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weltwärts in Togo

Wenn es eines gibt, das ich an Freiwillige weitergeben möchte, die sich überlegen, für ein Jahr mit weltwärts ins Ausland zu gehen, oder sich sogar schon konkret darauf vorbereiten, dann ist es: Macht Euch nicht so viele Gedanken!

Name:Anne N.Einsatzstelle:ASTOVOT-00 Bildungs- und Kommunikationszentrum, Balanka, TogoInhaltliche Ausrichtung:Bildung

Mir ist bewusst, dass das leicht Reden ist von einer, die das Jahr schon hinter sich hat. Mir hat dieser Satz aber bei der Vorbereitung ein bisschen gefehlt, ich hätte ihn wenigstens gern öfter gehört, auch wenn ich ihn vermutlich nicht geglaubt hätte, weil ich gedacht hätte, dass meine ach so riesigen Probleme nicht ernst genug genommen werden...;) Hmm, ich sehe schon, es ist tatsächlich schwierig, aber vielleicht hilft Euch mein kleiner Bericht dennoch weiter.

Es ist tatsächlich so: So gut wie alles, was vor der Reise „groß und wichtig erscheint“ – wird schon kurz nach der Ankunft „nichtig und klein“, wie es so schön im Lied „Über den Wolken“ heißt. Krankheiten sind nur halb so schlimm, wie man sie sich vorstellt. Malaria z.B. ist sicher nicht angenehm und auch nicht immer ungefährlich, aber die Ärzte im Land behandeln sie im Normalfall so routiniert wie Mediziner bei uns eine Erkältung. Auch eine umfangreiche Reiseapotheke ist unnötig. Wir mussten am Ende so viele Medikamente wegwerfen, weil sie abgelaufen waren, nicht einmal die Krankenstation vor Ort konnte sie noch verwenden. Es blutet einem dabei das Herz, kann ich Euch sagen! Und seien wir ehrlich, wer nimmt schon Antibiotika ohne ärztliche Anweisung?

Auch an veränderte hygienische Bedingungen gewöhnt man sich früher oder später, genauso wie an andere Nahrung, anderes Klima, andere Sitten, auch wenn es anfangs unvorstellbar erscheint. Viele von Euch werden vermutlich selbst mit stark polarisierenden Themen wie Kindererziehung, Umgang mit Frauen, Tieren und Umwelt, Armut, Gewalt, Vorurteilen, dem Verhalten Einheimischer gegenüber Euch, usw. umzugehen lernen, auch wenn es nicht immer leicht ist und jeder dabei seinen eigenen Standpunkt finden muss. Auch wer Probleme mit seinem Projekt hat oder vielleicht gar keins vorfindet, muss nicht verzweifeln. Fast immer kann man aus einem Projekt noch etwas machen oder sich ein neues suchen, und wem das von Deutschland aus erschreckend und zweifelhaft erscheint, dem sei gesagt, dass das Einige aus unserer Gruppe gemacht haben und es gar nicht so schwer ist, wenn man erst einmal angekommen ist und sich eingelebt hat.

Also wirklich immer alles ganz easy?

Das dann doch nicht. Selbst wenn es hilft, viele Dinge von Anfang an etwas lockerer zu sehen bzw. sie auf sich zukommen zu lassen, bekommt wohl doch so gut wie jeder irgendwann - eine „Krise“. Das ist nicht ungewöhnlich und schon gar keine Schande. Ich war, genau genommen, ziemlich arrogant, als ich nach Togo fuhr, denn ich war der Meinung, ich könne gar nicht an meine Grenzen geraten, für so tolerant und offen und abgeklärt hielt ich mich. Ich war auch noch die Älteste meiner Gruppe von Freiwilligen und konnte in den ersten Wochen ruhig und gelassen Anderen, die unter Heimweh und Krankheiten litten oder schockiert waren über Hygiene, Verhaltensweisen u.A., zur Seite stehen, sie trösten und auffangen. Ich wurde nicht krank, ich mochte das Essen von Anfang an und Kakerlaken und anderes Getier ließen mich kalt. Ich dachte naiv, es würde einfach so weitergehen.

