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Was ich sicher sagen kann, ist, dass ich sehr glücklich bin. Ich fühle mich unglaublich wohl und habe das Gefühl, dass Pendle Hill genau der Ort ist, an dem ich momentan sein soll.

Name:CamillaEinsatzstelle:Pendle Hill, USAInhaltliche Ausrichtung:Bildungs- und Konferenzzentrum

 „Zuhause ist, wo das Herz eine Heimat findet.“ (Fred Ammon, Aphoristiker)


Atlantic City


Hier sitze ich, lausche sanften Klavierklängen aus meinem Laptop, nippe an einer Tasse Harvest Tea und starre Löcher in die Luft. Ich versuche in Worte zu fassen, was in letzter Zeit mit mir passiert ist. Besser gesagt, was in den letzten 36 Tagen, seit ich in der Pendle Hill community lebe, mit mir passiert ist. So vieles hat sich seitdem verändert. Ich versuche zu reflektieren und meine Gedanken zu ordnen. Was ich sicher sagen kann, ist, dass ich sehr glücklich bin. Ich fühle mich unglaublich wohl und habe das Gefühl, dass Pendle Hill genau der Ort ist, an dem ich momentan sein soll. (…) Ich habe noch genau vor Augen, wie ich, am Flughafen in Philadelphia angekommen, einen Gang zur Ankunftshalle entlang gehe. Ich sehe eine Tür vor mir mit der Aufschrift International arrivals hall, drücke die Klinke mit dem schicksalshaften Gefühl, dass jetzt ein neues Leben beginnt. Ich schließe die Augen, atme einmal tief Philadelphia city durch und wage den Schritt. Und schon sehe ich sie, sehe sie winken und mit einem „Willkommen Camilla!“ Schild wedeln. Ja, willkommen fühle ich mich wirklich. Abgeholt wurde ich von einem Pendle Hill Mitarbeiter und einem der anderen Freiwilligen aus Deutschland. Ich werde umarmt, nach meinem Befinden gefragt und von meinem Gepäck befreit. Viel ist es nicht, nur ein Koffer. Mehr war in dem kurzfristig gebuchten Flug nicht inklusive. Obwohl mir die Vorstellung, mit nur einem Koffer für 10 Monate zu verreisen, zunächst große Sorgen bereitet hat, so war auch das eine äußerst positive Wendung des Schicksals. Irgendwie hat das Beschränken auf wenige wichtige Dinge auch bei mir eine Wandlung erzielt. Ich vermisse meinen vollen Kleiderschrank nicht, lerne mit weniger Dingen auszukommen und trotzdem alles zu haben, was ich zum Leben und Wohlfühlen brauche. Wir gingen also mit Koffer und Wintermantel, den ich bei den für Ende Oktober erstaunlich sommerlichen Temperaturen gar nicht brauchte, zum Auto und fuhren in Richtung meiner neuen Heimat. Sogleich fielen mir Unterschiede auf, ein amerikanischer Highway sieht eben doch ganz anders aus als bei uns in good old Germany. Viele große Geländewagen und gelbe Schulbusse zieren die Straße.


Nach einer 20 minütigen Fahrt erreichten wir Pendle Hill, meine Einsatzstelle. Pendle Hill ist ein study and retreat center der Quäker. Menschen kommen hier her um Kurse zu belegen oder Ruhe zu finden. Pendle Hill besteht aus mehreren Gebäuden auf einem weitläufigen Campus. Gleich das erste Haus ist das Reich von uns vier deutschen Interns: „Upmeads“! Unten sind Wohnzimmer und Küche, die Jungs leben im oberen Stockwerk und wir Mädels  wohnen im dritten Geschoss. Dann haben wir noch einen ziemlich gruseligen leerstehenden Keller mit unserer Waschmaschine. Mittlerweile fühle ich mich in diesem Haus schon ziemlich heimisch. Typisch ist, dass es nie still ist. Entweder jemand hört Musik, duscht, die Waschmaschine rumpelt, die Tür wird geknallt, unsere Maus in der Küche knabbert an einem Stückchen Alufolie oder das Haus ächzt und stöhnt von selber. Anfangs haben mich diese Geräusche gestört oder waren mir unheimlich, doch mittlerweile sind sie mir vertraut und lieb geworden.


