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weltwärts in Ghana

Nach meinem Aufenthalt als Austauschschülerin in den USA entstand bei mir der Wunsch erneut ein Jahr im Ausland zu verbringen. Diesmal zog es mich jedoch in weniger entwickelte Regionen dieser Welt.

Name:Ina E.Einsatzstelle:Primary and Pre- School Teaching and Motivation, Agona Swedru, GhanaInhaltliche Ausrichtung:Bildung

Nachdem ich ein Jahr im amerikanischen Luxus verbracht hatte, wollte ich nun ein Leben unter anderen Bedingungen hautnah kennen lernen und mich sozial engagieren. Mit dem weltwärts- Programm bat sich mir eine ideale Chance meinen Traum von einem Aufenthalt in Afrika zu verwirklichen und zugleich mehr über das Verhältnis zwischen den westlichen Industrienationen und den so genannten Entwicklungsländern zu lernen. Rückblickend bereue ich meine Entscheidung keineswegs und bin sehr froh viele, wertvolle Erfahrungen gemacht zu haben.

Ich habe an einer kleinen Schule in Agona Swedru- einer Kleinstadt in Küstennähe- gearbeitet. Dort verbrachte ich die meiste Zeit gemeinsam mit einem ghanaischen Lehrer meines Alters in der Vorschulklasse 2. Dort befanden sich an die 50 Kinder im Alter von 5 Jahren. Da die Grundschullehrer in Ghana in der Regel nicht ausgebildet sind, befand ich mich in etwa auf dem gleichen Erfahrungs- und Wissensstand mit den ghanaischen Kollegen.

In der Vorschulklasse 2 ging es in erster Linie darum den Kindern das Schreiben beizubringen, was sich auf Grund mangelnder Materialien und hoher Klassenzahl zunächst als schwierig erwies. Zudem sollten die Kinder das Alphabet, erste Wörter lesen und Grundlagen in Mathe, wie Addieren und Subtrahieren, lernen.  Für mich war es vor allem wichtig, dass die Kinder durch Spiele, Lieder mit Bewegung, Malen und Geschichten Spaß am Unterricht haben und ihre Kreativität geweckt wird. Dies unter den Bedingungen (hohe Klassenzahl, wenig Platz, wenig Materialien, schnelles Chaos, viele Streitereien und vor allem Sprachprobleme) umzusetzen, gestaltete sich oftmals schwierig und zum Teil durchaus frustrierend. Zudem ergab sich schnell das große Problem, dass die Kinder als Bestrafungsmethode das Schlagen mit dem Stock gewöhnt sind und es uns Freiwilligen daher sehr schwer fiel, die nötige Autorität zu erhalten, um mit den Kinder alleine zu sein und interaktiv arbeiten zu können. (Versuche einmal mit 50 Kindern im Stuhlkreis zu sitzen, zu singen, Lernspiele zu machen und alle zum Mitmachen zu motivieren, ohne dass das Ganze in heillosem Chaos endet!)

Jedoch konnte ich auf gute Teamarbeit mit meinem ghanaischen Kollegen hoffen, sodass wir nach anfänglicher Überforderung über das Jahr hinweg große Fortschritte machen konnten und sogar das Schlagen zur absoluten Seltenheit wurde. Im Nachhinein haben sich jegliche Anstrengungen gelohnt. Bezahlt wurde ich mit strahlenden Kindergesichtern, ihrer Zuneigung, und ihre Lernfortschritte und persönliche Entwicklung über ein Jahr verfolgen zu dürfen.

Um 7.30 Uhr begann mein Arbeitstag in der Schule mit Klassenraum fegen und Wasser für die Kinder holen. Um 8.00Uhr begann der Unterricht. Einmal die Zahlen rauf und runter, dann das Alphabet, ein neues Lied oder ein alter Reim, eine neue Übung an der Tafel oder mit Pappkarten. Nach der ersten Pause ging es ans Schreiben. „Madam Ina, Madam Ina, help me…. My pencil is broken…. I need an eraser…. He beat me…“ ,(wie ich es vermissen werde!). Gegen 12.30 wurde Mittag gegessen und anschließend konnte ich die Klasse nochmals fegen oder zwei Kinder dabei beaufsichtigen. Die letzten Stunden verbrachten wir dann etwas lockerer mit Spielen, Singen, Malen oder auch Schlafen.