Nach Monaten aber war es aus heiterem Himmel da, das erste Heimweh meines Lebens. Ich vermisste meine Freunde, meine Familie, aber vor allem mein Leben in Deutschland, obwohl ich noch nicht einmal sagen konnte, was genau ich daran vermisste. Ich wollte ein paar Tage lang nur noch nach Hause. Dabei hatte ich gar keinen „Kulturschock“ im eigentlichen Sinne. Die Krise kam aus einer ganz unerwarteten Ecke: Ich hatte nicht mit der fremden Kultur Probleme, sondern - mit meiner Projektpartnerin, wie ich Deutsche! Die große Nähe, die sich daraus ergab, dass wir zusammen wohnten und arbeiteten und am Anfang sehr aufeinander angewiesen waren, ertrugen wir beide zeitweise nicht mehr. Es kostete sehr, sehr viele Streits und ehrliche Gespräche, bis wir uns zusammenrauften und jede sich ihren eigenen kleinen Bereich aufbauen konnte. Wir lernten uns dadurch außergewöhnlich gut kennen und auch, auf die Andere zu achten und auf sie einzugehen.

Aus welchem Grund auch immer die Krise entsteht - mir ist es wichtig, Euch mitzugeben, dass Ihr Euch darauf mental und praktisch vorbereitet. Nehmt Euch einen Moment im Packstress und überlegt Euch, was Ihr in Deutschland tut, wenn es Euch nicht gut geht. Bei den ijgd-Vorbereitungsseminaren wurde uns früh gesagt, dass man sich gewisse Rituale aneignen solle, die einem Halt geben, wenn man ihn braucht, aber bei den vielen konkreten Informationen (Reiseapotheke, Moskitonetz, etc.), die mir so viel wichtiger erschienen, ging das bei mir ziemlich unter. Ich habe nützlich und projektorientiert gepackt, aber im Nachhinein hätte ich doch ein bisschen Platz „verschwenden“ sollen für Dinge, die mir wirklich etwas bedeuten. Für den einen ist es ein Kuscheltier, für den anderen ein Lieblingsbuch, Musik, ein Instrument, ein Lieblingsparfüm, Schmuck, eine Stricknadel, ein Liebesbrief vom Freund, eine Locke von seinem Hund, was auch immer. Im letzten Moment habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Fotos mit auf eine Reise genommen, und wie wichtig wurde es für mich, sie immer wieder in die Hand nehmen zu können! Meine Freunde hatten mir ein Album mit Fotos und persönlichen Briefen geschenkt. Mein erster Gedanke war doch tatsächlich: Ja, ganz schön, aber wo soll ich das denn noch unterbringen? Ich bin froh, dass ich den Platz dafür gefunden habe, denn in diesem Buch habe ich während des Jahres so oft geblättert, dass es mittlerweile ganz abgegriffen ist. Die Briefe darin, obwohl tausend Mal gelesen, haben niemals aufgehört, mich zu rühren, zu trösten und zum Lachen zu bringen. Stellt Euch darauf ein, dass viele SMS oder Briefe nicht ankommen. Dann sitzt man da und fühlt sich sehr allein und denkt, alle Welt habe einen vergessen. Umso wichtiger ist es, etwas bei sich zu haben, das ausbleibende Briefe und spärlichen Kontakt mit seinen Lieben daheim zumindest teilweise ausgleichen kann, etwas, mit dem man sich selbst etwas Gutes tut.

Eine ehemalige Freiwillige hatte uns gesagt, dass wir wenigstens ein paar Kleidungsstücke mitnehmen sollten, in denen wir uns wirklich wohlfühlten. Ich habe das nicht getan und mich bestätigt gesehen, weil so gut wie alle Sachen, die ich dabei hatte, nach wenigen Monaten dauerhaft verdreckt oder verblichen waren. Noch dazu war ich in einem muslimischen Dorf, wo Kleidung sowieso vor allem bedeckend sein musste. Praktische Kleidung, die gegen die Sonne und auch gelegentliche Nachtkälte schützt, sollte auch unbedingt mit. Dennoch: Als ich in einem Second Hand-Laden mal wieder eine enge Jeans anhatte, fühlte ich mich doch gleich wie ein anderer Mensch, denn ich hatte wieder ein Kleidungsstück an, das mir vertraut war und in dem ich mich wohl fühlte.

