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Mein IJFD in den USA


Die Vielfalt der in meiner Einsatzstelle, dem Circus Harmony, aktiven Menschen ist wohl die charaktergebendste Eigenschaft der Einrichtung.

Name:DavidEinsatzstelle:Circus Harmony, USAInhaltliche Ausrichtung:Soziales Zirkusprojekt

Am 4. September kam ich erschöpft, jedoch gut gelaunt am Flughafen in St. Louis an und wurde von einer der Trainerinnen des Zirkus freundlich begrüßt. Nach einer 30 minütigen Autofahrt erreichten wir das vor Kuriositäten strotzende Gebäude des Circus Harmony, wo mir nach einem kurzen Rundgang bereits einige der im Circus Harmony aktiven Artist_innen und Trainer_innen vorgestellt wurden. In den darauffolgenden ersten Tagen strömten alle möglichen diversen Eindrücke auf mich ein. Neben einer großen Vielfalt verschiedenster Menschen und ihrer Mentalitäten, lernte ich die für die Arbeit grundlegenden Dinge wie die Arbeitsweise, den Schichtplan, allgemeine Aufgaben, Erwartungen und – nicht zu vergessen – die beeindruckende Räumlichkeit in welcher der Circus Harmony stationiert ist, kennen.

Die bei all diesen Aktivitäten gewonnenen ersten Erfahrungen waren sowohl im positiven als auch teils im negativen Sinne stets sehr intensiv und insbesondere prägend für die ersten Wochen. Die bunte Mischung aus positiven, negativen, teils überfordernden, spannenden und verrückten Momenten, welche sich im Zuge der ersten Wochen ereigneten, betrachte ich jedoch rückblickend als notwendige und normale Eingewöhnungsphase einer derart lebendigen Einsatzstelle. Die negativen Gefühle hatten ihren Ursprung meistens in der Sorge, Erwartungen nicht gerecht zu werden oder die eigenen Fähigkeiten nicht ausreichend einbringen zu können. Das Umfeld hat jedoch großes Verständnis dafür, dass man selbst genauso Lernender wie Lehrender ist, sodass sich meine Sorge nach und nach als ungerechtfertigt herausstellte.

Eine der größten Vorteile der Einsatzstelle im Circus Harmony ist die Vielzahl der sich bietenden Möglichkeiten. Mich erreichten in den letzten Wochen immer wieder Einladungen zu Zirkusshows, Trivia-Abenden, Workshops oder anderen Aktivitäten im Rahmen des Zirkusumfeldes, durch die man Teils mit nie zuvor gesehenen Dingen und Situationen konfrontiert wurde. Darüber hinaus steht es mir frei verschiedene Kurse des Zirkus zu belegen, wodurch sich beispielsweise die Gelegenheit bietet, meine nie wirklich vorhanden gewesenen Akrobatikfähigkeiten aufzubessern. Diese von meiner gewöhnlichen Funktion als Lehrkraft abweichende Tätigkeit sorgt für einen Perspektivenwechsel und ermöglicht mir, manche Artist_innen und Disziplinen in anderem Kontext kennenzulernen.

Zum Circus Harmony im Allgemeinen ist zu erwähnen, dass die Vielfalt der dort aktiven Menschen wohl die charaktergebendste Eigenschaft der Einrichtung ist. Das Alter reicht von den Vorschulkindern bis zu über Zwanzigjährigen, die Fähigkeiten von „Anfänger_in“ bis „sehr weit Fortgeschritten“ und die Unterschiedlichkeiten des Elternhauses bzw. der Nachbarschaften könnten teils größer kaum sein. Dadurch kommt es zu Begegnungen, Zusammenarbeit und Freundschaften, die ohne die Einrichtung nie stattgefunden hätten, was für mich in eindrucksvoller Weise darstellt, dass das Konzept des „Social Circus“ mehr als erfolgreich ist.

Zu meiner Wohnsituation gibt es aufgrund meiner ziemlich ausnahmslosen Zufriedenheit mit meiner Gastfamilie nicht allzu viel zu sagen. Auch wenn gemeinsame Ausflüge die Ausnahme darstellen, ist das Zusammenleben sehr angenehm und entspannt. Neben der Gastmutter, ihrem neunjährigen Sohn und mir, wohnt derzeit noch ein weiterer im Circus Harmony aktiver Trainer im Haus. Der ursprünglich aus Seattle stammende Flying-Trapez-Artist ist seit Juni im hiesigen Zirkus tätig und hatte dementsprechend schon etwas länger Zeit, sich mit den Umständen vertraut zu machen und sich einzuleben. Jemanden im gleichen Haus zu haben, der weitreichende Erfahrung im Unterrichten und Auftreten hat und zugleich für jegliche Fragen meinerseits offen ist, ist von sehr großem Wert und hat mir in den ersten Wochen stark geholfen. Neben soeben genannten Vorteilen und der Tatsache, dass ich mich mit ihm sehr gut verstehe, wird auch der Transport durch diese Gegebenheit deutlich erleichtert. Da die Leiterin der Einsatzstelle so großzügig war, ihm ein Auto zur Verfügung zu stellen, können wir meistens gemeinsam zur Arbeit fahren, wenngleich das Auto gerne mal den Geist aufgibt. An Tagen, an denen unsere Arbeitszeiten voneinander abweichen, nehme ich meistens das Fahrrad, um zum City-Museum zu gelangen. Überraschenderweise ist das Fahrradfahren in der Stadt deutlich entspannter und effizienter als erwartet, was wohl stark an den erst vor kurzem hinzugekommenen Fahrradwegen liegt.

