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weltwärts in Ghana

Wie viele Abiturienten zieht es der Abenteuerlust wegen ins Ausland? – Zahlreiche! Ein Grund, weshalb ein Au-Pair-Jahr in den USA, ja sogar Work and Travel in Australien überlaufen, schon kaum mehr etwas Besonderes sind.

Name:Lea W.Einsatzstelle:Social Work in an Orphanage, Agona Swedru, GhanaInhaltliche Ausrichtung:Soziale Arbeit/Bildung

Praktikawelten, oder ähnliche Organisationen bieten schon ansprechendere Angebote an, jedoch eher für einen kurzen Zeitraum und Preise, die gesalzen sind!
Die Inspiration meiner ehrenamtlichen Tätigkeiten in meiner Gemeinde mit Kindern und Jugendlichen und der Drang, mal wirklich WEG zu wollen, ließen mich aber genauer weitersuchen.
Da stieß ich auch auf Weltwärts. Dieses Programm bietet genau das, nach was ich recherchierte:

- 1 Jahres-Einsatz

- Finanzielle Unterstützung, aber auch Eigeninitiative

- Entwicklungspolitischer Dienst

- Vorbereitungsseminare

- Naher Kontakt mit Einheimischen

- Einzigartige Erfahrungen garantiert

Ijgd präsentierte sich online am Professionellsten von den von mir aufgerufenen Entsendeorganisationen und bot für meine Verhältnisse die passendsten Projekte an.
Für mein Wunschprojekt ,,Waisenhaus“ wurde ich sogar augewählt.

Nach gründlicher Vorbereitung ging es nur 6 Monate nach meiner Bewerbung auf nach Ghana.
Mein neues zu Hause für 12 Monate wurde Agona Swedru in der Central Region; eine Kleinstadt mit 2 Stunden Entfernung von der pulsierenden Hauptstadt Accra.
Ich wurde mehr als freundlich von meiner Gastfamilie (Gastmutter und 2 Gastgeschwister) empfangen, ein eigenes Zimmer mit großem Bett war die Krönung dieses Empfangs.
Für Ghana typisch lebte ich in einer Wohnung auf einem Hofkomplex. Somit hatte ich es nicht nur mit meiner, sondern mit 5 anderen Familien zu tun.
Patchworkfähig sollte man sein.
Doch auch die Nachbarn, die Freunde der Nachbarn, deren Freunde, deren Freundes-Freunde, ...etc., sie alle wollten einen Platz in meinem ghanaischen Leben einnehmen.
Ein Weg von 50m konnte dann gerne mal 10 Minuten dauern, da ich ein jeden grüßen, über mein Wohlbefinden, das Wohlbefinden meiner Familie /Freunde /Bekannte aufklären musste und immer gefragt wurde:,, Wo geht’s hin?“
Das war schon für mich aufgeweckte Persönlichkeit oftmals nervig und kaum erträglich, wollten die Ghanaer doch einfach nur meine Freunde sein: „ I would like to be your friend – give me your number“.
Eine Kontaktliste in meinem Handy wie die aus Ghana werde ich wohl nie mehr erreichen.
Darunter befanden sich auch viele Nummern von Mitarbeitern aus dem Waisenhaus.
Dem Waisenhaus, in dem ich als ,,Kindergärtnerin“ für anfänglich 35 Kinder (2- 7Jahre), schlussendlich für 15 Kinder (1- 6Jahre) zuständig war (schwankende Zahl resümiert aus finanziellen Gründen, mangelnder Kontrolle der Eltern, ob ihre Kinder regelmäßig zu uns kamen und einfach Einbezug der Kleinsten in die familiären Feldarbeiten).
Generell geht es dem Mother Cares Orphanage verhältnismäßig gut.
Alle der rund 60 Waisenkinder haben mehrere, gut erhaltene Kleidungsstücke, Spielzeug, Lern- und Lehrmaterial, selbstangebautes Essen, Brunnen, ein weitreichendes Gelände mit Feldern, erst kürzlich fertiggestellte Gebäude, viele Arbeitskräfte, demnächst sogar ein eigenes Kindergartengebäude (ich unterrichtete noch im Essenssaal).

Ich war mehr als überrascht, anfangs noch sehr angetan, denn mir standen in der Tätigkeit als Kindergärtnerin viele Lehrmittel zur Verfügung, ja sogar 2 einheimische Partnerinnen zur Seite (zusätzlich zu meiner deutschen Partnerin von ijgd). Konflikte passieren individuell.