Kurz nach 15.00 Uhr kam ich dann total erledigt zu Hause an, um mich etwas auszuruhen, bevor ich den Nachmittag mit einem Besuch im Internet-Café, bei einer Freundin oder beim wöchentlichen Obruni-Treffen (Obruni= weißer Mann) verbrachte. Meist war ich gegen 21.00Uhr schon so müde, dass ich mich unter mein Moskitonetz verkroch und tief und fest bis zum morgendlichen Hahnenkrähen schlief.

Während meinem Jahr in Ghana lebte ich in einer ghanaischen Gastfamilie, was nicht immer leicht und problemlos verlief, aber durchaus eine wertvolle Erfahrung war. So lernte ich das Alltagsleben meiner Familie hautnah kennen- manchmal wohl zu nah, wodurch gewisse Konflikte auf Grund von unterschiedlicher kultureller Identität, Erwartungen, Erziehung, und Lebensstile kaum vermeidbar waren. Jedoch sind alle Parteien sicherlich an der Erfahrung gewachsen und alle Konflikte konnten letzten Endes freundschaftlich gelöst werden.

Einmalige Erlebnisse, wie auf einer großen Familienfeier zu tanzen, möchte ich nicht missen.

Die Verständigung verlief oft nicht zu meiner vollen Zufriedenheit, da die Ghanaer es vorziehen sich auf ihrer lokalen Sprache zu unterhalten, welche ich leider nicht ausreichend gelernt habe. Zwar konnte ich mich mit den meisten Ghanaern gut auf Englisch unterhalten, jedoch wurden Gruppengespräche auf der Arbeit oder im familiären Umkreis meist auf „Fante“ geführt. Daher würde ich jedem Freiwilligen nahe legen sich intensiver mit der Sprach auseinander zusetzen und sie gezielter zu lernen.

Die Verständigung mit dem Arbeitsprojekt verlief gut, jedoch gab es mit der Direktorin manchmal Verständigungsprobleme, da sie nicht so gut English sprach. Zudem gab es am Arbeitsprojekt keinen konkreten Ansprechpartner bei Problemen oder Schwierigkeiten, sodass ich mir diese Personen selbst gesucht habe.

Mit der Partnerorganisation stellte die Kommunikation hingegen kein Problem dar, da der Direktor selbst in Deutschland gelebt hat, wodurch er uns in manchen Aspekten sehr gut verstehen konnte. Die Betreuung war gut, da wir alle 3 Monate ein kurzes Zwischenseminar hatten, an dem unsere Arbeits- und Lebenssituationen thematisiert wurden.

In den Zwischenräumen fand jedoch zunächst wenig Kontakt statt und es gab keine Besuche der Projektleitung bei den Arbeitsprojekten. Bei Problemen konnte ich mich jedoch jeder Zeit an den Projektleiter wenden. Nachdem wir Freiwilligen uns häufigeren Kontakt mit der Organisation gewünscht haben, wurde ein lockeres, 2-wöchiges Treffen mit einem jungen Mitarbeiter eingeführt, was ich als sehr positiv empfand.

 

Meine wichtigsten Erfahrungen?

Vor einem Haufen wilder Kinder zu stehen und nicht die Ruhe zu verlieren, die unkomplizierte Zuneigung der Kinder zu erfahren, mit einer Herde Kinder über den Schulhof zu marschieren, meine Kollegen nicht dafür zu verurteilen, wie sie manchmal mit den Kindern umgegangen sind und sie dort abzuholen, wo sie stehen, kulturelles Verständnis zu erwerben, mit meinen ghanaischen Schwestern aufzustehen, zu waschen, zu putzen, Geschirr zu spülen, zu tanzen, zu duschen und am frühen Abend tot müde, aber zufrieden ins Bett zu fallen, mit dem Rucksack im Trotro durchs Land zu reisen und meine persönlichen Grenzen zu erfahren.

Heute schaue ich mit mehr Zuversicht und Gelassenheit in die Zukunft, bin mir meiner privilegierten Situation besser bewusst und kann mit einem neuen Blick mein Leben betrachten. Für mich steht fest eines Tages zurück zu kehren, um die Schule zu besuchen und mich evtl. mit mehr Wissen für ein Projekt zu engagieren. Heute möchte ich bewusster leben, mich weniger beklagen und hoffe, dass neue Erkenntnisse nicht zu schnell in Vergessenheit geraten und ich in alte Gewohnheiten verfalle.

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