daraus resultiert auch, dass einige der s.g. „Villager“ (dazu später mehr) sehr viel Verantwortung zugeteilt bekommen. Ein für mich interessantes aber auch zugleich erschreckendes Beispiel ist, dass ein Bewohner aus meinem Haus wie selbstverständlich alleine einen riesigen Traktor gefahren ist, obwohl ich das aufgrund auf seiner psychischen Verfassung auf den ersten Blick nie für möglich gehalten hätte.

Bezüglich der Wohnsituation lässt sich sagen, dass es im Village in jedem der Wohnhäuser ähnliche Strukturen gibt, die Anzahl der Bewohner_innen aber variiert. Ich lebe mit einem jungen verheirateten Paar zusammen, die drei Kinder haben, aber auch demnächst ihr Viertes erwarten. Außerdem leben vier Villager in meinem Haus, die aber entgegen der Care-Häuser kaum oder verminderte Beeinträchtigungen vorzuweisen haben. In meinem Haus sind die Villager im Alter von 42 bis 64. Zudem lebe ich mit einer 22-jährigen Coworkerin aus New Jersey zusammen. Insgesamt lässt sich sagen, dass die meisten Häuser wie eine große Wohngemeinschaft erscheinen, die jedoch oft bestimmte räumliche Abtrennungen enthalten, wie einen separaten Flur nur für die Familie, wobei jeder einen eigenen Raum für sich zum Schlafen hat.

In den ersten paar Tagen realisierte ich schnell, dass in meinem Haus nur englischsprachige Menschen leben – im Gegensatz zu den meisten Wohnsituationen hier im Village. In vielen Häusern leben Menschen aus der ganzen Welt und sprechen somit Englisch als Zweitsprache. Mein Englisch hat sich auch nach den ersten Wochen schon um einiges verbessert, was das Kontakteknüpfen in der Nachbarschaft und in meinem Workshop um einiges erleichtert hat.

Bezüglich meiner ersten Tage lässt sich sagen, dass es zuerst ziemlich schwer war, in eine Routine zu finden und einen typischen Tagesablauf auszumachen, da jeder Tag zwar ähnliche Strukturen aufweist, dennoch durch die Menschen und spezielle Events immer wieder anders verläuft. Ein „typischer“ Wochenablauf sieht in etwa so aus:

Montag bis Freitag:

7 Uhr: Frühstück vorbereiten

7:30 Uhr: Frühstücken mit dem ganzen Haus

8-9 Uhr: „Rest Hour“, Vorbereitung für die Arbeit im Workshop (Geschirrspülen, Zähneputzen und Haare eine_r Bewohner_in zurechtmachen)

9-12 Uhr: Arbeiten im Workshop, in meinem Fall Vor-und Nachmittags im Candle-Shop mit einem Tea-Break

12:30-13:30 Uhr: Lunch im Haus

13:30- 14:30 Uhr: Rest-Hour

14:30-17 Uhr: Candle-Shop

18-19 Uhr: Abendbrot im Haus (danach Geschirrspülen und eine_n Bewohner_in bettfertig machen)

Der Zeitplan unter der Woche variiert jedoch, da z.B. in meinem Haus Mittwochabende freigestellt sind, Dienstag-und Freitagabende Hausaktivitäten durchgeführt werden und Mittwoch die Rest-Hour nach dem Lunch eine halbe Stunde länger geht. Generell ist auch das Verabreichen der Medizin ein wichtiger Teil der täglichen Routine. Am Wochenende bekommt man einen Tag frei und am anderen Tag finden keine Workshops statt. Meistens wird dann im Haus gearbeitet (Essen zubereiten, Putzen etc.).

Durch die Schwierigkeit am Anfang in eine Art Routine rein zu finden, war es umso hilfreicher, Ansprechpersonen zu haben. Hier im Village gibt es viele Orte, um Fragen, Probleme etc. auszutauschen (bspw. die Konversation-Group mit zwei anderen Menschen aus dem Village, meistens ein junger Housekeeper und ein_e Bewohner_in des Villages, welche_r schon für einen längeren Zeitraum in Camphill lebt), aber für mich war meine Coworkerin aus dem Haus und meine neugewonnen Freunde am hilfreichsten. Mir persönlich hat auch geholfen, eine Art Zeitplan zu erstellen, wann, wer, was im Haushalt macht. Was jedoch bis jetzt noch etwas schwierig ist, ist ohne klar geregelte Pausen (die Länge der Rest-Hour variiert jeden Tag) von morgens bis abends auf den Beinen zu sein, dabei dauerhaft unter Menschen zu sein und somit selten die Chance zu haben, alleine zu sein, da selbst abends nach dem Abendessen oft u.a. noch einige Aktivitäten und Gruppentreffen anstehen. Außerdem habe ich auch herausgefunden, dass es wichtig ist, meinen ganzen Tag nicht als „Arbeit“ wie in Deutschland zu betrachten. Ich habe angefangen zu realisieren, dass das Konzept in Camphill ist, dass jeder so weit wie es möglich ist, sein bestes für das Village gibt, jedoch dafür auch vieles wieder zurückbekommt. Jeder trägt hier seinen Teil zum Leben in der Gemeinschaft bei. Wenn man dann den langen Tag als reine „Arbeit“ betrachten würde, würde man vermutlich durchdrehen. Was ich mich aber manchmal frage, ist, wie man am besten eine Art Balance in seinen Alltag einbauen kann im Hinblick auf die wenige Zeit alleine. Ich habe schon einiges für mich gefunden, u.a. Meditation, abendliche Aktivitäten mit Kolleg_innen und Klavier spielen.