Über die erste Woche nach meiner Ankunft konnte ich frei verfügen, mein Zimmer einrichten, mein Jetlag ausschlafen, die Umgebung erkunden und die Quäkercommunity kennenlernen. Ich erlebe die Quäker als offen, freundlich, äußerst höflich ohne aufdringlich zu sein und erstaunlich kritisch. Ich erinnere mich an einen Abend, an dem ich mich erschöpft vom Arbeiten und ziemlich gestresst auf einen Stuhl im Essenssaal fallen lasse und sich eine fremde Frau neben mich setzt. Vollkommen ungezwungen beginnt sie mit mir Konversation zu führen. Sie ist interessiert an mir und meiner Geschichte, und zwar wirklich interessiert. Es ist nicht mit einem zeitvertreibenden Smalltalk zu vergleichen. Nach kürzester Zeit beginnt unser Gespräch tiefgründig zu werden. Sie fragt mich, wie die Deutschen über die Amerikaner denken würden und ob es irgendwelche Vorurteile gebe. Ich traue mich nicht zu sagen, dass man die Amis bei uns zuweilen als übergewichtig, Junk-Food-süchtig, umweltverschmutzend und verblödet betrachtet. Etwas verlegen antworte ich daher, dass aus deutscher Sicht ein typischer Amerikaner gerne essen und gerne reden würde. Die Frau reißt un-gläubig die Augen auf und hebt spöttisch die Brauen. Sie erkennt sofort, dass ich untertreibe. Und dann, ohne Vorwarnung, beginnt sie richtig loszulegen. Sie sagt, sie würde wahnsinnig werden in diesem Land, das System rege sie auf, die Leute regen sie auf, die Oberflächlichkeit, das Wegschauen, die Verdummung und der Konsum. Sie sagt, sie könne einfach nicht verstehen, warum die Amerikaner die Erde, ihre Heimat, so zerstören würden. Es sei ja nicht mal möglich, in einem Geschäft keine Tüte zu bekommen. Selbst wenn man eine eigene Tasche dabei habe, seien die Mitarbeiter verpflichtet, eine Plastiktüte mit zugeben. Ich erzähle ihr, dass man bei uns in Deutschland für eine Plastiktüte zahlen muss. Begeistert greift sie diese Idee auf, sie meint, ich solle die Amis bekehren. Es entwickelt sich ein leidenschaftliches Gespräch zwischen uns.


Wir beide stimmen in der Ansicht überein, dass Pendle Hill nicht vergleichbar mit dem Großteil Amerikas ist. Pendle Hill ist eine Oase der Ruhe, des Friedens, der Stille und der Gemeinschaft. Man trifft hier interessante und kritische Menschen. Jeder, der hier her kommt, tut es aus einem bestimmten Grund. Entweder er nimmt an einem der Workshops oder Seminare teil, die sich alle um religiöse, intellektuelle, spirituelle oder wissenschaftliche Themen drehen, oder er besucht Pendle Hill für ein persönliches Retreat, eine Auszeit aus dem Alltag. Und dafür ist Pendle Hill auch wunderbar geeignet. Wie eine Seifenblase ist es vom Rest der Welt abgeschirmt, der begrünte Campus mit seinen herrlichen alten Bäumen lädt zum Träumen und Verweilen ein. Gerne schlendere ich über das Gelände, beobachte die Eichhörnchen und Chipmunks oder sitze auf einer Bank und genieße die Nähe zu meiner Umgebung. Besonders schön ist die allgegenwärtige Stille, die nur durch sanfte Geräusche der Natur unterbrochen wird. Die Stille wird auch in den Gottesdiensten der Quäker aufgegriffen. Jeden Morgen trifft sich die Community für eine halbe Stunde in der barn, Scheune, und man schweigt zusammen. Alle sitzen da, vollkommen in sich versunken. Einige starren in die Luft, andere halten die Augen geschlossen. Der Gedanke dabei ist, dass man Gott in der Stille in sich selbst begegnen kann. Stille ist aber keine Pflicht. Sobald jemand das Bedürfnis hat, etwas der community mitzuteilen, seien es philosophische Gedanken, Gefühle, Wünsche oder Erlebnisse, darf er sich vollkommen frei fühlen, aufzustehen und zu sprechen. Die meetings for worship sind nicht verpflichtend, werden aber von vielen gerne genutzt, um bewusst in den Tag zu starten. Danach fühlt man sich um einiges klarer und entspannter.


