Zum Inhalt springen

weltwärts in Togo

"Anfangen können zu verstehen"

Als die Abiturprüfungen immer näher rückten, konnte ich die Frage nicht länger unbeantwortet lassen: Was kommt danach? Für mich war es schon immer klar gewesen, dass ich nach Beendigung der Schule ins Ausland gehen würde.

Name:Alexandra D.Einsatzstelle:ASTOVOT-01 Teaching Assistance (English), Kpalimé, TogoInhaltliche Ausrichtung:Bildung

Rauskommen, etwas anderes sehen – aber eben auch auf andere Weise. Ich wollte meine Zeit sinnvoll verbringen. Da stieß ich bei Internetrecherchen auf Weltwärts. Je genauer ich mich mit diesem Programm beschäftigte, desto besser gefiel es mir. Ich arbeitete während meines Weltwärts-Diensts als „Assistant Teacher“ für das Fach Englisch am Lycée de Zomayi in Kpalimé/Togo.

Ich wurde zwei Lehrern zugeteilt. Anfangs hospitierte ich den Unterricht nur. Später dann übernahm ich kleinere Aufgaben und schließlich gab ich teilweise die Unterrichtsstunden selbst, wobei ich mich stets mit den Lehrern abwechselte.Hier gilt: Eigeninitiative ergreifen! Denn wer etwas selbst machen will, kann dies auch tun.

Anfangs kann es sein, dass die Gesamtsituation überfordernd wirkt. Dabei denke ich an meine ersten Unterrichtsstunden, die ich vollständig alleine durchführte. Ich, alleine mit 96 Schülern, von denen nur drei ein Schulbuch besaßen (alle anderen konnten sich keines leisten), Tafel und Kreide – mehr nicht. Aller Anfang ist schwer. Das war er auch bei mir. Aber gerade an solchen Erfahrungen bin ich gewachsen. Ich hatte schwierige, anstrengende Unterrichtsstunden, in denen ich oft um Ruhe bitten musste. Und ich hatte Sternstunden, in denen fast jeder mitmachte. In jedem Falle bist du mit deinen Erfahrungen nicht alleine. Denn selbst die Lehrer des Lycées hatten mit der enormen Klassengröße zu kämpfen und sie waren es schließlich nicht anders gewohnt. Der Austausch mit anderen Freiwilligen und den einheimischen Lehrern hat mir sehr geholfen. Ob Lehrer aus Togo oder Freiwillige aus Deutschland, alle saßen im selben Boot. Niemals zuvor habe ich ein solches Zusammengehörigkeitsgefühl erlebt. Man half sich gegenseitig.

Während meines Diensts war ich in einer einheimischen Gastfamilie untergebracht. Das Haus war aus Stein und hatte ein Wellblechdach. Im großen Innenhof gab es einen Brunnen, was dort ein Zeichen von Wohlstand ist, und einen Mangobaum. Fließend Wasser gab es nicht, Elektrizität hingegen schon (wenn nicht gerade wieder der Strom ausfiel, was in Kpalimé häufig vorkam).Mit meiner Unterkunft war ich sehr zufrieden. Ich hatte ein eigenes Zimmer. Es war relativ groß und über die Schlüssel für die Zimmertür verfügte nur ich, auch wenn ich mir zu keinem Zeitpunkt darüber Sorgen hätte machen müssen, dass etwas abhanden kommt.

Ich habe den Alltag mit meiner Gastfamilie geteilt, was die Einbindung in die Familie unheimlich stärkte. Genau wie sie holte ich morgens Wasser aus dem Brunnen, um mich zu waschen. Wenn ich mittags von der Schule kam, aßen wir gemeinsam. Bei der Alltagsgestaltung hat man es selbst in der Hand, wie tief man in diese Kultur eintaucht. Ich habe beispielsweise an einem Sportprogramm teilgenommen, wo ich die einzige „Iowo“ (=Weiße) war. So kam ich leichter mit den Einheimischen in Kontakt. Dort fühlte ich mich integriert.

Bis auf manche ältere Menschen und Kleinkinder sprachen alle, die ich in Togo traf, Französisch. Das „europäische“ Französisch klingt jedoch anders als das in Westafrika gesprochene Französisch, was zunächst einmal zu Verständigungsproblemen führen kann. Doch bei mir legten sich die anfänglichen Probleme beim Verstehen recht schnell. Mit der Zeit gewöhnte auch ich mir manche Ausdrucksweisen und sogar den Klang ihres Französisch an. Zudem waren ein paar Worte der Lokalsprache Ewé hilfreich. Denn über Dialoge in der eigenen Sprache freuten sich Einheimische immer besonders. Traten einmal Probleme bei der Arbeit oder in der Gastfamilie auf, konnte ich mich an die Lehrer des Lycées, den Schulrektor oder auch an Mitarbeiter von Astovot wenden. Gemeinsam versuchten wir, Lösungen zu finden. Sie hatten immer ein offenes Ohr für mich. Von Astovot-Mitarbeitern wurde ich außerdem regelmäßig in meiner Gastfamilie besucht. Selbst wenn es zu Schwierigkeiten mit Astovot kam, konnten diese stets geklärt werden. Astovot war die Anlaufstelle für alle Freiwilligen.

Wenn ich heute nach meinen schönsten und wichtigsten Erfahrungen gefragt werde, kann ich das nur schwer beantworten. Nicht, dass es keine schönen Momente gegeben hätte. Im Gegenteil.

Ich machte unzählige wichtige Erfahrungen – positive und negative – die ich so in Deutschland niemals hätte machen können. Es waren widersprüchliche Erfahrungen. Und alle waren wichtig für mich. Alle haben mich geprägt. Die Niedergeschlagenheit, wenn Armut so spürbar wird und Menschen auf der Straße schlafen müssen. Das Lächeln, das einem übers Gesicht huscht, wenn die Kinder in der Schule enthusiastisch und aus voller Kehle ein Lied singen. Die Einsamkeit, weil es für mich nicht immer leicht war mit meiner Rolle als ‚Weiße’ zurecht zu kommen. Das erfüllende Gefühl, in das strahlende Gesicht eines Kindes zu schauen, nachdem man es in den Arm genommen hat. All das war Togo für mich.

Zurück in Deutschland konnte ich erst gar nicht über meine Erlebnisse sprechen. Es waren einfach zu viele neue Eindrücke, die ich erst einmal selbst sortieren musste. Ich wusste gar nicht, wo ich beginnen sollte zu erzählen. Ich wusste, dass es ohnehin nicht verstanden werden würde.

Seit Togo nehme ich viele Dinge nicht mehr für selbstverständlich an. Ich hinterfrage viel. Ich denke viel nach. Ich denke viel zurück. Und ich habe angefangen, zu erzählen. Viel zu erzählen, damit andere an meinen Erfahrungen teilhaben können und anfangen können zu verstehen.

Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.