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In meiner vierten Woche hier hatte ich die Gelegenheit, das fliegende Trapez auszuprobieren. Ich war sehr aufgeregt, aber es war eine unglaubliche Erfahrung.

Name:Milla R.Einsatzstelle:Circus Harmony, Missouri, USAInhaltliche Ausrichtung:Circus Harmony besteht seit fast 30 Jahren und ist einer der ältesten Kinder- und Jugendzirkusse in den USA. Assistenz in den Zirkusklassen; Training mit den Kindern und Jugendlichen; Betreuung der „Offsite Classes“.

Die Reise und das Ankommen
Ich war vor dem ersten Langstreckenflug meines Lebens sehr nervös. Schließlich war es dann doch gar nicht so dramatisch und die neun Stunden Flug vergingen schneller, als ich es mir vorgestellt hätte. Allerdings war der anstrengendste Part damit noch nicht überstanden. Nach fünfeinhalb Stunden Warten im Flughafen Toronto war es zuhause in Deutschland bereits halb drei in der Nacht. Als unser um zwei Stunden verspäteter Flug um halb zwölf nachts in St. Louis (halb sieben morgens in Deutschland) ankam, waren wir völlig kaputt und konnten nur noch ins Bett fallen. Die erste Nacht verbrachte ich bei der Gründerin und Chefin des Circus Harmony. Ich hatte bereits viel von ihr gehört, unter anderem, dass sie sehr direkt und auch etwas strikt sei, aber ein weiches Herz habe. Sie war von Anfang an sehr offen und wir konnten uns problemlos unterhalten. Bei ihr zu Hause angekommen, begriff ich schnell, dass die Gründerin ein wahrer Zirkusmensch ist. Sie zeigte mir ihre eigene kleine Zirkusbibliothek: zwei Regale gefüllt mit zirkusbezogenen Büchern, mindestens eines davon über Circus Harmony. Der Rest des Hauses war gefüllt mit Postern und Fotos vom Zirkus und kleinen Statuen und anderen Objekten, die Akrobat*innen und balancierende Elefanten zeigten.

Die ersten Tage
Am selben Tag hatten wir Team-Sitzung. So lernten wir einige der anderen Mitarbeiter*innen des Zirkus kennen, diejenigen, mit denen wir am meisten zu tun haben sollten. Wir konnten außerdem die letzte Show eines ehemaligen Schülers sehen, der nun das Zirkus-College besucht. Ich war unglaublich beeindruckt und wir bekamen einen ersten Eindruck davon, wie professionell Harmony doch ist.

Meine Gastfamilie
Im Anschluss lernte ich dann auch endlich meine Gastfamilie kennen. Ich habe mich sehr schnell sehr wohl bei ihnen gefühlt. Meine zwölfjährige Gastschwester und die beiden Katzen haben nicht wenig dazu beigetragen. Auch wenn sie mir mit allem behilflich waren, musste ich mich doch schnell alleine in der Stadt (zumindest mit dem Transport-System) zurechtfinden, da meine beiden Gasteltern Vollzeit arbeiten und nahezu keine Zeit haben, mich zum Zirkus zu fahren oder dort abzuholen. Generell sind unsere Arbeitspläne sehr gegensätzlich, was ich sehr schade finde.