Besonders beschwingt starte ich aber in den Tag, wenn ich weiß, dass ich im Garten arbeiten darf. Denn da arbeite ich von meinen drei Arbeitsbereichen am liebsten. Ich mag das Gefühl draußen zu sein, ich fühle mich eins mit der Natur. Den ganzen Tag draußen verbringen, die frische Luft atmen, den Lauf der Sonne am Himmel beobachten und den Geräuschen der Blätter und der Vögel lauschen, das ist ein Arbeitsplatz, wie ich ihn mir wünsche! Ich mag die körperliche Arbeit, mag das Gefühl von Erde an meinen Händen. Die Arbeit im Garten ist vielseitig und doch sehr eintönig. Ich ernte, bewundere dabei die unterschiedlichen Formen und Farben des Gemüses, pflücke Kräuter, genieße ihren Duft. Im nächsten Moment ziehe ich an Rüben, sie versuchen sich mir zu entziehen, wollen ihr warmes, heimisches Erdreich nicht verlassen. Dann bin ich am Umgraben, stelle mich mit meinem ganzen Gewicht auf den Spaten, steche ins dunkle Erdreich und bringe Luft in die unteren Schichten. Eine schweißtreibende und doch unglaublich befriedigende Arbeit. Das ist es, was ich an der Gartenarbeit auch so liebe, man sieht, was man geschafft hat. Der Erfolg einer reichen Ernte ist Lohn für die getane Arbeit. Es erfüllt mit Stolz, wenn man sieht, was man zusammen mit der Natur geschaffen hat. Abends ist man müde und abgekämpft, die Hände und Arme tun einem weh, Dreck klebt unter den Fingernägeln. Das Gesicht ist kalt und doch glühen die Wangen rot. Man fühlt sich unglaublich lebendig und mit der Natur verbunden. Ein schönes Gefühl! Natürlich ist dies alles nur so genießbar für mich, weil ich weiß, wie ursprünglich Pendle Hill arbeitet. Obwohl erstaunlich große Mengen geerntet werden, wirkt der Garten auf mich mehr wie eine private Hobbyoase. Nichts ist perfekt, die Beete ragen etwas aus der Form, hier und da wächst mehr Unkraut in den Beeten als Gemüse. Pendle Hill benutzt keinerlei Chemie, gedüngt wird nur mit dem hauseigenen Kompost, was sichtbar funktioniert! Die Pflanzen sind gesund und aroma-tisch, davon können wässrige Treibhaustomaten wie wir sie in Deutschland aus dem Supermarkt kennen nur träumen. Besonders faszinierend finde ich, wie viel Ertrag man aus so wenig Land erzielen kann. Das führt mir mal wieder vor Augen, welche ungeheure Stärke in der Natur liegt. Wie viel Kraft muss in einem Samenkorn stecken, wenn es sich in eine große Pflanze mit einer solchen Menge an Früchten entwickeln kann? Solche Fragen beschäftigen mich während meiner Arbeit oft. Man arbeitet körperlich, das heißt, die Gedanken können schweifen. Ich genieße es, nach der langen Zeit des Lernens und Analysierens in der Schule mal meine Hände zu benutzen. Und trotzdem arbeitet es in meinem Kopf wie wild. Die Arbeit hat in ihrer Eintönigkeit etwas Beruhigendes und Meditatives, das mir neue gedankliche Tiefen ermöglicht.


