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Weitere Freiwillige und ich backen den ganzen Morgen lang verschiedenste Kekse und ich bin sehr stolz darauf, dass ich während Maresas Urlaub die Bakery auch ohne die Unterstützung eine*r Co-Worker*in komplett managen konnte.

Name:NielsEinsatzstelle:Community HomesteadInhaltliche Ausrichtung:Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen, Fähigkeiten und Behinderungen leben und arbeiten zusammen für den Erhalt und dem Schutz der Natur.

Einsatzstelle
24 Wochen bin ich nun schon hier. Die längste Zeit, die ich nicht auf den 113 Hektar von Community Homestead verbracht habe, waren die 48 Stunden LGBTQ Pride in St. Cloud ca. drei Wochen nach meiner Ankunft hier. Ich kann kaum glauben, dass ich jeden Tag im gleichen Bett im gleichen Haus mit den gleichen Menschen aufgewacht bin, aber so ist es. Der Schnee vor dem Haus liegt dort schon gefühlt seit Oktober und es ist eine Weile her, dass man sich ohne Schal vor dem Gesicht nach draußen wagen konnte. Mir geht es gut und ich fühle mich sicher und gut aufgehoben hier. Die tägliche Routine ist so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich jeden Abend um 23:30 Uhr schlafen gehe und nach genau acht Stunden Schlaf ohne Wecker um 7:30 Uhr aufwache.

Montags folgt dann nach dem Frühstück die Woodpainting Crew, in der drei Co-Worker*innen, ich und vier Life-Sharer*innen Holzpuzzles mit Sandpapier bearbeiten und diese anschließend nach Laune (und nach dem Kriterium „lässt es sich verkaufen?“) zusammen bemalen. Meistens hören wir Radio und mindestens zwei Leute plappern fröhlich vor sich hin. Nachmittags arbeite ich dann mit Richard und seiner Crew entweder im Wald und stutze die Vegetation zurecht oder helfe beim Bau des „New House“, welches mit Solarpanelen auf dem Dach schon seit einem Jahr schleppend entsteht. Hier erweitert sich jedes Mal mein Horizont, sei es durch die Aufgabe, eine Garagentür zu bauen, oder einen Hügel mit einem Rasenmäher zu plätten. An anderen Gelegenheiten schickte mir Richard ein Youtube-Video und beauftragte mich dann, die Tür, Motorhaube und Kofferraum eines Honda Civic 2010 abzumontieren und die neuen Teile anzubringen. „Wie bitte?“ dachte ich zuerst. Aber letztlich klappte es dann genau so. Dienstagmorgens habe ich die Aufgabe, zusammen mit Kelly die House Deliveries zu erledigen. Das bedeutet: Listen mit dem Angebot aus Marmeladen, Gurken, Pfirsichen und Fleisch sowie eingefrorenem Gemüse zu erstellen und dann durch den Schnee zu jedem Haus zu stapfen um die Bestellung aufzunehmen. Nachdem wir diese haben, stellen wir Kisten mit den jeweilig gewünschten Dingen zusammen und je nach Wetter fahre ich mit dem Polaris (letztendlich ein Golf-Cart), einem Schlitten oder einem Karren mit Kelly durch die Community und verteile an jedes Haus ihre Kisten.

