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weltwärts in Ghana

Mein Name ist Anne und ich habe von September 2008 bis August 2009 mit ARA in Ghana meinen weltwärts-Freiwilligendienst geleistet. Mein Projekt hieß Teaching in Basic High Schools und fand in Kwansakrom, nahe Agona Swedru, Central Region, statt.

Name:Anne G.Einsatzstelle:Teaching in Basic High Schools, Agona Swedru, GhanaInhaltliche Ausrichtung:Bildung

Ich wollte aus verschiedenen Gründen am weltwärts-Programm teilnehmen. Zuerst einmal wollte und konnte ich nicht direkt nach dem Abitur mein Studium beginnen; hinzu kam, dass ich mich engagieren und etwas Nützliches tun wollte. Vor allem aber war ich schon lange interessiert an Afrika und entwicklungspolitischen Fragestellungen. Ich wollte eine neue Kultur kennen lernen, wollte mehr über Afrika und Entwicklungsländer allgemein lernen und das Leben dort selbst erleben. Das weltwärts-Programm war ideal für mich!

Ich habe an einer Grundschule und einer weiterführenden Schule Englisch, Französisch und Mathematik unterrichtet. Meine Schüler waren zwischen 10 und 17 Jahre alt und stammten überwiegend aus sozial benachteiligten Familien.

In einer Klasse waren etwa 45 Schüler und ihre krassen Leistungsunterschiede stellten eine große Herausforderung für mich dar. Ich habe selbstständig den Unterricht vorbereitet, Tests und Prüfungen erstellt und benotet und natürlich unterrichtet. Die Arbeit hat mir großen Spaß gemacht, jedoch war es oft nicht leicht für Ruhe und Aufmerksamkeit zu sorgen. Ohne Rohrstock und dazu noch als Mädchen fehlte mir gelegentlich das nötige Durchsetzungsvermögen, aber im Großen und Ganzen hat es gut funktioniert.

Ich habe bei einer Gastfamilie in einem Dorf gewohnt. Ich war, von der Anfangszeit abgesehen, die einzige Freiwillige in meiner Familie, die jedoch vor mir schon zahlreiche Freiwillige gehabt hatte. Meine Gastfamilie bestand aus meinen Gasteltern, zwei Gastschwestern und vier Gastbrüdern. Ich habe mich mit allen sehr gut verstanden und habe sehr viel über die ghanaische Kultur gelernt. Ich habe mir Zimmer und Bett mit meiner 17-jährigen Gastschwester geteilt. Unser Haus hatte fast jeden europäischen Komfort: fließend Wasser (meistens), Strom (fast immer), Fernseher, Ventilator, … Ich war sogar etwas enttäuscht, weil ich gerne mal ein Jahr lang auf Strom und fließend Wasser verzichtet hätte!

In meinem Alltag nahm mein Projekt einen wichtigen Platz ein. Ich arbeitete fünf Tage in der Woche und hatte einen relativ weiten „Schulweg", den ich entweder mit dem Fahrrad oder dem Bus zurücklegte. Nach der Schule ging es entweder gleich nach Hause oder in die Stadt. Zu Hause wurde es nie langweilig: ich habe mit meinen jüngeren Gastgeschwistern gespielt, ihnen Nachhilfe gegeben oder den Älteren im Haushalt geholfen (Essen zubereiten nahm immer viel Zeit in Anspruch); ich habe auch Zeit allein verbracht, mit Lesen und Schreiben, habe ghanaische Freunde getroffen und versucht die lokale Sprache Fante zu lernen. Zum Fante lernen war ich immer hoch motiviert, da sich die Ghanaer wie verrückt gefreut haben, wenn ich ein bisschen ihre Sprache konnte. Wenn ich in der Stadt war, konnte ich ins Internetcafe gehen und mich mit anderen Freiwilligen treffen.

An den Wochenenden galt es mehr von Ghana kennen zu lernen: ich fuhr oft weg und erkundete das Land. Es gab immer etwas zu sehen, Strände, Städte, Nationalparks oder das Immigrationsbüro, wo man des Öfteren sein Visum verlängern musste. Manchmal blieb ich natürlich auch bei meiner Familie, wo ich dann mit Wäschewaschen und sonntäglichen Kirchbesuchen beschäftigt war.