Die USA
Zuerst war ich sehr aufgeregt und beeindruckt davon, dass tatsächlich alles genauso aussah, wie ich es in vielen US-amerikanischen Filmen gesehen habe. Zwei bis drei Wochen später, als meine Anfangseuphorie verflogen war, fing ich an, alles etwas deprimierend zu finden. St. Louis hat zwar auch einige schöne Ecken und interessante Sehenswürdigkeiten, ist aber nach meinem Geschmack nicht die schönste Stadt. Mich deprimierte, dass man nur in Autos unterwegs ist und auch draußen kaum Menschen begegnet (zumindest nach dem, was ich aus Berlin oder anderen größeren Städten gewohnt bin). Alles wirkte etwas leblos auf mich. Es fiel mir außerdem schwer, einfach aus dem Haus zu gehen und die Stadt zu erkunden. Saint Louis ist zwar nicht die kleinste Stadt, aber dafür sehr weit verstreut. Ich hatte noch keine Gelegenheit, das Stadtzentrum zu erkunden, allerdings habe ich mich in meiner direkten Nachbarschaft schon etwas umgeschaut. Ich bin sehr glücklich, dass ich direkt gegenüber vom botanischen Garten und fünf Minuten vom Park entfernt wohne. So kriege ich gelegentlich meine kleinen Häppchen Natur, Frieden und Sonnenuntergänge. Auf der anderen Seite des Parks ist eine Straße voll mit Restaurants und anderen Läden, unter anderem ein Second-Hand-Buchladen, in den ich mich schon jetzt verliebt habe. Ansonsten verbringe ich meine Freizeit viel zu Hause, einfach nur entspannen, lesen und den Muskelkater auskurieren. Meist war es für mich auch schlichtweg zu heiß und schwül, um viel Zeit draußen zu verbringen. An 30 Grad im Sommer war ich aus Berlin gewöhnt, aber die hohe Luftfeuchtigkeit war dann doch gewöhnungsbedürftig. Als ich mir dann auf einem kurzen Spaziergang zur Drogerie einen Sonnenbrand holte, beschloss ich, dass ich mit weiteren Ausflügen auf etwas milderes Wetter warten würde.

Die Einarbeitung

Eine wirkliche Einführung oder Einarbeitung gab es bei uns nicht. Wir wurden ab der ersten Woche schon voll eingeplant und damit eher ins kalte Wasser geworfen. Ich hatte meinen Arbeitsplan, an dem ich mich orientieren konnte und glücklicherweise war auch immer jemand da, den*die ich fragen konnte, wenn ich etwas nicht wusste. Wenn es darum ging, Hilfestellung bei etwas zu geben, was ich noch nie gemacht hatte, war immer jemand in der Nähe, der*die mir Anweisungen und Tipps gab. Bei den übergreifenden Zirkuskursen hieß es dann aber für mich auch häufig Feder-Balancieren (Pfauenfedern auf der Hand, dem Finger, der Nase etc. balancieren). Wenn es Kinder gibt, die gerade nicht beschäftigt sind, heißt es auch immer Feder-Balancieren. Zwar keine allzu große Herausforderung, was Lehren oder Hilfestellung angeht, allerdings wird es gerade den etwas älteren Kindern dabei schnell sehr langweilig. Generell funktioniert meine Einarbeitung hier im Zirkus nach dem Prinzip "Learning by doing''.

Was ich bisher mache und was ich noch machen will
Bisher habe ich montags und dienstags frei, arbeite mittwochs- und donnerstagnachmittags und Freitag, Samstag und Sonntag den ganzen Tag. Dazu kommen dann immer einzelne Workshops mit Schulen oder Homeschool-Kindern. Insgesamt ist die Anzahl der Kurse, die ich unterrichte, sehr überschaubar, allerdings ist es fordernder, als ich es erwartet hätte. Zum einen ist ein Großteil der Kinder noch etwas jünger (ca. vier bis 15) und zum anderen legt Zirkus Harmony Wert darauf, dass die Kinder möglichst alle Disziplinen beherrschen und permanent beschäftigt sind. Daher sind in einem Kurs immer mindestens drei Trainer*innen anwesend. Die Kinder werden dann in Gruppen auf verschiedene Stationen (in den Luftakrobatik-Kursen z.B. Trapez, Vertikaltuch und Vertikalseil, in den Jugend-Zirkus-Kunst-Kursen z.B. Jonglage, Kugellaufen und Seillaufen) aufgeteilt und rotieren dann. Natürlich ein sehr effizientes Trainingsprogramm, allerdings für uns Trainer*innen sehr fordern, da man permanent unterrichtet und den Kindern nicht auch mal (wie ich es aus meinem Zirkustraining kenne) ihr eigenes Training überlässt. Zwischendurch habe ich dann auch Zeit um selber zu trainieren. Ich nehme bisher an Adult Aerial (Erwachsenen-Luftakrobatik), einem der übergreifenden Zirkuskurse und Kontorsion (eine Art Flexibilitätstraining, die Akrobat*innen sind auch als Schlangenmenschen bekannt) teil und gelegentlich kann ich dann auch einfach mal am Trapez neue Tricks ausprobieren/üben. Ich plane, auch an Tumbling (Bodenakrobatik, Trampolin) teilzunehmen. Im Allgemeinen ist es sehr interessant zu sehen, wie sich die Methoden und das generelle Management von dem unterscheiden, was ich aus meinem Zirkus in Berlin kenne.

