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weltwärts in Togo

Meine Einsatzstelle im weltwärts-Jahr befand sich in dem Dorf Tomégbé, nicht weit von der drittgrößten Stadt Togos, Kpalimé, entfernt. Dort habe ich im Collège das Kollegium unterstützt Englisch in zwei sechsten Klassen zu unterrichten. Aber wie bin ich eigentlich dazu gekommen?

Name:Jonas W.Einsatzstelle:ASTOVOT-06 Teaching Assistance (Maths/Science), Kpalimé, TogoInhaltliche Ausrichtung:Bildung

Lange schon wollte ich nach der Schule ins Ausland. Mein Wunsch war es, für eine gewisse Zeit eine andere Kultur zu erleben, in einer Gastfamilie untergebracht zu sein und auch eine sinnvolle und ehrenamtliche Tätigkeit auszuüben. Im Französischunterricht hatte ich mich während des Abiturs ausführlich mit Westafrika beschäftigt, war von dieser Region fasziniert gewesen, und das gab letztendlich den Ausschlag: Ich entschied mich gegen Kiwis in Neuseeland pflücken via Work & Travel und für weltwärts mit ijgd.

Nach zwei sehr informativen Vorbereitungsseminaren seitens ijgd, einigen Arzt- und Amtsbesuchen, saß ich enorm aufgeregt im Flieger Richtung Lomé.

Meine Partnerorganisation ASTOVOT war bemüht, mir den Einstieg in so leicht wie möglich zu gestalten. Ich habe den ersten Monat in einer Gemeinschaftsunterkunft in einer Gruppe von Freiwilligen gelebt und wir wurden Stück für Stück mit Togo vertraut gemacht. Nach dieser Eingewöhnungszeit wurden wir dann in die Gastfamilien entlassen.

In Tomégbé, wo es erst seit einem Jahr eine zentrale Stromversorgung gibt und auch nicht jeder Zugang zu fließend Wasser hat, war ich bei Familie Bansah untergebracht. Mein Gastvater ist Hühnerbauer und hat es so zu beträchtlichem Reichtum und Stellung im Dorf gebracht, wo Arbeitslosigkeit ein großes Problem ist, und Mama DaDovi ist Schneiderin mit eigenem Atelier. Die drei Söhne sind alle aus dem Haus.

Jeden Morgen klingelte der Wecker um 5.30 Uhr beim ersten Hahnenschrei, ich frühstückte und machte mich mit meiner Mitfreiwilligen Claudia auf den zehnminütigen Fußweg zur Schule auf. Nach dem obligatorischen Morgenappell auf dem Schulhof begann der Unterricht um 7.00 Uhr. Am Anfang war ich von den Klassengrößen von bis zu fünfzig SchülerInnen leicht überwältigt, aber mit der Zeit wurde ich mutiger und zuversichtlicher. Mir wurde klar, dass das Lernen in einer solch großen Gruppe von SchülerInnen und erheblichem Mangel an Materialien nur sehr langsam vonstatten geht – nach dem Motto ein Schritt vor, zwei zurück. Togoische Kinder sind Frontalunterricht gewöhnt, interaktive Spiele, Gruppenarbeit, tolle Folien auf dem Overheadprojektor sind Utopie. Deshalb musste ich lernen, mit wenig trotzdem die Schüler für die englische Sprache zu begeistern oder anders ausgedrückt dafür sorgen, dass während der Englischstunden nicht rumgerannt und Ticker gespielt wird, sondern auf den Bänken gesessen und wenigstens so getan wird, als wolle man was lernen. Es gab Tage, da hat es irrsinnig Spaß gemacht (Man bringe Bananen als Anschauungsobjekt mit in die Klasse und frage „What is this?!“ „Zis is ä bänänä!“ „Very good! Do you want to eat this banana?“ ) und ich bin zufrieden und glücklich nach Hause, von Zeit zu Zeit bin ich aber auch schlicht verzweifelt und war total überfordert („So Leute, ich hab die Schnauze voll, alle raus, ihr rennt jetzt fünf Runden um den Block“) ; dennoch war es rückblickend ein wertvoller Gewinn für mich an Selbstständigkeit, Selbstvertrauen und Durchsetzungsvermögen.

