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weltwärts in Togo

Schon lange hatte ich angefangen mir Gedanken zu machen: Bald würde ich mein Abiturzeugnis erhalten und in einen neuen Lebensabschnitt eintreten. Was tun mit der Freiheit, die mir auf einmal bevorstand? Ich wollte nicht direkt mit dem Studium beginnen, sondern erst einmal „etwas von der Welt sehen“.

Name:Lisa F.Einsatzstelle:ASTOVOT-05 Teaching Assistance (English), Kpalimé, TogoInhaltliche Ausrichtung:Bildung

Aber nur reisen und Tourist sein, das wollte ich nicht. Meine Entscheidung lautete schließlich „weltwaerts“. Wenn ich über die Privilegien nachdachte, die ich in den vergangenen 13 Jahren meiner Schullaufbahn genossen hatte, ließ mich dies an Menschen denken, für die Bildung keine Selbstverständlichkeit ist. Ich wollte mein Wissen und meine Erfahrungen an andere Menschen weiter geben und mich für ein Jahr ganz aufs Helfen konzentrieren.

Außerdem bot mir der Freiwilligendienst in einem so genannten Entwicklungsland die Möglichkeit, eine fremde Kultur kennen zu lernen und mich auf völlig neue Lebensumstände einzustellen. Ich sah in dem Jahr eine Herausforderung, mich unbekannten Situationen zu stellen, die mir teilweise Freude bereiten, mich aber auch an meine Grenzen stoßen lassen und viel Charakterstärke von mir verlangen würden.

Deshalb bewarb ich mich bei den „internationalen Jugendgemeinschaftsdiensten“(ijgd) für einen Freiwilligendienst an einer Schule in Togo. Nach einem anspruchsvollen Auswahlverfahren, zwei Vorbereitungsseminaren, sämtlichen Terminen beim Tropeninstitut und Besuchen der togoischen Botschaft, saß ich am 1. September 2009 im Flugzeug nach Lomé, der Hauptstadt Togos. Den ersten Monat verbrachte ich in einer Gruppe von Freiwilligen, die alle einen einjährigen Freiwilligendienst in Togo ableisten wollten. Zusammen überwanden wir unsere ersten Kulturschocks: Geschlafen wurde auf einmal auf dem Boden, die Plumsklos waren dreckig und übersät von Kakerlaken, die Dusche ein Blechverschlag, hinter dem man sich das kalte Wasser mit einem kleinen Eimer über den Kopf kippte. Wir wurden über das Regierungssystem Togos, sowie über medizinische Risiken informiert, organisierten einen Workshop zur AIDS-Prävention und lernten unsere neue Heimat nach und nach kennen. Nach einem Monat löste sich die Gruppe auf.

Von nun an sollten wir in Gastfamilien leben. Die Schule, an der ich als Assistenz-Englischlehrerin arbeiten sollte, befindet sich in einem kleinen Dorf (ohne Strom und fließendes Wasser) namens Agomé Tomegbé in den Bergen, nahe der ghanaischen Grenze. Sehr liebevoll wurde ich dort von meiner Gastfamilie „Famille KodjoAdéssou“ aufgenommen. Die Familienstrukturen waren für mich vollkommen ungewohnt: Mein Gastvater Kodjo war neben meiner Gastmutter DaAmi noch mit drei anderen Frauen verheiratet, die er regelmäßig besuchte. Insgesamt war er Vater von zwölf Kindern, die über die jeweiligen Haushalte ihrer Mütter verteilt lebten. Zuhause war er der Herr. Seine Kinder sprangen auf, sobald er nach ihnen rief, von seiner Frau wurde er bekocht und umsorgt. Anfangs fiel es mir schwer, dieses chauvinistische System anzuerkennen. Je länger ich die Familienstrukturen jedoch beobachtete, desto mehr sah ich auch die Notwendigkeit gewisser Gefüge in der togoischen Gesellschaft. Da Frauen, vor allem in der heutigen "Großmuttergeneration", meist wenig bis gar keine Schul- und Berufsausbildung zuteil wurde (meist erzielen sie mit dem Verkauf von in Eigenanbau erzeugten Lebensmitteln auf dem örtlichen Markt einen kleinen Nebenverdienst für die Familie), sind sie wirtschaftlich auf die besser ausgebildeten Männer angewiesen. Mein Gastvater, der sich zwar teilweise geradezu machohaft aufspielte, kümmerte sich rührend um den Zusammenhalt der Familie, versuchte seinen Kindern die bestmöglichen Voraussetzungen mit auf den Weg zu geben und hatte es mit seiner zwar harschen Erziehung dennoch dazu gebracht, liebevolle Geschwisterbeziehungen aufzubauen, bei denen es keine Rolle spielte, wer von welcher Mutter stammte.