Die Verständigung war überhaupt kein Problem. Fast jeder konnte einigermaßen gut Englisch sprechen und selbst mit den alten Damen, die des Englischen nicht mächtig waren, konnte ich mich dank meiner bescheidenen Kenntnisse der lokalen Sprache, Händen und Füßen und den hilfsbereiten umstehenden Ghanaern ausreichend verständigen. In der Tat ist Englisch so verbreitet, dass es gar nicht einfach ist, Fante zu lernen.

Ich habe mich ausreichend betreut gefühlt. In meinem Projekt hatte ich Ansprechpartner, mit denen ich über alles reden konnte. Mit meiner ghanaischen Organisation ARA hatte ich ein Einführungswochenende und Evaluationstreffen während des Jahres. Auf letzteren konnte ich Erfahrungen austauschen und Probleme ansprechen. ARA hatte immer ein offenes Ohr für meine Fragen und Probleme. Nur gelegentlich gab es Schwierigkeiten, wie wenn ich von Evaluationstreffen nur zufällig über Dritte erfahren habe oder ich für mein Visum unerlässliche Briefe nicht rechtzeitig erhalten habe.

Während der 12 Monate, die ich in Ghana verbracht habe, habe ich sehr viel gelernt und viele wichtige Erfahrungen gemacht. Für mich war es beispielsweise wichtig zu sehen, welch großen Einfluss der Glaube auf das Leben der Menschen hat und wie tief verwurzelt die „nicht-traditionellen" Religionen wie das Christentum und der Islam sind. Es war bemerkenswert, wie stark und auf welche Weise die Religionen die Vorstellungen der Menschen prägen und wie der starke christliche Glaube, der bei uns vorherrschte, mit dem traditionellen Glauben an schwarze Magie, Hexerei etc verbunden wird.

Für mich war auch der starke westliche Einfluss in Ghana eine wichtige Erfahrung. Ich habe erlebt, wie Vieles schlicht übernommen und kopiert wird ohne einen eigenen Weg der Entwicklung zu finden und Traditionen und Kultur zu bewahren. Wichtig war für mich auch die Erkenntnis, dass es sehr schwer ist, die Werte und Normen, mit denen man aufgewachsen ist, in Frage zu stellen und zu überdenken. Ich musste erfahren, dass ich und die meisten Ghanaer so tief verwurzelte Denkweisen und Einstellungen haben( z.B.

bezüglich Religiösität, Geschlechterverhältnis, Toleranz von Andersdenkenden/ anderen Religionen uam.) dass es sehr schwer ist, diese zu ändern.

Eine andere wichtige Erfahrung war die Armut; zu erleben, was es bedeutet, nur Geld für das Allernötigste zu haben und ohne staatliche soziale Absicherung zu leben. Schließlich war auch die Erfahrung wichtig, fremd, anders zu sein, nicht richtig dazu zu gehören.

Diese Erfahrung hat auch Konsequenzen für mein Leben in Deutschland, da ich nun versuchen werde, andere vor dem Gefühl des Ausgeschlossenseins zu bewahren und ich ein anderes Verhältnis zu und ein besseres Verständnis für Immigranten haben werde.

Ich habe gelernt sparsam zu leben, mit dem Nötigsten auszukommen und meine Ansprüche herunterzusetzen, was auch Auswirkungen auf meine Lebensweise in Deutschland haben wird. Ich kann nun vielen Dingen mehr Wertschätzung entgegenbringen und werde noch mehr als früher Überfluss und Verschwendung vermeiden. Ich bin toleranter und offener geworden und bin jetzt viel mehr im Stande andere Meinungen und Einstellungen zu akzeptieren. Darüber hinaus bin ich geduldiger, verständnisvoller und selbstständiger geworden, was sich alles auf mein Leben auswirkt. Mein Jahr in Ghana hat schließlich bewirkt, dass ich mich mehr für die Entwicklung der ärmsten Länder einsetzen möchte.

Abschließend möchte ich sagen, dass ich sehr glücklich bin am weltwärts-Programm teilgenommen zu haben und dass es sich auf jeden Fall lohnt!

 Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.