Eine weitere Anmerkung meinerseits zu den ersten Wochen bezieht sich auf meine gemachten Erfahrungen in Bezug auf längerfristige Projekte. Während die Arbeit und die komplett neuen Umstände zu Beginn des Aufenthaltes wenig Zeit und Platz für Anderes ließen, spürte ich auch eine gewisse Leere aufkommen, als sich das Neue langsam zur Normalität entwickelte. Wie ich für mich festgestellt habe, lag dies daran, dass ich kein zielgerichtetes Unterfangen hatte, an dem ich direkten Fortschritt ausmachen konnte. Glücklicherweise bat mich J. in der dritten Woche eine Jonglagenummer zusammen mit drei weiteren Jongleur_innen des Zirkus zu erarbeiten, welche im Januar fertig sein sollte. Da meine Herangehensweise, eine Nummer zu erarbeiten, deutlich von dem etwas traditionelleren Stil des Zirkus abweicht, hatte ich schnell das Interesse der anderen Jongleur_innen geweckt, was mich dazu antrieb mehr Zeit in das Projekt zu investieren. Nach und nach nahm somit die Bedeutung der Nummer für mich zu, was dazu führte, dass ich teils Stunden ununterbrochen damit verbrachte mir verschiedenste Jonglagemuster und Tricks auszudenken um sie infolge mit den anderen zu teilen und einzustudieren. Das Erlernen mit den anderen deutlich jüngeren Artist_innen war nicht immer ganz einfach und konfliktlos, dennoch gab es mir stets eine sehr große Genugtuung, wenn wir meine Ideen umsetzen konnten, so dass das Projekt zu einem der für mich wertvollsten Aktivitäten in der Einsatzstelle wurde. Ein Projekt zu haben, das man frei gestalten kann und sich kontinuierlich weiterentwickelt, hat sich für mich letztendlich als überaus wertvoll erwiesen.

Als Highlights der ersten zwei Monaten sind definitiv die beiden Zirkusshows zu nennen, welche wir gemeinsam als Zirkus-Community besuchten. Die erste Show war Teil eines Jonglagefestivals in St. Louis und hatte viele professionelle Jongleur_innen anzubieten, welche sich technisch auf einem überaus hohen Level befanden. Das herausstechendste Highlight dieser Show war jedoch Kyle Driggs, einer der in der Vergangenheit bei Cirque du Soleil aktiven Jongleure, welcher aus meiner Sicht als einziger eine wirklich vor Kreativität und Eleganz strotzende Nummer darbot und mir Inspiration für eigene Projekte gab. Ein weiteres Highlight war der Besuch meiner ersten Cirque du Soleil-Show zu der mich der Circus Harmony eingeladen hatte. Es war zwar, wie man mir mehrfach versicherte, aufgrund des Themas “Crystal” eine sehr spezielle und ungewöhnliche Show, doch ich war überaus beeindruckt und fasziniert. Die gesamte Show fand auf dem Eis statt und war dementsprechend limitiert, was die herkömmlichen Zirkusdisziplinen anbelangt, doch die Choreographie sowie die Perfektion im Zusammenspiel mit dem Bühnenbild und der Gesamtinszenierung ergaben unvergessliche Bilder.

Meine Erwartungen für den weiteren Aufenthalt in den USA und im Zirkus Harmony beschränken sich hauptsächlich auf zwei Aspekte. Zum einen möchte ich mich mehr an Auftritten innerhalb des Zirkus beteiligen und die Nummern und Ideen, welche mir derzeit vor Augen schweben, hoffentlich in die Tat umsetzen. Dies betrifft sowohl die Projekte mit anderen Artist_innen als auch meine Einzel-Performances. Der zweite Punkt, dem ich erwartungsvoll entgegenblicke, ist das Reisen. Ich habe meine Urlaubstage alle auf das nächste Jahr gelegt, so dass ich im Februar voraussichtlich die Zeit haben werde Miami und New York zu besichtigen. Darüber hinaus möchte ich die von St. Louis aus gut zu erreichenden Sehenswürdigkeiten und Städte wie Chicago und Nashville verstärkt besichtigen und noch weitere Aktivitäten außerhalb des Zirkus nachgehen.

Insgesamt bleibt somit zu hoffen, dass sich die derzeitigen positiven Umstände im Circus Harmony nicht verändern und mir weiterhin die Freiheit gelassen wird, jonglagetechnisch Neues auszuprobieren. Auch wenn das Unterrichten sehr anstrengend und lang sein kann und man des Öfteren sehr spontan funktionieren muss, bin ich insgesamt mit meiner Tätigkeit und meinem neuen Umfeld sehr zufrieden und gespannt was die nächsten Monate bringen.

Viele Grüße, David
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