Eine weitere Herausforderung war die Eingewöhnung in mein Projekt und damit den togoischen Schulalltag. Ich arbeitete in einem Collège, also einer Mittelschule, mit Kindern der 7. bis 10. Klasse. Von der Klassenstufe lässt sich jedoch nicht immer auf das Alter des Schülers schließen. Teilweise waren Schüler der 9. und 10. Klasse weitaus älter als ich, der Älteste zum Beispiel 27 Jahre.
Ein Schultag in Togo beginnt um 6:45 mit dem "Appell". Dabei stellen sich die Schüler nach Klassen sortiert, auf dem Schulhof auf. Der "Major Général", der Schulsprecher, gibt das Kommando: "Attention pour la montée des Couleurs!" und ein auserwählter Schüler hisst langsam und bedächtig die togoische Flagge, die den ganzen Schultag über den Köpfen der Schüler wehen wird. Bevor sich die Schüler im Gänsemarsch (das Motto des "collège" lautet ja nicht umsonst "travail, discipline, succès") in die Klassenräume begeben, wird die Nationalhymne angestimmt. Der Unterricht beginnt um 7 Uhr. Um 12 Uhr ist der Unterricht für alle Klassen beendet, nur die Abschlussklasse hat Nachmittagsunterricht.
Das Schulsystem basiert aufgrund der Kolonisation Frankreichs stark auf dem französischen. Lehrpläne und -methoden werden von Frankreich vorgegeben, in Togo dann in noch zugespitzter Form angewandt. Es herrscht zum Beispiel ein strikter Frontalunterricht vor. Ziel ist es, den Schülern so viel Wissen wie möglich zu vermitteln, ohne dass ihnen beigebracht würde, dies kritisch zu hinterfragen. Tafelbilder kopieren und auswendig zu lernen: So wird die Autorität des Lehrers, beziehungsweise die Richtigkeit seiner Aussagen nie in Frage gestellt. Eine weitere zentrale Praktik ist das Bestrafen. In ganz Togo ist die Züchtigung mit dem Schlagstock noch eine gängige, oft willkürlich eingesetzte Methode. Dies zeigt deutlich die Hierarchie, die an der Schule herrscht: Der Lehrer ist dem Schüler überlegen, der Schüler akzeptiert dessen Autorität bedingungslos, kritisiert nichts, widerspricht nicht, sonst ist er der Willkür des Lehrers ausgesetzt, der sich in den meisten Fällen nicht einmal die Eltern widersetzen. Anfangs musste ich also lernen, mich einzufügen und das richtige Maß eigener Methoden und Erfahrungen einzubringen, auf der anderen Seite aber auch die Autorität der Lehrer nicht in Frage und sie so nicht vor den Schülern bloß zu stellen. Die Kooperation war aufgrund kultureller Unterschiede und Ansichten nicht immer einfach, letztendlich jedoch sehr lehrreich. Auch die Arbeit mit den Schülern, die nach einer kurzen "Kennenlernphase“ sehr gut lief, war eine Bereicherung auf beiden Seiten. Meine Hauptaufgabe habe ich letztendlich darin gefunden, Nachhilfe- und Wiederholungsunterricht zu geben, den Schülern in der Bibliothek als Ansprechpartnerin für schulische Probleme und Fragen jeder Art zur Seite zu stehen und in Gesprächen für einen kulturellen Austausch zu sorgen.


Da ich an einer Dorfschule unterrichtet habe, beziehen sich meine Beobachtungen auf das dörfliche Bildungssystem, wo ich das togoische Schulsystem in seiner wahrscheinlich radikalsten Form erlebt habe. Aus Berichten weiß ich, dass in größeren Städten Lehrmethoden  teilweise modernisiert und schülerfreundlicher gestaltet werden.