Obwohl die Tage im Village relativ lang sind, vergeht die Zeit sehr schnell, weil man jeden Tag ziemlich beschäftigt ist. Deshalb ist es schwer, im Nachhinein Highlights, jedoch auch Stolpersteine auszumachen. Bezüglich der Stolpersteine lässt sich das Problem der manchmal mangelnden Privatsphäre und Rückzugsorte ansprechen, vor allem im Hinblick auf die Tatsache, dass einige Menschen schon viele Jahre damit zurechtgekommen sind, ohne dass sie sich großartig daran zu stören scheinen. Ein weiterer Stolperstein ist auch die Beziehung zu den Bewohner_innen und die eigene Bedeutung als Coworker für das Village. Man hat mit den meisten Bewohner_innen eine ziemlich freundschaftliche Basis entwickelt und sie vertrauen einem immer mehr an, so dass man die einzelnen Personen immer besser kennenlernt und ihren Charakter immer mehr zu schätzen weiß, jedoch muss man auch im Hinterkopf behalten, dass man die Einsatzstelle vermutlich in einigen Monaten wieder verlassen wird und somit der Kontakt zu den meisten Menschen hier abbrechen wird. Außerdem fiel es mir manchmal schwer mich in den Kopf einiger Bewohner_innen hineinzuversetzen, warum sie bestimmte Verhaltensweisen, Reaktionen und Perspektiven an den Tag legen. Als Beispiel kann ein fast tagtägliches Erlebnis genannt werden. Eine Bewohnerin aus meinem Haus hat bspw. kein Problem damit, von mir gebadet zu werden, jedoch des Öfteren, sich von mir die Zähne putzen zu lassen. Weiterhin versuche ich einige anthroposophische Rituale besser zu verstehen, warum sie auf eine gewisse Weise ausgeführt werden und was deren Bedeutung ist.

Im Hinblick auf die Bedeutung der Coworker im Village fiel mir bis jetzt auf, dass ich von der Dankbarkeit der meisten Bewohner_innen gegenüber der Mitarbeiter_innen überrascht worden bin. Die Freiwilligen haben eine wichtige Bedeutung für das Bestehen von Camphill, somit fühlt man sich hier nicht bloß wie eine Arbeitskraft, sondern auch wirklich als Teil der Gemeinschaft.

Nach den ersten Wochen hier im Camphill gibt es natürlich auch einige Highlights. Um genauer zu sein gibt es jeden Tag sehr schöne, lustige und interessante Momente, aber um einen Einblick zu geben, möchte ich nur einige bestimmte teilen. Eine Feierlichkeit hat mich sehr berührt: Eine Hochzeit an einem kleinen See direkt an meinem dritten Tag, zu der jede_r aus dem Village eingeladen worden war. Es war ein schöner sonniger Tag mit einer wunderschönen Kulisse und einer ausgelassenen Stimmung. Aber auch das einmal im Monat stattfindende Folk-Dancing ist jedes Mal eines der Highlights für mich im Village. Für dieses Event kommt immer extra eine Band angereist, viele versammeln sich in der Hall und dann werden bestimmte Tänze getanzt, wobei es gar nicht von Wichtigkeit ist, wie gut du tanzt. Es geht vielmehr darum, dass man gemeinsam Spaß hat. Vor allem das erste Folk-Dancing war besonders für mich, weil wir (Bewohner_innen, Mitarbeiter_innen, Kinder etc.) uns in einem großen Kreis aufgestellt, uns alle an den Händen gehalten und uns gemeinsam bewegt haben. Dabei war eine junge Frau im Rollstuhl mit im Kreis inkludiert. Für jede_n war es in Ordnung, dass sich dadurch der Tanzablauf verlängert hatte, viel mehr haben sich alle gefreut, ihr die Möglichkeit zu geben, dabei sein zu können und sich zu freuen. Es war schön mitanzusehen, dass jeder die Möglichkeit hat, Spaß zu haben, egal ob und wie beeinträchtigt derjenige oder diejenige ist. Aber auch einige Tea-Breaks im Candle-Shop und Essen im Haus waren schon ein Highlight, weil wir viel gelacht haben und gute Gespräche hatten. Ein anderer guter Tag war ein freier Tag, an dem die Hälfte der insgesamt 40 Mitarbeiter_innen gemeinsam an einen See gefahren sind, der mitten auf einem Berg ist und den Tag dort verbracht haben.

Was ich mir alles in allem von den nächsten Monaten erhoffe, ist, eine Lösung für die oben genannten Stolpersteine zu finden, wenn auch nur zumindest die freie Zeit, die einem zur Verfügung steht, gut zu nutzen.

Viele Grüße, Isabell
Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.