Als fast schon zu meditativ erweist sich hingegen meine Arbeit in der Küche. Ich stehe da, den ganzen Tag, und schneide Gemüse. Ich schäle Karotten, rupfe Salat, würfel Äpfel, zerhackte Kräuter, pelle Rote Beete, halbiere Rosenkohl oder schneide Zwiebeln. Und damit meine ich nicht nur ein paar. Wenn ich Zwiebeln schäle, heißt das, dass ich eine ganze Kiste Zwiebeln schäle, also mindestens zwei Stunden beschäftigt bin. Eine eintönige und tränenreiche Arbeit. Doch irgendwann beginnt die einzelne Zwiebel an Bedeutung zu verlieren, man verfällt in einen Arbeitsrhythmus, jede Bewegung verläuft nach dem gleichen Muster. Auf der einen Seite türmen sich die fertigen Zwiebeln, und auf der anderen der Kompost.


Anfangs erscheint jede Minute noch zäh, die Zeit will nicht vergehen und dehnt sich. Der Minutenzeiger der Küchenuhr scheint still zu stehen und will sich nicht bewegen. Doch irgendwann, sobald sich der Rhythmus eingestellt hat, scheint die Zeit zu verfliegen. Ich versinke in einen gedanklichen Sumpf, denke über bewegende Dinge nach oder träume von fernen Orten. Und plötzlich ist eine Stunde um. Und plötzlich noch eine. Und schließlich bin ich bei der letzten Zwiebel angekommen. Sie ist anders als die anderen, sie ist bedeutend. Auf einmal sehe ich wieder ihre goldbraune Haut, sehe den weißen Saft, der aus ihr austritt, sehe die zarten dünnen Blättchen, rieche ihren Duft, spüre ihre Schärfe in meinen verquollenen Augen. Und dann lasse ich sie auf den Haufen ihren Artgenossen fallen, lege mein Messer beiseite und warte auf die nächste Aufgabe. In der Küche fühle ich mich manchmal wie ein Sklave. Unter Kochen stelle ich mir Kreativität vor, experimentelles Arbeiten in Kombination mit Rückgriff auf Altbewährtes. Ich liebe es zu kochen, liebe es zu essen. Essen ist für mich nicht einfach nur zum Leben essentieller Genuss, es löst auch Emotionen aus. Ich hatte gehofft, während meiner Arbeit in der Küche selbst mal kreativ werden zu dürfen, aber ich merke, dass das nicht gewollt ist. Zwei andere Freiwillige, die beide fast ausschließlich in der Küche arbeiten, sind mittlerweile so weit, dass sie eigene kleine Sachen wie eine Suppe oder ein Dressing zubereiten dürfen. Ich hingegen arbeite nur ein bis zwei Mal in der Woche im Reich der Pfannen und Töpfe, weswegen mir dieses Privileg vermutlich nicht zu Teil kommen wird. Die beiden Köche, die sich manchmal wirklich wie Herrscher in einem winzig kleinen Königreich benehmen, scheinen nicht wirklichen Wert auf eine Einweisung in selbstständigere Arbeiten zu legen, doch auch wenn sich das vielleicht verbittert anhört, es ist in Ordnung für mich. Ich mache das Beste aus meiner Situation und nutze meine Küchentage sowohl zum Klären philosophischer Fragen als auch zum Erhöhen meines Schnippel-Tempos. Im Gegensatz zur Gartenarbeit bleibt in der Küche auch das Gefühl der Befriedigung nach getaner Arbeit aus. Obwohl zur Essenszeit immer toll aussehende Speisen den reich gedeckten Tisch zieren, währt dieser Erfolg nicht lange und die Schüsseln sind bald bis zum letzten Rest aufgeputzt. Und am nächsten Tag gibt es dann wieder hungrige Mäuler zu stopfen. Der Erfolg ist also nicht so nachhaltig und sichtbar wie etwa die wachsendenden Pflanzen in den Beeten (Hier muss hinzugefügt werden, dass der Erfolg der Küche auf der Waage sichtbar ist, ob dies ein befriedigender Erfolg ist, wage ich zu bezweifeln…). Neben meiner Schnippeltätigkeit helfe ich an den Küchentagen beim Geschirrspülen, wische die Tische, beschrifte Speisen oder nehme den Dank entzückter und wohlgenährter Gäste entgegen. Das Entgegennehmen von Dankbarkeit macht auch einen Großteil meiner dritten