Nachmittags habe ich das Vergnügen, nach dem Mittagessen bei Tony (wo ich doch tatsächlich Kaffee trinken kann) erst einmal für eine halbe Stunde mit Betsy Klavier zu spielen. Betsy hat Down-Syndrom und ist dement, weswegen sie oft in Wutanfälle ausbricht, sei es durch Frustration oder Verwirrung. Das ist meine Aufgabe und die ich sehr genieße, da es Betsy sichtlich Freude bereitet, auf den Tasten zu klimpern und verschiedene Harmonien und Stimmungen auf dem Klavier zu durchlaufen. Dabei variiere ich Tempo und Lautstärke, was zu einer Art musikalischem Dialog führt, bei dem sie Dampf ablassen kann und nachdem sie jedes Mal beruhigt ist und bereit, ihre Aktivität aufzunehmen. Zusammen beteiligen wir uns dann am Filzen der „Gnomes“, kleine, aus Filz gebastelte Gnome. Der Mittwoch ist für mich gerade im Anschluss an einen sehr beschäftigten Dienstag sehr wichtig, da ich morgens mit meinen  Zimmernachbarn*innen mein Haus (Morning Glory) putze und meine Wäsche wasche. Die intensive Beschäftigung mit Schmutz und Reinigung in der Mitte der Woche gefällt mir sehr und ist zu einen Ritual geworden, dass ich sehr gerne auch in Deutschland fortsetzen möchte. Nach dem Mittagessen habe ich eine weitere „Richard-Crew“ im Wald oder auf der Baustelle, jedoch geht diese nur bis 4:30pm, denn dann fahre ich mit dem Special-Olympics Basketball-Team in eine der beiden Highschools in Amery oder Unity. Dort trainiere ich mit einer weiteren deutschen Freiwilligen eine Gruppe von sechs Leuten mit unterschiedlichen Fähigkeiten im Dribbeln, Passen und Werfen.  Unsere Gruppe nennt sich Skills, das heißt, sie sind noch nicht Teil eines der Teams, sondern arbeiten noch an ihren Grundlagen, um dann in ein Team einzutreten. Auch wenn die Fahrt dorthin und das Training den Tag manchmal in die Länge ziehen, macht  es mir viel Spaß, Vertrauen zu unseren Teilnehmer*innen aufzubauen und ihre Schritte in Richtung Team mit zu verfolgen und sie zu unterstützen. Mein absoluter Lieblingstag ist jedoch Donnerstag. Beginnend mit der zeitweise schwierigen Aufgabe eine Bewohnerin zu motivieren, sich durch Schnee und Eis auf den Weg zur Bakery zu machen, folgt dem eisigen Spaziergang ein warmes Willkommen in der Bakery und der Duft von Keksen. Weitere Freiwillige und ich backen den ganzen Morgen lang verschiedenste Kekse und ich bin sehr stolz darauf, dass ich während Maresas Urlaub die Bakery auch ohne die Unterstützung eine*r Co-Worker*in komplett managen konnte. Nach unserem obligatorischen Cookie-Break, geht es dann ins Community Center zum gemeinsamen Lunch mit der gesamten Community. Im Anschluss bin ich wieder in der „Richard-Crew“ mit vollem Bauch und vollen Händen. Hiernach folgt oft das New-People‘s-Meeting in meinem Haus Morning Glory. Es werden zahlreiche Themen rund um das Leben in einer Gemeinschaft, verschiedenste Behinderungen und die rechtliche Situation von Menschen mit besonderen Bedürfnissen in den USA mit uns besprochen. Dazu gibt es Abendessen und Dessert. Der Freitag beginnt für mich nun mit der Arbeit in der Holzwerkstatt, wo ich mit Tischsäge und verschiedensten Werkzeugen nach kurzer Einführung helfe, wo ich kann. Leider ist es immer sehr kalt im Woodshop, doch die Bewegung und Handschuhe halten warm. Ich habe in den letzten Wochen um die 50 Schneidbretter geleimt und geschmirgelt, sodass wir nun vermutlich genug für die Märkte dieses gesamten Jahres haben. Yay! Am Nachmittag habe ich dann die Aufgabe, zusammen mit zwei weiteren Freiwilligen Pizzen zu backen für das abendliche Potluck. Da wir drei Stunden Zeit haben, nur um zwei Pizzableche zu fertigen, habe ich meist Schwierigkeiten damit, durchgehende Beschäftigung bereitzustellen. Das scheint die beiden jedoch nicht allzu sehr zu stören, denn wir hören meist klassische Musik oder Country, während wir arbeiten.  Samstags ist es für mich zur Gewohnheit geworden, mit einer größeren Gruppe in das nahegelegene Osceola zu fahren um einzukaufen, einen Kaffee zu trinken und in der Bibliothek zu stöbern. Hierbei ist es oft möglich für mich, auch mal alleine zu sein und durch die Stadt zu laufen, den Wasserfall anzuschauen oder ein Root-Beer in der einzigen Bar (PY’s) zu trinken und mit anderen US-Amerikaner*innen zu schnacken. Langsam aber sicher kenne ich einige Ladenbesitzer*innen und schaue ab und zu mal rein und dieses Gefühl von Routine schätze ich sehr. Am Sonntag versammelt sich wer mag um 9:30 Uhr im Community Center zum Gathering, das heißt, wir singen Lieder die dem Walddorf-Geiste entsprechen und sitzen gemeinsam in Stille für einige Zeit. Dieser semi-religiöse Brauch gefällt mir sehr und ich versuche jeden Sonntag dabei zu sein.

Dieser Wochenablauf besteht nun schon seit dem Ende der Gartensaison und ist inzwischen sehr routiniert, obwohl sich jeder Tag für mich immer noch anders als der vorherige anfühlt. Ich bin zufrieden damit, so tief in die Welt von Community Homestead eingetaucht zu sein, freue mich aber unglaublich auf das Zwischenseminar und meine anschließende Reise, da ich ein gewisses Maß an Unabhängigkeit und Freiheit hier doch vermisse. Es ist sehr interessant zu sehen, wie das Leben hier ein Gefühl für die feine Balance zwischen Einsamkeit und sozialer Überforderung, Abhängigkeit und Unabhängigkeit sowie Teamwork und Selbstständigkeit vermittelt. Es ist für mich fast unvorstellbar, die Erfahrungen die ich hier mache, nach Deutschland zu transferieren und dort mein „altes“ Leben wieder aufzunehmen. Dennoch freue ich mich auf das Ende dieses Jahres, und hoffe sehr, dass es mich zu einem „erwachseneren“ Menschen gemacht haben wird.

 

 

 

Viele Grüße, Niels
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