Ein sowohl faszinierendes als auch schwieriges Thema war für mich der Umgang mit "Weißen". Allgemein waren die Gastfreundschaft und die Freundlichkeit, die mir von Seiten der Togoer entgegengebracht wurden, enorm, vor allem, wenn man die Vergangenheit der Togoer und der Deutschen bedenkt. Togo war nämlich bis zum ersten Weltkrieg, nachdem es an die Briten und die Franzosen aufgeteilt wurde, eine deutsche Kolonie. Die Deutschen jedoch haben einen ziemlich positiven Eindruck in Togo hinterlassen – anders als die Franzosen. Es besteht die allgemein sehr feste Überzeugung, dass die Deutschen den Togoern ausschließlich gute Dinge gebracht haben: Zum Beispiel haben sie ihnen gezeigt, wie man arbeitet. Eine Charaktereigenschaft, die jeder Togoer einem Deutschen ohne Zögern zuordnen würde: Deutsche lieben die Arbeit. Und das hat man in der Kolonialzeit auch gesehen: "Die Deutschen haben gearbeitet und Straßen gebaut und dann kamen die Franzosen und haben die Löcher rein gemacht" – das hört man von vielen Togoern. Der Hintergrund dazu ist, dass die Deutschen, die „Togoland“ ihre Musterkolonie nannten, tatsächlich aus ökonomischen Gründen viel in Infrastruktur investierten. Zum Beispiel in eine Eisenbahnlinie, den großen Hafen in Lomé und in zahlreiche Schnellstraßen, um die Ressourcen schnell vom Landesinneren gen Süden, zum Meer, zu transportieren. Heute funktioniert im Übrigen weder die Eisenbahnstrecke, noch ist ein Großteil der Straßen befahrbar.(Dass die kleine Straße, die zu meinem Dorf in den Bergen, nach Agomé Tomégbé führt, geteert ist, ist der Tatsache zu verdanken, dass der deutsche Gouverneur, der für die „Région des Plateaux“ zuständig war, seine Geliebten in dem kleinen Dorf, abseits der Zivilisation, untergebracht hatte und diese leichter erreichen wollte). Viele Togoer vergessen bei der ganzen Bewunderung, die sie für die Deutschen hegen, die problematische Kolonialgeschichte. Doch auch abgesehen von Kolonialvergangenheit und Nationalitäten: Als weißer Mensch war ich immer eine Art Sensation. Überall hörte ich „Iovo, Iovo“ (Weißer, Weißer). Die Kinder haben sogar ein Liedchen, das sie schon singen, ehe sie überhaupt laufen können: „Iovo, Iovo – Bonsoir! Ca vabien? Merci!“. Häufig kamen sie neugierig angelaufen und wollten meine weiße Haut anfassen – einmal hat sogar ein kleiner Junge seine Hand an meinem Arm gerieben, um zu gucken, ob er abfärbt.
Das Kennenlernen der togoischen Kultur und der Austausch mit den Menschen waren für mich die wichtigsten Erfahrungen während meines Aufenthaltes. Dazu gehörte für mich auch das Erlernen der lokalen Sprache "Ewe". Mit der Zeit lernte ich so, mich der Kultur immer mehr anzupassen und bekam dadurch deutlich zu spüren, dass ich aufgenommen, akzeptiert und ernst genommen wurde. Wenn ich zum Beispiel die Preise mit der Marktfrau auf Ewe aushandelte, fielen sie fast immer niedriger aus. Auch sonst öffnete die Sprache die Türen zu Menschen; je mehr ich die lokale Sprache verstand, desto mehr wurden mir auch bestimmte Verhaltensweisen und kulturelle Besonderheiten offenbar.
Im Laufe des Jahres stellte ich fest, dass das Helfen, in dem Maße, in dem ich es mir ausgemalt hatte, nicht unbedingt im Mittelpunkt meines Aufenthaltes in Togo stand und dass„Helfen wollen“ nicht immer die richtige Herangehensweise ist. Vielmehr legte ich Wert auf Zusammenarbeit und die gegenseitige Bereicherung durch das Kennenlernen fremder Kulturen. Ich habe in meiner Zeit als Assistenzlehrerin im selben Maße von den Schülern gelernt wie sie von mir und ungleich höher als jede Hilfe, die ich leisten konnte, war meine persönliche Bereicherung im Kontakt mit den Togoern, ihrem Land und ihrer Kultur. Auch erhielt ich durch meine Ausflüge und Reisen in die Umgebung, ländliche Gegenden und Städte sowie Nachbarländer wie Ghana und Burkina Faso Vergleichsmöglichkeiten, lernte das afrikanische Leben vertiefter und die Probleme der einzelnen Länder und Regionen differenzierter und aus verschiedenen Blickwinkeln kennen.


Der Abschied von Togo und vor allem von meiner Gastfamilie, fiel mir sehr schwer. Auch wenn das Leben in einer völlig fremden Kultur nicht immer einfach war, bin ich dankbar für die Herausforderungen und Erfahrungen, die es mit sich gebracht hat und die völlig andere Lebensrealität, die ich kennen gelernt habe. Das Leben ohne Strom und fließendes Wasser hat mir die Abhängigkeit von der Natur und ihre Bedeutung im Alltag vor Augen geführt. Außerdem habe ich gelernt, mit dem Wenigen auszukommen das mir zur Verfügung stand und schätze „selbstverständliche“ Dinge wie die tägliche heiße Dusche heute umso mehr. Meine Erfahrungen haben meinen Horizont erweitert, mir eine neue Sicht auf viele Dinge, neue Möglichkeiten der Problembewältigung beschert, mich gelassener und geduldiger im Umgang mit Menschen und Stresssituationen gemacht. Rückblickend bin ich mir sicher, dass mein weltwaerts-Jahr eine der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens war.

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