Arbeitstätigkeit aus, der hospitality, was so viel heißt wie Gästeservice oder freundliche Bewirtung. In der hospitality arbeite ich immer am Wochenende. Ich helfe l, meinem herzensguten Chef, dabei, Brownies, Scones, Oatmeal Cookies, Chips und Obst an die Gäste zu verteilen, koche Kaffee und Tee in den Konferenzräumen, checke die Anzahl an Bordmakern und Flipcharts für Workshops, baue Stuhlkreise auf, verteile Yogamatten, rücke Blumen, Deckchen und Kerzen zurecht, dekoriere saisonal passend mit Blättern, pumpkins oder Weihnachtsschmuck und sorge insgesamt dafür, dass alles „lovely!“ aussieht. Außerdem stehe ich den Gästen als Ansprechpartner zur Verfügung. Ich werde nach zusätzlichen Handtüchern oder Seife, nach Gluten freiem Brot, oder nach den Essenszeiten gefragt. Außerdem bin ich für den Kontakt mit Workshop- oder Konferenzleitern verantwortlich. Ich erkundige mich nach ihrem Befinden oder nach zusätzlichen Wünschen. Meist sind sie aber ganz begeistert, wunschlos glücklich und finden einfach alles „awesome!“. Obwohl ich viel lächle, freundlich guckend rumstehe und Höflichkeiten austau-sche, fühle ich mich dabei nicht gekünstelt. Ich nehme den Gästen ihre Dankbarkeit und überschwängliche Freude ab, Pendle Hill ist wirklich eine Oase, ein Ort an dem man sich wohlfühlen muss. Ich freue mich über jedes Lächeln, Schulterklopfen und Wort des Dankes, sauge alles in mich auf wie ein vertrockneter Schwamm und fühle mich glücklich. Bei dieser Arbeit merke ich wirklich, dass sie geschätzt wird, und das ergibt wiederum den Sinn der Tätigkeit. Sonst gehört zu meinem Job als hospitality staff noch das „hosten“ von Mahlzeiten. Das bedeutet, dass ich eine Stunde vor den Mahlzeiten in die Küche komme und aufbaue. Dazu gehört das Einsortieren von sauberem Besteck, Stapeln von Geschirr, Kochen von Kaffee, Eis aus dem Keller holen und in Wasserkaraffen füllen, Kerzen anzünden, Toasterbar und Obstkorb aufstellen, Menü mit Kreide an eine Tafel schreiben und schließlich das Läuten einer Glocke, die über den ganzen Campus zu hören ist, zehn Minuten vor Beginn der Mahlzeit. Um das Aufbauen des Essens kümmert sich meist das Küchenpersonal, nur beim Frühstück bin ich auch dafür verantwortlich. Ich hole also Bagels und selbstgemachte Frischkäs-evariationen aus dem Kühlschrank, ordne Brot dekorativ in Körben an, stelle Pendle Hill’s berühmtes sweet granola (eine süße Müsli-Mischung), Cranberries und Cornflakes raus, schichte hartgekochte Eier, rühre den Joghurt und mische Orangensaft. Außerdem muss ich natürlich darauf achten, in regelmäßigen Abständen Kaffee nach zu kochen, denn es laufen morgens viele, nach Kaffee lechzende Gestalten durch Pendle Hill, die ich nur durch „Please wait! Coffee is brewing!“ –Schilder davon abhalten kann, so stark an der Maschine zu ruckeln, dass sie alles mit Kaffee überfluten. Pünktlich zur angegebenen Essenszeit stelle ich mich dann an den Rezeptionstresen, spiele mit einem Schlägel eine kurze Melodie auf ein kleines Metallophon und heiße dann alle Gäste zum Essen willkommen. Es gibt einen Leitfaden zu dem was ich sagen soll, den mir mein Chef aufgeschrieben hat. Der Text ist mir mittlerweile schon so ins Blut übergegangen, dass er manchmal wie ein Ohrwurm in meinem Kopf abgespielt wird: „Hello and welcome to Pendle hill! My name is Camilla and I’m on the hospitality staff, so if you have any questions, please come see me! I’d like to welcome all sojourners here, please check in with me before eating. This meal is 40 minutes long at which point I ask you to bus your dishes to the dish window. This is , one of our cooks for today, who know tells us what we have on the menu…”