Nach den den Englischstunden habe ich mich manchmal um die Schulbibliothek gekümmert. Die war oft verstaubt – kurzerhand schnappte ich mir einige Kiddies und wir brachten die Schmökerstube ein bisschen auf Vordermann. Mein Plan waren feste Öffnungszeiten am Nachmittag für Hausaufgabenbetreuung, Nachhilfe und Spieleangebote – mit eher mäßigem Erfolg. Die Kinder zum Lesen zu animieren, ist sehr schwer, oftmals schauen sie sich in Büchern nur die Bilder an. Dazu kam, dass sie oft keine Zeit hatten, in die Bibliothek zu kommen, Eltern verlangen tatkräftige Mitarbeit im Haushalt und diese beschränkt sich nicht wie hierzulande auf dann und wann mal die Spülmaschine ausräumen. Lesewettbewerbe für interessierte Schüler und Übungen zum Umgang mit Lexika und Wörterbüchern wurden allerdings begeistert aufgenommen.

Zweimal in der Woche bin ich nach Kpalimé gefahren, um Besorgungen zu machen, Freunde zu treffen oder ins Internetcafé zu gehen. Sonntags stand bei mir Waschen und ab und zu der dreistündige Gottesdienst auf dem Programm. Der wird auf Ewe gehalten, genau wie eigentlich alle Gespräche, sofern kein Ausländer anwesend ist. Ich hatte mir fest vorgenommen, Ewe zu lernen. Dennoch bin ich irgendwann auf halber Strecke stehen geblieben; es fand sich kein geeigneter Lehrer. Meine Kenntnisse reichten um z.B. auf dem Markt einzukaufen, jemanden zu begrüßen (Die Begrüßung wird in Togo sehr ernst genommen, ein Nichtgrüßen wird schnell als Beleidigung empfunden) und nach dem Weg zu fragen. Meine Gastmutter spricht nur sehr wenig Französisch, daher war es mir wichtig, wenigstens Alltägliches zu beherrschen. Je mehr ich die Sprache verstand, desto besser wurden mir auch Verhaltensweisen und Gebräuche bewusst, es erleichterte mir den Zugang zu Menschen. Aber keine Angst: Die Verständigung klappt meist immer – zur Not mit Gesten und Mimik.

Dieses Jahr in Togo war mit Abstand das spannendste und aufregendste meines Lebens, es gewährte mir einen togoischen Blickwinkel auf Deutschland, auf unser Bild von afrikanischen Ländern und auf mich selbst. Vor allem freue ich mich darauf, in Deutschland andere an meinen Erfahrungen teilhaben zu lassen. Ich rate jedem, der wirklich Interesse an einem Freiwilligendienst hat und gerade noch zweifelt, den Schritt zu wagen. Auch ich hatte Ängste und Bedenken, aber es lohnt sich allemal, diese zu überwinden!

Denn: Ich habe Freunde gefunden, ein ganzes Land lieb gewonnen, weiß jetzt, wie man Fufu stampft, habe meine Handelfähigkeiten ausgebaut (einen lieben Gruß an alle Mitfreiwilligen :) ) und Djembe gespielt, habe zigtausend schöne Wasserfälle besichtigt, weiß wie sich Malaria und Amöbenruhr anfühlen, trinke Wasser nur noch aus kleinen Säckchen, habe Übung im Umgang mit Insekten-Killer-Sprays, frage nicht mehr „Qu'est-ce que c'est?“ sondern „C'est quoi, ça?“ und sage ab neun Uhr morgens „Bonsoir“, genieße FanMilk, zische Mototaxis an, singe Lieder über neue Schuhe, Schmetterlinge und einen König aus der Bibel...

Togo - meine zweite Heimat

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