Highlights
In meiner vierten Woche hier hatte ich die Gelegenheit, das fliegende Trapez auszuprobieren. Ich war sehr aufgeregt, aber es war eine unglaubliche Erfahrung. Zuerst hingen wir einfach nur am Trapez, dann machten wir Saltos vom fliegenden Trapez und schließlich konnten wir von jemand anderem gefangen werden. Vergangenes Wochenende hatte ich dann meinen ersten Auftritt. Am Wochenende sind jeweils zwei Shows pro Tag geplant. Diese Shows machen dann entweder die
Arches (die relativ professionelle Showtruppe des Zirkus) oder die anwesenden Level-2- und Arches-Schüler*innen. Die Anleiterin stellt die Nummern dann je nach anwesenden Schüler*innen spontan zusammen. Am Sonntag waren nur vier Schüler*innen anwesend und da ich zufällig daneben stand, sagte meine Anleiterin, ich könne doch in der Show auftreten. Zu schüchtern, um nein zu sagen, stellte ich schnell eine kleine Trapez-Nummer zusammen, bekam ein Kostüm in die Hand gedrückt und hatte den ersten Solo-Auftritt meines Lebens. Die zweite Show des Tages machte ich dann auch mit und beide liefen richtig gut.

Stolpersteine
Der erste Stolperstein begegnete uns auf der Hinreise. Da wir über Toronto in die USA einreisten, hatten wir dort unsere Einreise-Kontrolle. Alles lief problemlos, uns wurden drei Fragen gestellt, dann bekamen wir einen Stempel in unseren Pass und konnten nach St. Louis weiterfliegen. Später stellten wir dann fest, dass in dem Stempel zwar stand, dass uns erlaubt war, einzureisen, allerdings hatte der Einreise-Beamte nicht das Datum hingeschrieben, bis zu dem uns der Aufenthalt erlaubt war. Keiner konnte uns richtig helfen und uns sagen, ob es ein Versehen war und wie wir nun damit weiter verfahren sollten. Schließlich rief ich im Generalkonsulat in Chicago an, doch dort konnte mir auch niemand behilflich sein, da es sich um eine Angelegenheit mit einem US-amerikanischen Visum handelte.

Arztbesuche/Verwaltungsgänge etc.
Gleich am zweiten Tag habe ich mich um meinen Handyvertrag gekümmert. Wir sind zu einem Geschäft gefahren, dass auf Elektronik fokussiert ist (ähnlich wie Saturn oder Media Markt) und uns dort einfach beraten lassen. Als wir eine Sim-Karte gefunden hatten, die mit meinem Handy kompatibel war, habe ich mir einen Plan ausgesucht, der mir passte, und konnte es dann im Laden bezahlen. Verlängern kann ich das ganze bequem von zuhause aus, allerdings stellte ich dann fest, dass der Anbieter meine deutsche Kreditkarte nicht akzeptierte. Ich klärte mit meiner Gastmutter, dass sie es für mich bezahlte und ich ihr das Geld bar geben konnte, insofern entwickelte sich daraus kein großes Problem.

Taschengeld
Mein Taschengeld bekomme ich als Scheck ausgestellt. Das Geld für unsere Metro-Pässe ist dabei mit einbegriffen. Den ersten Scheck habe ich mir bar auszahlen lassen, weswegen ich noch nicht weiß, ob und wie ich das Geld auf mein Bankkonto übertragen kann.

Viele Grüße, Milla
Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.