Manche Rituale, die einem zu Hause helfen, kann man in der Fremde allerdings nicht umsetzen, das sollte Euch auch bewusst sein. In Deutschland gehe ich, wenn mir die Decke auf den Kopf zu fallen droht, spazieren, schnappe frische Luft und danach geht’s mir besser. Das funktionierte in meinem kleinen Dorf in Togo, in dem wir nur zwei Weiße waren, nicht. Mal abgesehen von den klimatischen Bedingungen, die einen längeren Aufenthalt im Freien ziemlich anstrengend machten, gab es auch keinen Ort der Ruhe für mich. Ständig war ich gezwungen zu grüßen, wurde gefragt, wo ich hingehe, ob etwas passiert sei, woher ich komme, Trauben von Kindern liefen mir neugierig hinterher, ich musste mich sehr zusammenreißen, um sie nicht anzuschreien: Lasst mich in Ruhe! Es geht euch gar nichts an, wohin ich gehe!

Versteht mich bitte nicht falsch: Meine Erlebnisse sind nur ein Beispiel. Für jeden sieht eine Krise anders aus, sie ist größer oder kleiner, was den Einen schockiert, reizt einen Anderen zum Lachen oder Schulterzucken, beim Einen dauert sie länger als beim Anderen, und jeder geht anders damit um. Ein Patentrezept gibt es nicht und man kann auch nicht mit allen Arten von Krisen, Kulturschocks oder wie immer man es nennen will, rechnen. Aber jeder kennt sich selbst am besten und weiß, was einen tröstet, belohnt, aus einem Stimmungstief herausholt – sucht Euch ein paar Tricks dafür zusammen und nehmt Euch am Herzen liegende Dinge mit.

Dieses Jahr, das mich manchmal psychisch an meine Grenzen gebracht hat, ist dennoch das wichtigste Jahr meines Lebens, ich möchte es auf keinen Fall missen. Euch erwarten so viele schöne, neue, aufregende Dinge, Dinge, von deren Existenz Ihr vielleicht noch gar keine Ahnung habt! Es wird Euer Leben verändern, auf welche Weise auch immer, nach dem Jahr seid Ihr nicht mehr dieselben wie vorher, dessen bin ich mir sicher. Ihr werdet Euch selbst in noch nie zuvor da gewesenen Situationen erleben, Euch selbst besser kennen lernen (ja, vielleicht auch Euer Selbstbildnis ein wenig zurechtrücken müssen;)) und auch unsere eigene Kultur von außen betrachten können (und wir sind, ob wir das wollen oder nicht, doch sehr von ihr geprägt!). Selbst wenn es negative Erfahrungen gibt, wie Ärger in der Gastfamilie oder im Projekt o.Ä., werdet Ihr auch dadurch viele Dinge mitnehmen und an den Problemen, die Ihr durchsteht, wachsen. Meine Gruppe in Togo war nach einem Jahr nicht wiederzuerkennen, so sehr gereift war sie, so viel selbstbewusster, selbständiger und zielbewusster wirkte sie auf mich. Aber auch ich, fast schon am Ende meines Studiums, bin ein ganz anderer Mensch geworden! (Zumindest fühle ich mich so :D)

All diese bunten Bilder, Erlebnisse und Eindrücke schwirren immer noch, zwei Monate nach meiner Rückkehr, ungeordnet in meinem Kopf herum. Es wird noch eine Weile dauern, bis ich alles ausgewertet und verarbeitet und mich wieder in mein altes Umfeld eingefügt habe, was mit Sicherheit nicht leicht wird. Aber auch diese Phase gehört zum weltwärts-Jahr dazu und ich freue mich darauf, die nächsten Monate werden bestimmt sehr spannend werden!

Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.