Der genannte Koch spult dann das Essensangebot des Tages ab, erklärt Besonderheiten, wie vegan, Gluten frei oder ohne Knoblauch und lädt dann zu einem silent moment of worship ein, einem kurzen Moment der Stille und Besinnung vorm Essen. Ich schwinge anschließend wieder meinen Schlägel als Zeichen, dass das Essen beginnen möge und warte dann darauf, dass Gäste ohne dazu gebuchte Mahlzeiten zu mir zum Einchecken am Computer kommen. Außerdem verkaufe ich Kleinigkeiten aus einem Verkaufstresen, wie Hygieneartikel, Fair Trade Schokolade, Pendle Hill granola oder Tassen mit dem Pendle Hill Zeichen. Nach dem Essen räume ich alles wieder weg, wische die Tische, puste die Kerzen aus, fahre den Computer herunter und sammle dann die Brownies oder sonstigen sündigen Teilchen ein, um den Gästen die Zeit bis zum nächsten Essen zu versüßen. Natürlich genehmige ich mir hin und wieder selbst etwas von diesen Kleinigkeiten, sofern es sich, was leider viel zu selten der Fall ist, um etwas veganes handelt… Insgesamt komme ich mit meiner veganen Lebens-weise bei Pendle Hill aber wunderbar zu Recht. Es gibt immer vegane und vegetarische Essensangebote, Fleisch wird selten zubereitet. Das Essen ist generell von sehr hoher Qualität, es gibt viel Gemüse, Salat und Gerichte aus Hülsenfrüchten und Getreide. Pendle Hill ist für seine gute Küche bekannt, und auch ich muss sagen, dass ich mich an zwei warme Mahlzeiten am Tag mit solch großer Auswahl echt gewöhnen kann. An dieser Stelle muss ich meine persönlichen Highlights erwähnen: peanutbutter and jam Brote! Es ist mir ein Rätsel, warum ich diese Kombination zuhause nie ausprobiert habe. Vermutlich hätten sie in Deutschland aber nicht so gut geschmeckt, peanutbutter ist einfach typisch amerikanisch. Es ist wunderschön mit anzusehen, wie die rotglänzende Marmelade auf der cremigen Erdnussbutter verteilt wird und wie saftig diese dann vom Brot tropft… Ein Genuss! Meist gönne ich mir nach der Arbeit das ein oder andere dieser Köstlichkeiten, bevor ich den Abend auf unserem Sofa in Upmeads ausklingen lasse und mich entspanne. Mein Arbeitsrhythmus ist aber generell sehr angenehm, die Arbeitswoche dauert nur vier Tage und drei Tage habe ich frei. Diese nutze ich meist zum Ausschlafen, Wäsche waschen, lesen, Filme gucken, einkaufen und spazieren gehen. Insgesamt fühle ich mich also echt wohl! Ein besonderes Dank geht an dieser Stelle an meine drei Mitfreiwilligen, ohne die mein Aufenthalt bei Pendle Hill nicht halb so schön wäre! Ihr seid mir in der kurzen Zeit schon so ans Herz gewachsen und seid wie eine Familie für mich, - danke dafür. Gerade hat sich ein Freiwilliger mit einem Buch neben mich aufs Sofa gesetzt. Er nimmt sich auch eine Tasse Harvest Tea und wir schweigen zusammen.