ch persönlich kam selten mit der herrischen Art mancher Waisenhausarbeiter zurecht, auch nicht mit dem Wissen, dass ich in so viel ärmeren Waisenhäusern mehr gebraucht worden wäre als in dem, wo ich eingesetzt war.
Gewöhnungsbedürftig auch, dass schon im Kindergarten Frontalunterricht hinter Tischen gehalten wird.
Gott sei Dank hatte ich tatsächlich im Kindergarten das Sagen (schließlich hatte ich die Ideen für die Unterrichtsgestaltung) und somit wurde überwiegend spielend gelernt: das Schlagen mit dem Stock verboten!
Ernüchterungen finden aber auch mit Familie und (falschen) Freunden statt; Ghana bedeutet nicht, das all die Schwierigkeiten mit denen wir ein Deutschland konfrontiert werden, nicht auch dort aufkommen.
Doch sich selbst helfen, Eigeninitiative ergreifen, dies ging um einiges einfacher als hier.
Ich betätigte mich auch für andere NGOs in Sachen Armutsbekämpfung, baute mit ghanaischen Freunden ein Klassenzimmer auf und sorgte oft für Sachspenden.
Familiäre Probleme ließen sich in Gesprächen lösen, Kompromisse galt es einzugehen.
Bei allen Arten von Konflikten stand uns aber die ghanaische Partnerorganisation ARA immer zur Seite und war oft ein Vermittler mit gutem Ausgang.
Ghanaisch muss nicht heißen, dass man ewig warten muss, es dauert aber gerne etwas länger, also Geduld!
Geduld auch bei der Freundessuche. Als Weiße/ -r wird man sowieso schon vergöttert, schließlich stellt ,,weiß“ für Ghanaer das Luxusleben dar, in ein Wort gefasst: Geld.
Es gab die einen, die waren meine ,,Freunde“, weil sie angeben konnten und es genossen haben, das ein oder andere von mir ausgegeben zu bekommen, es gab aber auch die anderen, die in mir kein Prestigeobjekt, oder eine Fahrkarte nach Deutschland sahen, sondern eine wahre Freundin.
Jeden lieben langen Tag habe ich mich mit ihnen und den deutschen Freiwilligen getroffen, habe mit ihnen gefeiert, bin mit ihnen gereist, habe so Kontakte bis hin zum ,,Ministerpräsidenten“ der Central Region geschlossen, kurzum einfach Spaß gehabt und Erfahrungen gesammelt, wie es in Deutschland wohl kaum möglich wäre.
Eine multikulturelle Gaudi! (Aber Vorsicht!! Männliche Ghanaer können schwer zwischen Freundschaft und Liebe unterscheiden! Es gibt viele, die „Do you want to marry me?“ als ersten Satz verwenden, für die meisten purer Ernst).
Ich habe von Anfang an klargemacht, ich könnte mich nie in den ersten Minuten in sie verlieben, bin generell nicht auf Männersuche.
Auch wenn einige Männer weiterhin ihr Glück versuchten, habe ich diese Gefühle nie erwidert, auf freundschaftlicher Basis jedoch weiter Kontakt gehalten, was eine super Taktik war, denn keiner wurde sehr schwer enttäuscht.

Blicke ich auf all das zurück, merke ich, wie sehr ich in diesem Jahr gelebt hatte!
Angefangen mit dem einsetzenden Kulturschock (der mir nie aufgefallen ist, rückblickend aber definitiv stattgefunden hat), der durch die Sprache erschwert wurde. Das ghanaische Englisch ist gewöhnungsbedürftig, das Erlernen der Traditionssprache Twi ein langwieriger Prozess.
Und doch konnte ich mit der Zeit egal ob mit Jung oder Alt an einem Tisch sitzen und stundenlang reden! Über Gott und die Welt; in Ghana wohl eher über Gott.
Gefolgt hat die Anpassung: Grenzsetzung von der Familie (mit 20 war bei mir 22 Uhr das Zeitlimit fürs zu Hause sein), Durchsetzungskraft im Kindergarten, Lernen, nicht die Fassung zu verlieren, wenn auch nach dem tausendsten Mal einfach nicht verstanden werden will, akzeptieren, dass deutsche Herangehensweisen oft, wenn sogar nie fruchten und einsehen, dass egal wie motiviert, auch Niederlagen einzugestehen gelten.
Die persönlich wichtigste Erfahrung waren die Ghanaer selbst.
Sie besitzen im Gegensatz zu uns nicht viel, aber sie sind um einiges freundlicher und zufriedener als wir.
Sie leben das Leben, wie es ihnen gegeben wurde, Lappalien würden sie nie aus der Ruhe bringen!
Eine Lebensweise die ansteckt, aber mit Vorsicht zu genießen ist, denn diese ist nicht allzu selten der Grund, weshalb Arbeiten und Projekte kein Ende nehmen, sich die Planung und Umsetzung schwierig gestaltet.

Aber genau diese Art zu leben und mit seinen Mitmenschen umzugehen hat mich sehr fasziniert, so sehr, dass ich auch in Zukunft in solch einer Umwelt arbeiten will (ein Studium der Sozialen Arbeit ist kurz vor dem Beginn)!

Ghana öffnete mir sein Herz, erreichte meins, eröffnete mir einen Zukunftswunsch mit all seinen tollen, herzlichen, unvergessenen Menschen

Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.