Es ist mir mittlerweile so vertraut mit euch zusammen zu sein, und das schon nach einem Monat. Ich bin gespannt, wie sich unsere Verbindungen in einem Jahr entwickeln werden. Ich denke, ich werde mir danach ein Leben ohne euch kaum mehr vorstellen können, zumindest wird es sehr ungewohnt sein.Ich habe schon so viele schöne Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit, sei es das gemeinsame nächtliche Plündern des Kühlschranks im main house (peanutbutter-and-jam-breads are awesome, lovely and deeply-moving!), Filme gucken, bei denen ihr alle einschlaft und ich als einzige tapfer zu Ende schaue, abendliche philosophische Gespräche mit einem Freiwilligen  über seltsame Dinge wie die Kleidung in Matrix Filmen, Shopping-Touren mit einer Freiwilligen, oder ein lautes leidenschaftliches Gebrüll eines Freiwilligen, wenn er sich unten im Wohnzimmer ein Bayern-Spiel ansieht und man selbst bei mir oben im dritten Stock sein Stöhnen hört. Oh ja, ich glaube ich werde dieses Geräusch vermissen! Besonders schöne Erinnerungen habe ich an die zwei Reisen, die wir bisher unternommen haben. Vor zwei Wochen waren wir in Atlantic City, einer Stadt voller Casinos direkt am Meer. Die Stadt sah irgendwie nicht aus wie eine Stadt, es war mehr eine Ansammlung goldener Spielzeug-Häuser am Wasser. Außerdem war kaum was los, die meisten Geschäfte waren geschlossen, einzig kleine ramschige Souvenirbuden hatten geöffnet. Erinnern werde ich mich deswegen auch nicht an die Stadt, sondern an das, was wir daraus gemacht haben. Wenn man schon mal am Atlantik ist, muss man natürlich auch die Gelegenheit nutzen und schwimmen gehen. Wir lassen uns nämlich nicht von 5 Grad Außentemperatur abschrecken. Und wie viel Leute gibt es schon, die Mitte November schwimmen gehen? Eben, nur die crazy German Interns! Schön, dass man mit euch so verrückt sein kann. Wir schälten uns also aus Jacken, Mützen, Schals und Handschuhen und sprangen in das eisige Wasser.


Es war so kalt, dass es schon gar nicht mehr kalt war und nach zwei Minuten Ekstase fühlten wir uns wie Helden.Letztes Wochenende waren, ein Freiwilliger und ich in Washington DC. Obama haben wir leider nicht die Hand geschüttelt, dafür aber das Weiße Haus, Museen und Denkmäler besichtigt.


Nächstes Wochenende fahren wir nach New York, darauf freue ich mich schon besonders! Weihachten verbringen die Jungs und ich bei der Familie eines Freundes in Rochester, New York State. Über diese Einladung sind wir besonders glücklich, ein einsames Weihnachtsfest in dem über die Feiertage leider geschlossenen Pendle Hill wäre wirklich furchtbar gewesen. Langsam kommen wir auch schon in Weihnachtsstimmung. Eine Freiwillige hat einen süßen Adventskalender gebastelt und an unser Treppengeländer gehangen, gestern Abend haben wir ein Lebkuchenhaus gebaut und bald steht auch schon das erste Kekse backen an. Der deutsche Weihnachtsmarkt, den wir in Philadelphia besucht haben, kommt an das Original aber bei weitem nicht ran! Nun ist es soweit: Meine lieben Leser, ich wünsche euch allen eine wunderschöne Weihnachtszeit und sende alles Liebe nach Deutschland und den Rest der Welt! Danke an meine Familie, meine Spender, die IJGD und an die anderen Freiwilligen und das Pendle Hill Team.


„Reisen ist besonders schön, wenn man nicht weiß, wohin es geht. Aber am allerschönsten ist es, wenn man nicht mehr weiß, woher man kommt.“


(Laozi, chinesischer Philosoph)
 

Viele Grüße, Camilla
Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.